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UND WIE MACHST DU DAS, BERIT?


Name: Berit Walch
Alter: 36 
Mutter von: Nik und Jona 
Stadt: Ein kleines Örtchen bei München

Wie war es für dich, als du erfahren hast, dass du Zwillinge bekommst?
Ich kann mich an jede Sekunde dieser Situation erinnern. Ich sitze auf dem Behandlungsstuhl meiner Frauenärztin, die mit einem Ultraschallstab herumwurschtelt und betrachte den schwarz-weißen Bildschirm, auf dem ich eigentlich nie so richtig etwas erkenne, außer psychodelisch wabernde Flecken. Ich halte es für ein medizinisches Wunder, dass es einem menschlichen oder vielmehr ärztlichem Auge gelingt, auf diesen Dingern Nieren, Blasen und Magenwände auszumachen. Aber dann erkenne ich doch etwas. Zwei weiße Punkte. Moment mal. Hab ich Halluzinationen? Wieso zwei? Meine Frauenärztin, eine ältere, ebenso herzliche wie kurzsichtige Frau, die nicht wirklich die Souveränste im Umgang mit ihrem Ultraschallgerät ist, nestelt an ihren Instrumenten herum. Während ich immer noch Kopfrechenarbeit leiste, drückt sie permanent auf einen kleinen Knopf, von dem ich nicht die leiseste Ahnung habe, wofür er gut sein soll. Ich starre wie paralysiert auf den Bildschirm und frage: „Äh… Entschuldigung? Sind das da ZWEI Embryos???“ Sie runzelte die Stirn, rückt sich (eine gefühlte Ewigkeit) die Brille zurecht, heftet sich mit ihrer Nase vor den Bildschirm und nimmt mir die Sicht auf die zwei, nein halt, meine zwei Punkte. Am liebsten würde ich sie zur Seite schubsen. Dann höre ich einen Satz, der nach mehr als drei Jahren noch immer in meinen Ohren nachhallt: „Ach tatsächlich, das sind wirklich ZWEI!“ 

In diesem Moment prasseln Bilder aus der Zukunft über mich herein, als wäre die Glaskugel eines Wahrsagers zersprungen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selbst Zwilling bin. Ich sehe mich mit zwei Babys auf dem Arm, sehe zwei Schultüten, vier kleine Schuhe auf dem Flur, zwei Geburtstagstorten auf dem Tisch. Ich werde von Wärme und Kälte zeitgleich durchflutet und lache und weine. Ich lache, weil ich als Zwilling weiß, dass es nichts Großartigeres auf der Welt gibt als eine Zwillingsschwester. Und ich weine, weil ich in diesem Moment das erste Mal in meinem Leben begreife, wie schwer es für meine Mama gewesen sein muss, uns beide groß zu ziehen. Eine Stunde und 100 weise Ratschläge meiner Ärztin später, taumele ich aus der Praxis, beseelt von dem Gefühl, ein unglaubliches Geheimnis in mir zu tragen, das nur ich und meine Frauenärztin kennen. Ich rufe meinen Mann an, um es mit ihm zu teilen. Das Glück strömt durch mich hindurch und Tränen über mein Gesicht, als ich sage: „Du wirst Doppel-Papa! Es sind Zwillinge!“

Wie kompliziert oder unkompliziert ist es, einen Kita-Platz für Zwillinge zu finden?
Meine Erfahrung: Für Großstadt-Mamis ist ein Kita-Platz mit Zwillingen ungefähr so realistisch, wie die Aussicht auf einen Morgen, an dem die beiden frisch geföhnt und selbstständig angezogen mit einem Frühstückstablett vor dem Bett stehen und fragen: „Mama, magst Du jetzt Croissant und Kaffee, oder nach dem Schaumbad, das wir gerade für dich eingelassen haben?“

