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FAST


Der Erdbeerstand steht noch an der Ecke, aber er wartet nur darauf, abgeschleppt zu werden, die Ernte ist vorüber. Bald werden wir wieder Jeans tragen und dicke Pullover und die Sonne wird um acht Uhr verschwunden sein. Fast ist der Herbst da, ein paar Tage noch, höchstens Wochen.

Wie ich es mag, dieses Fast. Das Kurzdavor, das Gleich-geht-es-los, das Ein-paar-Tage-noch. 

Schon als Kind. Die ewige Autofahrt nach Dänemark, Stunde um Stunde, und irgendwann fuhren wir um diese eine Kurve und dahinter: die Dünen und der Fjord. Man konnte das Meer noch nicht sehen, wusste aber, dass es da ist. Die Aufregung im Theater, wenn das Orchester sich einstimmt und der Vorhang sich ein wenig bewegt, weil dahinter noch letzte Kleinigkeiten arrangiert werden. Instrumente, Gemurmel, Rascheln, dann plötzlich Stille. Wenn ein Text fast fertig ist. Alles, was gesagt werden sollte, steht schon da, in der richtigen Reihenfolge von Anfang bis Schluss, aber die Wörter müssen noch einmal poliert werden. Der letzte Tag vor dem Verreisen. Die Koffer schon vom Schrank geholt, aber noch nicht gepackt, dafür jede Menge Pläne im Kopf. Die Tage vor Weihnachten, das Plätzchenessen und Geschenkeüberlegen, das Kartenschreiben und Einpacken, die Vorfreude, in die sich noch keine Jahresendmelancholie mischt. Der Freitagabend früher, als wir noch eine Fernbeziehung hatten und er noch ein paar hundert Kilometer entfernt auf dem Weg zum Flughafen war. Gleich steigt er ein und fliegt los, jetzt ist er losgeflogen, nun landet er, in ungefähr 25 Minuten werde ich seinen Schlüssel im Schloss hören. Die letzten Tage der Sommerferien. Wie sich die Stadt wieder füllt. Wie die Mädchen sich alle wieder meldeten, hast du Zeit, wir wollen spielen. Und der allerletzte Feriensonntag ihrer allerersten Sommerferien, als wir die Schulsachen durchgingen, Stifte anspitzten, Radiergummis proberadierten, ab morgen bist du eine Zweitklässlerin, noch einmal schlafen. 

Und Hedis wackelige Gehversuche jetzt. Wie sie manchmal steht und vergisst, dass sie eigentlich noch nicht stehen kann, steht da und bemerkt es nicht, macht einen Schritt, setzt sich wieder hin. Und steht wieder auf, und versucht es noch einmal, mit Festhalten dieses Mal, ein Schritt und noch einer. Bravo, bravo, rufe ich und klatsche in die Hände, und sie lacht, und dann legt sie ihren Kopf ein bisschen schief und lacht so groß, dass man ihre beiden Zähne sehen kann. Manchmal kommt Fanny und nimmt ihre beiden Arme, stellt sich hinter sie, dann gehen sie zusammen, und Hedi guckt nach oben, ihre Schwester an, und stolpert fast, aber sie hält sie, dann gehen sie weiter, sehr wackelig, sehr stolz, Schritt für Schritt, bis zum Kühlschrank und zurück. Fanny hat keine Lust mehr, aber gut, noch eine Bahn und eine allerletzte. Fast.

DREI MONATE ZU VIERT


Ihr Blick, wenn sie zweieinhalb Minuten gedöst hat und dann aufwacht, als hätte sie die letzten 16 Stunden in einem Boxspringbett geschlafen. Ihre Augen leuchten, dann gluckst sie. Und ich möchte verzweifeln und verzweifle auch ein bisschen, weil ich so müde bin und noch 37 Dinge erledigen müsste und bin doch glücklich, von oben bis unten, wie Fanny immer sagt. Weil sie sie ist. Weil sie da ist. Ach, Hedi.

Und überhaupt: ihr Lachen. Auf wieviele Arten sie jetzt lacht. Wie sie kichert, kiekst, gurrt. Am lautesten, wenn wir so tun, als würden wir schmatzend ihren Bauch aufessen, ganz leise, wenn sie nachts aufwacht und im Fastdunkeln sieht, dass ich noch da bin. 

Und die beiden Mädchen zusammen. Wie Fanny sie knuddelt und im Arm hält, ihr Schlaflieder vorsingt, sie wickelt, außer wenn es eine krasse Windel ist. Es ist immer noch schwer für sie, morgens aufzuwachen, an die neue Schulzeit haben wir uns auch nach einem halben Jahr noch nicht gewöhnt, aber egal, wie morgenmüde sie ist, immer geht sie noch an Hedis Bett und gibt ihr einen Kuss. Und dann noch einen. Ich versuche immer, ihre Blicke zu fotografieren, aber die Bilder zeigen nie, wie es wirklich ist. Die Freude, mit der sie einander ansehen, und die Vertrautheit, Fannys Stolz, ihre Zärtlichkeit, ihre Spiele. Dinge, auf die ich nie kommen würde, und die ganz allein ihnen beiden gehören, Ohrenküsse, Nasenschlecker, Fußpupse. Und dann gluckst sie los und strahlt ihre große Schwester an, und ich muss weggucken, weil mein Herz das nicht aushält, und gucke natürlich trotzdem hin. 

Und die Müdigkeit. Ich wusste, was mich erwartet, und hatte doch nicht damit gerechnet, aber da ist sie wieder, diese Müdigkeit, die einem in die Knochen kriecht und in den Kopf und manchmal auch ins Herz. Eine Müdigkeit, die nicht nur mit mangelndem Schlaf zu tun hat, sondern auch damit, was für ein Dauerlauf dieses neue Leben an manchen Tagen ist. Dann versuche ich, nicht so angefasst zu sein, wie ich mich fühle, und darüber zu lachen, dass ich drei Stunden brauche, um mir ein Brot zu schmieren, an manchen Tagen gelingt es mir sogar. Und trotzdem ist da eine Wachheit gerade. Eine Neugier aufs Leben, auf ihres, unseres, meines. Ich habe in den letzten vier Wochen mehr Pläne geschmiedet, als im ganzen letzten Jahr. Als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen, guck mal, das alles ist dein Leben, und all das könnte es noch sein, ist das nicht schön? 

Und die Gelassenheit, die plötzlich auch da ist. Manches, über das ich mich vor einem halben Jahr noch tierisch geärgert hätte, ist plötzlich nur noch nervig und dann auch schnell abgehakt. Weil ich keine Lust habe, mich von Blödsinnigkeiten ärgern zu lassen, nicht jetzt. 

Und die Dankbarkeit. Immer wieder und in den merkwürdigsten Momenten: einfach bloß riesengroße Dankbarkeit. Und riesengroßes Staunen. Wie irre sich die Natur uns Menschen ausgedacht hat, plötzlich ist da ein Sinn für Humor, plötzlich sind da Haare, plötzlich ist da Sprache, ein Örrrööö und ein Raaagaaa

Und wie vertraut sich das Zuviertsein anfühlt. Es ist erst drei Monate her, dass wir zu dritt waren, sechs Jahre lang, und ich kann mich nicht mehr so richtig daran erinnern, wie das war, als sie noch nicht da war. Wie ich mir nicht mehr vorstellen kann, dass wir jahrelang zu zweit waren, nur wir beide. Da ist schon so viel Selbstverständlichkeit. Und Bandenverschworenheit. 

Und dieses komische Alarmiertsein ständig. Irgendetwas in mir spürt, wenn sie nachts die Augen öffnet. Dann liegt sie da, ganz still, und blinzelt in die Nacht, und ich liege neben ihr, und dann blinzeln wir uns beide an, und sie lacht schon wieder. Schläft sie mal länger, wache ich von ihren Nicht-Geräuschen auf und weil es so still ist und ich lieber doch mal eben gucken will, ob alles in Ordnung ist.

Und das Rumschwärmen. Schau doch mal, ihr Daumen, dieser winzigkleine Daumen. Obwohl wir ihn ja alle sehen. Aber es ist so schön, es auszusprechen und zu teilen. Alles an ihr zu beschwärmen. Unsere Kosenamensammlung noch ein wenig zu erweitern, Hedchen, Hedilette, Hedita, Fräulein Knöterig, Sönnchen. Aber so darf nur Fanny sie nennen, diesen Namen hat sie sich ausgedacht, manchmal darf ich ihn mir ausleihen, aber ich muss vorher immer fragen. 

Und das Symbiotischsein. Ihr Bett zu sein, ihr Kängurubeutel, ihre Wärmflasche.

Und all die Winzigkeiten von ihr zu kennen. Wie sie klingt, wenn sie hungrig ist. Wie sie klingt, wenn sie sehr hungrig ist. Wie sie klingt, wenn sie müde ist, aber nicht schlafen will. Wie sie klingt, wenn sie wach ist und Lust auf Blödsinn hat.

Und das Vernarrtsein. Diese Speckbacken, diese Stupsnase, diese Kräusellippe, diese Weichheit, diese Duftigkeit.

Und der Wert, den Zeit plötzlich bekommt. Vor ein paar Tagen bin ich aus dem Schlafzimmer gerannt, als sie endlich eingeschlafen war, und dann voll gegen den Türrahmen geknallt, bloß weil ich schon wieder so viel machen wollte. 

Und die komischen Dates, die wir jetzt wieder haben und die eigentlich bloß darin bestehen, halbwegs wach, sehr wortkarg und eislöffelnd eine Folge „Designated Survivor” zu gucken, was unromantisch klingt, aber irre schön ist, schon weil ich mit keinem Menschen lieber wortkarg eislöffle als mit ihm. 

Und das Gefühl, ihm beim Vatersein zuzusehen. 

Und die Angst, die plötzlich wieder da ist. Um sie, um uns, davor, dass etwas passieren könnte, auch vor dieser verrückten Welt, die ich gerade so wenig verstehe, und jeden Tag noch ein bisschen weniger. 

Und die Angst, die plötzlich nicht mehr da ist. Dieses Mal frage ich mich nicht, ob ich eine gute Mutter bin. Es ist mir wurscht, ob ich das perfekt mache oder okay, weil es okay ist, okay zu sein. Dieses Mal fühle ich mich nicht so einsam wie in den ersten Monaten mit Fanny. Dieses Mal sage ich schneller, was ich brauche und wann ich es brauche. Dieses Mal frage ich mich nicht, wie das alles geht. Und wenn ich nicht weiterweiß, weiß ich wenigstens, dass auch die harten Tage ein Ende haben. Was mich natürlich nicht daran hindert, die harten Tage echt hart zu finden. Die Tage, an denen mir das Müdesein weh tut und der Rücken und die Pausenlosigkeit. Und Fanny dann von der Schule kommt und ich versuche, sie zu trösten, weil ihr Tag und ein Mädchen gemein zu ihr waren, und sie ihre Lieblingsplaymobilfigur nicht wiederfindet und es nicht schafft, ein schönes Pferd zu malen, obwohl ich ja finde, dass ihr Pferd total schön aussieht, was das Ganze noch viel schlimmer macht, weil ich nicht kapiere, wie total doofdoofdoof dieses Pferd ist, und schon kriecht sie unter ihr Bett und weint ganz bitterlich und kippt mit dem Fuß aus Versehen die Schüssel mit dem Brausebrei um, den sie gerade aufwendig zusammengerührt hat, und ich komme nicht an sie ran, weil ich mir Hedi umgebunden habe, die dann auch anfängt zu weinen, obwohl sie nach zwei Stunden durch die Wohnung tragen gerade eingeschlafen war, und ich würde gerne mitheulen, wenn wir schon mal dabei sind, aber mein Fuß klebt gerade auf der Erde fest. 

