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FAST


Der Erdbeerstand steht noch an der Ecke, aber er wartet nur darauf, abgeschleppt zu werden, die Ernte ist vorüber. Bald werden wir wieder Jeans tragen und dicke Pullover und die Sonne wird um acht Uhr verschwunden sein. Fast ist der Herbst da, ein paar Tage noch, höchstens Wochen.

Wie ich es mag, dieses Fast. Das Kurzdavor, das Gleich-geht-es-los, das Ein-paar-Tage-noch. 

Schon als Kind. Die ewige Autofahrt nach Dänemark, Stunde um Stunde, und irgendwann fuhren wir um diese eine Kurve und dahinter: die Dünen und der Fjord. Man konnte das Meer noch nicht sehen, wusste aber, dass es da ist. Die Aufregung im Theater, wenn das Orchester sich einstimmt und der Vorhang sich ein wenig bewegt, weil dahinter noch letzte Kleinigkeiten arrangiert werden. Instrumente, Gemurmel, Rascheln, dann plötzlich Stille. Wenn ein Text fast fertig ist. Alles, was gesagt werden sollte, steht schon da, in der richtigen Reihenfolge von Anfang bis Schluss, aber die Wörter müssen noch einmal poliert werden. Der letzte Tag vor dem Verreisen. Die Koffer schon vom Schrank geholt, aber noch nicht gepackt, dafür jede Menge Pläne im Kopf. Die Tage vor Weihnachten, das Plätzchenessen und Geschenkeüberlegen, das Kartenschreiben und Einpacken, die Vorfreude, in die sich noch keine Jahresendmelancholie mischt. Der Freitagabend früher, als wir noch eine Fernbeziehung hatten und er noch ein paar hundert Kilometer entfernt auf dem Weg zum Flughafen war. Gleich steigt er ein und fliegt los, jetzt ist er losgeflogen, nun landet er, in ungefähr 25 Minuten werde ich seinen Schlüssel im Schloss hören. Die letzten Tage der Sommerferien. Wie sich die Stadt wieder füllt. Wie die Mädchen sich alle wieder meldeten, hast du Zeit, wir wollen spielen. Und der allerletzte Feriensonntag ihrer allerersten Sommerferien, als wir die Schulsachen durchgingen, Stifte anspitzten, Radiergummis proberadierten, ab morgen bist du eine Zweitklässlerin, noch einmal schlafen. 

Und Hedis wackelige Gehversuche jetzt. Wie sie manchmal steht und vergisst, dass sie eigentlich noch nicht stehen kann, steht da und bemerkt es nicht, macht einen Schritt, setzt sich wieder hin. Und steht wieder auf, und versucht es noch einmal, mit Festhalten dieses Mal, ein Schritt und noch einer. Bravo, bravo, rufe ich und klatsche in die Hände, und sie lacht, und dann legt sie ihren Kopf ein bisschen schief und lacht so groß, dass man ihre beiden Zähne sehen kann. Manchmal kommt Fanny und nimmt ihre beiden Arme, stellt sich hinter sie, dann gehen sie zusammen, und Hedi guckt nach oben, ihre Schwester an, und stolpert fast, aber sie hält sie, dann gehen sie weiter, sehr wackelig, sehr stolz, Schritt für Schritt, bis zum Kühlschrank und zurück. Fanny hat keine Lust mehr, aber gut, noch eine Bahn und eine allerletzte. Fast.

ABSCHIED VON EINER WOHNUNG

Einmal noch durchgehen, einmal noch schauen, die Geräusche hören, einmal noch. Das Knarzen der Dielen. Das Echo jetzt, weil es nichts mehr gibt, das die Schritte oder Worte dämpft. So leer, wie es jetzt ist, war es noch nie.

Als wir vor neun Jahren einzogen, war die Küche schon da. Wir hatten sie von unseren Vormietern übernommen und waren dankbar dafür. Nicht nur, weil wir keinen Herd oder Kühlschrank kaufen mussten, sondern auch, weil wir uns wegen der Küche in diese Wohnung verliebt hatten. Dieser riesige Raum, der so groß war wie ein Wohnzimmer. In den ein Esstisch für acht und zwei Bücherregale passten, ohne dass man danach Platzangst hätte haben müssen. Als wir diese Küche bei der Besichtigung sahen, haben wir sofort gesagt: Hier wollen wir leben. Während die anderen aus der Besichtigungskarawane sich sofort wieder verabschiedeten – der Schnitt der Wohnung war merkwürdig, man merkte ihr an, dass sie aus zwei zusammengelegten Wohnungen bestand, es gab auch keine Badewanne, das Bad war kaum einen Meter breit und das dritte Zimmer so klein, dass es nur als halbes zählte, vor neun Jahren konnte man es sich ja noch leisten, wählerisch zu sein, wusste man doch, dass man eine andere Wohnung im Kiez finden würde. Wir wollte genau diese. Wegen der Küche, wegen des heruntergerockten Holzbodens, der hohen Räume mit dem altmodischen Stuck, wegen der unverputzten Hausfassade, weil sie uns nach unserer Hamburger Wohnung wie ein Palast vorkam, weil es sich anfühlte, als könne man hier glücklich sein. Aber vor allem wegen der Küche. 

Nachdem wir den Vertrag unterschrieben hatten und uns die Wohnung ein zweites Mal ansahen, saß unsere Vormieterin in dieser Küche, die damals noch knallorange gestrichen war. Sie saß am langen Küchentisch und erzählte von der neuen Wohnung, in der sie endlich Platz hätten mit ihren Kindern. Neben dem großen Tisch stand ein kleiner, für die Kleinen. An der Wand im Wohnzimmer hing ein weit verzweigter Familienstammbaum, die Wände waren bunt, die Böden im Schlaf- und Kinderzimmer bootsdeckweiß. Wir fühlten uns zu Hause, bevor es zu unserem Zuhause wurde. 

Als wir einzogen, war die Wohnung wieder weiß und bis auf die Küche ganz leer. Dann zogen unsere beiden Leben ein. Sein riesiges Bücherregal, über das ich erst schimpfte, und das ich von der Sekunde an liebte, als es aufgebaut war. Für unsere Hamburger Wohnung war es zu groß gewesen. 20 lange Aluschienen, 80 Bretter. Der riesige Schrank, der im Kinderzimmer stand, das damals noch kein Kinder-, sondern ein Gästezimmer war. Wer braucht so viel Schrank, fragte er. Und der Küchentisch. 

Der Küchentisch, an dem ich ihm sagte, dass ich schwanger bin.

Und sechs Jahre später noch einmal, lachend, während ich heulte, total durcheinander und irrsinnig glücklich.

Der Küchentisch, an dem wir uns verlobt haben.

Die Küche, in der Fanny ihre ersten Schritte gelaufen ist, vom Kühlschrank bis zum Herd, und wieder zurück und gleich noch einmal. 

Die Tafelwand, die er mit Fanny eingemalt hat, nachdem ich die beiden mit ihr überrascht hatte. Sie stand vor der Tafel, er malte immer neue Versionen von ihr an die Wand. Eine Fanny mit Krone. Eine Fanny mit Cowboyhut. Einen Engel. Eine Hasenfanny. Den Cowboy mochte sie am liebsten. 

Dann das Schlafzimmer. Wieviele Nächte ich hier wach gelegen habe, Fanny wieder einschuckelnd, und jetzt Hedi. Damals habe ich angefangen, mein Weblog zu schreiben. Ich habe es Slomo genannt, aber es hätte auch Nachttexte heißen können. Immer, wenn ich nicht schlafen konnte oder wieder wach war, schrieb ich. Der Rechner leuchtete im Dunkeln, neben mir schnarchte das Baby sein Babyschnarchen und ich schrieb. Aufgeregt, auch ängstlich, aber aufgeregter als ängstlich und sehr glücklich darüber, einen Ort für mich gefunden zu haben. Am Baum vorm Fenster konnte man die Jahreszeiten ablesen, sehen, wann der Sommer zu Ende ging und der Frühling kam. 

Das kleine Zimmer, aus dem schon Wochen vor Fannys Geburt ein Kinderzimmer wurde, weil ich das Warten so schwer aushielt. Wie oft ich an ihrem Wickeltisch stand, bevor sie kam, endlich da war. Die Nachmittage, die ich ihr dabei zugesehen habe, wie sie auf ihre Krokodiltreppe kletterte, alle drei Stufen hinauf, und dann absprang und lachte, malmalmal, und wieder von vorne, ein, zwei, drei. Nachdem wir angefangen hatten, Striche an den Türrahmen zu malen, musste auch alles andere vermessen werden. Ein Strich für ihren Bären. Ein Strich für ihren Hund. Ein Strich für das Nachbarsmädchen von oben, damals war es einen halben Meter größer als Fanny. Der letzte Strich reichte fast an diesen heran. 

Der Flur, in den ich mir mein Büro gebaut habe, weil sonst nirgendwo Platz war. Ein merkwürdiger Ort, um seinen Schreibtisch aufzustellen. Öffnete man die Wohnungstür, stand man direkt vor meinem Tisch. Manchmal fluchte ich darüber – immer rannte jemand vorbei, immer musste ich das Licht anmachen, sogar im Sommer – und doch mochte ich meine komische, dunkle Ecke. Über die Jahre hatte alles seinen Platz gefunden. Unsere Passfotosammlung an der Wand und Fannys Bilder. Die Kalender der letzten zehn Jahre. Das Fucking-Poster, Get over your fucking self. Und die Kiste, in der meine Vergangenheit wohnt.

Das Bad, klein, aber groß genug. Hier habe ich mein erstes graues Haar entdeckt. Und mein zweites. Und dass ich mich mit kurzen Haaren mag. Und mit roten Lippen. Und diesem Körper, der zwei Kinder auf die Welt gebracht hat (nicht immer, aber oft).  

Das Wohnzimmer, das zu unserer Höhle wurde, als zu Fannys Geburt das Riesensofa einzog. Der graue Koloss ist nicht das schönste Sofa, das die Welt je gesehen hat, aber das gemütlichste. Platz für uns drei, jetzt für uns vier. Gästebett, Spielplatz, Picknickwiese. Auf den Balkon passte ein Stuhl. Hier habe ich die letzte Zigarette meines Lebens geraucht, ohne zu wissen, dass es die letzte sein würde. Meine letzte Zigarette war eine sehr undramatische. Ich mochte einfach nicht mehr. Da wusste ich noch nicht, dass ich schwanger bin. Wenn es heiß war, stellten wir Fanny die Klappbabywanne auf den Balkon. Sie quietschte und versuchte, das rieselnde Wasser aus dem Spielbecher festzuhalten.