Als wir damals noch in München wohnten, und ich gerade dabei war, meinen KITA-Triathlon oder besser den KITA-Iron-Man (ich klapperte mehr als 20 ab) zu bewältigen, hörte ich bei fast jeder Einrichtung folgenden Satz: „Zwillinge?! Da nehmen sie ja gleich zwei Plätze weg(!)“. Soviel dazu. Schlussendlich steckten mein Mann und ich unsere Kinder (und nahezu unser gesamtes Gehalt) in eine der teuersten KITAS Münchens, die – Überraschung – noch zwei Plätzchen auf ihren Yoga-Matten frei hatte. Als dann eines Tages unsere eineinhalbjährigen Kinder zur Oma statt „Gute Nacht“ „Good Night“ sagten, weil sie das in ihrem Englisch-Kurs in der KITA gelernt hatten, war das Maß voll. Wir flüchteten aufs Land. Unsere jetzige KITA, bei der wir sofort zwei Plätze bekamen, ist zwei Gehminuten von unserem Haus entfernt, kostet ein Viertel von dem, was wir vorher bezahlt hatten, und hat einen Garten, der so riesig ist, dass man Geo-Caching darin veranstalten kann. Ja, auf dem „Dorf“ ist die Welt einfach noch in Ordnung.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Folgende Worte einer Freundin haben mir das Leben gerettet: 
„Berit, wenn du in Teilzeit wieder anfängst – nimm dir den Freitag frei!“ Liebe Ute, wenn du das liest: Dein Rat war das wahrscheinlich Weiseste, das jemals ein Mensch zu mir gesagt hat. DANKE! Nur so funktioniert es für mich: Ich arbeite von Montag bis Donnerstag von 09:30 bis 15:00 Uhr. Mein Tag splittet sich also in zwei Hälften: Wahnsinn am Vormittag in der Firma (mit ein bisschen Chaos davor – Stichwort: Zwillings-KITA-Logistik) und Wahnsinn am Nachmittag zu Hause (mit ein bisschen Chaos danach – Stichwort: Zwillings-Bett-Logistik). Beide Hälften liebe ich heiß und innig. Abends falle ich wie ein Stein ins Bett und anschließend ins Koma, aus dem mich gegen 1:15 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Nik und um 2:30 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Jona reißt. Und am nächsten Tag? Geht der Wahnsinn in zwei Hälften wieder von vorne los. Da ist der Freitag dann schlichtweg das Licht am Ende des Wochentunnels. Mein Mann behauptet in seiner unendlichen Dreistigkeit doch tatsächlich, ich hätte an diesem Tag „frei“. Das ist so natürlich keinesfalls richtig, denn das impliziert ja, ich hätte freitags so etwas wie Urlaub. Falsch. Ich habe freitags REHA! 

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Hier meine Freizeitgestaltung knapp zusammengefasst: 
Montag bis Donnerstag 20:30 – 22:00 Uhr: Zeit für Hobbies (wie Schreiben/ Lesen/ Weißbier trinken), manchmal auch exakt in dieser Reihenfolge. 
Die weitere Stunde (um 23:00 Uhr falle ich ins Bett) kann man streng genommen nicht mitzählen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits so müde bin, dass ich die Welt nur noch in Fragmenten wahrnehme (wobei dieser Zustand durchaus angenehm ist).

Einmal pro Woche 19:30 – 23:30: Mädels-Abend! 
Wir sind mittlerweile fast alle Mamis und zwingen uns mit viel Selbstdisziplin, diese Tradition aufrechtzuerhalten. 
Wenn wir unserem Schweinehund erstmal den Arschtritt verpasst haben (verzieh Dich, Töle, ich BRAUCHE ein Leben neben Windeln und Weichspüler!), in unserer Stamm-Kneipe sitzen und wie früher in einen Tratsch-Rausch verfallen, ist dieser Abend der schönste der Woche. Die Tatsache, dass das „Erwachen am Morgen“ grausam werden wird, können wir mit Enthusiasmus und viel Alkohol erfolgreich verdrängen. 

Einmal pro Woche FREI-Tags 8:00 – 15:00: Regeneration.
Ich genieße den Luxus, erst nach dem KITA-Gang zu duschen (und zwar exzessive 20 Minuten) und verbringe den Rest des Tages mit der wohl herrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: dem NICHTSTUN, dass ich nur bei ungeahnten Energieschüben mit Soft-Shoppen und einem Spaziergang kombiniere. 