Und dann liegen wir auf unserem Bett und ich hab Hedi im einen Arm und Fanny im anderen, und er liegt daneben und protestiert, dass sein Arm ja ganz leer sei, und jeder sagt etwas, und meistens alle gleichzeitig, und Hedi örööööt und alles ist richtig, wieder so richtig.

EIN BLICK IN UNSERE BABYECKE




Es gibt Ecken in unserer Wohnung, die sich ganz genau richtig anfühlen. Mein kleiner, eigentlich total merkwürdig im Flur platzierter Schreibtisch ist so eine Ecke. Und unsere Küche. Seit ich sie vor vier Jahren umgeräumt habe, verbringe ich die meiste Zeit an unserem Küchentisch. Und dann gibt es Orte, die sich immer irgendwie unfertig anfühlen. Unser Schlafzimmer zum Beispiel. Bis vor ein paar Wochen die Babyecke eingezogen ist. Unglaublich, wie sehr es sich verändert hat, seit alles an einem neuen Ort steht. Plötzlich ist es hier richtig gemütlich. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass im kleinen Schlafsack nun tatsächlich ein kleines Mädchen liegt und man hier sehr gut herumhöhlen kann.

Mir ihr eingezogen sind...
* Postkarten von „Ava & Yves” und „Papierahoi”, die ich bei Greta + Björn gefunden habe, einem ganz zauberhaften Kinderladen in der Berliner Rykestraße.
* Das Roar-Poster – auch von dort.
* Eine Walrassel, ein Wimpel und zwei Postkarten von Gretas Schwester.
* Eine Wickelauflage. Die sollte dieses Mal besonders stabil sein, damit man sie gut durch die Wohnung tragen und auch aufs Bett oder Sofa legen kann, damit Fanny mitwickeln kann, wenn sie will. Eine Eisbär-Lampe, die nachts leuchtet wie ein kleiner Mond. (Das brauche ich auch. Ich renne im Dunkeln nämlich gegen jede Kante, sogar wenn gar keine in der Nähe ist.) Und ein Häschen. Alles von Smallable.
* Kuschelige Strickjacken von meiner Mama und meiner Freundin Silke (nach einer Vorlage von Mme Ulma), über die ich mich wirklich jeden Tag freue. So weich und schön. Ich hoffe, sie passen noch ganz lange.
* Eine Bettschlange.
* Eine Teddyspieluhr aus dem Tiny Store, die „Lalelu” spielt und schon sehr geliebt wird.
* Eine Wimpelgirlande, die ich aus Stockholm mitgebracht habe.
* Ein Sternchen-Schlafsack aus dem Sale von Noë und Zoé.
* Dazu ein paar Fanny-Bilder und Herzen.

Kommt gut in diese Woche.

Die mit *-markierten Dinge habe ich netterweise vom französischen Conceptstore Smallable zur Verfügung gestellt bekommen – herzlichen Dank dafür.

DA, SO DA


Eine mehr. Wie in diesem Kinderbuch, das Fanny hat. Auf jeder Seite taucht noch ein Kind auf, einer mehr, ganz plötzlich, als hätte niemand mit ihm gerechnet. 

Natürlich haben wir mit ihr gerechnet. Wir haben ein Körbchen und Strampler besorgt, unser Leben so organisiert, dass ein Baby in ihm Platz haben würde. Wir haben uns einen ersten und zweiten Vornamen für sie ausgedacht und uns monatelang gefragt, ob sie die richtigen sein würden, um dann bei ihnen zu bleiben, weil sie die richtigen sind, und wir sie in der Zwischenzeit schon so oft mit ihren Namen und Kosenamen angesprochen hatten, dass sie (zu) ihr gehörten. Nestbau, was man eben alles so macht. Und doch bereitet einen nichts, keine Erfahrung, keine Vorstellung oder Vorfreude darauf vor, wie es ist, wenn sie dann da ist. 

Die kleinen Geräusche, die sie macht, ihr Seufzen, Glucksen, Maunzen, Schnorcheln. Die Mimikstürme in ihrem Gesicht. Natürlich wissen wir, dass sie noch nicht wirklich lacht, aber hat sie eben nicht eindeutig gelächelt? Das Wiedererkennen. Sieht sie nicht genauso aus wie Fanny in ihren ersten Tagen, sie könnten Babyzwillinge sein, da ist seine Nase und mein Stirnrunzeln, Mini-Fanny-Hände. Das Kennenlernen. Ihr Blick, wenn sie Hunger hat. Ihre Füße, die noch viel zu klein sind für den kleinsten Strampler. Ihre Fingernägel. Ihr Kopf. Wie kann ein Kopf nach Marzipan riechen? Die Rückkehr der Einhändigkeit. Und der Müdigkeit. Und der Fahrstuhlgefühle. Alles ist neu, aber gar nichts fremd. Alles ist anders, aber ganz genau richtig so. Wie sie auf seiner oder meiner Brust liegt und schläft und die Augen aufschlägt und merkt, dass alles gut ist und wieder einschläft, mit dieser Schwere, die sich ganz und gar fallen lässt. Das Glück des Verschmolzenseins. Nur dass es jetzt noch mehr Glück ist, weil da eine große Schwester ist, die neben ihrem Körbchen sitzt und ihr zusieht, sie streichelt und Baby! sagt und Baby! gleich schon Tricks beibringen will, schau doch mal, sagt sie, so hält man den Schnuller fest. Schau doch mal, so küsst man. Monatelang hat sie mit ihr in meinem Bauch gesprochen, oft hat sie ihr geantwortet, mit einer Bewegung, einem Tritt, sobald ich schwanger genug war, dass man die Fußausbeulungen fühlen und sehen konnte. Baby! sagte sie irgendwann, jetzt komm. Und sie kam tatsächlich. Eine mehr. 

DIE ZWEITE SCHWANGERSCHAFT



Gestern Nachmittag wäre ich fast eingeschlafen. Aber da kam sie zum Bett, ganz leise nur, Mamabär, bist du eingeschlafen? Ehe ich ihr antworten konnte, lag sie schon in meinem Arm, streichelte meinen Bauch und sprach ganz leise mit dem Baby, erzählte, wie der Tag in der Schule war und was es zum Nachtisch gegeben hatte und dass sie jetzt Dreien schreiben kann, großer Buckel, großer Bauch, ja, die Drei kann ich jetzt auch. Das Baby fing an, gegen ihre Hand zu treten, wie es das eigentlich immer macht, sobald sie anfängt, mit ihm zu reden, als würden die beiden sich längst kennen. Ich war so glücklich in diesem Moment. Und herzwackelig.

Wie schnell diese Schwangerschaft vorübergegangen ist. Aus ein paar Monaten sind ein paar Wochen geworden, jetzt zählen wir schon die letzten Tage bis zur Geburt. Die erste Schwangerschaft hat gefühlt doppelt so lange gedauert wie diese. Ich habe mir Notizen gemacht, geschmiert und gecremt, die Spieluhr auf meinen Bauch gelegt, Stunden mit ihm darüber geredet, wie wir uns das Elternsein vorstellen und uns als Eltern. Diese Schwangerschaft war eher eine der kleinen Momente. Vom Arzt nach Hause zu kommen und Fanny zu sagen, dass da ein Baby in meinem Bauch ist. Und ihr Blick. Mit ihr gemeinsam die allerersten Babysachen zu kaufen, wir wussten noch nicht einmal, ob es ein Mädchen oder Junge wird. Der Teller, den Fanny beim Tischdecken neben meinen stellt, weil Baby doch auch einen Teller braucht. Selbstgestrickte Babysachen in der Post. Beknackte Gelüste: Brause-Ufos, Melone, Schokoladen-Vanille-Karamelleis – und nichts von alledem hat mich vorher groß interessiert. In den Bauch gesungene Einschlaflieder und draufgeschmatzte Guten-Morgen-Küsse. Zu heulen, aber so richtig, weil, weil, ach, einfach weil. Gemeinsam Namen zu überlegen (und am Ende ist es der Name geworden, der Fanny eingefallen ist). Jeden Dienstagmorgen mit ihr im Bett zu liegen und zu schauen, welches Tier jetzt genauso groß ist wie das Baby – eine Funktion in meiner Schwangerschaftsapp, die wir erst ziemlich am Ende gefunden haben und irre mochten, schon für die Entdeckung des Kurzschwanzkängurus und Widderkaninchens. Zwei Kuschelhasen zu kaufen: einen großen für Fanny und einen kleinen für das Baby, als Überraschung für beide zur Geburt. Das Ultraschallbild, das bloß einen Fuß zeigt. Und winzige Söckchen für diesen Fuß zu kaufen. Meine Hand auf den Bauch zu legen und plötzlich einen Tritt zu kriegen und zurück zu kitzeln und dann kommt noch ein Tritt. All diese winzigen Dinge in die Wickelkommode einzuräumen. Ich hatte vergessen, wie klein sie am Anfang sind. Abends im Bett zu liegen, wenn alle schon schlafen, und nur wir beide sind noch (oder schon wieder) wach. 