Eigentlich wollte ich nicht wieder nach Berlin ziehen. Ich mochte die Stadt, ich habe gerne hier studiert. Berlin war gut zu mir, aber nach ein paar Jahren war ich endlich in Hamburg angekommen. Ich wollte nicht schon wieder neu anfangen. Ich wollte aber auch nicht von ihm getrennt sein, nicht nach anderthalb Jahren Fernbeziehung, und der Job, den er angeboten bekommen hatte, war keiner, den man ablehnen wollte. Also schauten wir uns Wohnungen an. Eine, noch eine, noch eine, dann diese. Seit ich von zu Hause ausgezogen bin, habe ich in sieben Wohnungen gelebt. In keiner anderen länger als in dieser. Und in keiner war ich so glücklich. Hier ist aus uns beiden eine Familie geworden. Hier haben wir geredet, gestritten, geschrieben, gefeiert, gekocht, geliebt und das Glück nie wieder losgelassen. Ich freue mich so auf alles, was jetzt kommt. Auf die Badewanne, darauf, dass jetzt beide Mädchen ein kleines Zimmer bekommen, überhaupt: auf diesen Anfang. Und doch fällt es schwer, diese Tür zu schließen. Einmal noch durchgehen. Wie die Schritte hallen. Jetzt sind wir weg. Mach´s gut. Und: danke.

IM LA LA LAND



Mädchen lernt Jungen kennen. Mädchen und Junge verlieben sich, lieben einander wie verrückt, dann kommen ihnen ihre Träume dazwischen. Der Junge ist Jazz-Pianist und will seinen eigenen Jazz-Club aufmachen. Das Mädchen ist Schauspielerin und will endlich richtig spielen dürfen, statt auch beim 103. Casting unterbrochen zu werden, weil eine andere hübscher ist oder der Mensch auf der anderen Seite des Tisches gerade Hunger auf ein Sandwich hat. Beide bekommen ihre Chance, was allerdings zu Verwicklungen und Fragen führt: Was ist wichtiger – die große Liebe oder sich selbst zu verwirklichen? Wieso soll eigentlich nicht beides gehen? Und wieviel Kompromisse vertragen die Liebe, ein Leben als Künstler und die eigene Vorstellung vom richtigen Leben? Nein, das ist trotzdem kein schwerer Film. La La Land tanzt. Verrückt, wenn einem zwischendurch auffällt, wovon er erzählt. Und wie nah einem die Fragen kommen, die er stellt, sobald man anfängt, über sie nachzudenken. So nah, dass man heult, noch während man lacht. Weil dieser Film mitten im Fröhlichsein unendlich traurig ist und seine Traurigkeit so unwiderstehlich schön. Weil er voll von Sonnenuntergängen und Stepptänzen und Leuchtsternen ist. Weil er einen summen lässt, noch am nächsten Morgen. Weil er die Liebe so liebt. Weil er es einem nicht schwer macht und sich selbst nicht leicht. Weil er glitzert. Weil er sich verhakt, irgendwo tief drinnen, an einem Ort, von dem man bis eben nicht mal wusste, dass es ihn gibt. 

16 FRAGEN AN 2016

„Tatsächlich... Liebe” geguckt. Und den Rotkohl meiner Schwester gekocht. Haselnuss-Karamell-Schnitten gemacht und unfassbare Schokoladen-Meringues. Im Milchreis nach der Glücksmandel gesucht (eine dänische Tradition, die Marlene mir beigebracht hat) und in neuen Weihnachtsbüchern gelesen. Runden um den Pudding gedreht. Schneekugeltage, wenn es denn schneien würde. Trotzdem geht mir gerade viel durch den Kopf. Mehr noch als sonst am Ende des Jahres. So viel ist 2016 passiert, im Kleinen wie Großen. Dieses Jahr hat mich so glücklich gemacht. So müde manchmal. Traurig auch und oft ratlos. Und weil ich Fragen und Listen mag, habe ich 16 Fragen an 2016 geschrieben, die dabei helfen sollen, dieses Jahr zu Ende zu denken – es zu sortieren, zu enthaken, einzuordnen. Und mich an all das Schöne zu erinnern, das es auch gebracht hat. Die Antworten, die ich gefunden habe, folgen nächste Woche. Oder wann immer ich sie gefunden habe. Jetzt denke ich mir ein Silvesteressen aus (was gibt´s denn bei euch?). Und kaufe ein paar Glückskekse und Knallerbsen. Und Ü-Eier fürs Ü-Eier-Orakel. Und schreibe mit einer Wunderkerze einen Wunsch für 2017 in die Luft. Weil ich mir ganz sicher bin, dass das funktioniert. Und bin sentimental und dankbar und ein bisschen durch den Wind.

Kommt gut ins neue Jahr. Ich hoffe, es bringt euch ganz viel Schönes. 
Danke fürs Lesen. Und überhaupt.
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DA, SO DA


Eine mehr. Wie in diesem Kinderbuch, das Fanny hat. Auf jeder Seite taucht noch ein Kind auf, einer mehr, ganz plötzlich, als hätte niemand mit ihm gerechnet. 

Natürlich haben wir mit ihr gerechnet. Wir haben ein Körbchen und Strampler besorgt, unser Leben so organisiert, dass ein Baby in ihm Platz haben würde. Wir haben uns einen ersten und zweiten Vornamen für sie ausgedacht und uns monatelang gefragt, ob sie die richtigen sein würden, um dann bei ihnen zu bleiben, weil sie die richtigen sind, und wir sie in der Zwischenzeit schon so oft mit ihren Namen und Kosenamen angesprochen hatten, dass sie (zu) ihr gehörten. Nestbau, was man eben alles so macht. Und doch bereitet einen nichts, keine Erfahrung, keine Vorstellung oder Vorfreude darauf vor, wie es ist, wenn sie dann da ist. 

Die kleinen Geräusche, die sie macht, ihr Seufzen, Glucksen, Maunzen, Schnorcheln. Die Mimikstürme in ihrem Gesicht. Natürlich wissen wir, dass sie noch nicht wirklich lacht, aber hat sie eben nicht eindeutig gelächelt? Das Wiedererkennen. Sieht sie nicht genauso aus wie Fanny in ihren ersten Tagen, sie könnten Babyzwillinge sein, da ist seine Nase und mein Stirnrunzeln, Mini-Fanny-Hände. Das Kennenlernen. Ihr Blick, wenn sie Hunger hat. Ihre Füße, die noch viel zu klein sind für den kleinsten Strampler. Ihre Fingernägel. Ihr Kopf. Wie kann ein Kopf nach Marzipan riechen? Die Rückkehr der Einhändigkeit. Und der Müdigkeit. Und der Fahrstuhlgefühle. Alles ist neu, aber gar nichts fremd. Alles ist anders, aber ganz genau richtig so. Wie sie auf seiner oder meiner Brust liegt und schläft und die Augen aufschlägt und merkt, dass alles gut ist und wieder einschläft, mit dieser Schwere, die sich ganz und gar fallen lässt. Das Glück des Verschmolzenseins. Nur dass es jetzt noch mehr Glück ist, weil da eine große Schwester ist, die neben ihrem Körbchen sitzt und ihr zusieht, sie streichelt und Baby! sagt und Baby! gleich schon Tricks beibringen will, schau doch mal, sagt sie, so hält man den Schnuller fest. Schau doch mal, so küsst man. Monatelang hat sie mit ihr in meinem Bauch gesprochen, oft hat sie ihr geantwortet, mit einer Bewegung, einem Tritt, sobald ich schwanger genug war, dass man die Fußausbeulungen fühlen und sehen konnte. Baby! sagte sie irgendwann, jetzt komm. Und sie kam tatsächlich. Eine mehr. 

DIE ZWEITE SCHWANGERSCHAFT



Gestern Nachmittag wäre ich fast eingeschlafen. Aber da kam sie zum Bett, ganz leise nur, Mamabär, bist du eingeschlafen? Ehe ich ihr antworten konnte, lag sie schon in meinem Arm, streichelte meinen Bauch und sprach ganz leise mit dem Baby, erzählte, wie der Tag in der Schule war und was es zum Nachtisch gegeben hatte und dass sie jetzt Dreien schreiben kann, großer Buckel, großer Bauch, ja, die Drei kann ich jetzt auch. Das Baby fing an, gegen ihre Hand zu treten, wie es das eigentlich immer macht, sobald sie anfängt, mit ihm zu reden, als würden die beiden sich längst kennen. Ich war so glücklich in diesem Moment. Und herzwackelig.

Wie schnell diese Schwangerschaft vorübergegangen ist. Aus ein paar Monaten sind ein paar Wochen geworden, jetzt zählen wir schon die letzten Tage bis zur Geburt. Die erste Schwangerschaft hat gefühlt doppelt so lange gedauert wie diese. Ich habe mir Notizen gemacht, geschmiert und gecremt, die Spieluhr auf meinen Bauch gelegt, Stunden mit ihm darüber geredet, wie wir uns das Elternsein vorstellen und uns als Eltern. Diese Schwangerschaft war eher eine der kleinen Momente. Vom Arzt nach Hause zu kommen und Fanny zu sagen, dass da ein Baby in meinem Bauch ist. Und ihr Blick. Mit ihr gemeinsam die allerersten Babysachen zu kaufen, wir wussten noch nicht einmal, ob es ein Mädchen oder Junge wird. Der Teller, den Fanny beim Tischdecken neben meinen stellt, weil Baby doch auch einen Teller braucht. Selbstgestrickte Babysachen in der Post. Beknackte Gelüste: Brause-Ufos, Melone, Schokoladen-Vanille-Karamelleis – und nichts von alledem hat mich vorher groß interessiert. In den Bauch gesungene Einschlaflieder und draufgeschmatzte Guten-Morgen-Küsse. Zu heulen, aber so richtig, weil, weil, ach, einfach weil. Gemeinsam Namen zu überlegen (und am Ende ist es der Name geworden, der Fanny eingefallen ist). Jeden Dienstagmorgen mit ihr im Bett zu liegen und zu schauen, welches Tier jetzt genauso groß ist wie das Baby – eine Funktion in meiner Schwangerschaftsapp, die wir erst ziemlich am Ende gefunden haben und irre mochten, schon für die Entdeckung des Kurzschwanzkängurus und Widderkaninchens. Zwei Kuschelhasen zu kaufen: einen großen für Fanny und einen kleinen für das Baby, als Überraschung für beide zur Geburt. Das Ultraschallbild, das bloß einen Fuß zeigt. Und winzige Söckchen für diesen Fuß zu kaufen. Meine Hand auf den Bauch zu legen und plötzlich einen Tritt zu kriegen und zurück zu kitzeln und dann kommt noch ein Tritt. All diese winzigen Dinge in die Wickelkommode einzuräumen. Ich hatte vergessen, wie klein sie am Anfang sind. Abends im Bett zu liegen, wenn alle schon schlafen, und nur wir beide sind noch (oder schon wieder) wach. 

