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17 FRAGEN AN 2017 (UND WIE DAS JAHR FÜR MICH WAR)


2017 war das Jahr, in dem ich öfter als je zuvor das Gefühl hatte, dass alles gut ist. 2017 war das Jahr, in dem ich in mein Frühstücksmüsli geheult habe, weil ich so verdammt alle war und mich gefragt habe, ob ich je mal wieder nicht alle sein würde und weitergeheult habe, obwohl ich die Antwort darauf kannte. 2017 war das Jahr, in dem ein zweites kleines Mädchen angefangen hat, mich Mama zu nennen, naja, eher Mammam. Und jedes Mal, wenn sie es sagt, stolpert kurz mein Herz, selbst wenn sie gerade fürchterlich wütend ist und das Mammam ziemlich laut schreit, weil sie mein Handy nicht haben darf. 2017 war das Jahr, in dem die Sonntage nach Gulasch und Schnitzel geduftet haben. 2017 war das Jahr, in dem wir am Sonntagmorgen den Plattenspieler angemacht haben, und jeder durfte mal aussuchen, nur Fanny immer zweimal. 2017 war das Jahr, in dem ich mit Hedi im Tragetuch durch Paris und Amsterdam spaziert bin. 2017 war das Jahr, in dem ich mich nicht gefragt habe, ob ich eine gute Mutter bin. 2017 war das Jahr, in dem ich angefangen habe, zusammen mit Fanny Cellounterricht zu nehmen. Ich bin nicht oft zum Üben gekommen, eigentlich nie, aber Himmel, macht mich das froh. Auch diese Sonntagmorgende mit ihr, nur wir beide, zwei Celli und eine lange Busfahrt. Wie mutig und liebevoll und unschüchtern und zart sie ist. Wie sehr sie mich ihre Liebe spüren lässt. 2017 war das Jahr, in dem wir manchmal, wenn die Kinder endlich geschlafen haben und wir eigentlich auch nur noch schlafen wollten, angefangen haben, in die Dunkelheit hinein zu reden und dann immer weiter geredet haben über nichts und alles und die beiden und uns. 2017 war das Jahr, in dem ich „meine Töchter” gesagt habe, wahnsinnig oft und nie ohne Staunen. 2017 war das Jahr, in dem ich gemerkt habe, dass ich mehr Kraft habe, als ich dachte – aber meine Kraft nicht unbegrenzt ist. 2017 war das Jahr, das ein paar Mal ganz schön weh getan hat, die Frage, was genau so weh getan hat, aber zu interessanten Antworten geführt hat. 2017 war das Jahr, in dem wir in eine neue Wohnung gezogen sind, die sich erstaunlich schnell wie eine alte angefühlt hat. 2017 war das Jahr der gestohlenen Momente. Ein Essengehen mit Fanny, nur wir beide. Ein Weihnachtsmorgenbummel, ganz alleine. 2017 war das Jahr, in dem ich mich manchmal danach gesehnt habe, mal kurz alleine zu sein. Um mich sofort daran zu erinnern, wie oft ich mir früher gewünscht habe, nicht mehr so alleine zu sein. 2017 war das Jahr, in dem ich manchmal wach wurde, weil ein kleines Mädchen neben mir saß und mich angrinste, um vier Uhr morgens, und sich dann in mich hineindrehte, als wären wir noch immer ein Körper. 2017 war das Jahr der Müdigkeit. 2017 war das Jahr, in dem mein Buch endlich fertig geworden ist. 2017 war das Jahr, in dem ich unser Wohnzimmer dunkelblau gestrichen habe. 2017 war das Jahr der „Geh bitte nicht vorbei”-Momente. Und viele hatten mit Fanny und Hedi und ihrem Schwesternsein zu tun – sie in ihrem Arm, ihr Milch gebend, Hedis Glücksgurren, wenn sie morgens ihre Schwester sieht oder nachmittags, wenn wir sie von der Schule abholen, die beiden in der Küche tanzend. Überhaupt: Küchentanzen. Überhaupt: ihnen zuzusehen beim Siesein. 2017 war das Jahr, in dem ich gelernt habe, dass es okay ist, um Hilfe und Rat zu bitten, und dass einen das nicht schwächer macht. 2017 war das Jahr, in dem ich meine erste richtig gute Braten-Soße gekocht habe. 2017 war das Jahr, in dem ich angefangen habe, deutlichere Grenzen für mich zu ziehen. 2017 war das Jahr, in dem Hedi ihre ersten Schritte gegangen ist. 2017 war das Jahr, in dem ich zu oft die Geduld verloren habe. 2017 war das Jahr, das mich ganz dankbar zurücklässt. So dankbar für das alles.

Und jetzt hänge ich die Glitzer-2018 über den Küchentisch und schreibe all das, was ruhig in 2017 bleiben darf, auf einen Zettel und zünde ihn an, obwohl das albern ist, und dann schreibe ich mit einer Wunderkerze einen Wunsch in die Luft, weil ich auch daran glaube. Später, wenn alle schlafen, setze ich mich an den Küchentisch, futtere den letzten Berliner und überlege mir die Antworten auf ein paar Fragen, die ich mir ausgedacht habe, weil mir das hilft, noch einmal alles zu sortieren und zu entknoten, das Wichtige vom weniger Wichtigen zu trennen und vorfreudig zu werden. Falls es euch auch so geht – hier sind 17 Fragen an 2017. Kommt gut ins neue Jahr. Ich hoffe, es bringt euch viel Gutes.

Alles Liebe für euch. Und: nochmal danke für das alles hier.


EINER WIE KEINER – ÜBER EINEN GANZ BESONDEREN BÄREN


Salut heißt er, weil er aus Paris kommt. Wir waren einkaufen, landeten in einem Laden auf der Champs-Élysées, dort war er gestrandet, in einem Korb voller Kuschelbären. Er hätte dort vielleicht noch lange gelegen, hätte Fanny ihn nicht entdeckt. Mama, sagte sie, mit dieser Stimme, der man so schwer etwas abschlagen kann, nur dass sie an diesem Tag noch ein wenig dringlicher war als sonst. Es war Liebe auf den ersten Blick. 

Das ist jetzt drei Jahre her. Fanny ist in diesen drei Jahren ein Schulkind geworden, sie kann Fahrrad fahren, den Gummibären-Song singen, kleine Zettel schreiben, die einem das Herz umdrehen, schweinebaumeln und auf Inlinern herumflitzen. Lauter Dinge, die sie vor drei Jahren noch nicht konnte. Ihre Liebe zu Salut ist aber immer noch so glühend wie in dem Augenblick, als die beiden einander gefunden haben. Wenn sie malt, sitzt er auf dem Tisch und schaut ihr beim Malen zu. Wenn sie in ihrem Bett liegt und liest, wenn sie einschläft, aufwacht, ist er dabei, und manchmal, wenn sie doch vergessen hat, ihn mit ins Bett zu nehmen, erschrickt sie sich ganz fürchterlich, Salut, sagt sie dann, ich brauche noch Salut. Er war mit in Paris, Amsterdam und Stockholm und auf jedem Spielplatz in der Umgebung. Er war auch dabei, als sie zum Arzt musste, vor ihrem Besuch wurde er ausführlich untersucht und behandelt, damit es ihr ein wenig leichter fiel. Manchmal trägt sie ihn in einem Tragetuch, wie ich jetzt gerade immer Hedi trage. Er trägt Mützen und Schals gegen die Winterkälte, manchmal auch einen Badeanzug, den er sich von Fannys Puppe Lotte leiht, und Pflaster, wenn er sich weh getan hat (manchmal auch, wenn er sich nicht wehgetan hat). An einigen Stellen ist sein Fell schon ganz platt gekuschelt. Offiziell ist er drei Jahre alt, Geburtstag hat er aber ungefähr einmal im Monat, dann singen wir für ihn und werfen ihn in die Luft und er darf aus dem Honigglas so viel naschen wie er will. Früher durfte er manchmal auch weiße Bohnen essen, die isst er nämlich besonders gerne, aber seit er sich eines Abends zum Mond gepupst hat und von dort nicht wieder herunter wusste, gibt es nur noch Honig und manchmal ein Stückchen Brot für ihn. 

In den Geschichten, die sie sich zum Einschlafen erzählen lässt und in denen sie sich aussuchen kann, wer in ihnen vorkommt, gehört Salut zur Stammbesetzung. Eine Zeitlang hielt er es vor Langeweile in seinem Wald nicht mehr aus, zu wenig Gesellschaft, zu wenig Abwechslung, zu wenig Honigsorten. Also machte er sich auf den Weg in die Stadt, aber die Menschen liefen davon, weil sie Angst vor Bären haben, bis eines Tages ein Mädchen namens Fanny vor ihm stand und ihn fragte, ob sie ihm helfen könne. Am Ende zog er bei ihr ein und sie machte ihm Honigbrot, eine Honigwaffel und Honigeis, gegen den schlimmen Hunger. Ein paar Wochen lang war er dabei, als es darum ging, dem Buchstabendieb den Buchstaben wieder abzujagen, den er geklaut hatte. Fanny hatte er ihr F gestohlen, deswegen nannten alle sie nur noch Anny. Walter, dem Wal, sein W, und Alter wollte er nun wirklich nicht genannt werden. Salut war ein besonders guter Buchstabenfinder, denn er hatte einen Trick: Alle zusammen legen sie sich in ein Bett, jeder bekommt einen Löffel Honig, nur Salut kriegt zwei, dann halten alle einander an den Hände, Pfoten, Tatzen, Flossen und schlafen ein. So landen sie im selben Traum, statt jeder in seinem eigenen, und in diesem Traum finden sie die verlorenen Buchstaben wieder – in einem Vulkankrater, auf einem Schiff, im Dschungel. Wenn sich keiner traute, nach den Buchstaben zu greifen, traute sich Salut. Er holte tief Luft und tauchte auf den Meeresboden, um das F wieder heraufzuholen. Er pustete es sogar trocken, bevor er es Anny zurückgab. Alters W versteckte sich hinter einer Kokosnuss auf einer sehr hohen Palme. Er kletterte hinauf und holte es zurück, obwohl er Kokosnüsse nicht leiden kann. So einer ist er. Jederzeit bereit für ein Abenteuer. Ein guter Freund. Loyal. Geduldig. Freundlich. Und immer honighungrig. 

Er ist da, einer von uns, wir sind jetzt nicht mehr vier, sondern fünf, denn schon längst lebt er auch für uns – es ist eine Lektion, die wir durch Fanny begriffen haben: Wer geliebt wird, hat eine Seele, Empfindungen, Gefühle, wie alle anderen Lebewesen auch. So ist das mit uns fünf.

Dieses Foto, das ich so mag, hat Simone Hawlisch gemacht, der ihr wahrscheinlich schon lange auf Instagram folgt, dort heißt sie fraueleinsonntag

IM LA LA LAND



Mädchen lernt Jungen kennen. Mädchen und Junge verlieben sich, lieben einander wie verrückt, dann kommen ihnen ihre Träume dazwischen. Der Junge ist Jazz-Pianist und will seinen eigenen Jazz-Club aufmachen. Das Mädchen ist Schauspielerin und will endlich richtig spielen dürfen, statt auch beim 103. Casting unterbrochen zu werden, weil eine andere hübscher ist oder der Mensch auf der anderen Seite des Tisches gerade Hunger auf ein Sandwich hat. Beide bekommen ihre Chance, was allerdings zu Verwicklungen und Fragen führt: Was ist wichtiger – die große Liebe oder sich selbst zu verwirklichen? Wieso soll eigentlich nicht beides gehen? Und wieviel Kompromisse vertragen die Liebe, ein Leben als Künstler und die eigene Vorstellung vom richtigen Leben? Nein, das ist trotzdem kein schwerer Film. La La Land tanzt. Verrückt, wenn einem zwischendurch auffällt, wovon er erzählt. Und wie nah einem die Fragen kommen, die er stellt, sobald man anfängt, über sie nachzudenken. So nah, dass man heult, noch während man lacht. Weil dieser Film mitten im Fröhlichsein unendlich traurig ist und seine Traurigkeit so unwiderstehlich schön. Weil er voll von Sonnenuntergängen und Stepptänzen und Leuchtsternen ist. Weil er einen summen lässt, noch am nächsten Morgen. Weil er die Liebe so liebt. Weil er es einem nicht schwer macht und sich selbst nicht leicht. Weil er glitzert. Weil er sich verhakt, irgendwo tief drinnen, an einem Ort, von dem man bis eben nicht mal wusste, dass es ihn gibt. 