Ich freue mich so, ich bin schon wieder ganz liebesweich. Aufgeregt bin ich auch. Nein, unruhig. Viel unruhiger als ich es erwartet hatte. Ich dachte, ich wäre halbwegs vorbereitet. Ich dachte, ich wüsste schon ein wenig über das Muttersein. Und ich weiß ja auch so einiges. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einem kleinen Menschen beim Leben zuschaut. Und dabei merkt, wie toll das ist – wie reich, wie aufregend, wie lustig, wie viel. Ich weiß, dass ich eine Weile brauchen werde, bis ich wieder in diesem Tempo ankommen werde, das man mit einem Baby hat, diesem Leben in Zeitlupe, vor allem nach den letzten Monaten im Dauerlauf. Ich weiß, wie nah die Nähe ist – so nah, wie Nähe einem nur nah sein kann, wenn man sich nicht mehr einen Körper teilt. Ich weiß, dass jede Phase, egal welche, wieder vorübergehen wird. Ich weiß, wie schnell aus diesem winzigkleinen Wesen ein Kind werden wird, dass sich mit einem Kuss in den Schultag verabschiedet, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich weiß, dass ich manchmal zweifeln werde, an allem, an mir, auch als Mutter, mich fragen werde, warum ich an manchen Tagen so ungeduldig werde und dann so ungerecht, vor allem ihm gegenüber, aber auch mir und unserem Leben gegenüber. Ich weiß, dass es hunderte Momente geben wird, die einfach bloß Momente sind, und es genau diese Momente sein werden, auf die ich zurückschaue, wenn ich wieder eine neue Kerze in den Geburtstagskuchen pike. Ich weiß, dass ich mit dem Baby in der Küche stehen und tanzen werde, zu allen möglichen strunzbeknackten und wunderschönen Songs, bis ich die gefunden habe, die ihm gefallen. Ich weiß, dass es dunkle Tage geben wird, Tage, in denen alles schwer ist, manchmal so schwer, dass es mich in die Knie zwingt. Und blinzelhelle Tage. Ich weiß, dass sich meine Prioritäten wieder verschieben werden, dass sich das Nicht-Wichtige und das Schon-überhaupt-nicht-Wichtige noch mehr vom Wichtigen trennen werden (was mich trotzdem nicht davon abhalten wird, mir den Kopf über Blödkram und Doofköppe zu zerbrechen). Ich weiß, dass ich zu oft versuchen werde, alles ganz besonders richtig zu machen. Ich weiß, dass Pfannkuchen gegen vieles helfen. Ich weiß, dass es auch nach Tagen, Monaten, Jahren immer wieder Momente geben wird, in denen ich nicht glauben kann, dass dieses Kind mein Kind ist. Ich weiß, dass es Wichtigeres gibt, als eine aufgeräumte Wohnung (und trotzdem viel zu oft aufräumen werde). Ich weiß, dass ich mich besser kennenlernen werde, Seiten an mir entdecken werde, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich weiß, dass ich oft Angst haben werde. Ich weiß, dass ich oft dankbar sein werde. Ich weiß, wie sehr mich die Liebe immer wieder umhauen wird, die Selbstverständlichkeit ihres schieren Vorhandenseins und ihre Unumstößlichkeit. Auch die Sorgen, die mit ihr kommen. Und das immer wieder Loslassen müssen und Loslassen dürfen. 

Vor allem aber weiß ich, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Bloß dass mich das Leben mit zwei Kindern wahrscheinlich wieder genauso überrumpeln und überraschen, überfordern und überglücklich machen wird wie beim ersten Mal. Und vielleicht ist das ja auch schon alles, was ich wissen muss.



Fotos aus SSW-Woche 26 von Kathi Tennstedt-Horn.

NICHT MEHR GANZ SO KLEINE NEUIGKEITEN


Der Grund, warum es hier in letzter Zeit ein wenig stiller war als sonst: Wenn alles gut geht, sind wir im Herbst zu viert. Und obwohl ich mittlerweile schon im fünften Monat bin und mich beim Anblick von Babysocken zusammenreißen muss, nicht vor Rührung loszuweinen (okay, das ist gelogen, ich breche in Tränen aus, und nicht nur beim Anblick von Babysocken, irgendeine schlimme Werbung tut´s auch schon), kann ich trotzdem noch immer nicht so recht glauben, dass in meinem Bauch ein kleiner Mensch wächst. Ein kleiner Mensch mit winzigen Wimpern. Unser zweites Kind.

Dieses Mal waren die ersten Wochen und Monate ein wenig härter als beim ersten Mal. Mir war ständig flau und ich mochte eigentlich gar nichts essen. Dauermüde war ich auch, so sehr, dass mir am Schreibtisch manchmal einfach die Augen zugefallen sind (und abends, wenn ich Fanny ins Bett gebracht habe). Immer wieder war ich auch ganz düster drauf, was mich am meisten überrascht hat. Schließlich hätte ich mich gar nicht mehr freuen können. Und doch war ich oft niedergeschlagen und traurig. Glücklicherweise sind diese Schatten mittlerweile wieder verschwunden und ich bin bloß noch aufgeregt, hungrig, neugierig, großgefühlig, vorfreudig, manchmal alle und manchmal immer noch sorgenvoll, aber meistens sehr glücklich und vor allem sehr, sehr dankbar.

Wie habt ihr denn eure zweite Schwangerschaft erlebt? Ähnlich wie die erste oder ganz anders? Und: Sucht jemand von euch zufällig noch einen Abnehmer für seinen alten Kinderwagen? Wir suchen nämlich noch einen. Wer seinen gerne verkaufen mag oder jemanden kennt, kann mir gerne eine Email schreiben: postanslomo(at)googlemail(dot)com.

PS: DANKE fürs so sehr Mitfreuen!

UND WIE MACHST DU DAS, BERIT?


Name: Berit Walch
Alter: 36 
Mutter von: Nik und Jona 
Stadt: Ein kleines Örtchen bei München

Wie war es für dich, als du erfahren hast, dass du Zwillinge bekommst?
Ich kann mich an jede Sekunde dieser Situation erinnern. Ich sitze auf dem Behandlungsstuhl meiner Frauenärztin, die mit einem Ultraschallstab herumwurschtelt und betrachte den schwarz-weißen Bildschirm, auf dem ich eigentlich nie so richtig etwas erkenne, außer psychodelisch wabernde Flecken. Ich halte es für ein medizinisches Wunder, dass es einem menschlichen oder vielmehr ärztlichem Auge gelingt, auf diesen Dingern Nieren, Blasen und Magenwände auszumachen. Aber dann erkenne ich doch etwas. Zwei weiße Punkte. Moment mal. Hab ich Halluzinationen? Wieso zwei? Meine Frauenärztin, eine ältere, ebenso herzliche wie kurzsichtige Frau, die nicht wirklich die Souveränste im Umgang mit ihrem Ultraschallgerät ist, nestelt an ihren Instrumenten herum. Während ich immer noch Kopfrechenarbeit leiste, drückt sie permanent auf einen kleinen Knopf, von dem ich nicht die leiseste Ahnung habe, wofür er gut sein soll. Ich starre wie paralysiert auf den Bildschirm und frage: „Äh… Entschuldigung? Sind das da ZWEI Embryos???“ Sie runzelte die Stirn, rückt sich (eine gefühlte Ewigkeit) die Brille zurecht, heftet sich mit ihrer Nase vor den Bildschirm und nimmt mir die Sicht auf die zwei, nein halt, meine zwei Punkte. Am liebsten würde ich sie zur Seite schubsen. Dann höre ich einen Satz, der nach mehr als drei Jahren noch immer in meinen Ohren nachhallt: „Ach tatsächlich, das sind wirklich ZWEI!“ 

In diesem Moment prasseln Bilder aus der Zukunft über mich herein, als wäre die Glaskugel eines Wahrsagers zersprungen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selbst Zwilling bin. Ich sehe mich mit zwei Babys auf dem Arm, sehe zwei Schultüten, vier kleine Schuhe auf dem Flur, zwei Geburtstagstorten auf dem Tisch. Ich werde von Wärme und Kälte zeitgleich durchflutet und lache und weine. Ich lache, weil ich als Zwilling weiß, dass es nichts Großartigeres auf der Welt gibt als eine Zwillingsschwester. Und ich weine, weil ich in diesem Moment das erste Mal in meinem Leben begreife, wie schwer es für meine Mama gewesen sein muss, uns beide groß zu ziehen. Eine Stunde und 100 weise Ratschläge meiner Ärztin später, taumele ich aus der Praxis, beseelt von dem Gefühl, ein unglaubliches Geheimnis in mir zu tragen, das nur ich und meine Frauenärztin kennen. Ich rufe meinen Mann an, um es mit ihm zu teilen. Das Glück strömt durch mich hindurch und Tränen über mein Gesicht, als ich sage: „Du wirst Doppel-Papa! Es sind Zwillinge!“

Wie kompliziert oder unkompliziert ist es, einen Kita-Platz für Zwillinge zu finden?
Meine Erfahrung: Für Großstadt-Mamis ist ein Kita-Platz mit Zwillingen ungefähr so realistisch, wie die Aussicht auf einen Morgen, an dem die beiden frisch geföhnt und selbstständig angezogen mit einem Frühstückstablett vor dem Bett stehen und fragen: „Mama, magst Du jetzt Croissant und Kaffee, oder nach dem Schaumbad, das wir gerade für dich eingelassen haben?“

Als wir damals noch in München wohnten, und ich gerade dabei war, meinen KITA-Triathlon oder besser den KITA-Iron-Man (ich klapperte mehr als 20 ab) zu bewältigen, hörte ich bei fast jeder Einrichtung folgenden Satz: „Zwillinge?! Da nehmen sie ja gleich zwei Plätze weg(!)“. Soviel dazu. Schlussendlich steckten mein Mann und ich unsere Kinder (und nahezu unser gesamtes Gehalt) in eine der teuersten KITAS Münchens, die – Überraschung – noch zwei Plätzchen auf ihren Yoga-Matten frei hatte. Als dann eines Tages unsere eineinhalbjährigen Kinder zur Oma statt „Gute Nacht“ „Good Night“ sagten, weil sie das in ihrem Englisch-Kurs in der KITA gelernt hatten, war das Maß voll. Wir flüchteten aufs Land. Unsere jetzige KITA, bei der wir sofort zwei Plätze bekamen, ist zwei Gehminuten von unserem Haus entfernt, kostet ein Viertel von dem, was wir vorher bezahlt hatten, und hat einen Garten, der so riesig ist, dass man Geo-Caching darin veranstalten kann. Ja, auf dem „Dorf“ ist die Welt einfach noch in Ordnung.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Folgende Worte einer Freundin haben mir das Leben gerettet: 
„Berit, wenn du in Teilzeit wieder anfängst – nimm dir den Freitag frei!“ Liebe Ute, wenn du das liest: Dein Rat war das wahrscheinlich Weiseste, das jemals ein Mensch zu mir gesagt hat. DANKE! Nur so funktioniert es für mich: Ich arbeite von Montag bis Donnerstag von 09:30 bis 15:00 Uhr. Mein Tag splittet sich also in zwei Hälften: Wahnsinn am Vormittag in der Firma (mit ein bisschen Chaos davor – Stichwort: Zwillings-KITA-Logistik) und Wahnsinn am Nachmittag zu Hause (mit ein bisschen Chaos danach – Stichwort: Zwillings-Bett-Logistik). Beide Hälften liebe ich heiß und innig. Abends falle ich wie ein Stein ins Bett und anschließend ins Koma, aus dem mich gegen 1:15 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Nik und um 2:30 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Jona reißt. Und am nächsten Tag? Geht der Wahnsinn in zwei Hälften wieder von vorne los. Da ist der Freitag dann schlichtweg das Licht am Ende des Wochentunnels. Mein Mann behauptet in seiner unendlichen Dreistigkeit doch tatsächlich, ich hätte an diesem Tag „frei“. Das ist so natürlich keinesfalls richtig, denn das impliziert ja, ich hätte freitags so etwas wie Urlaub. Falsch. Ich habe freitags REHA! 

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Hier meine Freizeitgestaltung knapp zusammengefasst: 
Montag bis Donnerstag 20:30 – 22:00 Uhr: Zeit für Hobbies (wie Schreiben/ Lesen/ Weißbier trinken), manchmal auch exakt in dieser Reihenfolge. 
Die weitere Stunde (um 23:00 Uhr falle ich ins Bett) kann man streng genommen nicht mitzählen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits so müde bin, dass ich die Welt nur noch in Fragmenten wahrnehme (wobei dieser Zustand durchaus angenehm ist).