Ich freue mich so, ich bin schon wieder ganz liebesweich. Aufgeregt bin ich auch. Nein, unruhig. Viel unruhiger als ich es erwartet hatte. Ich dachte, ich wäre halbwegs vorbereitet. Ich dachte, ich wüsste schon ein wenig über das Muttersein. Und ich weiß ja auch so einiges. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einem kleinen Menschen beim Leben zuschaut. Und dabei merkt, wie toll das ist – wie reich, wie aufregend, wie lustig, wie viel. Ich weiß, dass ich eine Weile brauchen werde, bis ich wieder in diesem Tempo ankommen werde, das man mit einem Baby hat, diesem Leben in Zeitlupe, vor allem nach den letzten Monaten im Dauerlauf. Ich weiß, wie nah die Nähe ist – so nah, wie Nähe einem nur nah sein kann, wenn man sich nicht mehr einen Körper teilt. Ich weiß, dass jede Phase, egal welche, wieder vorübergehen wird. Ich weiß, wie schnell aus diesem winzigkleinen Wesen ein Kind werden wird, dass sich mit einem Kuss in den Schultag verabschiedet, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich weiß, dass ich manchmal zweifeln werde, an allem, an mir, auch als Mutter, mich fragen werde, warum ich an manchen Tagen so ungeduldig werde und dann so ungerecht, vor allem ihm gegenüber, aber auch mir und unserem Leben gegenüber. Ich weiß, dass es hunderte Momente geben wird, die einfach bloß Momente sind, und es genau diese Momente sein werden, auf die ich zurückschaue, wenn ich wieder eine neue Kerze in den Geburtstagskuchen pike. Ich weiß, dass ich mit dem Baby in der Küche stehen und tanzen werde, zu allen möglichen strunzbeknackten und wunderschönen Songs, bis ich die gefunden habe, die ihm gefallen. Ich weiß, dass es dunkle Tage geben wird, Tage, in denen alles schwer ist, manchmal so schwer, dass es mich in die Knie zwingt. Und blinzelhelle Tage. Ich weiß, dass sich meine Prioritäten wieder verschieben werden, dass sich das Nicht-Wichtige und das Schon-überhaupt-nicht-Wichtige noch mehr vom Wichtigen trennen werden (was mich trotzdem nicht davon abhalten wird, mir den Kopf über Blödkram und Doofköppe zu zerbrechen). Ich weiß, dass ich zu oft versuchen werde, alles ganz besonders richtig zu machen. Ich weiß, dass Pfannkuchen gegen vieles helfen. Ich weiß, dass es auch nach Tagen, Monaten, Jahren immer wieder Momente geben wird, in denen ich nicht glauben kann, dass dieses Kind mein Kind ist. Ich weiß, dass es Wichtigeres gibt, als eine aufgeräumte Wohnung (und trotzdem viel zu oft aufräumen werde). Ich weiß, dass ich mich besser kennenlernen werde, Seiten an mir entdecken werde, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich weiß, dass ich oft Angst haben werde. Ich weiß, dass ich oft dankbar sein werde. Ich weiß, wie sehr mich die Liebe immer wieder umhauen wird, die Selbstverständlichkeit ihres schieren Vorhandenseins und ihre Unumstößlichkeit. Auch die Sorgen, die mit ihr kommen. Und das immer wieder Loslassen müssen und Loslassen dürfen. 

Vor allem aber weiß ich, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Bloß dass mich das Leben mit zwei Kindern wahrscheinlich wieder genauso überrumpeln und überraschen, überfordern und überglücklich machen wird wie beim ersten Mal. Und vielleicht ist das ja auch schon alles, was ich wissen muss.



Fotos aus SSW-Woche 26 von Kathi Tennstedt-Horn.

FÜNF, DIE MICH DURCHS LEBEN TRUGEN




Die blauen Docs
Ich kann mich an vieles aus meiner Kindheit erinnern, noch an die kleinsten Anekdoten und viele Gegenstände, aber merkwürdigerweise nicht an einziges Paar Schuhe. Wahrscheinlich, weil die blauen Docs das erste Paar waren, das ich mir ganz alleine kaufte, ohne dabei irgendwelche Konzessionen zu machen. Es war wichtig, dass sie blau waren, nicht schwarz. Es war wichtig, dass meine Eltern sie grauenvoll fanden. Und wichtig, dass mein Freund sie in Dunkelrot trug. Wichtiger als alles andere war allerdings, dass sie ausdrückten, wie ich mich fühlte: anders, sehnsüchtig, oft verloren. Mit diesen Stiefeln konnte ich mir Mut anziehen. Auch wenn außer mir niemand all das in ihnen sehen konnte. 

Die cremeweißen Chucks
Ich habe mich so danach gesehnt, das Abi hinter mir zu haben, und als ich es dann endlich hatte, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich hatte beschlossen, doch keine Geigerin zu werden, aber keine Ahnung, was ich stattdessen machen sollte. Also zog ich mit meinem kleinen Bruder in eine WG und arbeitete für ein Jahr in einem Klamottenladen. So viele Möglichkeiten, so viele Vielleichts. Erstmal Praktikum machen? Oder gleich studieren? Aber was? Hier bleiben? Ganz weit weg gehen? Abstand suchen? Nähe finden? Immerhin wusste ich: Musik hilft. Sehr viel Jamiroquai. Und Tagebuchschreiben. Und cremeweiße Chucks. 

Die schwarzen Ballerinas
Ich hatte schon einen Volontariatsvertrag und meine vierte eigene Wohnung, dieses Mal in Hamburg, ich hatte sogar einen Bausparvertrag. So richtig erwachsen fühlte ich mich aber erst in diesen Schuhen. Ballerinas waren für mich der Inbegriff französischer Eleganz und Lässigkeit, und ich wollte unbedingt lässiger, eleganter und französischer sein – weniger sportlich, weniger Kumpel, mehr Frau. So recht zu mir passen wollten sie allerdings noch nicht zu mir. Ich ging komisch in ihnen, als hätten sie riesige Absätze. Aber glücklicherweise erlaubt Mode es einem ja, sich auch all die Frauen anzuziehen, die man (noch) nicht ist. Die Frau zu mögen, die ich bin, gelang mir erst viele Jahre später, aber die schwarzen Ballerinas halfen dabei, es mir bequem zu machen in mir.

Die roten Peeptoes
Bis heute machen mich Schuhe nur selten hysterisch, aber dieses eine Paar musste ich haben. In ihnen fühlte ich mich sexy und unangreifbar. Sie gaben mir das Gefühl, über den Dingen zu schweben (auch wenn ihre Absätze nicht sonderlich hoch waren). Außerdem fand ich sie rasend schön. Das blaustichige Dunkelrot und die Sohle mit den Blüten, die man beim Tragen zwar nicht sah, aber spürte. Ich trug sie nicht oft, immer nur zu besonderen Anlässen. Ich behandelte sie wie ein teures Schmuckstück, sie sollten nicht abnutzen, aber an diesem einen Abend zog ich sie an – dem Abend, als ich mit ihm verabredet war. Es gab gar keinen Anlass, sich aufzubrezeln. Wir waren in einer Kneipe verabredet, eine ganz normale Verabredung unter Freunden, aber irgendetwas flirrte, ich war schon Stunden vorher nervös. Wie nervös ich wohl erst gewesen wäre, hätte ich gewusst, dass wir uns in dieser Nacht zum ersten Mal küssten. 

Die weißen Turnschuhe
Heute habe ich zwei Arten von Schuhen in meinem Schrank: Laute und leise. Die lauten sind jetzt auch keine Schreihälse, aber kleine Ausrufezeichen; Schuhe, mit denen ich mich bereit mache, für den Sommer, für einen aufregenden Abend, für ein Fest, für einen schwierigen Tag. Meine goldenen Boots sind solche Schuhe. Oder meine schwarzen Sandalen aus Paris. Schickmacher, Ausgeher, Draufgänger. Mit den leisen laufe ich durch die anderen Tage, am liebsten in meinen weißen Turnschuhen. Sie sind weich, aber man hat einen festen Gang in ihnen und kann weit rennen, wenn es nötig ist. Sie sind schlicht, aber nicht langweilig. Und extrem tolerant, denn zu Jeans passen sie genauso wie zu dem einen Kleid, das ich gerade gerne trage. 

NICHT MEHR GANZ SO KLEINE NEUIGKEITEN


Der Grund, warum es hier in letzter Zeit ein wenig stiller war als sonst: Wenn alles gut geht, sind wir im Herbst zu viert. Und obwohl ich mittlerweile schon im fünften Monat bin und mich beim Anblick von Babysocken zusammenreißen muss, nicht vor Rührung loszuweinen (okay, das ist gelogen, ich breche in Tränen aus, und nicht nur beim Anblick von Babysocken, irgendeine schlimme Werbung tut´s auch schon), kann ich trotzdem noch immer nicht so recht glauben, dass in meinem Bauch ein kleiner Mensch wächst. Ein kleiner Mensch mit winzigen Wimpern. Unser zweites Kind.

Dieses Mal waren die ersten Wochen und Monate ein wenig härter als beim ersten Mal. Mir war ständig flau und ich mochte eigentlich gar nichts essen. Dauermüde war ich auch, so sehr, dass mir am Schreibtisch manchmal einfach die Augen zugefallen sind (und abends, wenn ich Fanny ins Bett gebracht habe). Immer wieder war ich auch ganz düster drauf, was mich am meisten überrascht hat. Schließlich hätte ich mich gar nicht mehr freuen können. Und doch war ich oft niedergeschlagen und traurig. Glücklicherweise sind diese Schatten mittlerweile wieder verschwunden und ich bin bloß noch aufgeregt, hungrig, neugierig, großgefühlig, vorfreudig, manchmal alle und manchmal immer noch sorgenvoll, aber meistens sehr glücklich und vor allem sehr, sehr dankbar.

Wie habt ihr denn eure zweite Schwangerschaft erlebt? Ähnlich wie die erste oder ganz anders? Und: Sucht jemand von euch zufällig noch einen Abnehmer für seinen alten Kinderwagen? Wir suchen nämlich noch einen. Wer seinen gerne verkaufen mag oder jemanden kennt, kann mir gerne eine Email schreiben: postanslomo(at)googlemail(dot)com.

PS: DANKE fürs so sehr Mitfreuen!