Einmal pro Woche (je nach Absprache mit meinem Mann Samstag oder Sonntag) 23:00 – 09:30 verbringe ich meine Zeit mit der wohl zweitherrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: SCHLAFEN! 

Ob mir das reicht? Nein! Immer, wenn mir das bewusst wird, zähle ich die Tage, bis Nik und Jona endlich „groß“ sind, in die Schule gehen und ich wieder mehr Zeit für mich habe. Und immer wenn ich das denke, wird mir klar, dass ich JEDE SEKUNDE genießen, ja, aufsaugen muss, in der Nik und Jona „klein“ sind und mir meine Freizeit rauben. Denn letztlich sind es diese Momente, die mein Leben ausmachen: Wenn die zwei mich in den Wahnsinn treiben, weil sie ihre Schuhe verkehrt herum angezogen haben und darauf bestehen, so in die Stadt gehen zu wollen; mich mit einem „MAAAAAAAMA“ aus dem Schlaf reißen, weil ihr Kuscheltier verschollen ist oder sich Bauklötze auf den Kopf hauen, um zu überprüfen, wie das klingt. Meine Zwillinge sind die zeitraubendste, schönste Freizeitbeschäftigung, die ich mir vorstellen kann.  

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Es sind die kleinen Momente, die das Dasein als Zwillings-Mami anstrengend machen. Zum Beispiel, wenn man seine Kinder an einer vielbefahrenen Straße aus dem Auto holen möchte. Für eine Mutter mit einem Kind ist das ein Handgriff, für eine Zwillingsmami Hochleistungs-Akrobatik. Hier eine kleine Turn-Anleitung: Man klemme das erste Kind, das man aus dem Auto gehoben hat, mit dem Kopf zwischen seine Schenkel, während man sich bereits dem Bandscheibenvorfall nahe, in das Fahrzeug beugt, um das zweite Kind abzuschnallen. Wuchte es dann neben den Zwillingsbruder (ohne den dabei versehentlich zu zerquetschen) und rufe den aufgebrachten Passanten, die gerade im Begriff sind, das Jugendamt einzuschalten zu: „Guckt nicht so doof, das gehört so!“ 

Was macht dich besonders glücklich?
Es macht mich glücklich, dass jeder Tag mit meinen Kindern wie eine Reise in meine eigene Kindheit ist. Sie erinnern mich daran, dass ein Kind immer reich ist. Wie wertvoll Tannenzapfen, Schneckenhäuser und Kronkorken sind. Sie erinnern mich daran, wie es ist, sich für kleine Dinge Zeit zu nehmen. Wenn man auf dem Weg zur KITA (die man eigentlich binnen zwei Minuten abgehetzt erreichen müsste, um noch rechtzeitig zum Frühstück zu erscheinen) ein Blümchen am Wegrand, ein Flugzeug am Himmel oder eine Kippe auf der Straße bewundert. Sie erinnern mich daran, dass es das größte aller Gefühle ist, wenn man etwas selbst geschafft hat; dass es natürlich ein Drama und keine Kleinigkeit ist, wenn eine Mama aus der KITA die kleine Pforte zum Gruppenraum aufgemacht hat, obwohl man das eigentlich selbst machen wollte. Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben. Wie dringend man einen alten Schal inspizieren muss, der im Gebüsch hängt. 

„Mama, was ist das?“  
„Ein alter Schal.“  
„Wer hat ihn da hingeworfen?“  
„Keine Ahnung. Irgendjemand.“  
„Warum?“  
… 

Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich die Welt durch die Augen meiner Kinder sehe.


Auf dem amerikanischen Blog „Kveller - Life with Twins” schreibt Adina Kay-Gross: „Holy Crap! Twins?? That´s what we hear on a regular basis, usually as we walk around the neighborhood with our mammoth stroller loaded with our 4-month-old twin girls. We are a magnet for kind and curious comments from strangers. (...) The questions continue to come: „Twins?! Holy Crap. What´s that like, having two? And that´s usually followed by: „I cannot. Even. Imagine.” Hast du ähnliche oder ganz andere Erfahrungen als Zwillingsmama gemacht? 