Einmal pro Woche 19:30 – 23:30: Mädels-Abend! 
Wir sind mittlerweile fast alle Mamis und zwingen uns mit viel Selbstdisziplin, diese Tradition aufrechtzuerhalten. 
Wenn wir unserem Schweinehund erstmal den Arschtritt verpasst haben (verzieh Dich, Töle, ich BRAUCHE ein Leben neben Windeln und Weichspüler!), in unserer Stamm-Kneipe sitzen und wie früher in einen Tratsch-Rausch verfallen, ist dieser Abend der schönste der Woche. Die Tatsache, dass das „Erwachen am Morgen“ grausam werden wird, können wir mit Enthusiasmus und viel Alkohol erfolgreich verdrängen. 

Einmal pro Woche FREI-Tags 8:00 – 15:00: Regeneration.
Ich genieße den Luxus, erst nach dem KITA-Gang zu duschen (und zwar exzessive 20 Minuten) und verbringe den Rest des Tages mit der wohl herrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: dem NICHTSTUN, dass ich nur bei ungeahnten Energieschüben mit Soft-Shoppen und einem Spaziergang kombiniere. 

Einmal pro Woche (je nach Absprache mit meinem Mann Samstag oder Sonntag) 23:00 – 09:30 verbringe ich meine Zeit mit der wohl zweitherrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: SCHLAFEN! 

Ob mir das reicht? Nein! Immer, wenn mir das bewusst wird, zähle ich die Tage, bis Nik und Jona endlich „groß“ sind, in die Schule gehen und ich wieder mehr Zeit für mich habe. Und immer wenn ich das denke, wird mir klar, dass ich JEDE SEKUNDE genießen, ja, aufsaugen muss, in der Nik und Jona „klein“ sind und mir meine Freizeit rauben. Denn letztlich sind es diese Momente, die mein Leben ausmachen: Wenn die zwei mich in den Wahnsinn treiben, weil sie ihre Schuhe verkehrt herum angezogen haben und darauf bestehen, so in die Stadt gehen zu wollen; mich mit einem „MAAAAAAAMA“ aus dem Schlaf reißen, weil ihr Kuscheltier verschollen ist oder sich Bauklötze auf den Kopf hauen, um zu überprüfen, wie das klingt. Meine Zwillinge sind die zeitraubendste, schönste Freizeitbeschäftigung, die ich mir vorstellen kann.  

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Es sind die kleinen Momente, die das Dasein als Zwillings-Mami anstrengend machen. Zum Beispiel, wenn man seine Kinder an einer vielbefahrenen Straße aus dem Auto holen möchte. Für eine Mutter mit einem Kind ist das ein Handgriff, für eine Zwillingsmami Hochleistungs-Akrobatik. Hier eine kleine Turn-Anleitung: Man klemme das erste Kind, das man aus dem Auto gehoben hat, mit dem Kopf zwischen seine Schenkel, während man sich bereits dem Bandscheibenvorfall nahe, in das Fahrzeug beugt, um das zweite Kind abzuschnallen. Wuchte es dann neben den Zwillingsbruder (ohne den dabei versehentlich zu zerquetschen) und rufe den aufgebrachten Passanten, die gerade im Begriff sind, das Jugendamt einzuschalten zu: „Guckt nicht so doof, das gehört so!“ 

Was macht dich besonders glücklich?
Es macht mich glücklich, dass jeder Tag mit meinen Kindern wie eine Reise in meine eigene Kindheit ist. Sie erinnern mich daran, dass ein Kind immer reich ist. Wie wertvoll Tannenzapfen, Schneckenhäuser und Kronkorken sind. Sie erinnern mich daran, wie es ist, sich für kleine Dinge Zeit zu nehmen. Wenn man auf dem Weg zur KITA (die man eigentlich binnen zwei Minuten abgehetzt erreichen müsste, um noch rechtzeitig zum Frühstück zu erscheinen) ein Blümchen am Wegrand, ein Flugzeug am Himmel oder eine Kippe auf der Straße bewundert. Sie erinnern mich daran, dass es das größte aller Gefühle ist, wenn man etwas selbst geschafft hat; dass es natürlich ein Drama und keine Kleinigkeit ist, wenn eine Mama aus der KITA die kleine Pforte zum Gruppenraum aufgemacht hat, obwohl man das eigentlich selbst machen wollte. Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben. Wie dringend man einen alten Schal inspizieren muss, der im Gebüsch hängt. 

„Mama, was ist das?“  
„Ein alter Schal.“  
„Wer hat ihn da hingeworfen?“  
„Keine Ahnung. Irgendjemand.“  
„Warum?“  
… 

Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich die Welt durch die Augen meiner Kinder sehe.


Auf dem amerikanischen Blog „Kveller - Life with Twins” schreibt Adina Kay-Gross: „Holy Crap! Twins?? That´s what we hear on a regular basis, usually as we walk around the neighborhood with our mammoth stroller loaded with our 4-month-old twin girls. We are a magnet for kind and curious comments from strangers. (...) The questions continue to come: „Twins?! Holy Crap. What´s that like, having two? And that´s usually followed by: „I cannot. Even. Imagine.” Hast du ähnliche oder ganz andere Erfahrungen als Zwillingsmama gemacht? 

Exakt dieselbe, nur das sich das in Bayern so anhört: 
„Ja do legst di nieda, zwoa glei? Naa, des kannt‘ i ned!“ 
(= „Ja, sowas, zwei gleich? Also ich könnte das nicht!“ )

Ich antworte dann immer, dass ich ja nicht wissen kann, wie es ist, nur ein Kind großzuziehen. So, wie ein Mensch, der ohne Beine geboren wird, auch nicht weiß, wie es ist, Füße zu haben. 

Welche Fragen werden dir andauernd gestellt – und wie beantwortest du sie? 
Es ist wirklich lustig, aber die häufigste Frage, wenn ich mit meinen beiden Kindern, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, durch die Straßen gondele, ist folgende: „Sind das Zwillinge???“ Ich antworte dann (wahlweise): „Nein, das ist das Kind unserer Nachbarn, das meinem verblüffender Weise zum Verwechseln ähnlich sieht.“ Oder eben schlichtweg: „Ja.“  

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Ich wusste nicht, wie schön es sich anfühlt, wenn deine Kinder bei dir auf der Brust liegen, in andächtiger Stille, weil du ihnen die Geschichte von Minimaus und dem Mond erzählst und du erst nach einer halben Stunde merkst, dass sie dir gar nicht zuhören, sondern schlafen. Ich wusste nicht, wie schön es klingt, wenn deine Kinder in schiefen Tönen und voller Inbrunst „Meine Oma fährt im Hühnerstall „Totorrad““ singen. Ich wusste nicht, wie gut die Haare deiner Kinder riechen, selbst wenn du sie zwei Wochen lang nicht gewaschen hast, weil Haarewaschen einem Nahkampf gleich kommt. Vor allem aber wusste ich nicht, was echte Angst bedeutet. Bevor ich Mutter wurde wusste ich nichts.

Gibt es wirklich eine besondere Bindung zwischen Zwillingen?
Oh ja, die gibt es. Ich weiß es spätestens seit folgendem, magischen Moment. Meine Zwillinge kamen viel zu früh, in der 29. Woche, als sogenannte „Extrem-Frühchen“ zur Welt. Jona wog 1.500 – sein Bruder 1.000 Gramm. Beide wurden nach der Geburt getrennt und in separaten Inkubatoren aufgepäppelt. Beim sogenannten „Känguruhen“, bei dem der Mutter das Kind auf die Brust gelegt wird, damit es die Wärme und den Herzschlag seiner Mama spüren kann, wechselte ich mich mit beiden ab. Vormittags känguruhte ich mit Nik, nachmittags mit seinem Bruder. Als es Jona eines Tages sehr schlecht ging, und seine Sättigungswerte immer weiter in den Keller rauschten, beschloss eine Krankenschwester, Nik dazu zu holen. Es war eine sehr aufwendige Prozedur, ihn aus dem anderen Zimmer mit all den Geräten und all den Schläuchen zu seinem Bruder auf meine Brust zu betten. Aber dann war es soweit. Nik sah Jona, mit dem er sich sieben Monate lang eine Bauch-WG geteilt hatte, nach zwei Wochen Trennung das erste Mal wieder. Erst drehte er sein Köpfchen und schien sich zu wundern. Dann umklammerte er mit seinem winzigen Arm seinen Bruder, als wolle er ihn begrüßen. Es war ein unbeschreiblicher Moment – für uns alle. In wenigen Minuten stabilisierte sich Jonas Sättigung und sein Herzschlag. Von diesem Tag an känguruhten wir nur noch zu dritt. 

Du hast in deiner Elternzeit ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu und wie war das für dich?
Schon als kleines Mädchen liebte ich es, Geschichten zu schreiben. Ich schrieb über Kaulquappen und Baumhäuser, darüber, wie es wäre Forscherin zu sein, über Räuber, die sich im Park versteckten und Wassermänner, die in Flüssen lebten. Als ich dann als 10-Jährige einen Schreibwettbewerb gewann, der Bürgermeister mir die Hand schüttelte und ich staunend feststellte, dass sogar ein Fotograf ein Bild von mir wollte, beschloss ich, Schriftstellerin zu werden. Aber wie das mit Kindheitsträumen so ist – es sind eben Träume, und mit denen verdient man kein Geld. Ich wurde Journalistin beim Fernsehen. Immerhin, hier durfte ich schreiben. Ich schrieb mal Moderationstexte, mal Treatments. Ich schrieb Drehbücher und Konzepte. Letztlich aber schrieb ich Papier voll. Über das, was ich liebte, schrieb ich nicht. Vielleicht wäre das auch für immer so geblieben, wenn ich eben nicht Mama von zwei Frühchen geworden wäre. Diese beiden Winzlinge (die heute gar nicht mehr winzig sind, sondern 3-jährige propere Jungs) sorgten dafür, dass ich mich daran erinnerte, wer ich wirklich war, und was ich wirklich wollte. Als ich mit ihnen Stunden, Tage und Wochen in einem Klinikzimmer auf einem Klappstuhl verbrachte, stand meine Welt still. Als hätte jemand auf eine Bremse getreten. Das Leben, durch das ich bis dahin gehetzt war wie eine Getriebene, spielte sich in Slow-Motion ab. Es gab nur mich, den Stuhl, meine beiden Kinder auf meiner Brust – und meine Geschichten. Mal dachte ich sie leise, mal erzählte ich sie den Zwillingen in ihr Ohr. Sie waren unsere Begleiter in einer kleinen, surrealen Welt, einem Klinikraum der Neointensiv München. Als ich meine Zwillinge dann endlich – nach fast 3 Monaten Klinik – über die Türschwelle in unser Zuhause trug, war es, als hätte man mich aus einem Käfig entlassen. Ich war nicht mehr Stunden um Stunden an einen Stuhl gefesselt. Ich durfte meine Kinder aus ihrem Bettchen heben, ohne vorher eine Schwester zu fragen. Ich konnte sie auf dem Arm herumtragen, ohne sie vorher von Kabeln und Schläuchen zu befreien. Ich war frei. Meine Kinder waren frei. Und weil sie das Känguruhen nicht mehr brauchten, sondern in ihren Bettchen schliefen, hatte ich plötzlich unendlich viel Zeit. Und so begann ich nach Jahren wieder eine Geschichte zu schreiben. Eine lustige (schließlich hatte ich die Wochen zuvor genug Tränen vergossen). Ich schrieb über eine junge Frau, die in München lebt, und taufte sie Milla. Ich schrieb über Milla, die von ihrer großen Liebe Tim verlassen wird, und dadurch in ein riesiges Chaos schlittert. Ich schrieb „30 Tage nach Tim“, einen Roman, der am 8. April bei forever by Ullstein veröffentlicht wurde. Und wenn ich das Cover des Buches heute betrachte, dann weiß ich, dass das Schrecklichste, das dir im Leben passieren kann, manchmal das Beste in dir hervorbringt. 