DIE KISTE


Ein blau-weiß kariertes Säckchen mit Murmeln darin. Ich war überzeugt, dass sie mir Glück bringen. Ich habe mir sogar noch mit 18 zur ersten Führerscheinprüfung eine Murmel aus diesem Sack in die Hosentasche gesteckt. Durchgefallen bin ich dann trotzdem. Ein fünf Seiten langer Brief von einem Jungen, der mich erst zurückliebte, als ich endlich über ihn hinweg war. Mein erster Reisepass, abgelaufen 1998, mit einem kanadischen Einreisestempel vom 31. März 1993. Zwei Tage vor meinem 16. Geburtstag war ich mit dem Jugendorchester nach Toronto geflogen, meine erste richtig große Reise. Wir hatten gefragt, ob wir nach vorne zu den Piloten ins Cockpit dürfen und wir durften. Wahrscheinlich hat das Ganze nicht länger als eine Minute gedauert, aber den Blick auf den dunklen Himmel vor mir werde ich nie vergessen. Ein Foto meiner ersten großen Liebe in einem winzigen Goldrahmen vom Flohmarkt, er trägt eine rote Jeans und noch lange Haare. Eine Kassette von einem Rapper namens Spax, ich glaube, die hat mir damals mein Bruder geschenkt. Im Gegensatz zu ihm hatte ich keine Ahnung von deutschem Rap. Ein paar Postkarten von Freunden. Schwarz-Weiß-Postkarten von berühmten Künstlern. Sehr viele Briefe. Ein Post-it, das nicht mehr klebt. Ein Passfoto von meiner finnischen Brieffreundin, die ich über eine Brieffreunde-Agentur gefunden hatte. Ein großer Stapel Fotos, den mein Vater irgendwann vom Dachboden geborgen hat. 

Irgendwann habe ich all die Dinge, die ich aufheben wollte, in eine weiße Hutschachtel gelegt. Bei einem der vielen Umzüge muss die Hutschachtel kaputt oder verloren gegangen sein, denn jetzt liegen all die Frühers in einer nicht gerade hübschen Pappschachtel unter meinem Schreibtisch. Geöffnet habe ich sie nur, weil ich nach einem Ersatzkabel für meinen Computer suchte, und jetzt sitze ich hier und bin wieder 14, 15, 16, 17, 18. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ein gebrochenes Herz nie, niemals heilen wird. Ich trage blaue Wimperntusche und blaue DocMartens. Ich höre immer und immer wieder „What´s up” von den 4 Non Blondes, weil M. mich zu diesem Song zum allerersten Mal geküsst hat und ich mir nicht sicher bin, ob es je einen zweiten Kuss geben wird oder einen, der sich besser anfühlt. Ich klebe fast jeden Tag eine Collage in mein Tagebuch. Alles, was sich sehr groß anfühlt, schreibe ich in großen Buchstaben. Ich lese „Djamila” von Tschingis Aitmatow und „Unterm Rad” von Hermann Hesse und schreibe meine Lieblingssätze in mein Tagebuch. Ich würde D. gerne sagen, was für ein verdammtes Arschloch er war, traue mich aber nicht. Ich würde meine Freundinnen gerne fragen, ob sie sich manchmal auch so beschissen einsam fühlen, so unverbunden, so danebenstehend, so anders, habe aber Angst, dass sie mich auslachen. Ich esse viel zu viele Stapelchips. Ich lasse mir von meinem Bruder eine Dreadlock drehen und färbe sie lila, vor allem um meine Mutter zu ärgern. Hat auch funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich meine Brüste super oder schrecklich finde und trage deshalb weite T-Shirts. Ich schreibe Gedichte. Ich klaue meiner großen Schwester ihre Frauenzeitschriften, weil ich die Fotos darin so schön finde. Ich trage einen Hut. Ich probiere Blue Curaçao und trinke weiter, obwohl ich ihn eklig finde. Keine gute Idee. Ich trage dieses Parfüm aus dem Bodyshop, auf das ich gespart habe, aber nie in der Schule. Ich werde bei dem Gedanken rot, schon wieder rot zu werden. Ich bin gut in Bio und grottig in Chemie. Ich würde gerne mit meiner großen Schwester ins Sunup´s ausgehen, darf aber nicht. Ich finde, dass Pearl Jam die beste Band der Welt ist. Ich bin schüchtern. Ich bin scheißdrauf. Ich bin todunglücklich. Ich könnte die Welt umarmen.  

RAUSSTEIGERN


Der Januar, ach, der Januar. Der Wind kam bislang nicht gerade von hinten. Ein fieser Schnupfen, anschließend eine Magen-Darm-Grippe, dazu ein dicker Knoten im Kopf, in dem nach Weihnachten doch noch so friedliche Ordnung geherrscht hatte, viel zu viele viel zu große Gedanken, und plötzlich ist sie wieder da: die Unruhe, die nicht so richtig weiß, wohin mit sich. Weil ich mich da jetzt nicht reinsteigern will, versuche ich mal, mich rauszusteigern.

Mit diesem Film: "Der große Trip – Wild". Ich mag Cheryl Strayed sehr. Deswegen war ich mir auch nicht ganz sicher, ob ihr Buch "Der große Trip" einen guten Film abgeben würde. Es funktioniert ja nicht immer, dass aus einem Buch, das einem viel bedeutet, ein Film wird, dem das gleiche gelingt. Aber dieser Film schafft das. Vielleicht weil er leise davon erzählt, wie Cheryl Strayed den Pacific Crest Trail entlang wandert, wochenlang, ohne jede Vorbereitung, wie sie sich ihren Schmerz aus dem Körper läuft, ihre Trauer über den Tod der geliebten Mutter und ihre Wut über sich selbst, ihre Heroinsucht und ihre Seitensprünge. Nach dem Film ging es mir wie nach dem Lesen ihrer "Dear Sugar"-Kolumnen, die ich so verehre. Irgendwie gerührt, irgendwie durchgeschüttelt, irgendwie gierig auf Leben.

Mit Post im Briefkasten: Ist das schön, wenn ein Paket kommt, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Und dann sind selbstgemachte Marshmellows drin. Und die Freude darüber hält noch Tage an. Noch eine Entdeckung, die mir eine Freundin geschenkt hat: das "Oak - The Nordic Journal", wunderschön. (Danke!)

Mit gelben Tulpen.

Mit Julies Zettel zum neuen Jahr. Gedanken und Vorsätze, die auch meine sind: "Dankbar bleiben. Weniger Angsthase sein und mich über aufgeregtes Herzklopfen freuen. Richtig gute Filme schauen."

Mit einem großen Blech Ofengemüse mit Ahornsirup und Sour Creme.

Mit einem Wurm-Rennen (und sie schummelt für mich, damit ich auch mal gewinne).

Mit Ausmalbildern.

Mit diesem herzwärmenden Kurzfilm: "Kismet Dinner".

Mit Komplimenten – was für ein hinreißend schönes Blog-Projekt: "A Compliment A Day" (danke für den Tipp, Mira!).



Und mit diesem Buch: Gestern Abend habe ich "Narbenherz" begonnen, obwohl ich mit "Gone Girl" noch lange nicht fertig bin. Erzählt wird die Geschichte von Jessica Wagener, die mit Mitte 30 erfährt, dass sie Krebs hat. Während der Chemo beschließt sie, keine Zeit mehr zu vergeuden, und nach der Behandlung endlich das zu tun, was sie schon immer tun wollte: um die Welt zu reisen. Nach New York, New Orleans, Rio, Buenos Aires, Kapstadt. Ich habe erst 50 Seiten gelesen, aber ich bin unendlich beeindruckt von dieser Frau, von ihrer Kraft, ihrer Wärme, ihrem Witz, ihrer Bockigkeit und Herzlichkeit.

Und ihr so?

PS: Mein Tictail-Shop hat jetzt mal wieder geöffnet und ich verkaufe ein paar Stücke aus meinem Kleiderschrank. Hier entlang.

VIER


Vier.
Vier.
Vier.
Vier.
Ich kann es noch viermal sagen, aber glauben kann ich es trotzdem nicht. Jetzt ist sie wirklich vier. Nicht mehr klein, noch nicht so richtig groß. Ein kleines Mädchen, das auf den Arm will, getragen werden, ihre kalten Hände unter meinen dicken Schal schieben will. Ein kleines Mädchen, das aus einem gemeinen Traum aufwacht und untröstlich ist, bis es wieder tröstlich ist. Ein kleines Mädchen, das sauer wird, wenn es die Knöpfe der Jacke nicht zubekommt, die blödenblöden Knöpfe der blödenblöden Jacke, die sie nienie wieder anziehen will. Ein kleines Mädchen, das seine kalten Füße zwischen meine Beine schiebt und nicht einschlafen kann, noch eine Geschichte hören will und das Einschlaflied, das wir schon so lange nicht mehr gesungen haben, "Guten Abend, gute Nacht, wer soll denn jetzt schlafen, das ist Fanny, Fannylein...", und dann soll auch der Schweinsbär schlafen, "Schwei-heins-bär", und ihr "Fu-hu-huß" und die Wand und die Tür und die Lampe, und sie muss so lachen, dass sie schon wieder hellwach ist, also singe ich "Twinkle, twinkle little star", das Lied, mit dem ich sie als Baby immer müde gesungen habe, und sie singt mit und schläft auf keinen Fall. Dann ist sie plötzlich groß. So groß, dass sie jedes Mal lächelt, wenn ich sie groß nenne, dann zeigt sie die vier Finger, die sie jetzt alt ist, und nächstes Jahr: fünf, eine ganze Hand alt, und dann, sagt sie, kommt sie fast in die Schule (ein Gedanke, der mir noch unendlich fern scheint). Sie will alles alleine machen, ich darf ihr nicht helfen, und wenn ich ihr helfe, dann helfe ich falsch. Sie will, dass ich ein Tuch über den Eingangsschlitz des Geburtstagszeltes lege, Tür zu, es ist ja ihr Zelt. Sie will nicht mehr Flöckchen genannt werden, bloß noch Fanny. Sie rennt los, schiebt den Hocker an den Kühlschrank, holt sich das Kühlpad, das ich ihr immer auf ihre Beulen lege, holt ein Handtuch, wickelt es ein, legt es auf mein Knie, das ich mir verdreht habe, pustet, streichelt meinen Kopf, mit einer Emsigkeit und Zärtlichkeit, die mich ganz weich macht.