VIER


Vier.
Vier.
Vier.
Vier.
Ich kann es noch viermal sagen, aber glauben kann ich es trotzdem nicht. Jetzt ist sie wirklich vier. Nicht mehr klein, noch nicht so richtig groß. Ein kleines Mädchen, das auf den Arm will, getragen werden, ihre kalten Hände unter meinen dicken Schal schieben will. Ein kleines Mädchen, das aus einem gemeinen Traum aufwacht und untröstlich ist, bis es wieder tröstlich ist. Ein kleines Mädchen, das sauer wird, wenn es die Knöpfe der Jacke nicht zubekommt, die blödenblöden Knöpfe der blödenblöden Jacke, die sie nienie wieder anziehen will. Ein kleines Mädchen, das seine kalten Füße zwischen meine Beine schiebt und nicht einschlafen kann, noch eine Geschichte hören will und das Einschlaflied, das wir schon so lange nicht mehr gesungen haben, "Guten Abend, gute Nacht, wer soll denn jetzt schlafen, das ist Fanny, Fannylein...", und dann soll auch der Schweinsbär schlafen, "Schwei-heins-bär", und ihr "Fu-hu-huß" und die Wand und die Tür und die Lampe, und sie muss so lachen, dass sie schon wieder hellwach ist, also singe ich "Twinkle, twinkle little star", das Lied, mit dem ich sie als Baby immer müde gesungen habe, und sie singt mit und schläft auf keinen Fall. Dann ist sie plötzlich groß. So groß, dass sie jedes Mal lächelt, wenn ich sie groß nenne, dann zeigt sie die vier Finger, die sie jetzt alt ist, und nächstes Jahr: fünf, eine ganze Hand alt, und dann, sagt sie, kommt sie fast in die Schule (ein Gedanke, der mir noch unendlich fern scheint). Sie will alles alleine machen, ich darf ihr nicht helfen, und wenn ich ihr helfe, dann helfe ich falsch. Sie will, dass ich ein Tuch über den Eingangsschlitz des Geburtstagszeltes lege, Tür zu, es ist ja ihr Zelt. Sie will nicht mehr Flöckchen genannt werden, bloß noch Fanny. Sie rennt los, schiebt den Hocker an den Kühlschrank, holt sich das Kühlpad, das ich ihr immer auf ihre Beulen lege, holt ein Handtuch, wickelt es ein, legt es auf mein Knie, das ich mir verdreht habe, pustet, streichelt meinen Kopf, mit einer Emsigkeit und Zärtlichkeit, die mich ganz weich macht.

Ich habe mir das manchmal vorgestellt, als sie noch ein Baby war. Wie sie riesengroß ist. Wie wir zusammen Kakao trinken gehen, zusammen Kuchen backen, zusammen lesen (das ist ein merkwürdiger Gedanke, aber gemeinsam mit jemandem in einem Raum zu sitzen oder herumzuliegen und zusammen zu lesen, finde ich unheimlich schön). Gedanken wie eine Karamellbonbonwerbung. Und die Realität ist trotzdem schöner, weil das Glück mit ihr ein so direktes, unkitschiges, lustiges Glück ist. Mit ihr durch den Kiez zu spazieren, und sie nimmt irgendwann meine Hand. Mit ihr einen Schritt zurückzugehen an der großen Straße, weil sie das in der Kita immer so machen, denn die große Straße, die ist voll gefährlich. Mit ihr das allererste Halloween-Kostüm zu basteln, ein Handtuch mit Löchern und einem Mund, das dann ein Gespenst ist, gefährlich und gruselig, bis ich schreiend wegrenne und sie mir hinterher, "aber Mama, das bin doch nur ich, brauchst doch keine Angst zu haben, nur ein bisschen". Mit ihr ins Café zu gehen, und sie stellt sich auf die Stange, die ein paar Zentimeter über der Erde angebracht ist, sie guckt schon einen Kopf weit über die Theke, und sie bestellt sich einen Kakao mit Strohhalm, und rührt dann ihr Kakaoschaumherz weg und meine Kakaoschaumblume und erzählt mir aus ihrem Fannyleben. Sagt, dass sie von einem roten Glitzerpferd geträumt hat, das Lulu hieß, wie gerade alle Tiere Lulu heißen, weil sie die Haustauschkatze in New York so mochte, die Lulu hieß. Sagt, dass sie auf dem roten Glitzerpferd von der Kita nach Hause geritten ist. Sagt, dass sie so ein rotes Glitzerpferd gerne zu Weihnachten hätte und es ja im Wohnzimmer wohnen könne mit dem Sofa als Bett. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass sie mal ein Renner werden will, wenn sie groß ist, jemand, der ganz schnell rennt. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass Papaland ihr Lieblingsland ist. Manchmal springt sie an mir hoch und drückt mir Küsse überall aufs Gesicht, noch einen und noch einen, und ich sage: "Womit habe ich das denn verdient?" und sie versteht die Frage gar nicht. Manchmal kriege ich keine Küsse, weil die Küsse alle noch schlafen oder gerade in der Kita sind. Vor einem Jahr hatten die Dinge noch nicht so viele Worte, die Gefühle auch nicht. Jetzt sagt sie, was sie denkt, was sie ärgert, was sie glücklich macht, was sie essen will, wovon sie geträumt hat, worüber sie traurig ist, in all diesen Worten, die sie sich hoffentlich nie abgewöhnt, Eierspiegel, Schuhfaden, Flitzschuhe, Rollsocken, Superfrau, Blödwurst.

Manchmal bin ich so alle gerade. Manchmal kriege ich so wenig auf die Reihe, was ich auf die Reihe kriegen müsste, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich scheine doch nie hinterher zu kommen, und dann ist es schon wieder Nachmittag und ich hole sie aus der Kita, hetze los und meine schlechte Laune hinterher, und dann steht sie da und strahlt und nimmt mich an die Hand, obwohl ich mir noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen habe, "Mamaaa, komm mit, ich muss dir was zeigen, wir haben Kreide gemacht, meine ist ROT!" So ist das gerade oft. Ich will viel und schaffe wenig. Ich bin gereizt, weil ich müde bin und das Anziehen vor der Kita eine halbe Stunde dauert, weil sie sich nicht entscheiden kann, welche Socken sie denn ganz alleine anziehen will und die Katzensocken nicht findet, die es am Ende sein sollen. Oder ich erschrecke, weil ich merke, dass mein Kopf ganz woanders ist, bei den Dingen, die mir diese Woche das Herz so schwer gemacht haben, und sie sagt mir schon zum zweiten Mal, dass das auf dem Bild ein Weihnachtsmann mit Schneeflocken ist, mit einer Schlange (die sie sich wünscht, grün, mindestens zwei Arme lang) und einem Feuer, damit der Weihnachtsmann nicht friert. Und dann sitzen wir beim Abendessen und sie isst das Brot mit ihrer Lieblingsmarmelade und freut sich darüber, dass Papa auch noch diesen Mini-Käse eingekauft hat und die Luftballons vom Geburtstag noch hängen, und ich weiß: Wenn ich in zehn Jahren zurückschaue (merkwürdig, dieses plötzliche Nachdenken über die Zeit, über die Jahre, die vergehen, das kam auch erst mit dem Muttersein), dann werde ich genau an diese Momente denken: die Marmeladenbrotmomente. Wie sie sich ihre Zebramütze aufsetzt und auf ihrem schon viel zu kleinen Laufrad die Straße herunterrast, bis zur Ecke, und wieder zurück, mit einer Vollbremsung. An die Lümmelsamstagnachmittage, wenn wir "Die Kinder von Bullerbü" gucken, und sie laut aufschreit, als Lasse beim Schlittschuhlaufen in ein Wasserloch fällt, obwohl wir uns diesen Film schon oft angesehen haben, und sie jedes Mal vorher sagt: "Pass auf, gleich fällt er ins Loch" (war das wirklich Lasse? Ich vergesse immer seinen Namen). Ich werde daran denken, wie sie jeden Sonntag mit ihrem Papa in der Küche steht und Sonntagsschnitzel klopft, und ich darf nicht mitklopfen, weil das ihr Schnitzelding ist. Ich werde an ihren Bockigblick denken, daran wie sie guckt, wenn sie so richtig sauer ist, wie neulich, als es so blödblödblöd von mir war, dass ich die Tiere auf dem Sofa weggeräumt habe, die da doch geschlafen haben. Ich werde daran denken, wie sie tanzt. Ich werde daran denken, wie sie mir Bücher vorliest, "Es war einmal eine Raupe, die hat sehr viel gegessen. Bonbons und Wurst und noch mehr Wurst, dann hatte sie einen dicken Bauch. Fertig." Ich werde an ihren Enthusiasmus denken, an ihr Talent, sich über die Dinge und das Leben zu freuen, sich in ihrer Freude völlig aufzulösen, das ist, neben so vielen anderen Dinge, so unglaublich schön. Ich werde daran denken, wie ich in der Nacht vor ihrem Geburtstag Luftballons aufgepustet habe, weil sie es so gerne mag, wenn an der Tür eine Luftballonwand hängt, durch die sie rennen kann, und wie ich ihr einen Herzkuchen gebacken habe, weil sie den vor ein paar Tagen im "Berlin mit Kind"-Heft gesehen hatte und so toll fand, ihre Wünsche sind immer sehr präzise, ein Schokoladen-Herzkuchen mit ganz viel bunten Streuseln und mit Happy-Birthday-Kerzen und mit diesen Zuckererdbeeren, die ich dann zwar noch gefunden, aber nicht mehr auf den Kuchen draufbekommen habe, weil ich so viel Teig in die Form gegossen hatte, dass der Herzkuchen eher ein Herz-Mount-Everest geworden ist, und wie ich um Mitternacht wieder Tränen in den Augen hatte, was eine ziemliche Untertreibung ist, und wie ich zu ihrem Bett gegangen bin und sie mitternachtsgeburtstagsgeküsst habe, auf ihre warme Backe, die ich erstmal freilegen musste, weil ihre Haare so lang geworden sind. Wahrscheinlich werde ich auch an diesen Satz denken, den eine tolle Frau mir neulich in einer Email geschrieben hat, ich hab  in den letzten Tagen so oft an diesen Satz gedacht: "Ich bin so sehr ich durch sie." Durch sie und durch ihn. Das bin ich wirklich.

AUGUST 2014: NEW YORK, NEW YORK (PART 1)