Falls ihr diesen Fragebogen so gerne gelesen habt wie ich: Hier gibt es eine Leseprobe von „30 Tage nach Tim“ (Ullstein/ Forever). Alle anderen Mutterfragebögen sind hier nachzulesen.
Herzlichen Dank, liebe Berit.

UND WIE MACHST DU DAS, JENNI?



Name: Jenni
Alter: 34
Mutter von: Oskar
Stadt: Berlin
Beruf: Museologin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Wir sind erst seit knapp einem Jahr in Berlin. Davor haben wir in Schottland gewohnt, wo wir Oskar schon vor seiner Geburt in einem Kindergarten angemeldet hatten. Mit dem Umzug nach Berlin, der relativ plötzlich kam, mussten wir den Platz natürlich aufgeben und die Suche hier neu starten. Wir hatten großes Glück und haben relativ kurzfristig einen Kita-Platz bekommen. Zuerst war Oskar nur ein paar Stunden am Tag dort, während ich auf Arbeitssuche war, seit ich arbeite, geht er nun für länger hin. Die Kita macht zwar schon um 17 Uhr zu, aber so lange ich nicht ganztags arbeite, ist das kein Problem. Er scheint dort sehr glücklich zu sein, also bin ich auch zufrieden. Das Einzige, was ich mir wünschen würde: dass die Kita nicht in entgegengesetzter Richtung zu meiner Arbeit läge - aber unter den Umständen wollen wir mal nicht wählerisch sein.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Bevor Oskar auf die Welt kam, habe ich ganztags bei den "National Museums Scotland" gearbeitet, und wahrscheinlich wäre ich auch wieder ganztags eingestiegen. Jetzt arbeite ich nur noch Teilzeit bei den "Staatlichen Museen zu Berlin" - allerdings nicht, weil ich es so wollte. Es gab trotz der Museumsdichte in Berlin einfach keine vollen Stellen. Dafür sind meine Arbeitsbedingungen sehr gut. Ich arbeite fünf kürzere Tage die Woche, statt z.B. zwei oder drei längere, was Routine in die Woche bringt und sich gut mit den Kita-Abholzeiten vereinbaren lässt. Und wir haben Gleitzeit, was bedeutet, dass ich zwar Kernzeiten habe, aber ansonsten viel Spielraum, falls ich mal später komme oder früher gehen muss. Bisher funktioniert es sehr gut.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Wie stehen meist um kurz nach 7 Uhr auf. Mein Mann geht dann duschen, während ich Oskar fertig mache und wir schon mal mit dem Frühstück anfangen. Dann frühstückt mein Mann mit Oskar zu Ende, während ich mich fertig mache. Ich bringe Oskar zur Kita und laufe von dort aus ungefähr 45 Minuten zur Arbeit. Ich arbeite dann meist bis 14 oder 15 Uhr, je nachdem, wie spät es ist, gehe ich vorher noch einmal nach Hause, um ein paar Dinge zu erledigen, oder hole Oskar direkt von der Arbeit aus ab. Wenn ich ihn zu früh abhole, meckert er. Auf dem Weg nach Hause kaufen wir oft noch fürs Abendessen ein, dann koche ich, während Oskar spielt und danach bleibt meist noch Zeit, vorm Abendessen gemeinsam etwas zu spielen. Mein Mann kommt gegen halb sieben nach Hause, und dann essen wir zusammen. Das ist uns wichtig. Danach heißt es baden, Buch lesen, Milch trinken und ab ins Bett für den kleinen Mann. So ab 21 Uhr haben wir dann Zeit für uns, oder wir arbeiten an unseren Blogs oder anderen Projekten. Oft komme ich nicht vor Mitternacht ins Bett.

Wie viel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Natürlich wäre mehr Zeit immer schön, aber ich kann mich eigentlich nicht beklagen. Dass ich neben beruflichen Museumsprojekten und anderen ehrenamtlichen Museumstätigkeiten jede freie Minute mit Bloggen ausfülle, daran bin ich ja selbst schuld...

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
So lange ich mich erinnern kann, wollte ich eines Tages Mutter werden, aber ich glaube, egal, was man sich vorher vorgestellt hat: Nichts kann einen darauf vorbereiten, wie es wirklich ist. Oskar war ein geplantes und absolutes Wunschkind, daher war es für mich besonders schwer, dass die "Liebe auf den ersten Blick", die ich mir vorgestellt hatte, wenn ich mein Kind zum ersten Mal in den Armen halte, nicht einsetzte. Meinem Mann floss das Herz fast über, ich dagegen stand diesem neuen Wesen etwas apathisch gegenüber - und war enttäuscht, ich hatte mich doch so auf diesen Moment gefreut. Es ist schwer, sich in solch einem Moment nicht als schlechte Mutter zu fühlen. Und es zuzugeben, scheint eher noch ein Tabu-Thema zu sein, was einem auch nicht gerade weiterhilft. Natürlich habe ich mich dann doch in meinen Sohn verliebt, nur war es eine Liebe, die langsam gewachsen ist. Heute geht mir, schon seit langem, das Herz genauso über und ich kann mir ein Leben ohne Oskar gar nicht mehr vorstellen.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Auf jeden Fall den Schlafmangel. Oskar wacht immer noch fast jede Nacht auf. Mein Mann schläft nach der nächtlichen Unterbrechung sofort wieder ein, aber ich liege dann leider noch eine Zeit wach. Ich konnte schon als Kind nur sehr schlecht einschlafen. Anstrengend finde ich auch, was zum Glück nicht so oft vorkommt, dass man sich zum Beispiel bei einer Erkältung nicht einfach mal drei Tage ins Bett legen und auskurieren kann - besonders, wenn es beide Eltern erwischt hat. Irgendwer muss ja das Kind versorgen. Da bedarf es dann schon mal der letzten Willenskraft, um auf den Beinen zu bleiben.

Was macht dich besonders glücklich?
Am Wochenende als Familie etwas zusammen zu unternehmen. Manchmal gehen wir einfach nur auf den Spielplatz hinterm Haus oder in der Nachbarschaft spazieren, bei schlechterem Wetter auch mal ins Kindercafé oder in eines der vielen Berliner Museen. Oskar ist wie alle Kinder sehr neugierig, bleibt an jeder Ameise stehen. Er ist auch ein ausgesprochen fröhliches Kind, lacht viel und gerne. Egal, ob er gerade aufgeregt ist, weil er hinter dem Haus einen Tannenzapfen gefunden hat, stolz, ganz alleine die Treppen im Jüdischen Museum gemeistert zu haben, oder sich wie eine mexikanische Hüpfbohne auf einem Gummipferd im Kindercafé austobt - es macht mich einfach glücklich, ihm dabei zuzusehen und seine Freude zu teilen.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Mein Mann und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, wir kennen uns seit acht Jahren und sind seit drei Jahren verheiratet. Als Museologin arbeite ich derzeit im Bereich Internet und Social Media, er ist Web-Developer mit einer Liebe für Museen und Kultur, also ergänzen wir uns sehr gut. Auch was die Kindererziehung angeht, haben wir ähnliche Vorstellungen, so dass es bei uns im Großen und Ganzen selten Konflikte gibt. Das entspannt das Familienleben. Unser Verhältnis hat sich aber in dem Sinne verändert, dass wir kaum noch Zeit füreinander haben, also ohne Kind. Uns fehlt bisher noch das Netzwerk an Freunden und Familie, dass wir in Schottland hatten, um einfach mal etwas alleine zu machen, während jemand für ihn vertrautes auf Oskar aufpasst. Aber das wird sich mit der Zeit bestimmt noch geben.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Soweit wir das in Deutschland bisher miterlebt haben, geht es Eltern hier relativ gut. Sicher könnte einiges besser sein, aber wir sehen das immer im Vergleich zu Schottland. Dort gibt es z.B. keine Trennung zwischen Mutterschutz und Elternzeit, man bekommt insgesamt bis zu zwölf Monate "maternity leave" (Mutterschaftsurlaub), allerdings nur neun Monate bezahlt. Viele arbeiten bis kurz vor ihrem Stichtag, um so viel Zeit wie möglich nach der Geburt mit dem Kind zu haben. Ich habe das auch so gemacht, und meinen "maternity leave" erst zehn Tage vorher angetreten - allerdings kam Oskar dann acht Tage zu spät. Ein gesetzlich vorgeschriebenes Arbeitsverbot gibt es lediglich für die zwei Wochen nach der Geburt. Väter bekommen zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Kindergartenplätze scheinen zwar in beiden Ländern Mangelware zu sein, aber in Schottland hätten wir fast das Vierfache an Betreuungskosten gezahlt - dabei ist das Kindergeld fast die Hälfte weniger als in Deutschland. Als Familie fühlen wir uns in Deutschland auf jeden Fall besser unterstützt.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Ich bin von Natur aus ein recht ungeduldiger Mensch und habe mich selbst überrascht, wie relativ leicht es mir fiel, die Geduld an den Tag zu legen, die als Mutter oft erforderlich ist. Und ich habe gelernt, dass ich, abgesehen von den Anfangsschwierigkeiten, nicht zur "stay at home mum" geboren wurde. Auch hier fühlte ich mich zuerst als Rabenmutter, weil ich lieber wieder arbeiten gehen wollte als den ganzen Tag mit meinem Kind zu verbringen. Aber ich habe meine Arbeit zu sehr vermisst und schließlich eingesehen: "Ich bin keine schlechte Mutter, ich bin einfach nur ein Mensch." Zum Glück ist Oskar das geborene Kindergartenkind, wie gesagt, wenn ich ihn zu früh abhole, dann meckert er. Und die gemeinsame Zeit am Abend und am Wochenende genießen wir dann umso mehr. Von der Welt - und besonders von Müttern untereinander - würde ich mir wünschen, dass sie toleranter untereinander wären...

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Das hört sich jetzt vielleicht verrückt an, aber ich würde mich gerne mal so richtig beim Sport auspowern. Bevor Oskar geboren wurde, habe ich in Schottland ein bis zwei Mal die Woche Bodycombat gemacht und war mehrmals in der Woche schwimmen. Jetzt habe ich einfach keine Zeit mehr dazu. Ich laufe zwar fast überall zu Fuß hin, aber das ist halt eine andere Art von Bewegung. Danach würde ich mich in einem gemütlichen Café mit Tee und Kuchen einnisten und ohne Unterbrechungen in einem Buch schmökern. Oder vielleicht fahre ich doch lieber für 48 Stunden nach Hamburg oder Dresden und schaue mir die vielen tollen Museen dort an, das steht schon lange auf meiner Wunschliste!