Ich habe mir das manchmal vorgestellt, als sie noch ein Baby war. Wie sie riesengroß ist. Wie wir zusammen Kakao trinken gehen, zusammen Kuchen backen, zusammen lesen (das ist ein merkwürdiger Gedanke, aber gemeinsam mit jemandem in einem Raum zu sitzen oder herumzuliegen und zusammen zu lesen, finde ich unheimlich schön). Gedanken wie eine Karamellbonbonwerbung. Und die Realität ist trotzdem schöner, weil das Glück mit ihr ein so direktes, unkitschiges, lustiges Glück ist. Mit ihr durch den Kiez zu spazieren, und sie nimmt irgendwann meine Hand. Mit ihr einen Schritt zurückzugehen an der großen Straße, weil sie das in der Kita immer so machen, denn die große Straße, die ist voll gefährlich. Mit ihr das allererste Halloween-Kostüm zu basteln, ein Handtuch mit Löchern und einem Mund, das dann ein Gespenst ist, gefährlich und gruselig, bis ich schreiend wegrenne und sie mir hinterher, "aber Mama, das bin doch nur ich, brauchst doch keine Angst zu haben, nur ein bisschen". Mit ihr ins Café zu gehen, und sie stellt sich auf die Stange, die ein paar Zentimeter über der Erde angebracht ist, sie guckt schon einen Kopf weit über die Theke, und sie bestellt sich einen Kakao mit Strohhalm, und rührt dann ihr Kakaoschaumherz weg und meine Kakaoschaumblume und erzählt mir aus ihrem Fannyleben. Sagt, dass sie von einem roten Glitzerpferd geträumt hat, das Lulu hieß, wie gerade alle Tiere Lulu heißen, weil sie die Haustauschkatze in New York so mochte, die Lulu hieß. Sagt, dass sie auf dem roten Glitzerpferd von der Kita nach Hause geritten ist. Sagt, dass sie so ein rotes Glitzerpferd gerne zu Weihnachten hätte und es ja im Wohnzimmer wohnen könne mit dem Sofa als Bett. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass sie mal ein Renner werden will, wenn sie groß ist, jemand, der ganz schnell rennt. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass Papaland ihr Lieblingsland ist. Manchmal springt sie an mir hoch und drückt mir Küsse überall aufs Gesicht, noch einen und noch einen, und ich sage: "Womit habe ich das denn verdient?" und sie versteht die Frage gar nicht. Manchmal kriege ich keine Küsse, weil die Küsse alle noch schlafen oder gerade in der Kita sind. Vor einem Jahr hatten die Dinge noch nicht so viele Worte, die Gefühle auch nicht. Jetzt sagt sie, was sie denkt, was sie ärgert, was sie glücklich macht, was sie essen will, wovon sie geträumt hat, worüber sie traurig ist, in all diesen Worten, die sie sich hoffentlich nie abgewöhnt, Eierspiegel, Schuhfaden, Flitzschuhe, Rollsocken, Superfrau, Blödwurst.

Manchmal bin ich so alle gerade. Manchmal kriege ich so wenig auf die Reihe, was ich auf die Reihe kriegen müsste, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich scheine doch nie hinterher zu kommen, und dann ist es schon wieder Nachmittag und ich hole sie aus der Kita, hetze los und meine schlechte Laune hinterher, und dann steht sie da und strahlt und nimmt mich an die Hand, obwohl ich mir noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen habe, "Mamaaa, komm mit, ich muss dir was zeigen, wir haben Kreide gemacht, meine ist ROT!" So ist das gerade oft. Ich will viel und schaffe wenig. Ich bin gereizt, weil ich müde bin und das Anziehen vor der Kita eine halbe Stunde dauert, weil sie sich nicht entscheiden kann, welche Socken sie denn ganz alleine anziehen will und die Katzensocken nicht findet, die es am Ende sein sollen. Oder ich erschrecke, weil ich merke, dass mein Kopf ganz woanders ist, bei den Dingen, die mir diese Woche das Herz so schwer gemacht haben, und sie sagt mir schon zum zweiten Mal, dass das auf dem Bild ein Weihnachtsmann mit Schneeflocken ist, mit einer Schlange (die sie sich wünscht, grün, mindestens zwei Arme lang) und einem Feuer, damit der Weihnachtsmann nicht friert. Und dann sitzen wir beim Abendessen und sie isst das Brot mit ihrer Lieblingsmarmelade und freut sich darüber, dass Papa auch noch diesen Mini-Käse eingekauft hat und die Luftballons vom Geburtstag noch hängen, und ich weiß: Wenn ich in zehn Jahren zurückschaue (merkwürdig, dieses plötzliche Nachdenken über die Zeit, über die Jahre, die vergehen, das kam auch erst mit dem Muttersein), dann werde ich genau an diese Momente denken: die Marmeladenbrotmomente. Wie sie sich ihre Zebramütze aufsetzt und auf ihrem schon viel zu kleinen Laufrad die Straße herunterrast, bis zur Ecke, und wieder zurück, mit einer Vollbremsung. An die Lümmelsamstagnachmittage, wenn wir "Die Kinder von Bullerbü" gucken, und sie laut aufschreit, als Lasse beim Schlittschuhlaufen in ein Wasserloch fällt, obwohl wir uns diesen Film schon oft angesehen haben, und sie jedes Mal vorher sagt: "Pass auf, gleich fällt er ins Loch" (war das wirklich Lasse? Ich vergesse immer seinen Namen). Ich werde daran denken, wie sie jeden Sonntag mit ihrem Papa in der Küche steht und Sonntagsschnitzel klopft, und ich darf nicht mitklopfen, weil das ihr Schnitzelding ist. Ich werde an ihren Bockigblick denken, daran wie sie guckt, wenn sie so richtig sauer ist, wie neulich, als es so blödblödblöd von mir war, dass ich die Tiere auf dem Sofa weggeräumt habe, die da doch geschlafen haben. Ich werde daran denken, wie sie tanzt. Ich werde daran denken, wie sie mir Bücher vorliest, "Es war einmal eine Raupe, die hat sehr viel gegessen. Bonbons und Wurst und noch mehr Wurst, dann hatte sie einen dicken Bauch. Fertig." Ich werde an ihren Enthusiasmus denken, an ihr Talent, sich über die Dinge und das Leben zu freuen, sich in ihrer Freude völlig aufzulösen, das ist, neben so vielen anderen Dinge, so unglaublich schön. Ich werde daran denken, wie ich in der Nacht vor ihrem Geburtstag Luftballons aufgepustet habe, weil sie es so gerne mag, wenn an der Tür eine Luftballonwand hängt, durch die sie rennen kann, und wie ich ihr einen Herzkuchen gebacken habe, weil sie den vor ein paar Tagen im "Berlin mit Kind"-Heft gesehen hatte und so toll fand, ihre Wünsche sind immer sehr präzise, ein Schokoladen-Herzkuchen mit ganz viel bunten Streuseln und mit Happy-Birthday-Kerzen und mit diesen Zuckererdbeeren, die ich dann zwar noch gefunden, aber nicht mehr auf den Kuchen draufbekommen habe, weil ich so viel Teig in die Form gegossen hatte, dass der Herzkuchen eher ein Herz-Mount-Everest geworden ist, und wie ich um Mitternacht wieder Tränen in den Augen hatte, was eine ziemliche Untertreibung ist, und wie ich zu ihrem Bett gegangen bin und sie mitternachtsgeburtstagsgeküsst habe, auf ihre warme Backe, die ich erstmal freilegen musste, weil ihre Haare so lang geworden sind. Wahrscheinlich werde ich auch an diesen Satz denken, den eine tolle Frau mir neulich in einer Email geschrieben hat, ich hab  in den letzten Tagen so oft an diesen Satz gedacht: "Ich bin so sehr ich durch sie." Durch sie und durch ihn. Das bin ich wirklich.

JETZT IST ES DA: MEIN ERSTES BUCH



Liebe ihr alle da draußen,

morgen erscheint das Buch, das ich geschrieben habe, das erste Buch, das ich geschrieben habe. Ein erstes Mal. Und wie bei jedem ersten Mal in meinem Leben stolpern gerade Gefühle durch mich, die sich nicht mehr auseinander sortieren lassen.
Erleichterung, es geschafft zu haben.
Euphorie.
Aufregungaufregungaufregung.
Müdigkeit.
Erstaunen.
Alberne Kicherhaftigkeit.
Stolz.
Unsicherheit.
Aufgeputschtheit.
Alles ineinander verknotet, aneinander gelehnt, übereinander stolpernd.
Und weil das mit dem ersten Buch viel länger gedauert hat als mit dem ersten Kuss, dem ersten Mal New York und dem ersten Kind, bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Zurückhaltend ausgedrückt. Aber es fühlt sich auch gut an, durch den Wind zu sein (das passiert einem ja gar nicht so oft).

Das Buch heißt aber nicht deswegen "Völlig fertig und irre glücklich". Der Name des Buches hat etwas mit meinem Leben in den letzten vier Jahren zu tun. Dem Mamasein, dem Ichsein, dem Wirsein, wie es sich durch das Mamasein verändert hat, ich hab hier ja schon manches darüber geschrieben. Im Buch schreibe ich noch mehr darüber, ausführlicher, in mehr Farben und Formen, vom Glücklichsein im Normalchaos. Das hoffe ich jedenfalls. Für ein Buch lässt man sich mehr Zeit. Und man schreibt jeden Satz so oft hin, bis man sich mit ihm versöhnt hat und das Gefühl hat, ihn in die Welt rauslassen zu können. (Bis man, ungefähr drei Minuten später, das Gefühl hat, nie etwas Blöderes geschrieben zu haben, neulich habe ich dieses Gefühl auf Instagram sehr passend beschrieben gefunden: Creative Process: 1. This is awesome 2. This is tricky. 3. This is shit. 4. I am shit. 5. This might be ok. 6. This is awesome). Immerhin weiß ich jetzt eines: Ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Und das ist ein gutes Gefühl.

Auch wenn ich jetzt völlig fertig und irre glücklich bin, bin ich doch nicht so fertig, dass ich vergesse, was mir so am Herzen liegt: Euch. Ich würde mich gerne bedanken. Ihr seid es nämlich gewesen, die ihr mir Mut gemacht habt. Ihr habt mir das Gefühl gegeben, dass es eine gute Idee sein könnte, ein Buch zu schreiben. Ich bin nämlich, obwohl ich ein Weblog schreibe und eine Journalistin bin, nicht gerade eine Rampensau. Aus allen möglichen Gründen. Ich habe krasses Lampenfieber, ich bin eine Rumgrüblerin, ich habe dort, wo andere ein dickes Fell haben, eine ziemlich dünne Haut. In den letzten Jahren sind diese Gefühle nicht verschwunden (das werden sie auch nie, und das macht auch nichts, sie gehören ja zu mir), aber ich habe sie ein wenig zu zähmen gelernt. Das liegt auch an euch. Daran, wie sehr ihr mir gezeigt habt, dass ich nicht ins Leere schreibe. An den Dingen, die ihr gesagt oder geschrieben habt und die mich so oft so rühren, das wisst ihr gar nicht, und das würdet ihr auch nicht glauben, wenn ich es euch erzählen würde. Aber es ist so.