1) Zimt-Challah zum Frühstück.
2) Die Frau beim Karussell, die Fanny ihre Tickets entwertete, indem sie auf die Rückseite einen Stern zeichnete, ein Herz und einmal sogar eine Katze.
3) Die Braut auf dem Holzpferd neben uns, die nicht aufhörte zu lächeln. Als sie abstieg, konnte man ihren pinken Hochzeitsschuhe sehen.
4) Und die beiden aufgeregten jungen Frauen, die neben der Karussell einen Tisch aufbauten, darauf ein riesiger Strauß Rosen, davor jede Menge Konfetti und ein Schild: "Will you marry me?".
5) Die Verkäuferin bei Madewell, die mir nicht nur die beste Jeans herausgesucht hat, sondern auch vom Metropolitan Museum erzählte, wo sie ebenfalls arbeitet, ich solle mir doch bitte die Garry Winogrand-Ausstellung ansehen, unbedingt, wirklich – und wie recht sie hatte mit ihrer Empfehlung und ihrer Aufgeregtheit.
6) Lulu, die Katze, mit der wir uns die Wohnung teilten, wenn wir nach Hause kamen, wartete sie schon an der Tür auf uns, obwohl sie sich nie streicheln ließ.
7) Der Zoo im Prospect Park, der für Kinder gemacht ist. Das riesige Spinnennetz, in dem sie eine halbe Stunde Spinne spielte, das Riesenei, aus dem sie schlüpfte, die Weitsprung-Bahn, die neben den eigenen Fußabdrücken zeigte, welches Tier genauso weit springen kann, die Maltische mit den Buntstiftdosen, Robben und Erdmännchen gab es auch.
8) Der Tanz-Fitnesskurs neben dem Kinderspielplatz am Pier 2, bei dem jeder mitmachen konnte, der Lust darauf hatte oder gerade vorbei kam, eine energische Frau tanzte zu irrsinnig lauter Musik ein paar Schritte vor, und hundert New Yorker tanzten es ihr nach – Salsa, glaube ich, ich kenne mich da nicht gut aus, hätte Fanny nicht auf die Schaukel gewollt, ich hätte mitgetanzt, weil man gar nicht nicht mittanzen konnte, wenn man ihnen zusah.
9) Die abendlichen Spaziergänge zu Whole Foods.
10) Ihr Entzücken beim Anblick der Muscheln auf Coney Island. Und wie sie sich dann doch traute, so nahe ans Wasser zu gehen, dass die Wellen ihre Füße umschwappten, und dann gar nicht mehr genug davon bekommen konnte, die Wellen zu jagen.
11) Der Buchladen mit dem riesigen Ledersofa.
12) Die ältere Dame, die so unglaublich schick aussah, dass ich sie anhielt und fragte, woher sie ihre Bluse hatte, die wirklich schönste Streifenbluse, die ich je gesehen habe, aber vielleicht war sie auch nur deshalb so schön, weil diese Frau so schön war, sie ging wie eine Tänzerin. Wir sprachen ein paar Minuten, sie malte mir die Straße und den Laden auf, wo sie die Bluse gefunden hatte, ein paar Tage später kaufte ich sie mir tatsächlich.
13) Dulce de Leche-Donuts.
14) Wie man nach ein paar Tagen die fremde Stadt zur eigenen Stadt macht, unser F-Train, unser Supermarkt, unser Deli, unser Burgerladen.
15) Wie unglaublich freundlich die Menschen waren, wie in jeder U-Bahn sofort jemand aufstand, sobald er mich mit dem Kind sah, wie viele Menschen auf der Straße mit Fanny sprachen, in der Nachbarschaft grüßten, fragten, woher man denn komme, wenn sie merkten, dass man kein Englisch sprach, und die Frauen und Männer in den U-Bahn-Häuschen, denen Fanny immer zuwinken wollte und die jedes Mal zurückwinkten.
16) Das Nebeneinander verschlafener Ruhe, einer Ruhe, die so leise war, dass einem schon das Zischen eines Rasensprenklers im Nachbargarten laut vorkam und hupender, dröhnender, in allen möglichen Sprachen sprechender Lautstärke, nur eine U-Bahnfahrt entfernt.
17) Immer wieder diese Skyline. Man geht die Straße entlang und plötzlich ist da das Empire State Building. Oder das Flatiron Building. Oder das Rockefeller Center.
18) M&Ms mit Erdnussbutter.
19) Die Nettigkeiten, mit denen diese Riesenstadt einen immer wieder überrascht, die Picknickplätze am Pier mit Blick auf die Skyline von Manhattan, die Handy-Ladestationen, der Pop-up-Pool, in dem man im Sommer kostenlos baden kann, die Spielplätze mit den Wassersprinkler-Anlagen – Angebote, die zugleich auch eine Ermutigung sind: Hier kannst du schwimmen lernen, hier kannst picknicken, hier kannst du rumtoben, wenn du möchtest.
20) Im Garten Crocket zu spielen.
21) Und im Baumhaus zu frühstücken.
22) Der Demeter-Parfümstand bei Duane Reade, was für irre Düfte: Dirt, Snow, Sunshine, Baby Powder, Thunderstorm, einige kann man tatsächlich erriechen, wenn man vorher nicht auf das Label schaut, Snow riecht wie Schnee, Gin Tonic macht Durst. Ich entscheide mich für Salt Air und Clean Skin.
23) Der Central Park, der nie weniger faszinierend wird, wir picknicken an der gleichen Stelle wie vor einem Jahr, und vorm Spielplatz sitzt tatsächlich noch die gleiche Frau wie vor einem Jahr, und malt Kindern die Gesichter bunt, Fanny will ein roter Hund sein, sie findet diesen Wunsch kein bisschen seltsam und malt ihr einen roten Hund aufs Gesicht.
24) Die Schönheit der High Lane, selbst wenn es richtig voll und richtig heiß ist.
25) Ziellos zu sein.
26) Die Menschen, die abends auf den Stufen vor ihren Brownstones sitzen, die Zeitung lesen, ein Eis essen, miteinander reden, oder schweigen, grüßen, weiterreden, weiterschweigen.
27) Sich morgens für die Stadt schön zu machen.
28) Die Entdeckung des Bonbonladens.
29) Eis mit kandierten Kürbiskernen.
30) Die allernetteste Nachbarin kennenzulernen.
31) Vor Monets Seerosen zu stehen.
32) Gleich am ersten Abend alle Lieblingsmagazine zu kaufen.
33) Zum ersten Mal über den Smorgasburg-Flea-Food-Market zu gehen.
34) Und dann in diese riesige, dampfende Pizza zu beißen, die Fanny sich mit mir geteilt hat.
35) Das Twister-Spiel der Haustausch-Kinder, wie lange habe ich kein Twister gespielt.
36) Der Spaziergang über die Brooklyn Bridge am letzten Tag.
37) Die Unmöglichkeit, sich von dieser Stadt zu verabschieden.

AUF EIN NEUES


Vorhin habe ich eine Liste angefangen, ich schreibe ja so gerne Listen, Listenschreiben hilft mir beim Nachdenken, beim Jahr zu Ende denken. Dinge, die ich mochte, so hieß die Liste. Und sie war ziemlich lang. Dieser Sommer in New Jersey, vielleicht der schönste Urlaub, den ich je hatte, der friedlichste auf jeden Fall, die kleinen Rituale dieser heißen Sommertage, das Fährefahren und den Fährmann grüßen, das Tret-Karussellfahren und der Cheeseburger danach (ihr Stolz, Ketchup in diese winzigen Pappschälchen zu füllen und Senf für Papa). Die abendlichen Riesen-Picknick-Einkäufe, das Erdnussbuttereis, die Spaziergänge zum Wasser, bloß um wieder und wieder diese Stadt zu sehen, am anderen Ufer. Die Fahrstunden, die ich genommen habe, obwohl mir vor Angst ganz übel war, zur Prüfung ist es nie gekommen, ich musste eine kleine Pause einlegen, aus der eine große wurde, jetzt muss ich wieder von vorne anfangen, aber immerhin, das war ein Anfang. Die Momente mit Fanny (es sind so viele, jeden Tag, erst heute, als sie beim Aufwachen vom Weihnachtsmarkt erzählte, von ihrer ersten Zuckerwatte, der Wolke, die man essen kann). Oder unser erster Kinobesuch letzte Woche. Das Leben mit ihr ist so schön, so neu, jeden Tag. Die Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe. Und die Menschen, die da waren, was für tolle Freunde. Dieses Jahr war oft ein glückliches. Es war auch oft anstrengend, sehr anstrengend, manchmal so anstrengend, dass es mich ganz ratlos gemacht hat. Ein Jahr auch der Sorge und der Abschiede. Ein Jahr, das mir so deutlich gemacht hat, wie wenig selbstverständlich dieses ganze Glück ist, der Alltag, der einen manchmal so mürbe macht. Und jetzt. Geh ich mit dem kleinen Mädchen Knallerbsen werfen. Und Glückskekse knabbern. Und Ü-Ei-Orakel orakeln. Und koche ein riesiges mexikanisches Fressfest. Und küsse um Mitternacht meine beiden großen Lieben. Und bin sentimental. Und freu mich auf 2014, auf die Dinge, die kommen, die großen und die ganz kleinen.

Kommt gut ins nächste Jahr. Ich wünsch euch ein glückliches.
(Und danke fürs Lesen und überhaupt).

NEW YORK, PT. 1









New York. So lange darauf gewartet, die große alte Liebe wiederzusehen. Und jetzt sind wir da und haben so ein verdammtes Glück. Ein Haus in Jersey City in der Nähe des Hudson Rivers, das mehr Bäder hat als wir in Berlin Zimmer, und eine Holzveranda, auf der wir Memory spielen und Morgenkaffee trinken. Wenn man draußen sitzt, hört man so wenig, dass man sich nicht vorstellen kann, dass Manhattan tatsächlich nur eine Viertelstunde entfernt ist, zwei Stationen mit dem PATH-Zug. Manchmal hört man eine Polizeisirene. Manchmal hört man aus dem Tanzstudio an der Ecke Musik. Manchmal bimmelt der Eiswagen vor der Tür. Dieser Haustausch ist wie ein Samstagnachmittag, der nie aufhört, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, es ist heiß, der Sommer fühlt sich wie Sommer an und die Zeit geht einfach so vorbei. Ich bin anders, als ich es sonst so oft im Urlaub bin, wenn ich alles sehen und erleben und nichts verpassen will und meine Listen abrenne. Ich will erstaunlich wenig, es reicht vollkommen, ein wenig spazieren zu gehen, auf den Spielplatz, in den Park, zum Supermarkt, noch einen Salat und ein paar bunte Tomaten und eine große Packung Erdnussbutter-Eis besorgen, das wir uns abends auf dem Sofa teilen, wenn wir The Newsroom gucken oder Baseball, obwohl wir die Regeln nicht verstehen. Die langsamen Tage hier machen mich ruhig, sie machen mich glückssatt, obwohl das meiste, das ich mir vorgenommen habe, erst noch vor mir liegt: ein bisschen Rumbummeln, ein Ausflug nach Brooklyn, ein Frühstück im Eggein Spaziergang über die High Line, Wolkenkratzergucken. Zwischendurch kommt es mir merkwürdig vor, die meiste Zeit bloß auf Manhattan zu gucken statt mal rüberzufahren, aber dann setze ich mich zu ihm und ihr auf die Holzveranda und hole noch eine Limonade aus dem Kühlschrank und will nichts und wünsche mir nichts - außer vielleicht weniger Mückenstiche (obwohl Fanny sehr dankbar für sie ist, dann hat sie etwas Anständiges zum Arzten). Wir gehen jeden Tag am Wasser spazieren, aber das Gefühl wird nie kleiner. Ich frage mich, wie ich eine Stadt, die ich noch so wenig kenne, so unglaublich mögen, so richtig finden kann. Es ist ein Bauchgefühl, ein Bauchglück, ein großes Staunen. Der Blick auf die Stadt, die Hochhäuser, die Fähren, die hin und wieder herfahren, wir suchen und finden das Empire State Building, das Chrysler Building, die Freiheitsstatue, die man nur von hinten sieht, das One World Trade Center kann man nicht übersehen.

Von New York bisher gesehen und unheimlich gemocht: Eataly - ein riesiger Einkaufsmarkt für italienisches Essen, Regale voller Parmesan, Berge von Tomaten und frischen Kräutern, frisch gebackenes Brot, das so gut duftet, das ich mich unmöglich zwischen dem Orangen-, dem Feigen- und dem Olivenbrot entscheiden kann. (Was ist das nur mit den Supermärkten... ich kann mir gar nichts Schöneres vorstellen, als im Ausland in Supermärkte zu gehen, nächste Woche: Wholefoods). Das Naturkundemuseum, das schönste, altmodischste Museum, das ich in meinem Leben besucht habe, im Ozeanraum haben Fanny und ich uns unter den Wal gelegt, der so groß wie eine Turnhalle ist, dieses Museum bringt einem das Staunen über die Welt bei. Danach ein paar Shake Shack-Burger auf der Parkbank und ein riesiger Vanilleshake. Der Spaziergang durch den Centralpark, mittendrin eine Gruppe von Breakdancern, euphorisch beklatscht und bejubelt. Die Parkbänke im Centralpark mit den Inschriften und die Geschichten, die sie erzählen. Der versteckte Spielplatz, von dem ich bei "A Cup of Jo" gelesen habe, eine riesige Rutsche zwischen den Hochhäusern am Hudson River, daneben ein Wasserspielplatz. "Amerika ist schön", sagt Fanny. Ich finde das auch.

(FAST) ZWEIEINHALB JAHRE


Liebe Fanny,

gestern haben wir wieder einen Strich an den Türrahmen in Deinem Kinderzimmer gemacht. Die Abstände zwischen den Strichen werden jetzt etwas kleiner als noch vor einem Jahr, trotzdem ist es schwer zu glauben: Du bist 94 Zentimeter groß (Dein Bär, den Du „Bär“ nennst, und auch unbedingt messen wolltest, 26 Zentimeter, mit der Windel, die Du ihm dann ungebunden hast, knapp 27 Zentimeter). Es sind bloß Zahlen, aber sie scheinen zu beweisen, was wir ohnehin gerade fühlen: Du bist groß geworden, Fännchen. So groß. 