Exakt dieselbe, nur das sich das in Bayern so anhört: 
„Ja do legst di nieda, zwoa glei? Naa, des kannt‘ i ned!“ 
(= „Ja, sowas, zwei gleich? Also ich könnte das nicht!“ )

Ich antworte dann immer, dass ich ja nicht wissen kann, wie es ist, nur ein Kind großzuziehen. So, wie ein Mensch, der ohne Beine geboren wird, auch nicht weiß, wie es ist, Füße zu haben. 

Welche Fragen werden dir andauernd gestellt – und wie beantwortest du sie? 
Es ist wirklich lustig, aber die häufigste Frage, wenn ich mit meinen beiden Kindern, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, durch die Straßen gondele, ist folgende: „Sind das Zwillinge???“ Ich antworte dann (wahlweise): „Nein, das ist das Kind unserer Nachbarn, das meinem verblüffender Weise zum Verwechseln ähnlich sieht.“ Oder eben schlichtweg: „Ja.“  

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Ich wusste nicht, wie schön es sich anfühlt, wenn deine Kinder bei dir auf der Brust liegen, in andächtiger Stille, weil du ihnen die Geschichte von Minimaus und dem Mond erzählst und du erst nach einer halben Stunde merkst, dass sie dir gar nicht zuhören, sondern schlafen. Ich wusste nicht, wie schön es klingt, wenn deine Kinder in schiefen Tönen und voller Inbrunst „Meine Oma fährt im Hühnerstall „Totorrad““ singen. Ich wusste nicht, wie gut die Haare deiner Kinder riechen, selbst wenn du sie zwei Wochen lang nicht gewaschen hast, weil Haarewaschen einem Nahkampf gleich kommt. Vor allem aber wusste ich nicht, was echte Angst bedeutet. Bevor ich Mutter wurde wusste ich nichts.

Gibt es wirklich eine besondere Bindung zwischen Zwillingen?
Oh ja, die gibt es. Ich weiß es spätestens seit folgendem, magischen Moment. Meine Zwillinge kamen viel zu früh, in der 29. Woche, als sogenannte „Extrem-Frühchen“ zur Welt. Jona wog 1.500 – sein Bruder 1.000 Gramm. Beide wurden nach der Geburt getrennt und in separaten Inkubatoren aufgepäppelt. Beim sogenannten „Känguruhen“, bei dem der Mutter das Kind auf die Brust gelegt wird, damit es die Wärme und den Herzschlag seiner Mama spüren kann, wechselte ich mich mit beiden ab. Vormittags känguruhte ich mit Nik, nachmittags mit seinem Bruder. Als es Jona eines Tages sehr schlecht ging, und seine Sättigungswerte immer weiter in den Keller rauschten, beschloss eine Krankenschwester, Nik dazu zu holen. Es war eine sehr aufwendige Prozedur, ihn aus dem anderen Zimmer mit all den Geräten und all den Schläuchen zu seinem Bruder auf meine Brust zu betten. Aber dann war es soweit. Nik sah Jona, mit dem er sich sieben Monate lang eine Bauch-WG geteilt hatte, nach zwei Wochen Trennung das erste Mal wieder. Erst drehte er sein Köpfchen und schien sich zu wundern. Dann umklammerte er mit seinem winzigen Arm seinen Bruder, als wolle er ihn begrüßen. Es war ein unbeschreiblicher Moment – für uns alle. In wenigen Minuten stabilisierte sich Jonas Sättigung und sein Herzschlag. Von diesem Tag an känguruhten wir nur noch zu dritt. 