Also danke. Fürs Rückenwind-Sein. Und alles andere.
Sehr und von Herzen:
Okka

AUGUST 2014: NEW YORK, NEW YORK (PART 1)



1) Zimt-Challah zum Frühstück.
2) Die Frau beim Karussell, die Fanny ihre Tickets entwertete, indem sie auf die Rückseite einen Stern zeichnete, ein Herz und einmal sogar eine Katze.
3) Die Braut auf dem Holzpferd neben uns, die nicht aufhörte zu lächeln. Als sie abstieg, konnte man ihren pinken Hochzeitsschuhe sehen.
4) Und die beiden aufgeregten jungen Frauen, die neben der Karussell einen Tisch aufbauten, darauf ein riesiger Strauß Rosen, davor jede Menge Konfetti und ein Schild: "Will you marry me?".
5) Die Verkäuferin bei Madewell, die mir nicht nur die beste Jeans herausgesucht hat, sondern auch vom Metropolitan Museum erzählte, wo sie ebenfalls arbeitet, ich solle mir doch bitte die Garry Winogrand-Ausstellung ansehen, unbedingt, wirklich – und wie recht sie hatte mit ihrer Empfehlung und ihrer Aufgeregtheit.
6) Lulu, die Katze, mit der wir uns die Wohnung teilten, wenn wir nach Hause kamen, wartete sie schon an der Tür auf uns, obwohl sie sich nie streicheln ließ.
7) Der Zoo im Prospect Park, der für Kinder gemacht ist. Das riesige Spinnennetz, in dem sie eine halbe Stunde Spinne spielte, das Riesenei, aus dem sie schlüpfte, die Weitsprung-Bahn, die neben den eigenen Fußabdrücken zeigte, welches Tier genauso weit springen kann, die Maltische mit den Buntstiftdosen, Robben und Erdmännchen gab es auch.
8) Der Tanz-Fitnesskurs neben dem Kinderspielplatz am Pier 2, bei dem jeder mitmachen konnte, der Lust darauf hatte oder gerade vorbei kam, eine energische Frau tanzte zu irrsinnig lauter Musik ein paar Schritte vor, und hundert New Yorker tanzten es ihr nach – Salsa, glaube ich, ich kenne mich da nicht gut aus, hätte Fanny nicht auf die Schaukel gewollt, ich hätte mitgetanzt, weil man gar nicht nicht mittanzen konnte, wenn man ihnen zusah.
9) Die abendlichen Spaziergänge zu Whole Foods.
10) Ihr Entzücken beim Anblick der Muscheln auf Coney Island. Und wie sie sich dann doch traute, so nahe ans Wasser zu gehen, dass die Wellen ihre Füße umschwappten, und dann gar nicht mehr genug davon bekommen konnte, die Wellen zu jagen.
11) Der Buchladen mit dem riesigen Ledersofa.
12) Die ältere Dame, die so unglaublich schick aussah, dass ich sie anhielt und fragte, woher sie ihre Bluse hatte, die wirklich schönste Streifenbluse, die ich je gesehen habe, aber vielleicht war sie auch nur deshalb so schön, weil diese Frau so schön war, sie ging wie eine Tänzerin. Wir sprachen ein paar Minuten, sie malte mir die Straße und den Laden auf, wo sie die Bluse gefunden hatte, ein paar Tage später kaufte ich sie mir tatsächlich.
13) Dulce de Leche-Donuts.
14) Wie man nach ein paar Tagen die fremde Stadt zur eigenen Stadt macht, unser F-Train, unser Supermarkt, unser Deli, unser Burgerladen.
15) Wie unglaublich freundlich die Menschen waren, wie in jeder U-Bahn sofort jemand aufstand, sobald er mich mit dem Kind sah, wie viele Menschen auf der Straße mit Fanny sprachen, in der Nachbarschaft grüßten, fragten, woher man denn komme, wenn sie merkten, dass man kein Englisch sprach, und die Frauen und Männer in den U-Bahn-Häuschen, denen Fanny immer zuwinken wollte und die jedes Mal zurückwinkten.
16) Das Nebeneinander verschlafener Ruhe, einer Ruhe, die so leise war, dass einem schon das Zischen eines Rasensprenklers im Nachbargarten laut vorkam und hupender, dröhnender, in allen möglichen Sprachen sprechender Lautstärke, nur eine U-Bahnfahrt entfernt.
17) Immer wieder diese Skyline. Man geht die Straße entlang und plötzlich ist da das Empire State Building. Oder das Flatiron Building. Oder das Rockefeller Center.
18) M&Ms mit Erdnussbutter.
19) Die Nettigkeiten, mit denen diese Riesenstadt einen immer wieder überrascht, die Picknickplätze am Pier mit Blick auf die Skyline von Manhattan, die Handy-Ladestationen, der Pop-up-Pool, in dem man im Sommer kostenlos baden kann, die Spielplätze mit den Wassersprinkler-Anlagen – Angebote, die zugleich auch eine Ermutigung sind: Hier kannst du schwimmen lernen, hier kannst picknicken, hier kannst du rumtoben, wenn du möchtest.
20) Im Garten Crocket zu spielen.
21) Und im Baumhaus zu frühstücken.
22) Der Demeter-Parfümstand bei Duane Reade, was für irre Düfte: Dirt, Snow, Sunshine, Baby Powder, Thunderstorm, einige kann man tatsächlich erriechen, wenn man vorher nicht auf das Label schaut, Snow riecht wie Schnee, Gin Tonic macht Durst. Ich entscheide mich für Salt Air und Clean Skin.
23) Der Central Park, der nie weniger faszinierend wird, wir picknicken an der gleichen Stelle wie vor einem Jahr, und vorm Spielplatz sitzt tatsächlich noch die gleiche Frau wie vor einem Jahr, und malt Kindern die Gesichter bunt, Fanny will ein roter Hund sein, sie findet diesen Wunsch kein bisschen seltsam und malt ihr einen roten Hund aufs Gesicht.
24) Die Schönheit der High Lane, selbst wenn es richtig voll und richtig heiß ist.
25) Ziellos zu sein.
26) Die Menschen, die abends auf den Stufen vor ihren Brownstones sitzen, die Zeitung lesen, ein Eis essen, miteinander reden, oder schweigen, grüßen, weiterreden, weiterschweigen.
27) Sich morgens für die Stadt schön zu machen.
28) Die Entdeckung des Bonbonladens.
29) Eis mit kandierten Kürbiskernen.
30) Die allernetteste Nachbarin kennenzulernen.
31) Vor Monets Seerosen zu stehen.
32) Gleich am ersten Abend alle Lieblingsmagazine zu kaufen.
33) Zum ersten Mal über den Smorgasburg-Flea-Food-Market zu gehen.
34) Und dann in diese riesige, dampfende Pizza zu beißen, die Fanny sich mit mir geteilt hat.
35) Das Twister-Spiel der Haustausch-Kinder, wie lange habe ich kein Twister gespielt.
36) Der Spaziergang über die Brooklyn Bridge am letzten Tag.
37) Die Unmöglichkeit, sich von dieser Stadt zu verabschieden.

AUF EIN NEUES


Vorhin habe ich eine Liste angefangen, ich schreibe ja so gerne Listen, Listenschreiben hilft mir beim Nachdenken, beim Jahr zu Ende denken. Dinge, die ich mochte, so hieß die Liste. Und sie war ziemlich lang. Dieser Sommer in New Jersey, vielleicht der schönste Urlaub, den ich je hatte, der friedlichste auf jeden Fall, die kleinen Rituale dieser heißen Sommertage, das Fährefahren und den Fährmann grüßen, das Tret-Karussellfahren und der Cheeseburger danach (ihr Stolz, Ketchup in diese winzigen Pappschälchen zu füllen und Senf für Papa). Die abendlichen Riesen-Picknick-Einkäufe, das Erdnussbuttereis, die Spaziergänge zum Wasser, bloß um wieder und wieder diese Stadt zu sehen, am anderen Ufer. Die Fahrstunden, die ich genommen habe, obwohl mir vor Angst ganz übel war, zur Prüfung ist es nie gekommen, ich musste eine kleine Pause einlegen, aus der eine große wurde, jetzt muss ich wieder von vorne anfangen, aber immerhin, das war ein Anfang. Die Momente mit Fanny (es sind so viele, jeden Tag, erst heute, als sie beim Aufwachen vom Weihnachtsmarkt erzählte, von ihrer ersten Zuckerwatte, der Wolke, die man essen kann). Oder unser erster Kinobesuch letzte Woche. Das Leben mit ihr ist so schön, so neu, jeden Tag. Die Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe. Und die Menschen, die da waren, was für tolle Freunde. Dieses Jahr war oft ein glückliches. Es war auch oft anstrengend, sehr anstrengend, manchmal so anstrengend, dass es mich ganz ratlos gemacht hat. Ein Jahr auch der Sorge und der Abschiede. Ein Jahr, das mir so deutlich gemacht hat, wie wenig selbstverständlich dieses ganze Glück ist, der Alltag, der einen manchmal so mürbe macht. Und jetzt. Geh ich mit dem kleinen Mädchen Knallerbsen werfen. Und Glückskekse knabbern. Und Ü-Ei-Orakel orakeln. Und koche ein riesiges mexikanisches Fressfest. Und küsse um Mitternacht meine beiden großen Lieben. Und bin sentimental. Und freu mich auf 2014, auf die Dinge, die kommen, die großen und die ganz kleinen.

Kommt gut ins nächste Jahr. Ich wünsch euch ein glückliches.
(Und danke fürs Lesen und überhaupt).

OKTOBER 2013

Der Oktober ist vorgerannt und ich hinterher, manchmal habe ich ihn eingeholt, war ihm ein paar Schritte voraus, aber das war selten - die meiste Zeit bin ich ziemlich hinterher gerannt. Irre, wie nah riesengroße Freude manchmal neben riesengroßer Enttäuschung liegt. Jetzt habe ich erstmal kurz Luft geholt, gemacht, was ich immer mache, wenn ich zu viel fühle - rumgehen, einen Schritt nach dem nächsten machen, danach in Großfamilienportionen backen. Jetzt freue ich mich wirklich auf den November. Ich mag diese Zeit, wenn es draußen früh dunkel wird, die Zeit, in der der Herbst noch Herbst ist (und noch nicht Weihnachten, obwohl ich der größte Weihnachtsfan bin). Außerdem ist der November immer auch eine Zeit der Erinnerung, der Erinnerung an die Zeit, als ich einen Riesenbauch hatte und nicht mehr warten konnte, dieses kleine Mädchen kennenzulernen, das in zwei Wochen drei Jahre alt wird.

Über diese Momente habe ich mich im Oktober auch gefreut...
* Endlich hab ich ihn, meinen Lieblingsprint "Enjoy it. Because it´s happening", ein Überraschungsgeschenk und was für eines.
* Die Herbstfarben.
* Das letzte Eis, feierlich am vermutlich letzten richtig warmen Wochenende gefuttert.
* Neue Mokassins. Endlich ein Paar gefunden, das wirklich gut passt. Und gefüttert ist.
* Die Dämmerung.
* Zimtschnecken.
* Ewig lange vorgenommen, endlich mal probiert: stricken. Ich mag´s.
* Das Kinfolk-Kochbuch mag ich auch.
* Zum ersten Mal Bob Dylan gesehen. Einige Songs wenig gemocht, andere sehr, diesen einen hier geliebt, irre, wie ein ganzer Saal innerhalb von ein paar Sätzen plötzlich zu einem einzigen riesengroßen Gefühl geworden ist, obwohl ich nicht mal sagen kann, was für ein Gefühl das eigentlich war, Ergriffenheit, Wehmut, Schmerz, Melancholie, Liebe, alles zugleich, ist ja auch egal, es war einfach da, diesen einen Song lang. Ich hätte gern sein Gesicht gesehen, aber vielleicht war es auch ganz gut, Bob Dylan bloß aus der Ferne zu sehen und zwei Stunden lang seinen Stand zu betrachten, breitbeinig, sturmfest.
* Noch eine Überraschung: Marlene hat mir aus Paris die Isabel-Marant-für-H&M-Jacke mitgebracht, in die ich mich so verguckt hatte.