Du machst keinen Mittagsschlaf mehr. Du verkleidest Dich als Prinzessin wie die großen Mädchen im Kindergarten. Wenn man Dich fragt, ob Du eine Prinzessin bist, antwortest Du allerdings: Nein, eine Fanny. Du liebst Mickey Maus-Pflaster und klebst sie Dir auf alle Finger, wenn wir eine Minute nicht hingucken, der Trick, sie in die oberste Schublade zu legen funktioniert nicht mehr, Du schiebst Dir einfach einen Stuhl davor und machst sie auf. Du willst, dass ich Dir die Fingernägel lackiere, weil meine Fingernägel auch lackiert sind, und wenn ich Dir die Nägel angemalt habe, bestehst Du darauf, auch meine Nägel zu lackieren, genau, wie ich es bei Dir gemacht habe, nicht wackeln, sagst Du. Es ist eine Riesensauerei, es ist herrlich, Du malst immer meine Finger und Hände an. Du liebst es, Dich zu verstecken, hinter der Tür, unter der Decke, in Deiner Höhle, Mama, hast Du Fanny gesehen? fragst du dann, und freust dich so sehr, dass das Lachen aus Dir herausbricht wie die Kirschblüten draußen, Fanny weg!, sagst Du dann und lachst noch mehr, bis Du es nicht mehr aushälst und Daaaaaa rufst, um gleich wieder von vorne zu beginnen. Wenn ich koche, schiebst Du Dir den weißen Hocker zu mir und kochst mit, Du wiegst den Zucker und das Mehl für meinen Kuchen, du rührst die Eier für den French Toast, vorhin hast Du Dir den Hocker sehr ernsthaft zur Kaffeemaschine geschoben und erzählt, dass Du jetzt Kaffee kochst, weil Du müde bist (noch so etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss, Fanny: Dir entgeht nichts, absolut gar nichts, kein Wort, kein Schimpfwort, keine Geste, Du machst, sprichst, gestikulierst alles nach). Am Samstag hast Du auf dem Markt eine Tulpe geschenkt bekommen, Du warst so aufgeregt, dass wir zu Hause noch in der Jacke eine Vase für Deine rote Tulpe holen mussten. Wir haben die rote Tulpe dann ans Fenster in Deinem Zimmer gestellt, damit sie viel Licht bekommt, Du sagst ihr jeden Morgen Hallo. Du liebst es, uns von Deinem Fahrradsitz aus anzuschieben, „Achtung, fertig, los“ rufst Du dann und drückst Deine Hände in meinen Rücken, ich sage „Schau doch nur, wie schnell wir sind“ und Du gluckst Dein Glucksen. Du schummelst beim Obstgarten-Spielen, Fännchen, jedes Mal. Bevor wir einkaufen gehen, schreibst Du jetzt Deinen eigenen Einkaufszettel, wenn wir fragen, was Du aufgeschrieben hast, zeigst Du auf Deine Linien: „Drei Milch, ein Bechlomm (Luftballon), Tomatensoße, Schokolade, Pizza, Eierspiegel, Schokolade, Joghurt.“ Seit ich Dir aus der Drogerie mal ein gelbes Dreckspatz-Bad mitgebracht habe, möchtest Du, dass wir jeden Abend das Badewasser färben, ach Fanny, sage ich, es ist doch schon Schlafenszeit, Mamaaa, Dreckspatzbad sagst Du, und heute grün. Vor ein paar Tagen hast Du auf die Frage, wonach Dein Lolli schmeckt "nach Mama" geantwortet. Es war ein Erdbeer-Lolli.

Vorm Einschlafen singen wir zusammen dieses kleine Lied, das ich mir für Dich ausgedacht habe, zur Melodie von „Guten Abend, gute Nacht“, erst war es nur ein Spaß, aber Du liebst dieses Lied (und ich liebe es, dieses Lied mit Dir zu singen, immer nur die ersten beiden Zeilen, dann singst Du weiter):

Guten Abend, gute Nacht, 
wer soll denn jetzt schlafen?
Das ist Fanny, Fannylein,
soll jetzt ganz schnell ins Bett.
Mach die Äuglein schnell zu
und träum dann ganz toll
mach die Äuglein schnell zu
und schlaf dann ganz schön.

Bevor ich Dich ins Bett singen darf, müssen wir allerdings erst alle Kindergartenkinder, alle Erzieher, Omi und Opi, Tante Lene und Onkel Aiko, alle Kuscheltiere und manchmal, wenn Du so überhaupt gar nicht schlafen willst, auch die Decke, Deine Füße und Deine Nase ins Bett singen, das ist Nase, Naselein, soll jetzt ganz schnell ins Bett. Mit den Zentimetern sind Dir auch ganz neue Gefühle gewachsen. Du kannst Dich über die kleinsten Dinge fürchterlich erschrecken (Fanny schreckt!) und Du kannst fürchterlich sauer sein („Fanny sauer.“ „Aber warum bist du denn sauer, Fanny?“. „Weil Fanny sauer“.) Dann verschränkst Du die Arme vor der Brust und ziehst eine Stummfilmschnute, ich bemühe mich sehr, Dich in solchen Momenten nicht anzugrinsen oder gar abzuküssen, Du siehst so entzückend aus, wenn Du so sauer bist. Mehr als alles andere kannst Du Dich aber fürchterlich freuen, Du freust Dich immer noch so sehr über die Welt, wie Du Dich als Baby gefreut hast, wenn Du vor Lachen umgefallen bist, eine Tulpe!, ein Luftbechlomm!, guck, Mama, die SONNE SCHEINT!, Eierspiegel zum Abendbrot!, der blühende Kirschbaum auf dem Nachhauseweg, so pink!. Wenn ich mich später an diese Zeit erinnern werde, dann werde ich mich immer an dieses Glucksen erinnern, an diese Momente ungefilterten Glücks, an all die Sätze mit Ausrufezeichen. (Und was Du mir damit alles zeigst, und wir Du mir die Augen öffnest, für den Moment, die kleinsten Kleinigkeiten, Fanny, Du hast ja keine Ahnung). 

Und dann, nicht mehr so oft, bist Du wieder ganz winzig klein, ein warmes Knäuel. Du hast dieses herrliche Talent, Dich völlig fallen lassen zu können, Dich in den Arm von Deinem Papa zu drehen oder in meinen, Dich anzuschmiegen und reinzuwühlen, wenn Du müde und verkuschelt bist. Oft, fast immer bleibe ich noch neben Dir liegen, wenn Du eingeschlafen bist, ich liege da und weiß, ich müsste endlich aufstehen und erledigen, was noch zu erledigen ist, und bleibe doch liegen wie manchmal morgens, wenn der Wecker klingelt, noch fünf Minuten, nur noch fünf, ach, jetzt aber wirklich nur noch fünf, ich mag mich einfach nicht entknoten. Manchmal flüstere ich Dir Worte ins Ohr, Worte, die ich direkt in Dein schlafendes Herz spreche, damit Du es später auch noch im Schlaf weißt, und wenn Du aufwachst: Du bist wunderbar. Ich lieb Dich bis zum Himmel und wieder zurück, sehr und für immer.

Deine Mama

3 (KURZE) FILME, 1 THEMA: LIEBE



"Splitscreen: A Love Story" von James W. Griffiths.

"Paperman" von John Kahrs (nominiert für einen Oscar, via "A Cup of Jo")

"I´m Here - A Love Story in an absolut world" von Spike Jonze.

Diese Woche waren meine Gedanken woanders als beim Bloggen. Einen (kleinen) Filmclub gibt es heute trotzdem: Drei (kurze) Filme über die Liebe, die ich unheimlich mag. Nächste Woche dann wieder ein bisschen mehr von mir. Habt es schön am Wochenende!

23 MONATE



Liebe Fanny,

heute morgen wollte ich die Tafel abwischen, auf der wir immer notieren, was gerade einzukaufen ist, Spültabs, Ketchup und Kaffee stand da, und ein bisschen tiefer, darunter, eine 1, eigentlich nur noch zu erkennen, wenn man weiß, was da einmal gestanden hat. Heute vor genau zwei Jahren stand da 40. Mein Bauch war schon riesig und du so groß, dass ich bequem Gläser auf meinem Bauch abstellen konnte und Schüsseln voller After Eights, von denen ich nie genug bekommen konnte. Ich war schon ein bisschen ungeduldig, Dich endlich zu sehen, ich war sogar sehr ungeduldig, ungeduldiger als ich war nur Dein Vater, Fanny. Jeden Abend hat er mit Dir geredet. Und jeden Morgen. Manchmal sogar nachts, wenn er gedacht hat, dass ich es nicht höre. Und immer, wenn er in meinen Bauch geflüstert hat, bist Du gehüpft, jedenfalls hat es sich so angefühlt (lustig - heute hüpfst Du noch immer, wenn du dich über etwas freust, Du sagst hops, hops und springst durch die Wohnung, wild und glücklich, hops, hops). Damals haben wir die Tage bis zum Geburtstermin heruntergezählt, jeden Morgen die alte Zahl weggewischt und eine neue hingeschrieben, die 9, die am Ende auf der Tafel stand, als es losging, neun Tage zu früh, habe ich noch Wochen später nicht wegwischen können. Und als ich heute die 1 wiedergefunden habe, unter dem Ketchup und dem Kaffee, die 1, die da irgendwann einmal gestanden haben muss, als Du noch gar nicht auf der Welt warst, 100 und ein paar Tage vor Deiner Geburt, habe ich versucht, mich an die Zeit zu erinnern, als Du noch nicht bei uns warst.

Weißt Du was? Es ist mir wirklich schwer gefallen. Du bist so sehr da, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es tatsächlich mal eine Zeit gab, in der Du nicht da gewesen bist - eine Zeit, als wir zu zweit und nicht zu dritt waren, ein Paar, noch keine Herde. Was mir dann noch eingefallen ist: Es gab nicht einen einzigen Tag mit Dir, den ich nicht geliebt habe. Nicht einen. Es gab anstrengende Tage, Tage, an denen ich vor Überforderung geheult habe, Tage, an denen Du krank warst und wir krank waren, aber nicht krank sein durften, weil Du doch krank warst, Tage, an denen ich schon morgens am liebsten desertiert wäre, weil wir spät dran waren und Du deine Jacke nicht anziehen wolltest und die Schuhe schon gar nicht und Dich auf die Erde geworfen und geschrien hastMorgende, an denen ich schon vor dem ersten Kaffee dachte, jetzt kracht die ganze Welt zusammen. Manchmal war ich so müde, dass es richtig weh getan hat. Aber selbst an Tagen wie diesen warst da immer noch Du. Selbst an Tagen wie diesen war das Gefühl, das unter allem allem lag, wie ein dicker Teppich, immer Liebe. Seit Du da bist, bin ich ein so viel glücklicherer Mensch, Fanny. Du machst mich so glücklich wie mich noch nie im Leben etwas glücklich gemacht hat (außer vielleicht Dein Papa, aber der wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich Dir das schreibe, ihm geht´s ja genauso).