Du hast in deiner Elternzeit ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu und wie war das für dich?
Schon als kleines Mädchen liebte ich es, Geschichten zu schreiben. Ich schrieb über Kaulquappen und Baumhäuser, darüber, wie es wäre Forscherin zu sein, über Räuber, die sich im Park versteckten und Wassermänner, die in Flüssen lebten. Als ich dann als 10-Jährige einen Schreibwettbewerb gewann, der Bürgermeister mir die Hand schüttelte und ich staunend feststellte, dass sogar ein Fotograf ein Bild von mir wollte, beschloss ich, Schriftstellerin zu werden. Aber wie das mit Kindheitsträumen so ist – es sind eben Träume, und mit denen verdient man kein Geld. Ich wurde Journalistin beim Fernsehen. Immerhin, hier durfte ich schreiben. Ich schrieb mal Moderationstexte, mal Treatments. Ich schrieb Drehbücher und Konzepte. Letztlich aber schrieb ich Papier voll. Über das, was ich liebte, schrieb ich nicht. Vielleicht wäre das auch für immer so geblieben, wenn ich eben nicht Mama von zwei Frühchen geworden wäre. Diese beiden Winzlinge (die heute gar nicht mehr winzig sind, sondern 3-jährige propere Jungs) sorgten dafür, dass ich mich daran erinnerte, wer ich wirklich war, und was ich wirklich wollte. Als ich mit ihnen Stunden, Tage und Wochen in einem Klinikzimmer auf einem Klappstuhl verbrachte, stand meine Welt still. Als hätte jemand auf eine Bremse getreten. Das Leben, durch das ich bis dahin gehetzt war wie eine Getriebene, spielte sich in Slow-Motion ab. Es gab nur mich, den Stuhl, meine beiden Kinder auf meiner Brust – und meine Geschichten. Mal dachte ich sie leise, mal erzählte ich sie den Zwillingen in ihr Ohr. Sie waren unsere Begleiter in einer kleinen, surrealen Welt, einem Klinikraum der Neointensiv München. Als ich meine Zwillinge dann endlich – nach fast 3 Monaten Klinik – über die Türschwelle in unser Zuhause trug, war es, als hätte man mich aus einem Käfig entlassen. Ich war nicht mehr Stunden um Stunden an einen Stuhl gefesselt. Ich durfte meine Kinder aus ihrem Bettchen heben, ohne vorher eine Schwester zu fragen. Ich konnte sie auf dem Arm herumtragen, ohne sie vorher von Kabeln und Schläuchen zu befreien. Ich war frei. Meine Kinder waren frei. Und weil sie das Känguruhen nicht mehr brauchten, sondern in ihren Bettchen schliefen, hatte ich plötzlich unendlich viel Zeit. Und so begann ich nach Jahren wieder eine Geschichte zu schreiben. Eine lustige (schließlich hatte ich die Wochen zuvor genug Tränen vergossen). Ich schrieb über eine junge Frau, die in München lebt, und taufte sie Milla. Ich schrieb über Milla, die von ihrer großen Liebe Tim verlassen wird, und dadurch in ein riesiges Chaos schlittert. Ich schrieb „30 Tage nach Tim“, einen Roman, der am 8. April bei forever by Ullstein veröffentlicht wurde. Und wenn ich das Cover des Buches heute betrachte, dann weiß ich, dass das Schrecklichste, das dir im Leben passieren kann, manchmal das Beste in dir hervorbringt. 

Falls ihr diesen Fragebogen so gerne gelesen habt wie ich: Hier gibt es eine Leseprobe von „30 Tage nach Tim“ (Ullstein/ Forever). Alle anderen Mutterfragebögen sind hier nachzulesen.
Herzlichen Dank, liebe Berit.

KINDERZIMMER 4.0




In den Weihnachtsferien haben wir Fannys Kinderzimmer umgeräumt. Sie hatte sich einen Schreibtisch gewünscht, einen richtigen, für Vierjährige, und ein Kuschelbett mit Kissen und Beschützertieren, die doofe Träume verscheuchen. Also haben wir ein bisschen umgeräumt. Verrückt, wie ein Zimmer sich verändert, wenn man einfach umstellt – das Bett vor das Fenster und die (leider nicht sonderlich genutzte) Kuschelecke aus dem Wohnzimmer zurück ins Kinderzimmer (denn die taugt ja auch prima als Tisch). Über den neuen Schreibtisch haben wir ihre gesammelten Tierpostkarten gehängt. Dazu Steffis Kupferkonfetti und die Papierkranich-Girlande, die ich ihr aus Amsterdam mitgebracht habe. Die bunte Quasten-Girlande hängt schon seit ihrem Geburtstag dort. Über das Bett haben wir das Superhero-Poster gehängt, das der Weihnachtsmann gebracht hat, und die Waben-Tiere von meiner Schwester vom Nikolaus. Neu eingezogen sind das ABC-Poster neben dem Schreibtisch, eine zweite Banktruhe ohne Schublade als Schreibtisch, ein Punkte-Teppich, zwei Pappkisten und ein Herzpflänzchen. So sieht das jetzt aus, das Kinderzimmer 4.0.