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich glaube, das kann jede Frau nur für sich selbst entscheiden. Manchmal kommt es einem so vor, als gäbe es nie den richtigen Zeitpunkt, aber man muss einfach auf sein inneres Gefühl hören. Und ja, es ist sehr, sehr viel harte Arbeit, und Tränen sind nicht immer Tränen des Glücks. Aber es macht einen auch glücklich und erfüllt und stolz. Ich habe es jedenfalls, auch in den schwierigen Stunden, noch nie bereut.

Vielen herzlichen Dank, liebe Jenni! Die anderen Mutter-Fragebögen sind hier nachzulesen.

23 MONATE



Liebe Fanny,

heute morgen wollte ich die Tafel abwischen, auf der wir immer notieren, was gerade einzukaufen ist, Spültabs, Ketchup und Kaffee stand da, und ein bisschen tiefer, darunter, eine 1, eigentlich nur noch zu erkennen, wenn man weiß, was da einmal gestanden hat. Heute vor genau zwei Jahren stand da 40. Mein Bauch war schon riesig und du so groß, dass ich bequem Gläser auf meinem Bauch abstellen konnte und Schüsseln voller After Eights, von denen ich nie genug bekommen konnte. Ich war schon ein bisschen ungeduldig, Dich endlich zu sehen, ich war sogar sehr ungeduldig, ungeduldiger als ich war nur Dein Vater, Fanny. Jeden Abend hat er mit Dir geredet. Und jeden Morgen. Manchmal sogar nachts, wenn er gedacht hat, dass ich es nicht höre. Und immer, wenn er in meinen Bauch geflüstert hat, bist Du gehüpft, jedenfalls hat es sich so angefühlt (lustig - heute hüpfst Du noch immer, wenn du dich über etwas freust, Du sagst hops, hops und springst durch die Wohnung, wild und glücklich, hops, hops). Damals haben wir die Tage bis zum Geburtstermin heruntergezählt, jeden Morgen die alte Zahl weggewischt und eine neue hingeschrieben, die 9, die am Ende auf der Tafel stand, als es losging, neun Tage zu früh, habe ich noch Wochen später nicht wegwischen können. Und als ich heute die 1 wiedergefunden habe, unter dem Ketchup und dem Kaffee, die 1, die da irgendwann einmal gestanden haben muss, als Du noch gar nicht auf der Welt warst, 100 und ein paar Tage vor Deiner Geburt, habe ich versucht, mich an die Zeit zu erinnern, als Du noch nicht bei uns warst.

Weißt Du was? Es ist mir wirklich schwer gefallen. Du bist so sehr da, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es tatsächlich mal eine Zeit gab, in der Du nicht da gewesen bist - eine Zeit, als wir zu zweit und nicht zu dritt waren, ein Paar, noch keine Herde. Was mir dann noch eingefallen ist: Es gab nicht einen einzigen Tag mit Dir, den ich nicht geliebt habe. Nicht einen. Es gab anstrengende Tage, Tage, an denen ich vor Überforderung geheult habe, Tage, an denen Du krank warst und wir krank waren, aber nicht krank sein durften, weil Du doch krank warst, Tage, an denen ich schon morgens am liebsten desertiert wäre, weil wir spät dran waren und Du deine Jacke nicht anziehen wolltest und die Schuhe schon gar nicht und Dich auf die Erde geworfen und geschrien hastMorgende, an denen ich schon vor dem ersten Kaffee dachte, jetzt kracht die ganze Welt zusammen. Manchmal war ich so müde, dass es richtig weh getan hat. Aber selbst an Tagen wie diesen warst da immer noch Du. Selbst an Tagen wie diesen war das Gefühl, das unter allem allem lag, wie ein dicker Teppich, immer Liebe. Seit Du da bist, bin ich ein so viel glücklicherer Mensch, Fanny. Du machst mich so glücklich wie mich noch nie im Leben etwas glücklich gemacht hat (außer vielleicht Dein Papa, aber der wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich Dir das schreibe, ihm geht´s ja genauso).

Es macht mich glücklich, wenn Du auf meinem Schoß sitzst, alle meine Aquarellstifte auf meinem Schreibtisch ausschüttest, nach einem Glas Wasser verlangst und dann anfängst zu malen, fast immer eine Rutsche, manchmal eine Katze, Kreise, Striche, so entschieden, wie man als Erwachsener später nie mehr malt. Hinterher nimmst Du einen Pinsel, tauchst ihn in das Glas und setzt das Blatt und den Schreibtisch unter Wasser, weil ich Dir mal gezeigt habe, dass man die Striche mit Wasser verwischen kann. Es macht mich glücklich, wenn Du Dich mit mir aufs Sofa legst und Dir in meinem Arm ein Buch ansiehst und meine Hand hältst oder Deine Hand in meinen Ärmel schiebst und sie da verknotest und wir einfach daliegen. Manchmal sagst Du Ohhh. Oder Löwe suchen. Oder Oh, nein, Mama, Hund AUA, weil der Hund im Buch vom Fahrrad gefallen ist, und ich wünsche mir, dass wir nie wieder aufstehen müssen und ewig nur einfach daliegen könnten. Es macht mich glücklich, wenn ich einen Kuchen backe und Du Dir ganz aufgeregt den weißen Tritt an den Tresen schiebst und hochkletterst und Fanny auch backen sagst, und Deine Stimme beim auch diesen Glückskiekser nach oben macht, weil Du Dich so freust. Und ich Dir die Packung mit den Eiern gebe, die aufgeschlagen werden müssen, weil ich Dir immer die Eier aufhebe, und Du die Eier nimmst und sie mit Entzücken (und Schale) in die Schüssel knackst. Es macht mich glücklich, wenn Du singst, Du singst noch gar nicht so lange, drei, vier Wochen vielleicht, am liebsten zu Alicia Keys Empire State of Mind, Du liebst dieses Lied, sobald Du es hörst, breitest Du die Arme aus und singst, lalalaaaa, lalalaaaa. Es macht mich glücklich, dass Dein erstes Wort gleich nach Mamapapa Nein lautete, eines der allerwichtigsten Wörter, die es gibt, finde ich, schon gleich für ein Mädchen, mein Gott, wie lange ich gebraucht habe, um mir meine Neins zuzutrauen. Du sagst oft Nein, Fanny, und immer sehr entschieden. Es macht mich glücklich, wenn Du jeden, den Du siehst, begrüßt, während Du hinter mir auf dem Fahrrad sitzst, Hallo Kind sagst oder Hallo Hund, manchmal begrüßt Du auch die Tiere in den Büchern und den Stuhl in der Küche. Wie freundlich Du bist. Und wie mitfühlend. Letzten Sonntag, als es so irre geregnet hat, hast Du meine Hand genommen und bist mit mir ans Fenster gegangen, um Dir mit mir den Regen anzusehen. Oh nein, sagte ich, da wird Dein Papa ja ganz nass, eigentlich hatte ich nur laut gedacht, aber Du warst ganz untröstlich. Oh nein, hast Du gesagt, Papa nass. Dann hast Du Dich vor das Fenster gestellt und gepustet, damit er schnell wieder trocknet, Papa pusten, Mama, Papa pusten, und ich musste auch pusten wie sonst nur, wenn Du Dir weh getan hast. Es macht mich glücklich, Dir dabei zuzusehen, wie Du Dich selbst vergisst, wenn Du malst, spielst, tanzt, völlig versunken in das, was Du tust. Es macht mich glücklich, Dir beim Rennen zuzusehen, wie Du einfach losrennst, wenn Dir danach ist, in diesem Wahnsinnstempo, das man so einem kleinen Körper gar nicht zutraut, nur, weil Du rennen magst, das Rennen magst. Es macht mich glücklich, wenn du auch ein Handtuch zusammenlegen willst, während ich die Wäsche mache, und wie Du dann dieses Handtuch nimmst und haargenau so ausschüttelst wie ich es immer mache (irre, was Du alles nachmachst und wie genau du es nachmachst, Fanny, manche Dinge an mir fallen mir erst auf, wenn ich sehe, wie Du sie nachmachst, gestern hast Du zu Deiner Puppe Naaa, Süße? gesagt wie ich es manchmal zu Dir sage, ich konnte noch ein halbe Stunde später nicht aufhören zu grinsen). Es macht mich glücklich, dass Du eine Quatschmacherin bist. Es macht mich glücklich, wie Du Dir meine Ringe klaust und sie anziehst und sagst, dass es jetzt Deine sind. Es macht mich glücklich, wie Du Dich an mich schmiegst, wenn Du müde bist oder Dich verstecken willst, wenn wir Besuch haben oder Du jemanden noch nicht so gut kennst. Du hast ja keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn sich so ein kleiner Kinderkopf in deine Halskuhle schmiegt, jeden Zentimeter ausfüllend, Fännchen. Es macht mich glücklich, das Trappeln zu hören, wenn Du nach dem Mittagsschlaf den Flur hinunter läufst, dein Kinderfußtrommelwirbel, trapp, trapp, trapp. Und Dein Gesicht direkt nach dem Aufwachen, die Haare in alle Richtungen abstehend, die Backe noch ein bisschen rot vom Kissen und ganz warm. Es macht mich glücklich, Dir beim Schlafen zuzusehen, in Deinem lila Schlafanzug mit den weißen Streifen, der noch ein kleines bisschen zu groß ist. Und glücklich, dass ich immer weiß, ob Du tief schläfst oder gleich aufwachst, ob Du gut träumst oder schlecht, weil ich Deinen Atem auswendig kenne, Fanny. Es macht mich glücklich, einen Strich an den Türrahmen zu malen und das Datum daneben zu schreiben, in den letzten vier Wochen bist Du zwei Zentimeter gewachsen. Und wie ich gleich nach dem Strich über Deinem Kopf auch einen Strich für Teddy an den Türrahmen malen musste, weil Du darauf bestanden hast, dass auch Teddy vermessen wird. Es macht mich glücklich, wenn ich Dich vom Kindergarten abhole und Du mit weit ausgestreckten Armen in meine rennst, Dich reinfallen lässt in mich. Es macht mich glücklich, mit Dir eine Höhle zu bauen und in der Höhle zu liegen und im Licht der Hasenlampe die Cupcakes zu futtern, die wir freitags nach der Kita manchmal kaufen, Schokolade mit Smarties für Dich, Mokka oder Snickers für mich. Glücklich, glücklich, glücklich.

Das wollte ich Dir heute eigentlich nur sagen. Die Welt ist soviel schöner mit Dir. Heute bist Du genau 100 Wochen oder 700 Tage alt. Ich habe jeden davon geliebt, mein Fännchen, auch die, die ich nicht geliebt habe.

Es küsst Dich,
Deine Mami


UND WIE MACHST DU DAS, CAROLINE?


Name: Caroline Adam
Alter: 25
Mutter von: Leonard Caspar "Lenny" (4 Monate)
Stadt: Berlin
Beruf: selbstständige Grafikdesignerin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Kinderbetreuung gibt es bei uns noch nicht, Lenny ist ja erst vier Monate alt. Ich habe auch noch nicht im Ansatz begonnen, mich darum zu kümmern. Finde es irgendwie schräg, sich auf etliche Wartelisten setzen zu lassen - oft schon, wenn das Kind noch nicht einmal geboren ist - und dann am besten noch ein Motivationsschreiben aufsetzen....? Nee.