Es macht mich glücklich, wenn Du auf meinem Schoß sitzst, alle meine Aquarellstifte auf meinem Schreibtisch ausschüttest, nach einem Glas Wasser verlangst und dann anfängst zu malen, fast immer eine Rutsche, manchmal eine Katze, Kreise, Striche, so entschieden, wie man als Erwachsener später nie mehr malt. Hinterher nimmst Du einen Pinsel, tauchst ihn in das Glas und setzt das Blatt und den Schreibtisch unter Wasser, weil ich Dir mal gezeigt habe, dass man die Striche mit Wasser verwischen kann. Es macht mich glücklich, wenn Du Dich mit mir aufs Sofa legst und Dir in meinem Arm ein Buch ansiehst und meine Hand hältst oder Deine Hand in meinen Ärmel schiebst und sie da verknotest und wir einfach daliegen. Manchmal sagst Du Ohhh. Oder Löwe suchen. Oder Oh, nein, Mama, Hund AUA, weil der Hund im Buch vom Fahrrad gefallen ist, und ich wünsche mir, dass wir nie wieder aufstehen müssen und ewig nur einfach daliegen könnten. Es macht mich glücklich, wenn ich einen Kuchen backe und Du Dir ganz aufgeregt den weißen Tritt an den Tresen schiebst und hochkletterst und Fanny auch backen sagst, und Deine Stimme beim auch diesen Glückskiekser nach oben macht, weil Du Dich so freust. Und ich Dir die Packung mit den Eiern gebe, die aufgeschlagen werden müssen, weil ich Dir immer die Eier aufhebe, und Du die Eier nimmst und sie mit Entzücken (und Schale) in die Schüssel knackst. Es macht mich glücklich, wenn Du singst, Du singst noch gar nicht so lange, drei, vier Wochen vielleicht, am liebsten zu Alicia Keys Empire State of Mind, Du liebst dieses Lied, sobald Du es hörst, breitest Du die Arme aus und singst, lalalaaaa, lalalaaaa. Es macht mich glücklich, dass Dein erstes Wort gleich nach Mamapapa Nein lautete, eines der allerwichtigsten Wörter, die es gibt, finde ich, schon gleich für ein Mädchen, mein Gott, wie lange ich gebraucht habe, um mir meine Neins zuzutrauen. Du sagst oft Nein, Fanny, und immer sehr entschieden. Es macht mich glücklich, wenn Du jeden, den Du siehst, begrüßt, während Du hinter mir auf dem Fahrrad sitzst, Hallo Kind sagst oder Hallo Hund, manchmal begrüßt Du auch die Tiere in den Büchern und den Stuhl in der Küche. Wie freundlich Du bist. Und wie mitfühlend. Letzten Sonntag, als es so irre geregnet hat, hast Du meine Hand genommen und bist mit mir ans Fenster gegangen, um Dir mit mir den Regen anzusehen. Oh nein, sagte ich, da wird Dein Papa ja ganz nass, eigentlich hatte ich nur laut gedacht, aber Du warst ganz untröstlich. Oh nein, hast Du gesagt, Papa nass. Dann hast Du Dich vor das Fenster gestellt und gepustet, damit er schnell wieder trocknet, Papa pusten, Mama, Papa pusten, und ich musste auch pusten wie sonst nur, wenn Du Dir weh getan hast. Es macht mich glücklich, Dir dabei zuzusehen, wie Du Dich selbst vergisst, wenn Du malst, spielst, tanzt, völlig versunken in das, was Du tust. Es macht mich glücklich, Dir beim Rennen zuzusehen, wie Du einfach losrennst, wenn Dir danach ist, in diesem Wahnsinnstempo, das man so einem kleinen Körper gar nicht zutraut, nur, weil Du rennen magst, das Rennen magst. Es macht mich glücklich, wenn du auch ein Handtuch zusammenlegen willst, während ich die Wäsche mache, und wie Du dann dieses Handtuch nimmst und haargenau so ausschüttelst wie ich es immer mache (irre, was Du alles nachmachst und wie genau du es nachmachst, Fanny, manche Dinge an mir fallen mir erst auf, wenn ich sehe, wie Du sie nachmachst, gestern hast Du zu Deiner Puppe Naaa, Süße? gesagt wie ich es manchmal zu Dir sage, ich konnte noch ein halbe Stunde später nicht aufhören zu grinsen). Es macht mich glücklich, dass Du eine Quatschmacherin bist. Es macht mich glücklich, wie Du Dir meine Ringe klaust und sie anziehst und sagst, dass es jetzt Deine sind. Es macht mich glücklich, wie Du Dich an mich schmiegst, wenn Du müde bist oder Dich verstecken willst, wenn wir Besuch haben oder Du jemanden noch nicht so gut kennst. Du hast ja keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn sich so ein kleiner Kinderkopf in deine Halskuhle schmiegt, jeden Zentimeter ausfüllend, Fännchen. Es macht mich glücklich, das Trappeln zu hören, wenn Du nach dem Mittagsschlaf den Flur hinunter läufst, dein Kinderfußtrommelwirbel, trapp, trapp, trapp. Und Dein Gesicht direkt nach dem Aufwachen, die Haare in alle Richtungen abstehend, die Backe noch ein bisschen rot vom Kissen und ganz warm. Es macht mich glücklich, Dir beim Schlafen zuzusehen, in Deinem lila Schlafanzug mit den weißen Streifen, der noch ein kleines bisschen zu groß ist. Und glücklich, dass ich immer weiß, ob Du tief schläfst oder gleich aufwachst, ob Du gut träumst oder schlecht, weil ich Deinen Atem auswendig kenne, Fanny. Es macht mich glücklich, einen Strich an den Türrahmen zu malen und das Datum daneben zu schreiben, in den letzten vier Wochen bist Du zwei Zentimeter gewachsen. Und wie ich gleich nach dem Strich über Deinem Kopf auch einen Strich für Teddy an den Türrahmen malen musste, weil Du darauf bestanden hast, dass auch Teddy vermessen wird. Es macht mich glücklich, wenn ich Dich vom Kindergarten abhole und Du mit weit ausgestreckten Armen in meine rennst, Dich reinfallen lässt in mich. Es macht mich glücklich, mit Dir eine Höhle zu bauen und in der Höhle zu liegen und im Licht der Hasenlampe die Cupcakes zu futtern, die wir freitags nach der Kita manchmal kaufen, Schokolade mit Smarties für Dich, Mokka oder Snickers für mich. Glücklich, glücklich, glücklich.

Das wollte ich Dir heute eigentlich nur sagen. Die Welt ist soviel schöner mit Dir. Heute bist Du genau 100 Wochen oder 700 Tage alt. Ich habe jeden davon geliebt, mein Fännchen, auch die, die ich nicht geliebt habe.

Es küsst Dich,
Deine Mami


UND WIE MACHST DU DAS, VIOLA?


Name: Viola (vom wunderbaren Blog Kikabu)
Alter: 37
Mutter von: Noah (6 Jahre) und Luke (2 Jahre)
Stadt: Burgwedel, Niedersachen
Beruf: Freie Journalistin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Mit der Kinderbetreuung für unsere Jungs bin ich sehr zufrieden. Für unsere aktuellen Bedürfnisse reicht sie vollkommen aus. Der Große hatte bis vor kurzem einen 13-Uhr-Platz in der Kita und geht ab September in die Grundschule. Dort wird er bis 12.45 Uhr betreut werden und kommt anschließend nach Hause. Der Kleine geht seit November bis 15 Uhr in die Krippe. Grundschule, Krippe und Kindergarten erreichen wir in wenigen Minuten mit dem Rad oder zu Fuß.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
In unserer Familie ist mein Mann der Hauptverdiener. Ich habe lange in Hannover als feste Freie in einer Redaktion gearbeitet. Mit dem zweiten Kind ließ sich das nicht mehr vereinbaren und es hätte sich auch finanziell für mich nicht mehr gelohnt. Im Moment arbeite ich bis mittags an kleineren Aufträgen im Home-Office. Da ich im Büro aber sehr viel effektiver arbeiten kann als Zuhause, wo die unaufgeräumte Küche und der krümelige Teppich schon auf mich warten, wäre es schon schön, irgendwann wieder in einer Redaktion oder einer Agentur zu arbeiten. Da mein Mann auch selbstständig ist und ein- bis zweimal im Jahr drei Wochen unterwegs ist, kommt ein Vollzeitjob für mich nicht in Frage.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Wir stehen gegen 7.15 Uhr auf, ich gehe ins Badezimmer und mache mich fertig. In dieser Zeit spielen und malen die Kinder und es müssen die ersten kleinen Kabbeleien geschlichtet werden. Danach frühstücken wir zusammen. Der Große zieht sich selber an, der Kleine wird zum Schluss fertig gemacht, weil mir die Erfahrung gezeigt hat, dass immer noch zu viele Marmeladen-Kleckse auf den sauberen Klamotten landen. Dann bringe ich den Kleinen in die Krippe. Der Große wird im September eingeschult und ist momentan den ganzen Tag Zuhause. Bis mittags sitze ich bei mir im Büro und schreibe Texte. Anschließend mache ich uns etwas zu essen und gegen 14.30 Uhr hole ich den Kleinen aus der Krippe ab. Danach spielen die Jungs, ich räume den Geschirrspüler ein und aus, wasche Wäsche und versuche die Unordnung etwas in den Griff zu bekommen. Der Nachmittag wird dann meistens zu Hause und im Garten verbracht, wir fahren Eis essen, erledigen die Einkäufe gemeinsam und N. wird zum Judo oder zum Schwimmen gebracht. Wenn mein Mann Zuhause ist, arbeitet er ein paar Stunden im Büro und hat nachmittags Zeit für uns. Gegen 19 Uhr essen wir gemeinsam Abendbrot. Nach dem Essen beginnt für mich die schönste Zeit des Tages: Wir bringen die Kinder ins Bett, lesen ihnen etwas vor, reden oder machen Quatsch. Ab 21 Uhr ist meistens Ruhe. Oft setze ich mich dann an den Computer, arbeite noch an Texten und Posts für mein Blog und genieße einfach diese herrliche Stille. Wenn nichts mehr zu tun ist, lege ich mich mit meinem Mann aufs Sofa und wir gucken ganz profan Fernsehen, manchmal DVDs. Das Ende der Filme erlebe ich in den seltensten Fällen, weil ich einschlafe. Gegen 24 Uhr gehen wir ins Bett.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Die vier Stunden am Vormittag und die Stunden am Abend reichen mir in der Regel aus. An manchen Tagen, wenn ich nicht gut drauf bin, reicht das aber auch nicht. Dann möchte ich mir am Liebsten den ganzen Tag die Decke über den Kopf ziehen und mal nicht Mama sein. Was mir wirklich fehlt, ist mehr Zeit mit meinem Mann: Essen gehen, uns mit Freunden treffen, mal etwas ohne Kinder unternehmen. Das kommt bei uns viel zu kurz. Ein Ausgleich zum Mama-Alltag ist bei mir tatsächlich das Bloggen geworden. Vor einem Jahr habe ich noch gesagt: "Ich habe keine Zeit für dieses oder jenes Projekt." Jetzt nehme ich mir einfach die Zeit und probiere neue Dinge aus. Das tut unglaublich gut.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Als ich mit unserem ersten Sohn schwanger war, war ich so voller Vorfreude, dass ich mir damals keine großartigen Gedanken ums Muttersein gemacht habe. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich so eine Glucke werde, die ihre Kinder kaum aus den Augen lassen kann. Ich konnte mir vorher auch nicht vorstellen, dass die Mutterliebe tatsächlich vom ersten Moment an da ist und immer, immer stärker wird.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Auch nach sechs Jahren kann ich mich einfach nicht an das frühe Aufstehen gewöhnen. Ich habe die typische Mutter-Schlaf-Krankheit, dass ich bei jedem kleinsten Geräusch sofort aufwache. Meine Nacht hat, wenn´s gut läuft, sechs Stunden und damit kann ich ganz gut leben. Besonders anstrengend sind die kleinen Reibereien zwischen den Kindern, wobei die wirklich noch klein sind. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass meine Nerven mit den täglichen Herausforderungen nicht stärker, sondern eher schwächer werden. Und die ständigen Diskussionen mit unserem Großen um Fernsehen, Essen, ins Bett gehen und andere Dinge machen mich an manchen Tagen wahnsinnig.

Was macht dich besonders glücklich?
Es sind die kleinen Dingen, die mich so richtig glücklich machen: Mit dem Kleinen abends am Planschbecken sitzen, den Mond ansehen und gemeinsam ein Schlaflied singen. Dem Großen bei seinen ersten Rapversuchen zuhören. Zu sehen, dass sich die Jungs trotz vieler kleiner Streitereien sehr lieb haben. Abends mit meinem Mann die Stille auf unserer Terrasse genießen. Ein gemeinsamer Ausflug. Wir sind sehr dankbar und glücklich, dass wir zwei gesunde und unglaublich süße Kinder haben.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deiner Kinder? Wie haben die Kinder dieses Verhältnis verändert?
Ich habe meinen Mann mit 24 kennengelernt. Für uns war von Anfang an klar, dass wir Kinder haben möchten, nur wann, wussten wir nicht so genau. Ich habe erstmal mein Studium abgeschlossen und ein paar Jahre als Journalistin gearbeitet. Bis dahin haben wir unser gemeinsames Leben als Paar sehr genossen. Nach sechs Jahren Beziehung war uns klar: "Jetzt möchten wir ein Kind". 2006 wurde unser erster Sohn geboren, knapp vier Jahre später dann der zweite. Wir haben uns also viel, viel Zeit genommen. Jetzt mit zwei Kindern läuft der Alltag ziemlich routiniert und die Zweisamkeit kommt eindeutig zu kurz. Abends mal essen gehen oder spontan mit Freunden treffen, schaffen wir nur wenige Male im Jahr. Weil wir uns aber sehr gut kennen und uns absolut aufeinander verlassen können, meistern wir auch sehr schwierige und anstrengende Zeiten.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Ich finde es gut, dass es ab 2013 für unter 3-Jährige den Anspruch auf einen Krippenplatz gibt, wobei ich mir sehr sicher bin, dass der bundesweite Ausbau nicht rechtzeitig fertig werden wird. Wir haben bei uns in einer wohlhabenden Kommune viel Glück gehabt, dass wir ohne Wartezeit einen Platz bekommen haben. In Hannover sieht es da schon sehr viel chaotischer aus, von anderen Großstädten ganz zu schweigen.