1) Rote Quastengirlande von Partyerie.
2) Papierkranich-Girlande "Cara Flags" von Atelier Sukha.
3) Muster-Kissen "Cojín Averell Zig Zag Rosa" von Nobodinoz, erhältlich bei Grand Revival.
4) Karte "Hundi" Child Art von Philuko.
5) Karte "Wau" Child Art von Philuko.
6) Kasten "Kvittra" von Ikea.
7) ABC-Poster "ABConfetti" von Held&Lykke.
8) Mini Willa-Superhero-Poster von Nordliebe.
9) Kupferkonfetti von Ohhh...Mhhh....
10) Sternchen-Kissen "Cojin Estrella" von Nobodinoz, erhältlich bei Grand Revival.

Fotos: Partyerie (1), Atelier Sukha (2), © Nobodinoz (3+10), Philuko (4+5), © Inter IKEA Systems B.V. 2015 (6), Held&Lykke (7), Nordliebe (8), Ohhh...Mhhh... (9).

LIEBLINGE DES JAHRES, PART 4: KINDERBÜCHER



Fannys Lieblingsbücher, alte und neue:

* "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat" von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch (Illustrationen). Wer hat dem Maulwurf auf den Kopf gemacht? Was für ein Spaß. Immer und immer und immer wieder.

* "Animal Opposites" von Petr Horacek. Ein hinreißendes Pop-Up-Buch über kleine und große, leise und laute, dicke und dünne, faule und hüpfende, schwere und federleichte, glatte und stachelige, langsame und schnelle, schwache und starke, weiße und bunte, winzige und riesige Tiere. Hier anzusehen.

* "Im Pyjama nach New York" von Michael Leblond. Ein Geburtstagsgeschenk für Fanny nach unserer New York-Reise, aber ich glaube, dieses Buch gefällt auch jedem Kind, das noch nicht dort war. Vorne im Buch ist nämlich eine Folie, die man nur langsam über das Buch ziehen muss, damit die große Stadt zum Leben erwacht.

* "Pop-Up Ozean" von Anouk Boisrobert und Louis Rigaud. Auch ein Geschenk und was für ein tolles: der Ozean zum Aufklappen. Die Oceano geht auf Forschungsreise, sie fährt an Walen vorbei zum Nordpol und durch einen Sturm schließlich zu einem Atoll voller Korallen. Fannys Lieblingsseite: Die mit den riesigen Walen (Mamawal und Babywal). Meine Lieblingsseite: Das Atoll mit den Korallenästen. Wunderschön (und lehrreich).

* "Wer versteckt sich?" von Satoru Onishi. Eines dieser Bücher, von denen Fanny nie genug bekommen kann, obwohl wir es schon ewig haben. Das Prinzip ist immer gleich und immer gleich aufregend: Auf jeder Seite ist eine Reihe von Tieren zu sehen, ein Hund, ein Tiger, ein Nilpferd, ein Zebra - aber auf jeder Seite verändert sich etwas. Ein Tier weint. Ein Tier schläft ein. Ein Tier dreht sich um. Aber welches?

* "Zoo-logie" von Joelle Jolivet. Dieses Buch ist riesig (nicht bloß, weil es 45 Zentimeter groß ist). Es zeigt 300 Tiere, geordnet nach Kategorien wie zum Beispiel "Heiß" und "Kalt", "Gefiedert" und "Gehörnt", "Im Meer" oder "In den Bäumen". Auf den Seiten versteckt sich außerdem ein Chamäleon, das man suchen kann. Ein Buch, das Fanny so staunen lässt wie mich (wieviele Tiere ich nicht kannte... der Kuba-Schlitzrüssler! Der Schlanklori! Oder das Mausmaki!).