Da mein Mann und ich selbstständig sind, können wir es uns etwas besser einteilen als Eltern im Angestelltenverhältnis. Dazu kann ich mir gut vorstellen, mir mit zwei, drei Müttern für einen Teil der Woche eine Tagesmutter zu suchen, die dann unsere kleine Gruppe betreut. Das finde ich überhaupt schön, weil es dann familiärer ist und die Kleinen trotzdem mit anderen Kindern spielen können. Der Rest der Woche ließe sich dann zwischen Urgroßoma, Papa und mir selber organisieren. Irgendwie klappt es doch immer, oder?

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Noch bin ich in Elternzeit mit Elterngeld und bin daher nicht gezwungen, Aufträge anzunehmen. Ich hatte seit der Geburt schon ein paar Anfragen, aber habe mich bewusst gegen die meisten entschieden, da ich viel zu viel hätte jonglieren müssen. Das erste Jahr mit Kind ist so unersetzbar, dass ich es voll auskosten möchte. Außerdem hatte ich es auch ein wenig unterschätzt, wie viel Bespaßung so ein kleiner Mann tatsächlich braucht, da bleibt einfach wenig Zeit für Business. In Lennys Schlafphasen schaffe ich dann immerhin ein paar Kleinigkeiten: alte Projekte pflegen, kleinere Jobs, an einem neuen Konzept arbeiten und recherchieren...

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Lenny wird zwischen 5:30 Uhr und 6:30 Uhr wach. Dann stillen, kuscheln, wickeln, kuscheln. Dann wird mein Mann wach, wir genießen beide noch ein wenig Zeit mit dem Kleinen zusammen, lachen, blödeln. Dann steht einer auf, macht Kaffee und Obstsalat, den wir dann in der Morgensonne auf unserer Terrasse genießen. Meistens husche ich dann noch schnell unter die Dusche, bevor mein Mann ins Büro muss. Wenn ich Glück habe, legt Lenny noch ein Nickerchen ein und ich kann ein wenig lesen, surfen oder arbeiten. Zwischendurch wird noch unsere Katze Aomame bespielt. Oder sie darf mit uns auf dem Bett kuscheln, wenn sie nicht versucht, Lenny den Kopf zu lecken oder sein Spielzeug zu klauen. Beides hat sie nach dem 600sten Nein nicht aufgegeben, was man ihr ja auch nicht verübeln kann. Dann geht es raus an die frische Luft, mal länger, mal kürzer. Berlin ist einfach so herrlich im Sommer...! Ich treffe mich viel mit anderen Muttis, gehe zum Yoga oder mit Freunden Kaffee trinken. Manchmal bin ich auch den ganzen Tag mit Lenny allein unterwegs und bummle durch die Stadt. Seit die ersten drei Monate um sind, fühlt es sich wirklich ein wenig an wie die großen Sommerferien. Aber die ersten drei Monate, da muss frau eben durch...

Mein Mann kommt meistens gegen 20 Uhr nach Hause, wenn nicht noch ein Essengehen, Barbesuch oder eine Geschäftsreise auf dem Plan steht. Seit Neuestem bringen wir Lenny ziemlich regelmäßig um 20 Uhr ins Bett. Ich entertaine ihn dann müde, wir singen noch ein Gute-Nacht-Lied und er schläft dann tatsächlich, was meinem Mann und mir endlich mal wieder ein paar Momente Zweisamkeit schenkt und die Gesprächsthemen nach egöööö, egööö, ngaaiii wieder in andere Sphären hebt. Spätestens um 23 Uhr fallen wir aber auch knülle ins Bett. Ich bin dann natürlich nachts noch 1-2 Mal wach zum Stillen. Ich freue mich immer tierisch aufs Wochenende, zu dritt ist es am schönsten und Mama hat dann auch mal eine Hand frei.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Naja, dass das erste Jahr mit Kind kein Selbstverwirklichungstrip wird, war klar, dennoch hatte ich mir keine Vorstellung davon gemacht, dass ein Neugeborenes so viel Aufmerksamkeit braucht und dass man als Mama dann eben doch die letzte Instanz ist, wenn gar nichts mehr geht. Lenny hat immer sehr wenig geschlafen, war ein Vollzeit-Tragekind, wollte andauernd gestillt werden, was anfangs nicht so richtig klappen wollte. Und Lenny ist ein pflegeleichtes Kind mit viel guter Laune und wenig schreien. Trotzdem waren die ersten drei Monate sehr kräfteraubend und ich war rund um die Uhr on Air. Am Anfang hat mich das ehrlich gesagt etwas fertig gemacht, ich wollte alles unter einen Hut bekommen und es hat mich gefrustet, das nicht zu schaffen und ich dachte, das würde sich nie ändern (was es ja zum Glück tut). Ich glaube, dass man sich als Frau heutzutage viel zu viel Stress macht und sich getrieben fühlt, schnell wieder das Super-Ich zu sein - Mama, Job fünf Yoga-/ Baby-Kurse, toll aussehen und nebenbei noch jede Tageszeitung auswendig können, jeden Blog gelesen haben. Geht eben nicht. Da ist dieses kleine Wesen, was dich voll braucht und das ist auch gut so. Alles zu seiner Zeit. Dennoch freue ich mich (mit aller notwendigen Geduld) auf meinen ersten Gin Tonic. An einer Bar. Ohne stillfreundliches Oberteil.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Psychisch: Es ist wohl kaum in Worte zu fassen, was da für eine Wucht an Emotionen auf einen zukommt. Diese Liebe, die unglaublicherweise jeden Tag noch mehr wird, die Unsicherheit, ob man alles richtig macht, das Mitgefühl, wenn das Baby ´nen Pups quer sitzen hat, die Freude über alles Neues, das Entzücktsein über die kleine Babyspeckhand und dann dieses ewige Kennenlernen und wieder Loslassen, bei der Geburt, das Neugeborene, das Baby, dann das Kleinkind. Man wird schon ein bisschen bescheuert im positiven Sinne und davon hatte ich nur eine grobe Ahnung. Es ist toll. Ehrlich. Und es ist gut, dass auf einmal alles in Relation steht. Das vieles so unglaublich unwichtig geworden ist, die schlechten Nachrichten, die überfüllte U-Bahn, der nervige Kunde. Irgendwie freue ich mich schon auf das zweite Kind, da weiß man dann, dass es komplett egal ist, ob man Stoff- oder Plastikwindeln benutzt, dass die blöden Blähungen irgendwann vorbei sind und das erste Lächeln dann eben kommt, wann es kommt. Und außerdem amortisieren sich dann hoffentlich die Myriaden an Anschaffungen.

Physisch: Herrje, ich hätte schon gerne meinen Prä-Mama-Ära-Körper wieder. Ich sehe leider noch in 50 Prozent meines Kleiderschranks aus wie eine Presswurst und werde wohl nie wieder Bikini tragen, ABER: Ich rauche und trinke nicht, bin täglich etliche Stunden an der frischen Luft, gehe joggen und esse viel bewusster und besser. In dem Sinne fühlt sich das auch alles gut und richtig an. Und ich bin stolz auf meinen Körper, dass der das alles so wuppt.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Noch bin ich nicht in Spielplatz-Zickereien geraten, fand es immer toll, wenn Freunde meinen Bauch angefasst haben, habe ein sehr nettes Mutti-Netzwerk in Kreuzberg, muss mir keine doofen Ratschläge anhören. Es gibt tolle Kursangebote, die den Tag nicht zu lang werden lassen, ich habe einen tollen liebevollen Mann und nicht zuletzt ein ganz bezauberndes Kind, was lediglich ab und zu mal eeetwaaas zeitaufwendig ist, aber wirklich anstrengend...? Wenn ich nicht selber anstrengend zu mir bin und ich mir ab und zu die oben beschriebenen Relationen vor Augen halte, gibt es rein gar nichts. (Ha, wart mal ab, bis die Zähnchen kommen, denken jetzt bestimmt alle, gell?).

Was macht dich besonders glücklich?
Ich bin noch zu hormongeflutet, um das ernsthaft objektiv beantworten zu können. Hehe. Also: Mein Kind macht mich glücklich, mein kleiner und mein großer Mann, meine eigene kleine Familie. Der Moment. Alles. Sehr sogar. Weil es mir auch zeigt, dass ich genau das Richtige gemacht habe. Weil es nicht immer so schön in meinem Leben war und vielleicht auch nicht immer sein wird. Deswegen einfach genießen, wie es ist.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Mal abgesehen von dem (fehlenden) gemeinsamen Glas Wein am Abend und der damit verbundenen Zeit, hat sich nicht viel geändert. Na gut. Wir haben drei Tage vor der Geburt geheiratet, nur mit Trauzeugen, ganz unprätentiös mit viel Spaß und wenig Stress. Irgendwie wollten wir beide dieses "Familie". Wir drei. Ganz klassisch mit Trauschein. Ohne Antrag auf Vaterschaft und Sorgerechtgedöns (was für ein Blödsinn...!). Die Verbundenheit ist (noch) stärker, das Teamwork, die Organisation. Vorher haben wir mehr in den Tag hinein gelebt, sind sonntags auch mal erst um 14 Uhr aufgestanden. In einer Beziehung muss man sich wohl einfach die Zeit geben, sich in die neue Rolle als Mama und Papa einzufinden. Es ist irgendwie schade, dass die erste Zeit mit Baby so auf die Mama fixiert ist, aber das wird sich ja mit Einführung von Brei, Betreuung und Bobby Car relativieren. Jeder muss Abstriche machen. Trotzdem sind wir beide immer noch Wir. Und er Er. Und ich Ich. Ich hoffe, das können wir uns auf Dauer bewahren.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Vorweg: Wenn mich eines nervt, dann sind das Leute, die auf ihren gepolsterten Hintern sitzen und sich von da aus beschweren. Echt mal. Uns geht es so gut in Deutschland, siehe allein den Vergleich mit der Schweiz (und Hanna und Till). Nirgendwo wirst du so aufgefangen wie hier, vom Arbeitslosengeld bis hin zum Mutterschutz, Elterngeld, Krankenversicherung, Künstlersozialkasse. Selbst denjenigen, die aus dem System fallen, steht man zur Seite (Mama, alleinerziehend, arbeitslos ohne Studienabschluss). Man kann sich nicht immer auf andere bzw. den Staat verlassen, sondern eben auch mal flexibel sein und/oder umdenken. Das Elterngeld hat mich nicht zur Mutter werden lassen, aber es sorgt dafür, dass ich meinem Baby momentan voll Mama sein kann und mich eben nicht mit Volldampf wieder in die Arbeit stürzen muss. Die Betreuungssituation könnte natürlich besser sein, die mittelständischen Unternehmen dürften weniger gemolken werden, das Bildungssystem sollte angepasst werden... aber eben könnte, sollte, müsste.