Kommt gut in die Woche.

LIEBLINGE: FÜR DIE LIPPEN




Eigentlich wollte ich heute Nachmittag etwas über Lippenstifte schreiben.  Dann hat mir beim Mittagessen im Café um die Ecke ein Typ mein Handy geklaut (mein nagelneues Handy und es war ein so dämlicher Trick, auf den ich da reingefallen bin...) und meine Laune ist schneller in den Keller gerutscht als ich "Die Sau" sagen konnte. Ach, ja. Seit ein paar Wochen fühlt sich das Leben ein bisschen zu oft so an. Eigentlich ist alles gut, in der Spur, schön, richtig. Wären da nicht andauernd irgendwelche Kleinigkeiten, Nervigkeiten, Unnötigkeiten, die alles aus der Ordnung bringen. Und es hilft nicht gerade, dass ich hinter allem immer gleich ein System sehe, eine Pechsträhne, einen blöden Monat, ein blödes JAHR, bloß weil gerade ein bisschen viel auf einmal kommt. Wie kommt man aus so einer Nerv-Phase wieder raus? Einfach weitermachen, glaube ich. Sehen, was da alles ist (und die allermeiste Zeit ist da in Wahrheit ja viel mehr Gutes als Nerviges, das Nervige ist bloß oft so viel lauter). Gut zu sich selbst sein und es öfter mal gut sein lassen (ich bin nicht irre talentiert darin, aber ich werde besser). Erstmal den nächsten Tag sehen und nicht gleich die nächste Woche. So ungefähr mach ich das gerade. Dazu eine große Mutprobe (bald mehr darüber) und rote Lippen. Womit wir wieder beim Thema wären. Denn mit roten Lippen fühle ich mich deutlich besser als ohne. Mit roten Lippen kann der Tag schon kommen, sogar Tage wie diese. Oder wie meine Freundin T. einmal so schön sagte: "Wenn ich schon schattig drauf bin, dann wenigstens mit anständigem Lippenstift." Ich finde, dem ist gar nichts hinzuzufügen. Hier sind meine Lieblinge:

Clarins - Eclat Minute Embelliseur Lèvres
Eigentlich mag ich keinen Lipgloss, aber dieser hier hat mich bekehrt: klebt nicht, macht weiche Lippen und einen schönen, zarten Schimmer. Lieblingsfarbe: 05 - Candy Shimmer. (Zweites Foto, ganz links)

MAC Cremesheen - Crosswires
Eine Farbe, nach der ich schon ewig gesucht habe: ein pinkes, nicht allzu lautes Rot. Eine wirklich schöne Sommerfarbe und ein angenehm cremiger Lippenstift. (Zweites Foto, zweiter von links)

Dior Addict Extreme - Riviera
Weniger knallig als er aussieht: die Farbe ist leicht transparent und gibt genau das bisschen Farbe, mit dem ich mich frisch und nicht angemalt fühle. Der Name "Riviera" beschreibt es schon ganz gut: ein Lippenstift, der nach Urlaub und Leichtsinn aussieht. (Zweites Foto, zweiter von rechts)

Clarins Rouge Prodige - Tea Rose
Eine Farbe, auf die ich nie gekommen wäre, wenn meine große Schwester beim Rumbummeln nicht zielsicher auf diesen Lippenstift gezeigt hätte: ein rosiger Ton, sehr deckend, aber nicht vorlaut. Einer für jeden Tag, aber auch für ein Date. Hält erstaunlich lange und riecht herrlich. Mein Lieblingslippenstift. (Zweites Foto, ganz rechts).

ApoManum - Lippenbalsam
Diesen Lippenbalsam habe ich bei meinem letzten Abstecher zu MDC Cosmetic eigentlich vor allem gekauft, weil er so hübsch aussah (ich weiß, ich weiß). Mittlerweile schleppe ich das kleine Döschen überall mit hin und werde bald Nachschub kaufen, weil er sensationell weiche Lippen macht (vor allem, wenn man ihn über Nacht einwirken lässt). Am Anfang muss man sich ein bisschen an die feste Konsistenz gewöhnen und daran, dass man ihn ordentlich einarbeiten muss, dann ist man süchtig nach dem Balsam mit Bienenwachs. (Übrigens auch ein tolles Mitbringsel für eine Freundin, finde ich).

Jetzt bin ich neugierig: Welcher Lippenstift ist euer Liebling? (Und wie geht´s euch so?)

NORA-KUCHEN (ZURÜCK IN DIE SPUR)



Eine dieser Wochen. Was haken kann, das hakt. Was schief gehen kann, geht schief. Was hilft:

Rausgehen. An die Luft. Weg vom Schreibtisch. Ein Riesenspaziergang.
Rote Lippen.
Früh ins Bett mit einer Fernsehserie (tausend Dank für all eure Tipps, wie toll... ich starte jetzt mal mit "Game of Thrones").
Frische Blumen. Pinke Pfingstrosen. Maiglöckchen.
Blaubeeren. Und Chips. Und Mango-Eis.
In die Buchhandlung gehen (manchmal schon für den Geruch von frischen Büchern).
Musik, sehr laut. Oft Klassik (wenn ich mich sehr dramatisch fühle). Oft Jan Delay (wenn ich mich nicht mehr dramatisch fühlen möchte).
Vorfreude. Ein Plan, etwas zum drauf freuen und das Wissen: Auch nur eine Woche, die vorbei geht. Es gibt Schlimmeres. Doch, wirklich.
Lesen.
Schlafen.
Backen.

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch Kuchen. Dieses Rezept habe ich vor ein paar Tagen von meiner Freundin Nora geschenkt bekommen, die letztes Wochenende, pünktlich zu Marlenes Geburtstag, zu Besuch in Berlin war. Und den weltbesten Geburtstagskuchen gebacken hat: mit Blaubeeren und Erdbeeren, mit einer leckeren Creme, sensationell fluffigem Biskuit-Teig und einer Winzigkeit Kokos. Ein richtig schöner Sommer- und hervorragender Alles-nicht-so-wild-Kuchen. Hier ist das Rezept:

NORA-KUCHEN

ZUTATEN (FÜR DEN BISKUIT-TEIG)
5 Eier
130g Zucker
1/2 Päckchen Vanillezucker
80g Mehl
45g Speisestärke
1/2 Päckchen Backpulver

Den Backofen auf 175 Grad (Ober/ Unterhitze) vorheizen. Die Eier trennen und das Eiweiß mit einem Drittel des Zuckers steif schlagen. Das Eigelb mit ca. 3 EL heißem Wasser anrühren, den Zucker und den Vanillezucker zugeben und so lange rühren, bis die Masse heller geworden ist. Das Eiweiß vorsichtig darunter heben. Das Mehl mit der Speisestärke und dem Backpulver vermischen und nach und nach über die Masse sieben und vorsichtig unterheben. In eine eingefettete Springform (Durchmesser: 26 cm) füllen und etwa 15 Minuten backen. Dann abkühlen lassen. Das ist wichtig: erst dann schneiden, sonst kann der Teig zerfallen.

ZUTATEN (FÜR DIE BUTTERCREME UND DEN BELAG) (nach einem Rezept von hier)
115g weiche Butter
150g Puderzucker
225g Frischkäse
Frisch geriebene Zitronenschale
Erdbeeren
Blaubeeren

Die Butter mit dem Puderzucker schaumig schlagen (das dauert ein bisschen, erst sieht es sehr krümelig aus, aber das wird, nicht wundern). Den Frischkäse einrühren (nur so lange wie unbedingt nötig). Nach Geschmack frisch geriebene Zitronenschale dazu geben. Etwa ein Drittel der Masse mit 4-5 klein geschnittenen Erdbeeren vermischen (es können natürlich auch andere Beeren sein). Beide Cremes in den Kühlschrank stellen.

Der abgekühlte Biskuit kann jetzt in zwei Teile geschnitten werden (mit einem Messer oder einem Faden, der durchgezogen wird). Den Boden mit der Erdbeer-Creme bestreichen, die zweite Hälfte als Deckel darauf setzen und mit Buttercreme bestreichen. Am Ende mit Kokosraspeln bestreuen und mit Blaubeeren und Erdbeeren belegen (auch da gehen natürlich andere Beeren).

Habt ein schönes Wochenende!

NICHT VON DIESER WELT




Einfach nur so, weil ich dieses Video mag und weil es mich rührt: Der kanadische Astronaut Chris Hadfield und seine Version von "Space Oddity". (Hier ist sein Twitter-Account mit unfassbaren Bildern, hier sind seine Bilder auf Facebook und hier ein kurzer und ein längerer Artikel im Guardian). Kommt gut in die Woche!

(FAST) ZWEIEINHALB JAHRE


Liebe Fanny,

gestern haben wir wieder einen Strich an den Türrahmen in Deinem Kinderzimmer gemacht. Die Abstände zwischen den Strichen werden jetzt etwas kleiner als noch vor einem Jahr, trotzdem ist es schwer zu glauben: Du bist 94 Zentimeter groß (Dein Bär, den Du „Bär“ nennst, und auch unbedingt messen wolltest, 26 Zentimeter, mit der Windel, die Du ihm dann ungebunden hast, knapp 27 Zentimeter). Es sind bloß Zahlen, aber sie scheinen zu beweisen, was wir ohnehin gerade fühlen: Du bist groß geworden, Fännchen. So groß. 