Was mich wirklich nervt ist, dass viele Eltern ihre Kinder schon früh mit einem vollen Terminplan überfordern. Sätze wie "Meine Tochter kann nicht mehr zum Schwimmen gehen, weil sie einen Burnout hat" will ich nicht hören. Das Mädchen ist übrigens sechs! Mein Sohn hört oft stundenlang Hörspiele, jagt Monster im Garten und ist rundum zufrieden.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Über mich, die eigentlich immer müde ist, habe ich gelernt, dass ich für meine Kinder nie gekannte Energien freisetzen kann. Nur drei Stunden geschlafen? Kind seit Tagen mit hohem Fieber? Ich bin hellwach! Und dass ein starker Zusammenhalt in der Familie und gegenseitiger Respekt alles ist.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Ich steige mit meinem Mann in einen Flieger und düse Richtung Kopenhagen, Barcelona oder eine andere tolle europäische Stadt in ein wunderschönes Hotel mit Sauna und Whirlpool. Wir schlafen lange aus, frühstücken ausgiebig, bummeln ohne bestimmtes Ziel durch die Stadt, trinken einen Kaffee und essen abends in einem tollen Restaurant. Wie ich uns kenne, werden wir schon am ersten Abend unserer Kinder furchtbar vermissen, genießen aber trotzdem unsere kinderfreie Zeit und nehmen und ganz fest vor, mal nicht über die Jungs zu reden. Das ist mein persönlicher Wunschtraum. Wahrscheinlicher ist, dass wir nach Hamburg fahren und es uns dort gut gehen lassen.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Hör auf dein Herz! Wenn du dir ein Baby wünschst, ist der Zeitpunkt irgendwann einfach da und Fragen wie "Ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt?", "Was ist mit meinem Job?", "Werde ich eine gute Mutter sein?" treten plötzlich in den Hintergrund. Ich kann natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Und ich würde ihr sagen, dass sie ein Kind aus den richtigen Gründen bekommen soll. Das hört sich seltsam an, ich weiß. Aber Kinder sind nicht dazu da, eine instabile Beziehung zu flicken, eine Jobflaute oder eine schwierige Lebensphase zu überbrücken. Also: Hör auf dein Herz!

Vielen Dank, liebe Viola!

Hier sind die Fragebögen von JuleKatiIndreIsabelleMailis und Hanna.
Ein schönes Wochenende!







DREIFRAUENTAG







Besuch von Emma. Ein Lieblingstag.

UND WIE MACHST DU DAS, HANNA?




Name: Hanna Lisa Schäublin
Alter: 29
Mutter von: Till (10 Monate)
Stadt: Domat/Ems, Schweiz
Beruf: Architektin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Wir sind da noch im Probierstadium, aber es läuft sich ganz gut an. Seit einem knappen Monat ist Till ein bis zwei Mal pro Woche für ca. drei Stunden bei einer ganz tollen befreundeten Familie. Sie haben eine 2-jährige Tochter und arbeiten beide freischaffend von zu Hause aus und zeitlich flexibel, d.h. sie machen Nachmittagsausflüge zu viert. Einmal pro Woche kommt meine Schwiegermutter mit Partner für einen langen Spaziergang. Insgesamt habe ich also drei Nachmittage à 3 Stunden zum Arbeiten - den Rest versuche ich während der Vormittags- und Mittagsschläfchen oder am Abend zu erledigen. Meine Eltern wohnen 500 Kilometer entfernt in Deutschland, weshalb sie für eine regelmäßige Betreuung leider nicht in Frage kommen.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Bevor Till auf die Welt kam, habe ich vier Jahre als Architektin gearbeitet - mehr als Vollzeit, wie branchenüblich. Da es in der Schweiz aber nur 14 Wochen Mutterschutz gibt und mir klar war, dass ein Wiedereinstieg nach so kurzer Zeit für mich nicht in Frage kommt, habe ich meine Stelle gekündigt. Ein Teilzeitjob in führender Postion mit Bauleitung ist fast unmöglich zu realisieren, bzw. findet man kaum den passenden Arbeitgeber dazu. Deshalb kam es mir ganz gelegen, dass meinem Mann und mir das Angebot gemacht wurde, eine kleine, renommierte Schreinerei in einem benachbarten Ort zu übernehmen. Das bedeutet für uns im Moment zwar viel dazulernen und Zeit investieren, die uns für die kleine Familie fehlt - andererseits ermöglicht es mir, von zu Hause aus zu arbeiten, meinen Tag selber einteilen zu können und Till somit viel selber betreuen und genießen zu können. Zur Zeit befinde ich mich allerdings noch schwer in der Findungsphase - irgendwo zwischen noch fast Vollzeitmami, Sekretärin, Geschäftsleitung, Möbeldesign, PR und ganz viel administrativem Bürokram, den eine Firmengründung so mit sich bringt.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Hmmm, normal? Meistens wechselt Tills Rhythmus genau, wenn ich mich gerade darauf eingestellt habe und ihn als "normal" bezeichne. Seit kurzem schläft Till häufig durch, dafür wird er zwischen fünf, halbsechs wach und hat Hunger. Dann steht er mit seinem Papa auf und sie genießen ein Stündchen für sich mit "Herrenfrühstück" und Quatsch machen - ich breite mich in der Zeit nochmal genüsslich diagonal im Bett aus. Wenn mein Mann um halbsieben los muss, bringt er mir Till wieder ins Bett. Oft kuschelt er sich dann an mich und wir können noch ein Stündchen schlafen. Dann anziehen und gemeinsames Frühstück, anschließend spielen wir ein bis zwei Stunden, räumen auf, machen Wäsche und gehen dann einkaufen. Danach schläft Till meist wieder kurz und ich nutze die Zeit um Geschäftskorrespondenz zu erledigen. Anschließend wird gekocht und gegessen - schön, dass wir zu dritt essen können, auch wenn sich die Mittagspause auf 45 Minuten beschränkt. Danach wieder intensiv spielen, lesen, singen, gemeinsames Mittagsschläfchen - langer Mensch eher kurz, kurzer Mensch möglichst lang, damit Mama was erledigen kann. Dann unbedingt raus: spazieren gehen oder Freunde besuchen, eine Stunde Gespräch mit Erwachsenen (zumindest nebenbei) muss schon sein, sonst bekomme ich eine akute Heim- und Kinderliedkrise. Gegen halbsieben kommt der fleißige Mann nach Hause, gemeinsames Abendessen, baden, spielen, Kind ins Bett bringen. Dann wird wieder gearbeitet: Offerten erstellen, Wochenpläne machen, Arbeitsvorbereitungen... Parallel beseitige ich dann noch das Tageschaos. Ab und zu ein Tatort und ansonsten fallen wir meist gegen zehn ins Bett. Das klingt gerade irgendwie viel entspannter als es sich öfter mal anfühlt. Da gibt es natürlich auch die Zahnweh- und Krankheitstage, Tage an denen zu wenig geschlafen wird und Mama und Kind schlechte Laune haben. Am anstrengendsten sind die Tage, an denen man sich zu viel vornimmt, dann klappt meist gar nichts und man kann nur hoffen, dass der Mann nicht allzu spät und möglichst gut gelaunt nach Hause kommt.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Im Moment eher wenig. Wir versuchen beide, ein bis zwei Mal pro Woche Sport zu machen. Ich spiele Basketball und das Tolle am Mannschaftssport ist, dass man eine super Ablenkung vom Alltag hat und liebe Menschen und auch andere Mamis trifft, bei denen man mal den Frust ablassen kann. Da wir vor drei Jahren ein altes Haus gekauft und entkernt haben, sind wir an den Wochenenden mit Umbau - und Gartenarbeiten beschäftigt. Der Hauptteil ist zwar inzwischen wirklich gut bewohntbar, aber es fehlen noch hier und da ein paar Einbaumöbel und im Erdgeschoss bauen wir noch ein Büro aus - allerdings zähle ich die Arbeit am Haus schon zu Freizeitbeschäftigung. Wieder mal ein Buch zu lesen, wäre ein Traum!

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
So wirklich konkrete Vorstellungen habe ich mir nicht gemacht, aber emotional stimmt es für mich völlig. Es fühlt sich so gut an, die Sinnfrage ist - zumindest für den Moment - geklärt. Das kleine Wesen füllt einen innerlich und äußerlich total aus, es sorgt gleichzeitig für äußere Beschäftigung und innere Ruhe. Irgendwie hat es der kleine Mann geschafft, die Hierarchie der Dinge völlig zu relativieren und am Schluss vom Tag ist nur noch wichtig, dass wir gesund und glücklich nebeneinander einschlafen. Was ich mir anders vorgestellt habe? Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich es mir etwas entspannter vorgestellt...

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Till beschäftigt sich zur Zeit maximal fünf Minuten am Stück mit sich selber, d.h. für mich ziemlich viel aktiv spielen und zwar abwechslungsreich bitteschön, sonst kommt Langeweile auf. Es gibt Tage, da fällt einem einfach nichts Neues mehr ein, man ist müde, hat Kopfweh, hätte gerne eine halbe Stunde für sich. Genau in diesen Momenten sind Kinder dann echt gnadenlos. Außerdem echt anstrengend: zu müde zum Schlafen und zu hungrig zum Essen.

Was macht dich besonders glücklich?
Gerade im jetzigen Alter finde ich es wahnsinnig schön, wie Till aktiv meine Nähe sucht. Er robbt mir hinterher, streckt mir seine Arme entgegen, kuschelt sich vor dem Einschlafen an mich, drückt sein kleines Gesicht an meines und lacht wirklich jedes Mal, wenn er mich sieht (auch nach dem gefühlten 99sten mal "Kukuuuuuuus!").