Was ich toll finde, mit wie vielen neuen Menschen man in Kontakt kommt. Es ist irgendwie ganz viel Menschlichkeit in der Luft. So ein Kind öffnet ungemein.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Ich bin ganz beeindruckt, dass so ein kleiner Mensch uns große Menschen schon so sehr den Spiegel vor´s Gesicht hält. Wie meine Stimmung sich in seiner Stimmung findet und wie ich mich dadurch reflektiere und jetzt lieber dreimal tief Luft hole anstatt mich von irgendeinem Mist nerven zu lassen und es dann auf den Kleinen zu projizieren. Dass alles gut ist, wenn man es denn gut sein lässt.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Sooooo laaaange?!?

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ach, das ist so schwierig. Jeder lebt so in seinem eigenen angeboren-angelernten-aufgesetzten Mikrokosmos aus Pro und Contra. Jedem das Seine. Aus meiner psychologisch-korrekten Ich-Perspektive: Unbedingt!

Vielen Dank, liebe Caroline!
Hier sind die Fragebögen von Viola, Hanna, Mailis,  Isabelle, Indre, Kati und Jule.
Falls ihr jemanden kennt, der diesen Fragebogen unbedingt beantworten sollte, schreibt mir doch eine Email an postanslomo(at)googlemail(dot)com.
Ein schönes Wochenende!



UND WIE MACHST DU DAS, VIOLA?


Name: Viola (vom wunderbaren Blog Kikabu)
Alter: 37
Mutter von: Noah (6 Jahre) und Luke (2 Jahre)
Stadt: Burgwedel, Niedersachen
Beruf: Freie Journalistin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Mit der Kinderbetreuung für unsere Jungs bin ich sehr zufrieden. Für unsere aktuellen Bedürfnisse reicht sie vollkommen aus. Der Große hatte bis vor kurzem einen 13-Uhr-Platz in der Kita und geht ab September in die Grundschule. Dort wird er bis 12.45 Uhr betreut werden und kommt anschließend nach Hause. Der Kleine geht seit November bis 15 Uhr in die Krippe. Grundschule, Krippe und Kindergarten erreichen wir in wenigen Minuten mit dem Rad oder zu Fuß.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
In unserer Familie ist mein Mann der Hauptverdiener. Ich habe lange in Hannover als feste Freie in einer Redaktion gearbeitet. Mit dem zweiten Kind ließ sich das nicht mehr vereinbaren und es hätte sich auch finanziell für mich nicht mehr gelohnt. Im Moment arbeite ich bis mittags an kleineren Aufträgen im Home-Office. Da ich im Büro aber sehr viel effektiver arbeiten kann als Zuhause, wo die unaufgeräumte Küche und der krümelige Teppich schon auf mich warten, wäre es schon schön, irgendwann wieder in einer Redaktion oder einer Agentur zu arbeiten. Da mein Mann auch selbstständig ist und ein- bis zweimal im Jahr drei Wochen unterwegs ist, kommt ein Vollzeitjob für mich nicht in Frage.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Wir stehen gegen 7.15 Uhr auf, ich gehe ins Badezimmer und mache mich fertig. In dieser Zeit spielen und malen die Kinder und es müssen die ersten kleinen Kabbeleien geschlichtet werden. Danach frühstücken wir zusammen. Der Große zieht sich selber an, der Kleine wird zum Schluss fertig gemacht, weil mir die Erfahrung gezeigt hat, dass immer noch zu viele Marmeladen-Kleckse auf den sauberen Klamotten landen. Dann bringe ich den Kleinen in die Krippe. Der Große wird im September eingeschult und ist momentan den ganzen Tag Zuhause. Bis mittags sitze ich bei mir im Büro und schreibe Texte. Anschließend mache ich uns etwas zu essen und gegen 14.30 Uhr hole ich den Kleinen aus der Krippe ab. Danach spielen die Jungs, ich räume den Geschirrspüler ein und aus, wasche Wäsche und versuche die Unordnung etwas in den Griff zu bekommen. Der Nachmittag wird dann meistens zu Hause und im Garten verbracht, wir fahren Eis essen, erledigen die Einkäufe gemeinsam und N. wird zum Judo oder zum Schwimmen gebracht. Wenn mein Mann Zuhause ist, arbeitet er ein paar Stunden im Büro und hat nachmittags Zeit für uns. Gegen 19 Uhr essen wir gemeinsam Abendbrot. Nach dem Essen beginnt für mich die schönste Zeit des Tages: Wir bringen die Kinder ins Bett, lesen ihnen etwas vor, reden oder machen Quatsch. Ab 21 Uhr ist meistens Ruhe. Oft setze ich mich dann an den Computer, arbeite noch an Texten und Posts für mein Blog und genieße einfach diese herrliche Stille. Wenn nichts mehr zu tun ist, lege ich mich mit meinem Mann aufs Sofa und wir gucken ganz profan Fernsehen, manchmal DVDs. Das Ende der Filme erlebe ich in den seltensten Fällen, weil ich einschlafe. Gegen 24 Uhr gehen wir ins Bett.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Die vier Stunden am Vormittag und die Stunden am Abend reichen mir in der Regel aus. An manchen Tagen, wenn ich nicht gut drauf bin, reicht das aber auch nicht. Dann möchte ich mir am Liebsten den ganzen Tag die Decke über den Kopf ziehen und mal nicht Mama sein. Was mir wirklich fehlt, ist mehr Zeit mit meinem Mann: Essen gehen, uns mit Freunden treffen, mal etwas ohne Kinder unternehmen. Das kommt bei uns viel zu kurz. Ein Ausgleich zum Mama-Alltag ist bei mir tatsächlich das Bloggen geworden. Vor einem Jahr habe ich noch gesagt: "Ich habe keine Zeit für dieses oder jenes Projekt." Jetzt nehme ich mir einfach die Zeit und probiere neue Dinge aus. Das tut unglaublich gut.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Als ich mit unserem ersten Sohn schwanger war, war ich so voller Vorfreude, dass ich mir damals keine großartigen Gedanken ums Muttersein gemacht habe. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich so eine Glucke werde, die ihre Kinder kaum aus den Augen lassen kann. Ich konnte mir vorher auch nicht vorstellen, dass die Mutterliebe tatsächlich vom ersten Moment an da ist und immer, immer stärker wird.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Auch nach sechs Jahren kann ich mich einfach nicht an das frühe Aufstehen gewöhnen. Ich habe die typische Mutter-Schlaf-Krankheit, dass ich bei jedem kleinsten Geräusch sofort aufwache. Meine Nacht hat, wenn´s gut läuft, sechs Stunden und damit kann ich ganz gut leben. Besonders anstrengend sind die kleinen Reibereien zwischen den Kindern, wobei die wirklich noch klein sind. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass meine Nerven mit den täglichen Herausforderungen nicht stärker, sondern eher schwächer werden. Und die ständigen Diskussionen mit unserem Großen um Fernsehen, Essen, ins Bett gehen und andere Dinge machen mich an manchen Tagen wahnsinnig.

Was macht dich besonders glücklich?
Es sind die kleinen Dingen, die mich so richtig glücklich machen: Mit dem Kleinen abends am Planschbecken sitzen, den Mond ansehen und gemeinsam ein Schlaflied singen. Dem Großen bei seinen ersten Rapversuchen zuhören. Zu sehen, dass sich die Jungs trotz vieler kleiner Streitereien sehr lieb haben. Abends mit meinem Mann die Stille auf unserer Terrasse genießen. Ein gemeinsamer Ausflug. Wir sind sehr dankbar und glücklich, dass wir zwei gesunde und unglaublich süße Kinder haben.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deiner Kinder? Wie haben die Kinder dieses Verhältnis verändert?
Ich habe meinen Mann mit 24 kennengelernt. Für uns war von Anfang an klar, dass wir Kinder haben möchten, nur wann, wussten wir nicht so genau. Ich habe erstmal mein Studium abgeschlossen und ein paar Jahre als Journalistin gearbeitet. Bis dahin haben wir unser gemeinsames Leben als Paar sehr genossen. Nach sechs Jahren Beziehung war uns klar: "Jetzt möchten wir ein Kind". 2006 wurde unser erster Sohn geboren, knapp vier Jahre später dann der zweite. Wir haben uns also viel, viel Zeit genommen. Jetzt mit zwei Kindern läuft der Alltag ziemlich routiniert und die Zweisamkeit kommt eindeutig zu kurz. Abends mal essen gehen oder spontan mit Freunden treffen, schaffen wir nur wenige Male im Jahr. Weil wir uns aber sehr gut kennen und uns absolut aufeinander verlassen können, meistern wir auch sehr schwierige und anstrengende Zeiten.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Ich finde es gut, dass es ab 2013 für unter 3-Jährige den Anspruch auf einen Krippenplatz gibt, wobei ich mir sehr sicher bin, dass der bundesweite Ausbau nicht rechtzeitig fertig werden wird. Wir haben bei uns in einer wohlhabenden Kommune viel Glück gehabt, dass wir ohne Wartezeit einen Platz bekommen haben. In Hannover sieht es da schon sehr viel chaotischer aus, von anderen Großstädten ganz zu schweigen.

Was mich wirklich nervt ist, dass viele Eltern ihre Kinder schon früh mit einem vollen Terminplan überfordern. Sätze wie "Meine Tochter kann nicht mehr zum Schwimmen gehen, weil sie einen Burnout hat" will ich nicht hören. Das Mädchen ist übrigens sechs! Mein Sohn hört oft stundenlang Hörspiele, jagt Monster im Garten und ist rundum zufrieden.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Über mich, die eigentlich immer müde ist, habe ich gelernt, dass ich für meine Kinder nie gekannte Energien freisetzen kann. Nur drei Stunden geschlafen? Kind seit Tagen mit hohem Fieber? Ich bin hellwach! Und dass ein starker Zusammenhalt in der Familie und gegenseitiger Respekt alles ist.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Ich steige mit meinem Mann in einen Flieger und düse Richtung Kopenhagen, Barcelona oder eine andere tolle europäische Stadt in ein wunderschönes Hotel mit Sauna und Whirlpool. Wir schlafen lange aus, frühstücken ausgiebig, bummeln ohne bestimmtes Ziel durch die Stadt, trinken einen Kaffee und essen abends in einem tollen Restaurant. Wie ich uns kenne, werden wir schon am ersten Abend unserer Kinder furchtbar vermissen, genießen aber trotzdem unsere kinderfreie Zeit und nehmen und ganz fest vor, mal nicht über die Jungs zu reden. Das ist mein persönlicher Wunschtraum. Wahrscheinlicher ist, dass wir nach Hamburg fahren und es uns dort gut gehen lassen.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Hör auf dein Herz! Wenn du dir ein Baby wünschst, ist der Zeitpunkt irgendwann einfach da und Fragen wie "Ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt?", "Was ist mit meinem Job?", "Werde ich eine gute Mutter sein?" treten plötzlich in den Hintergrund. Ich kann natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Und ich würde ihr sagen, dass sie ein Kind aus den richtigen Gründen bekommen soll. Das hört sich seltsam an, ich weiß. Aber Kinder sind nicht dazu da, eine instabile Beziehung zu flicken, eine Jobflaute oder eine schwierige Lebensphase zu überbrücken. Also: Hör auf dein Herz!

Vielen Dank, liebe Viola!

Hier sind die Fragebögen von JuleKatiIndreIsabelleMailis und Hanna.
Ein schönes Wochenende!







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