Du machst keinen Mittagsschlaf mehr. Du verkleidest Dich als Prinzessin wie die großen Mädchen im Kindergarten. Wenn man Dich fragt, ob Du eine Prinzessin bist, antwortest Du allerdings: Nein, eine Fanny. Du liebst Mickey Maus-Pflaster und klebst sie Dir auf alle Finger, wenn wir eine Minute nicht hingucken, der Trick, sie in die oberste Schublade zu legen funktioniert nicht mehr, Du schiebst Dir einfach einen Stuhl davor und machst sie auf. Du willst, dass ich Dir die Fingernägel lackiere, weil meine Fingernägel auch lackiert sind, und wenn ich Dir die Nägel angemalt habe, bestehst Du darauf, auch meine Nägel zu lackieren, genau, wie ich es bei Dir gemacht habe, nicht wackeln, sagst Du. Es ist eine Riesensauerei, es ist herrlich, Du malst immer meine Finger und Hände an. Du liebst es, Dich zu verstecken, hinter der Tür, unter der Decke, in Deiner Höhle, Mama, hast Du Fanny gesehen? fragst du dann, und freust dich so sehr, dass das Lachen aus Dir herausbricht wie die Kirschblüten draußen, Fanny weg!, sagst Du dann und lachst noch mehr, bis Du es nicht mehr aushälst und Daaaaaa rufst, um gleich wieder von vorne zu beginnen. Wenn ich koche, schiebst Du Dir den weißen Hocker zu mir und kochst mit, Du wiegst den Zucker und das Mehl für meinen Kuchen, du rührst die Eier für den French Toast, vorhin hast Du Dir den Hocker sehr ernsthaft zur Kaffeemaschine geschoben und erzählt, dass Du jetzt Kaffee kochst, weil Du müde bist (noch so etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss, Fanny: Dir entgeht nichts, absolut gar nichts, kein Wort, kein Schimpfwort, keine Geste, Du machst, sprichst, gestikulierst alles nach). Am Samstag hast Du auf dem Markt eine Tulpe geschenkt bekommen, Du warst so aufgeregt, dass wir zu Hause noch in der Jacke eine Vase für Deine rote Tulpe holen mussten. Wir haben die rote Tulpe dann ans Fenster in Deinem Zimmer gestellt, damit sie viel Licht bekommt, Du sagst ihr jeden Morgen Hallo. Du liebst es, uns von Deinem Fahrradsitz aus anzuschieben, „Achtung, fertig, los“ rufst Du dann und drückst Deine Hände in meinen Rücken, ich sage „Schau doch nur, wie schnell wir sind“ und Du gluckst Dein Glucksen. Du schummelst beim Obstgarten-Spielen, Fännchen, jedes Mal. Bevor wir einkaufen gehen, schreibst Du jetzt Deinen eigenen Einkaufszettel, wenn wir fragen, was Du aufgeschrieben hast, zeigst Du auf Deine Linien: „Drei Milch, ein Bechlomm (Luftballon), Tomatensoße, Schokolade, Pizza, Eierspiegel, Schokolade, Joghurt.“ Seit ich Dir aus der Drogerie mal ein gelbes Dreckspatz-Bad mitgebracht habe, möchtest Du, dass wir jeden Abend das Badewasser färben, ach Fanny, sage ich, es ist doch schon Schlafenszeit, Mamaaa, Dreckspatzbad sagst Du, und heute grün. Vor ein paar Tagen hast Du auf die Frage, wonach Dein Lolli schmeckt "nach Mama" geantwortet. Es war ein Erdbeer-Lolli.

Vorm Einschlafen singen wir zusammen dieses kleine Lied, das ich mir für Dich ausgedacht habe, zur Melodie von „Guten Abend, gute Nacht“, erst war es nur ein Spaß, aber Du liebst dieses Lied (und ich liebe es, dieses Lied mit Dir zu singen, immer nur die ersten beiden Zeilen, dann singst Du weiter):

Guten Abend, gute Nacht, 
wer soll denn jetzt schlafen?
Das ist Fanny, Fannylein,
soll jetzt ganz schnell ins Bett.
Mach die Äuglein schnell zu
und träum dann ganz toll
mach die Äuglein schnell zu
und schlaf dann ganz schön.

Bevor ich Dich ins Bett singen darf, müssen wir allerdings erst alle Kindergartenkinder, alle Erzieher, Omi und Opi, Tante Lene und Onkel Aiko, alle Kuscheltiere und manchmal, wenn Du so überhaupt gar nicht schlafen willst, auch die Decke, Deine Füße und Deine Nase ins Bett singen, das ist Nase, Naselein, soll jetzt ganz schnell ins Bett. Mit den Zentimetern sind Dir auch ganz neue Gefühle gewachsen. Du kannst Dich über die kleinsten Dinge fürchterlich erschrecken (Fanny schreckt!) und Du kannst fürchterlich sauer sein („Fanny sauer.“ „Aber warum bist du denn sauer, Fanny?“. „Weil Fanny sauer“.) Dann verschränkst Du die Arme vor der Brust und ziehst eine Stummfilmschnute, ich bemühe mich sehr, Dich in solchen Momenten nicht anzugrinsen oder gar abzuküssen, Du siehst so entzückend aus, wenn Du so sauer bist. Mehr als alles andere kannst Du Dich aber fürchterlich freuen, Du freust Dich immer noch so sehr über die Welt, wie Du Dich als Baby gefreut hast, wenn Du vor Lachen umgefallen bist, eine Tulpe!, ein Luftbechlomm!, guck, Mama, die SONNE SCHEINT!, Eierspiegel zum Abendbrot!, der blühende Kirschbaum auf dem Nachhauseweg, so pink!. Wenn ich mich später an diese Zeit erinnern werde, dann werde ich mich immer an dieses Glucksen erinnern, an diese Momente ungefilterten Glücks, an all die Sätze mit Ausrufezeichen. (Und was Du mir damit alles zeigst, und wir Du mir die Augen öffnest, für den Moment, die kleinsten Kleinigkeiten, Fanny, Du hast ja keine Ahnung). 

Und dann, nicht mehr so oft, bist Du wieder ganz winzig klein, ein warmes Knäuel. Du hast dieses herrliche Talent, Dich völlig fallen lassen zu können, Dich in den Arm von Deinem Papa zu drehen oder in meinen, Dich anzuschmiegen und reinzuwühlen, wenn Du müde und verkuschelt bist. Oft, fast immer bleibe ich noch neben Dir liegen, wenn Du eingeschlafen bist, ich liege da und weiß, ich müsste endlich aufstehen und erledigen, was noch zu erledigen ist, und bleibe doch liegen wie manchmal morgens, wenn der Wecker klingelt, noch fünf Minuten, nur noch fünf, ach, jetzt aber wirklich nur noch fünf, ich mag mich einfach nicht entknoten. Manchmal flüstere ich Dir Worte ins Ohr, Worte, die ich direkt in Dein schlafendes Herz spreche, damit Du es später auch noch im Schlaf weißt, und wenn Du aufwachst: Du bist wunderbar. Ich lieb Dich bis zum Himmel und wieder zurück, sehr und für immer.

Deine Mama

SCHOKOLADEN-BROWNIES (UND DAS LEBEN)


Eigentlich wollte ich etwas über die Wiederentdeckung meiner Lieblings-Brownies schreiben, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit handelt von dieser Woche, die mich erst auf diese Brownies gebracht hat.

Eigentlich war diese Woche nicht weiter dramatisch, eine anstrengende Woche, wie es viele gibt, so ist der Alltag manchmal, oft. Und trotzdem fühlte ich mich gestern schrecklich alle. Nicht mal nur von der Woche. Von der Erkältung. Den tausend schon viel zu lange aufgeschobenen Kleinigkeiten. Dem Gerüst vorm Fenster, das dort für die nächsten vier Monate steht (kaum ist es hell, ist es auch schon wieder dunkel) oder den kurzen, aber sehr beeindruckenden Schlagbohrer-Einsätzen. Auch nicht von den Gefühlen des Kindes, die es gerade nur noch in Fortissimo gibt - ihre Freude ist die größte Freude, ein Tanz, ein Hüpfen, ein Glucksen, eine in die Arme gerannte Umarmung, ein schmatzender Kuss, und ihr Sauersein ein tränenreiches Drama, ein Drama, wenn der Puppenwagen umfällt, ein Drama, wenn es keine Eierspiegel zum Abendbrot gibt, ein Drama, wenn sie die Gummistiefel nicht anziehen kann, weil ich die Gummistiefel im Kindergarten vergessen habe, DRAAMAAA, manchmal hat es sich ungefähr so angefühlt. Irgendwie war ich sauer auf mich. Weil ich es so selten sein lassen kann (obwohl ich es mir so oft vornehme). Weil ich dann auch noch die Wohnung putze und den Schrank vom Kind ausmiste und Emails beantworte, statt einfach mal zu schlafen. Oder herumzusumpfen. Als müsste ich mir meine Entspannung immer erst verdienen.

Dann habe ich auf der Suche nach meinem Lieblingsrezept für Fußball-Nudeln (die Fußball-Nudeln heißen, weil wir sie oft zum Fußballgucken essen), ein ganz anderes Lieblingsrezept entdeckt, und beschlossen, es SOFORT zu backen. Wie konnte ich dieses Rezept nur vergessen? Die Schokoladen-Brownies aus Jamie Olivers "Besser kochen" waren in der Zeit nach Fannys Geburt mein liebstes Rezept. Ich nannte sie damals "Müde-Brownies", weil ich sie immer gemacht habe, wenn ich vor Müdigkeit umfallen wollte. Diese Brownies sind die schokoladigsten Schokoladen-Brownies, die mir je untergekommen sind, ein Biss von diesem Brownie, noch warm, an den Fingern klebend, und alles ist nicht mehr ganz so dramatisch. Gestern Abend habe ich sie wiedergebacken, ohne getrocknete Sauerkirschen und ohne gehackte Nüsse wie im Rezept verlangt, weil ich die gerade nicht da hatte, dafür mit Kirschen aus dem Glas, die den Teig aber eigentlich nur besser machen. Man braucht dafür:

MÜDE-BROWNIES (nach Jamie Oliver)
250g Butter
200g Bitterschokolade (mindestens 70% Kakaoanteil, in Stücke gebrochen)
80g Kakaopulver, gesiebt
65g Mehl, gesiebt
1 TL Backpulver
350g extrafeiner Zucker
4 große Bio-Eier
150g abgetropfte Sauerkirschen aus dem Glas

Den Ofen auf 180°C vorheizen. Eine rechteckige Backform von ca. 30 cm Größe mit Backpapier auskleiden. Die Butter und die Schokolade in eine große hitzebeständige Schüssel geben, auf einen Topf mit siedendem Wasser setzen und schmelzen lassen. Die Mischung glatt rühren. In einer zweiten Schüssel das Kakaopulver mit dem Mehl, Backpulver und Zucker mischen und anschließend sorgfältig unter die Schokomasse ziehen. Die Eier verschlagen und gründlich unterrühren. Dann die Kirschen dazu geben und vorsichtig umrühren.

Den Teig in die vorbereitete Form füllen und für etwa 25 Minuten backen. Der Kuchen soll sich noch elastisch anfühlen, wenn man ihn leicht andrückt, und in der Mitte noch etwas feucht und klebrig sein. Den Kuchen abkühlen lassen, aus der Form lösen und in Stücke schneiden.

Vielleicht habt ihr ja auch Lust auf Brownies, auf einen Mund voll Schokolade? Ich mache nächste Woche eine Pause vom Bloggen. Vielleicht gehe ich ins Kino und schaue mir "Take This Waltz" an. Vielleicht lese ich das neue Buch von J.R. Moehringer "Knapp am Herz vorbei" (ich habe "Tender Bar" so sehr gemocht). Vielleicht mache ich auch nichts von all dem, mal sehen, das wird sich schon finden. Es wird jedenfalls eine langsame Woche und ich freue mich drauf. Habt ein schönes Wochenende!
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