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Wir sind inzwischen seit knapp fünfeinhalb Jahren zusammen, seit letztem Jahr verheiratet. Ich empfinde uns als tolles Team. Gemeinsam haben wir unser Haus gekauft und umgebaut, die Schreinerei übernommen, eine komplikationsreiche Schwangerschaft überstanden, unsere kleine Familie gegründet. Wir ergänzen uns nahezu ideal, er gibt mir Ruhe, ich ihm Kraft - oder auch mal umgekehrt. Seit der Geburt unseres Sohnes ist die Paarzeit auf ein Minimum geschrumpft, aber da wir wissen, dass da irgendwo in der Zukunft auch wieder Zeit zu zweit wartet, genießen wir jetzt erstmal die Familienzeit und die wenigen wachen Minuten am Abend, wenn der kleine Mensch schon schlummert und die großen Menschen fast wach sind.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Schwierige Frage. Hier in der Schweiz leben wir in einem der am wenigsten weit entwickelten Industrieländer, was Familienunterstützung angeht. Wir haben nur 14 Wochen bezahlten Mutterschutz und keinen Erziehungsurlaub. Väter bekommen bei der Geburt zwei Tage frei. Der Kindergarten beginnt erst mit fünf Jahren, vorher gibt es zwar Spielgruppen, aber die haben sehr eingeschränkte Öffnungszeiten (zumindest in den ländlichen Regionen) und sind relativ teuer. Das finde ich schon sehr heftig. Klar, wir haben entsprechend weniger Sozialabgaben zu zahlen, man kann sich eventuell selber unbezahlten Urlaub ansparen oder kündigen, aber das klappt dann doch nur bei den etwas besser Verdienenden. Die Vorstellung, dass Mütter ihre 14 Wochen alten Säuglinge fremd betreuen lassen müssen, weil sie es sich nicht leisten können, zu Hause zu bleiben, finde ich grausam und gegen jeden Mutterinstinkt. Ich finde, es sollte - wie auch immer - für jedes Elternpaar die Möglichkeit bestehen, dass sie ihr Kind/ ihre Kinder 100% selber erziehen können, wenn sie das wollen. Andererseits sollte für jeden, der gerne arbeiten möchte, zahlbare Betreuungsmöglichkeiten bestehen. Meiner Meinung nach können Eltern nur dann gute Eltern sein, wenn sie ausgeglichen sind, wenn sie "freiwillig" arbeiten/ Kinder betreuen, ihre Balance gefunden haben zwischen "Hausfrau/-mann" und "Working Mum/ Dad" und nicht, weil es finanziell nicht anders funktioniert. Es müsste doch möglich sein, dass eine Familie mit einem vollem Gehalt auskommt, wie auch immer sich die Partner das dann aufteilen. Im Fall des Alleinerziehenden würde entsprechend gelten WILL der Alleinerziehende gerne arbeiten, sollte das durch gute und zahlbare Betreuungsmöglichkeiten funktionieren. Möchte er/sie zu Hause beim Kind bleiben, sollte das ebenfalls möglich sein und zwar ohne deshalb finanziell völlig eingeschränkt zu sein.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Ich habe gelernt, dass sich die Welt nicht um mich dreht, sondern um Till! Nein, im Ernst: Ab und zu ist es glaube ich gesund, wenn sich der Horizont etwas einschränkt, wenn der Familienkosmos einen so beansprucht, dass man den Rest des Alls völlig aus den Augen verliert. Vor meiner jetzigen Partner-, Schwanger- und Mutterschaft hab ich mich oft rastlos gefühlt, immer auf der Suche nach DEM Weg, DEM Ziel, DER Erkenntnis. Klar hab ich diese endlosen Diskussionen mit mir selbst oder anderen auch genossen und werde sie wohl wieder genießen, aber im Moment tut es gut, angekommen zu sein. Die Probleme der Welt lasse ich eine Zeit lang andere lösen, weil ich jetzt füttern, wickeln und spielen muss. Irgendwie findet man vielleicht erst zu sich selbst, wenn man keine Zeit mehr zum Suchen hat?

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Ich packe meinen Rucksack und ziehe mich an einen unserer wunderschönen Bergseen zurück. Lesen, dösen, Grashalme zählen, ich lasse mich im Bergrestaurant verwöhnen und esse OHNE aufzustehen. Abends zwei gute Gläser Rotwein und ein Grappa, noch 5 Seiten im Buch und dann schlafen, schlafen, schlafen... Am nächsten Tag fahre ich mit dem Zug nach Zürich, treffe Freunde, Shopping, "käffele" und abends lasse ich mich mal wieder durch die heimischen Clubs und Kneipen im Chur treiben: sorglos und mit dieser leichten Euphorie, die man an lauwarmen Sommerabenden mit ein, zwei Gläschen zu viel so fühlt, ohne Uhr und ohne Handy.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Sie soll auf ihr Herz hören! Wenn das längerfristig und eindeutig "JA" sagt, dann los! Der Kopf findet wohl immer "vernünftige" Gründe, warum es nicht der richtige Zeitpunkt sein könnte: man ist beruflich noch nicht auf dem Stand, finanzielle Sorgen, man hat noch nicht jeden Winkel der Welt gesehen, man fühlt sich noch nicht erwachsen genug. Bei mir war es ein kontinuierlich wachsenden Bedürfnis und nicht ein Gefühl wie "JETZT bin ich erwachsen genug und bereit für ein Kind". Eher umgekehrt, da war mein Bauch, dann mein Kind und plötzlich bin ich hin und wieder erwachsen. Kinder brauchen vor allem eines: die Liebe ihrer Eltern, alles andere bekommt man dann schon in den Griff.

Vielen Dank, liebe Hanna!
Hier sind die Fragebögen von JuleKatiIndreIsabelle und Mailis.

Falls ihr auch gerne diesen Fragebogen beantworten würdet oder jemanden kennt, der ihn beantworten sollte (sehr gerne auch aus dem Ausland), schreibt mir doch eine Email an: postanslomo(at)googlemail(dot)com.
Ein schönes, entspanntes Wochenende! Und danke für eure Kommentare diese Woche, ich hab mich so über jeden gefreut!

21 MONATE



Liebe Fanny,

ich weiß nicht, wie alt Du bist, wenn Du diesen Brief liest. Vielleicht gebe ich ihn Dir, zusammen mit all den anderen Briefen, an Deinem 18. Geburtstag. Vielleicht gebe ich sie Dir auch, wenn Du von Zuhause ausziehst. (Ausziehst? Ich mag gar nicht daran denken, auch wenn das vermutlich noch 16, 17 Jahre dauert. Was ist das nur mit der ewigen Sentimentalität? Hab ich nicht neulich noch mit den Augen gerollt, als meine Mutter mich gefragt hat, ob ich kurz anrufen kann, wenn wir gut angekommen sind, eine SMS schreiben kann, nur, damit sie weiß, dass alles gut ist? Ach, Fanny, Du wirst noch oft die Augen rollen über Deine Mama). Jetzt sitzt Du vielleicht da und trinkst einen Kaffee oder ein Bier und fragst Dich, wie es war, dieses kleine Mädchen von 21 Monaten.

Unglaublich schön ist es, mein Fännchen. Und ich meine nicht mal Deine blauen Augen und diesen unfassbaren kleinen Mund, der aussieht, als hätte man ihn mit einem Pinsel gemalt und nicht Deinen großen, absolut hinreißenden Fannyfüße. Ganz egal, ob Du gute Laune hast oder schlechte, ob Du müde bist oder auf Deiner Matratze stehst und hüpfst und Deinen Fannytanz tanzt - da ist irgendetwas in Dir, das leuchtet. Wie soll ich es beschreiben? Da ist so gar nichts Taktisches in dem, was Du tust, Fanny, Du bist einfach nur Du, glücklich, aufgeregt, überdreht, hungrig, müde, total drüber - aber immer auf eine Art heile, die einem beim Zusehen fast weh tut. Ich weiß, dass das Leben schon irgendwann kommen wird mit all seinen Anstrengungen und Notwendigkeiten und Schmerzen, trotzdem glaube ich, nein, ich weiß, dass Du dieses Leuchten behalten wirst, es ist einfach in Dir. Man fühlt sich leichter in Deiner Gegenwart, ein bisschen heller und sehr ganz, Fanny. Oder: Anny, wie Du gerade immer sagst, das F hast Du noch nicht gefunden. Stark bist Du auch, sehr stark sogar. Du bestehst auf die Dinge, die Du willst (Gurke! Rutschen! Bär!) und auf die Dinge, die Du nicht willst (nicht schlafen, nicht baden, nicht die Schuhe anziehen, nicht im Kinderwagen sitzen, neinneinNEIN, Anny RUNTER!). Du kannst, und das hast Du ganz sicher nicht von mir, sagenhaft gut rumlümmeln. Auf dem Sofa liegen, ein Buch lesen, mit Deinem Papa eine Folge "Trotro" gucken, ein Haus bauen, den ganzen Nachmittag lang. Und Du bist unheimlich zärtlich. Gestern, als Du nicht schlafen wolltest, hast Du mich ins Bett gebracht. Du hast Mama, Bett gesagt, ich musste meinen Kopf aufs Kopfkissen legen, dann hast Du mich zugedeckt und mir einen Kuss gegeben und noch einen, Du hast Dich neben mich gelegt und meinen Arm gestreichelt und psssssst gesagt. Du bist ein Herdentier, Du bist glücklich, wenn Du bei allem dabei bist, was wir machen - wenn Du beim Einkaufen im Einkaufswagen sitzt und unsere Einkäufe hinter Dich wirfst, wenn Du beim Obsthändler die Äpfel aussuchst, den Kuchenteig umrührst. Ein Quatschmacher bist Du auch. Manchmal wirfst Du Dich beim Hopsen auf dem Sofa nach hinten, lässt Dich fallen und sagst Au-au, dann lachst Du, viel tiefer, als man es von einem kleinen Mädchen erwarten würde, und springst auf, wenn wir kommen, um ganz doll zu pusten. Manchmal versteckst Du Dich im Schrank, Du machst die Tür zu und tust, als würdest Du schlafen, bis Du es nicht mehr aushältst und Anny, PIEP sagst, dann muss ich die Tür aufmachen und vor Überraschung ganz laut schreien und Du hörst erst wieder auf zu lachen, wenn Du Dich noch einmal verstecken willst und ich weggehen muss, um Dich noch einmal zu finden. (Wann hört es eigentlich auf mit dem Quatschmachen, Fanny, wann verlernt man es, einen so unbändigen Spaß zu haben? Wann hört man auf, in der Küche zu tanzen, und laut zu singen und sich in den großen Zeh zu beißen? Wie ich es liebe, mit Dir zu tanzen, meistens zu Marvin Gaye, Move On Up ist gerade Dein Lieblingslied, und wehe, ich mache nach der Hälfte schlapp).

Das schönste Andenken, das ich aus unserem Paris-Urlaub mit nach Hause nehme: die Erinnerung an unsere kleine Party. Wir hatten etwas zu feiern, deshalb sind wir essen gegangen. Du hast Deinen eigenen Stuhl bekommen, keinen Hochstuhl, sondern einen ganz normalen (und wie stolz Du warst, Mama Stuhl, Papa Stuhl, Anny Stuhl!), und einen eigenen Teller und eine eigene Ketchupflasche für Deine Pommes, die Kellnerin war ein bisschen verliebt in Dich. Zwischendurch sind wir die Straße rauf und wieder herunter gerannt, Du hast mich gejagt und ich Dich, und wir haben auf dem Automaten für die Leihfahrräder alle Tasten gedrückt und Piep gesagt, dann haben wir Orangina getrunken und Prost gesagt (vielleicht Dein liebstes Wort gerade), draußen war es schon lange dunkel und Du hellwach. Bevor Du in meinem Arm eingeschlafen bist, hast Du mir noch Deinen Tag erzählt, von Deinem Stuhl und Deinem Teller, von den Pommes und von Dingen, deren Bedeutung nur Du kennst. Als Du eingeschlafen bist, habe ich noch eine ganze Weile im Dunkeln neben Dir gelegen, vorm Fenster Paris und die Nacht und Du neben mir, schlafend, leise schnarchend, schon so groß, dass Deine Füße im Liegen an meine Knie kommen.

Kannst Du es Dir vorstellen, das kleine, große Mädchen von 21 Monaten? Stoß auf dieses Mädchen an, Fanny, und sag Prost. Und dann ruf mich an, egal, wie spät es ist, und sag mir, dass alles gut ist. Oder tanz zu Marvin Gaye.

Es küsst Dich,
Deine Mama



UND WIE MACHST DU DAS, MAILIS?




Name: Mailis Klaus
Alter: 34
Mutter von: Elias (19 Monate)
Stadt: Wien
Beruf: Wirtschaftsprüfung

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Elias wird seit seinem achten Lebensmonat fremdbetreut, da ich recht früh wieder in die Berufstätigkeit zurückkehren wollte. Anfangs war er von 8 bis 12 Uhr in der Krabbelstube. Ich habe die Betreuungszeit aber relativ schnell bis auf 15 Uhr ausgedehnt, als er dort auch problemlos ein Nachmittagsschläfchen hielt. Damit konnte ich nicht rechnen, da er zu Hause ohne "Einschlafhilfe" von mir meist nicht auskam. Häufig musste ich ihn dazu mindestens eine halbe Stunde durch die Wohnung tragen. Mit der Betreuung bin ich sehr zufrieden. Natürlich hatte er auch Phasen, in denen er bei der Übergabe geklammert hat. Aber er ließ sich von den Erzieherinnen ablenken und beruhigte sich schnell. Abgeholt habe ich immer ein rundum zufriedenes Kind. Bedenken hatte ich nur deswegen, dass die private Krabbelstube zweisprachig (deutsch-französisch) geführt wird. Da Elias zu Hause bereits zweisprachig aufwächst, befürchtete ich eine zu arge Sprachverwirrung. Ab sofort erledigt sich dieser Fall aber ohnehin von selbst, denn der Kindergarten, den er nun ab September besuchen wird, wird auf Deutsch geführt. Ich habe einen Wechsel auch deswegen angestrebt, da ich wieder Vollzeit arbeiten möchte, die bisher genutzte Krabbelstube aber nur von 8 bis 15 Uhr geöffnet ist.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Ich arbeite in einer internationalen Wirtschaftsprüfungskanzlei, seit Oktober 2011 auf Teilzeitbasis (25 Stunden/Woche), ab September 2012 wieder Vollzeit (in der busy season von Oktober bis März durchschnittlich 60 Stunden/Woche). Ich habe mich um eine schnelle Rückkehr in die Vollzeitarbeit vor allem deswegen bemüht, da man als Teilzeitmitarbeiterin häufig nur eine zuarbeitende Funktion ausübt und keine Projektleitung erhält, wie ich sie vor Elias´ Geburt gewöhnt war. Die grundsätzliche Möglichkeit, meine Arbeit vom Home-Office aus zu erledigen, kommt meiner Rolle als berufstätige Mutter sehr entgegen, da sie meine Flexibilität gegenüber einem reinen Büro-Job erhöht. Mit dieser Lösung bin ich sehr zufrieden.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Ich stehe werktags um 6:30 Uhr auf, in der Regel eine Stunde bevor mein Sohn erwacht. Nach einer Dusche, einer Tasse Kaffee und dem schnellen Durchblättern der Tageszeitung bleibt ca. eine halbe Stunde für meinen Sohn: anziehen, ein paar Streicheleinheiten. Für viel Herumspielen bleibt allerdings keine Zeit. Um 8 Uhr ziehen wir los. Zur Krabbelstube sind es nur fünf Minuten zu Fuß. Dort wird gefrühstückt. Ich nehme mir eine Kleinigkeit auf den weiteren Fußweg von etwa 10 Minuten ins Büro mit. Dass ich praktisch in der Innenstadt wohne und sowohl die Krabbelstube als auch das Büro sich nur ein paar Gehminuten von meiner Wohnung entfernt befinden, schätze ich wirklich sehr. Gegen 15 Uhr hole ich Elias wieder ab. Dann geht es auf den Spielplatz, wo wir uns auch mit anderen Müttern und ihren Kindern treffen. Später erledigen wir bei Bedarf gemeinsam Einkäufe. Abends spiele ich mit ihm ausgiebig (Bilderbücher anschauen, singen, malen, Bauklötzchen arrangieren und wieder umwerfen), bevor er gegen 20 Uhr ins Bett gebracht wird. Häufig setze ich mich dann noch an den PC, um zu arbeiten. Vielleicht ist das nicht immer dringend nötig, ich möchte aber auf diese Weise am kommenden Tag Stress vermeiden.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Da der Vater meines Kindes während der Woche in Prag arbeitet und wir eine Wochenendbeziehung führen, bin ich während der Woche praktisch alleinerziehend. Die eine Stunde am Morgen und die paar Stunden am Abend, die ich für mich habe, reichen mir im Prinzip. Allerdings ist das zu wenig Zeit, um darüber hinaus genügend Freundschaften zu pflegen. Auch meine kulturellen Bedürfnisse (Kino, Theater, Konzerte, Bücherlesen, Reisen) kommen seit der Geburt meines Sohnes eindeutig zu kurz. Dies hole ich im Sommer kräftig nach, da ich von Mitte Juni bis Anfang September nicht arbeite. In dieser Zeit muss ich unbedingt raus aus der Stadt und meinem recht stressigen Alltag, um wieder Energie zu tanken. Elias bleibt dann auch ab und zu eine Woche bei den Großeltern oder in der Familie meines Bruders.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Generell war ich darauf gefasst, dass Muttersein zunächst ein erhebliches Quantum an Selbstlosigkeit bedeuten würde. Dennoch muss ich zugeben, dass ich anfangs doch etwas mit der andauernden Fremdbestimmung durch die Bedürfnisse eines Säuglings zu kämpfen hatte. Ich war von der (zugegeben wohl etwas naiven) Vorstellung ausgegangen, das erste Halbjahr gemütlich neben dem schlafenden, das zweite Halbjahr dann neben dem spielenden Kind genießen zu können. Stattdessen erwies sich mein Sohn als ein ziemlich schlechter Schläfer, und auf dem Spielplatz sowie in der Wohnung als immer die Gefahr suchendes Objekt steter Beobachtungsnotwendigkeit. Meine Vorstellung, dass sich gerade das erste Lebensjahr des Kindes als sehr abwechslungsreich erweisen würde, hat sich für mich nicht wirklich bewahrheitet: Ich fand diese Zeit recht eintönig, bestimmt durch immer die gleichen Handlungen. Inzwischen hat sich das natürlich stark geändert: Elias´ zweites Lebensjahr finde ich spannend und wunderschön!

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Von meinem Idealbild einer Familie - Mutter, Vater und Kind(er) haben gemeinsam an einem Ort zu wohnen und glücklich zu sein - musste ich mich aufgrund der beruflichen Situation von Elias´Vater leider verabschieden. Dies ist für mich ein schwieriger Lern- und Anpassungsprozess, mit dem ich mental noch zu kämpfen habe.

Was macht dich besonders glücklich?
Das Kind selbst. Gerade jetzt im Sommer das unbeschwerte Zusammensein mit ihm auf dem Lande, einfach in den Tag, in die Wochen hineinleben ohne Termindruck und Hetze. Nach einem langen Frühstück zum See schlendern, vorbei an Hunden, Katzen und Pferden, machen, worauf man Lust hat, und solange es mit einem Kleinkind eben dauert. Schwimmen, beim Dorfladen Eis essen, dort sitzen bleiben und mit größeren Kindern plaudern. Häufig gehen wir am Vormittag in den benachbarten Kindergarten mit einem Spielplatz wie aus Kinderträumen. Wo in der Stadt wäre es möglich, mit einem fremden Kind einfach zum Spielen vorbeizukommen? Undenkbar! Auf dem Lande herrscht ein anderes Atmen, die Kinder laufen da häufig einfach mit und werden wie nebenbei groß. Für diesen Sommer schufte ich im Herbst und Winter, dies ist meine ganz persönliche Balance zwischen Alltag und Muße.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Die Entscheidung über die Zeit für ein Kind habe ich alleine getroffen. Natürlich haben wir darüber gesprochen, nur war der Zeitpunkt in seinen Augen nicht richtig. Wahrscheinlich hatte er damit sogar recht, da er in der Endphase seiner Doktorarbeit steckte. Aber ich ging nicht davon aus, dass ich sofort schwanger werden würde. Am Anfang war es für Elias´ Vater schwer zu akzeptieren, dass nun unser Kind für mich die absolute Nummer eins wurde und er ins zweite Glied zurücktreten musste, zumal ich in seinen Augen seit acht Jahren weiterhin die wichtigste Person in seinem Leben geblieben bin. Für mich wiederum war eben gerade der Umstand gewöhnungsbedürftig zu sehen, dass unser Sohn bei ihm nicht meine Position eingenommen hat.

Da wir aktuell eine Wochenendbeziehung führen (und sich dieser Umstand in absehbarer Zukunft nicht ändern wird), befindet sich die Paarbeziehung im Stand-by-Modus. Zeit für die Zweisamkeit ist da schon viel gewollt. Wir müssen daran arbeiten, dass wir uns dadurch nicht auseinanderleben. Man stellt ja an so ein gemeinsames Wochenende jede Menge Forderungen. Ich möchte mich von der anstrengenden Woche erholen, muss uns aber dann doch durch die Tage dirigieren, weil mein Freund häufig einfach nicht weiß, wie und wann Elias und ich in Wien was zu machen gewohnt sind. Hier muss ich noch lernen, lockerer zu werden und mir einzugestehen, dass der Papa zwar vieles anders macht, aber dass es auch gut und okay ist, wie er das macht.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Ich kann mich nicht beklagen: Mein Arbeitgeber hat sich meiner Schwangerschaft gegenüber als großzügig erwiesen und klar gemacht, dass ich nach der Geburt jederzeit willkommen bin. Auch das in Österreich eingeführte einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld hat mir erlaubt, die Karenzzeit ohne finanzielle Nöte zu verbringen. Hinzu kommt, dass Wien sehr kinderfreundlich ist: Es gibt saubere Spielplätze, weitgehend barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln, Restaurants sind auf Kinder eingestellt. Angesichts ganz anderer Erfahrungen in (ostmittel-) europäischen Nachbarländern muss ich sagen, dass ich wirklich zufrieden bin. Ich möchte allerdings anmerken, dass werdende Mütter bereits früh mehr Eigeninitiative zeigen, nicht die Hände in den Schoß legen und nicht nur mit der Hilfe staatlicher Institutionen rechnen sollten. Ich habe mir die Betreuungsplätze für mein Kind bereits in den ersten Schwangerschaftsmonaten bei zwei verschiedenen Betreuungseinrichtungen gesichert - in der einen für die Zeit ab seinem achten, in der anderen ab seinem 18. Lebensmonat. Zum einen wollte ich so früh wie möglich wieder in die Berufstätigkeit zurückkehren, zum anderen war ich mir nicht sicher, ob Elias bereits zu einem so frühen Zeitpunkt die vormittägliche Trennung von mir verkraftet. Im negativen Fall hätte ich den Krabbelstubenplatz wieder storniert und wäre bis zu seinem 18. Monat zu Hause geblieben, um ihn erst dann in den Kindergarten zu schicken. Um die Karrierechancen von Müttern zu verbessern, bin ich dafür, dass die Papamonate im Regelfall Pflicht sein sollten. Warum sollte man nicht ein Jahr Karenzzeit für Mütter und dann ein halbes Jahr für Väter einführen?

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
In den zehn Jahren vor Elias´ Geburt habe ich häufig meinen Wohnort gewechselt und in insgesamt fünf Ländern gelebt. Das hat sich beruflich und privat so ergeben und damals dachte ich, das könnte so weitergehen. Seit der Geburt von Elias ist bei mir die Sehnsucht nach dem Ort meiner Kindheit, Estland, viel stärker geworden. Ich merke, wie schwer es mir fällt, in einer Gesellschaft zu leben, in der ich keine Wurzeln habe - es ist ein Gefühl vergleichbar mit einem In-der-Luft-Hängen. Alle neuen Freunde sind mit meiner Arbeit verbunden, alle alten Freunde und Verwandten leben in Estland. Ich fühle keinesfalls, dass ich in Österreich irgendwie benachteiligt oder anders als Einheimische behandelt werde, nur ich selbst habe das Gefühl, dass ich, da ich nicht in Österreich aufgewachsen bin, kein Teil der dortigen Gesellschaft bin und werden werde. Es gibt nicht einen Stein, über den ich mal gestolpert bin, womit ich eine eigene Geschichte verbinde. Es gibt keinen Baum, unter dem ich mal gesessen bin, keine Erinnerung an Gerüche oder Geschmäcker.

Mein Sohn wird wohl als Wiener aufwachsen und die gleiche emotionale Bindung zu seinem Kindheitsort entwickeln. Das nehme ich gerne hin. Ich zweifle aber ernsthaft, ob ich meiner Heimat für immer fern bleiben kann.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
So eine Situation ist für mich eigentlich nicht mehr vorstellbar. Auch wenn ich das Kind prima betreut weiß, bin ich im Kopf nicht mehr kinderfrei. Ich würde mich mit meinen besten Freundinnen, die ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt habe, zunächst in einer Cocktailbar treffen, später tanzen gehen und mich fein anziehen, ohne ständig den schokoladenverschmierten Händen eines Zwerges vorbeugen zu müssen.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich würde ihr sagen, sie sollte sich nicht den Kopf über den richtigen Zeitpunkt für ein Kind zerbrechen. Denn diesen Zeitpunkt gibt es praktisch nie. Allerdings gibt es auch keinen falschen Zeitpunkt für eine richtige Sache. Bei mir hat es sich gezeigt: Am Ende wird sich immer alles irgendwie fügen. Ein kleines Kind aufwachsen zu sehen, es an der Hand zu nehmen und ihm die Welt zeigen zu können, ist ein wunderschönes, mit nichts zu vergleichendes Geschenk des Lebens.


Vielen Dank, liebe Mailis!
Hier sind die Fragebögen von JuleKatiIndre und Isabelle.
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