* "Die Geschichte vom kleinen Loch" von Isabel Pin. Das Loch im Buch wird immer kleiner. Erst ist es der Krater eines Vulkans. Ein Loch im Eis. Und in einer Wiese. Das Loch auf einem Blatt Papier und der Abfluss in der Dusche. Ein Loch im Käse, im Türschloss, im Apfel, in der Hose, und schließlich, ganz am Ende, das kleine Loch im Bauch - der Bauchnabel. Ich mag Isabel Pin und dieses Buch unheimlich gerne.

* "Ich knack die Nuss" von Paolo Friz. Der kleine Gorilla will seine Kokosnuss knacken. Ganz alleine. Die anderen Tiere wollen ihm helfen, aber der Gorilla will es alleine schaffen, ohne Hilfe, ohne die Großen. Ganz alleine. Klar, worum es geht. Klar, was Fannys Lieblingssatz ist: "Nein, ich schaff das allein!"

* "Das Super Buch" von Dallas Clayton. Ich finde, das Super Buch ist wirklich ein super Buch, weil es zeigt, wie schön es ist, zu träumen. Groß und wild und bunt. Von Einhörnern mit Raketenantrieb, von einer Bonbonfabrik, von Zauberschiffen aus Wassermelonen oder rockenden Pavianen. Der Autor und Illustrator Dallas Clayton hatte dieses Buch eigentlich für seinen Sohn geschrieben, ("... weil ich ihn wissen lassen wollte, dass er niemals aufhören darf zu träumen") - dann wurde das Buch in den USA überraschend ein Erfolg. Nun ist es bei Diogenes erschienen und ich freue mich sehr darüber, weil es anders ist als alle Kinderbücher, die ich kenne, lauter, abenteuerlicher, verrückter, chaotischer - aber auch sehr zart und weise. Ein Buch, in dem man unzählige Details entdecken kann und sehr schlaue Sätze.

Falls ihr Lust habt, eure (alten oder neuen) Lieblingskinderbücher in die Kommentare zu schreiben... ich freue mich wirklich sehr über Empfehlungen!

UND WIE MACHST DU DAS, JULIA?



Name: Julia
Alter: 35
Mutter von: David, 16 Monate
Stadt: Berlin
Beruf: Kulturmanagerin und Geschäftsführerin von premiertone

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
David teilt sich seit Januar mit einem gleichaltrigen Jungen eine Tagesmutter, die zu der anderen Familie nach Hause kommt, Montag bis Donnerstag von 8.30 Uhr bis 15 Uhr. Das klappt wunderbar, er ist da immer sehr happy und freut sich, wenn wir schon an der Tür stehen. Die Tagesmutter ist ein paar Jahre jünger als ich, und wir verstehen uns wirklich gut und schnacken auch gerne mal, was ich als sehr angenehm empfinde. Genauso ist es auch mit der anderen Mutter. Diese Betreuungssituation ist natürlich recht luxuriös mit nur einem weiteren Kind, aber ich hatte ein sehr gutes Gefühl dabei, von Anfang an. Daher haben wir uns dafür entschieden und sind sehr froh, dass wir uns das so leisten können. Bis nächstes Frühjahr wird das hoffentlich so bleiben, danach ist eine normale Kita angedacht. Nur suchen wir noch eine größere Wohnung, daher weiß ich noch nicht, wo...

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Als Selbstständige kann man theoretisch von überall und immer arbeiten, mit Baby funktioniert das aber leider nicht ohne Betreuung. Das habe ich mir leichtsinnig etwas einfacher vorgestellt. Als David noch kleiner war, habe ich immer mal wieder eine halbe Stunde, Stunde Arbeit dazwischen oder auf den Abend geschoben. Mittlerweile hat sich das normalisiert, was ich sehr angenehm finde, denn ich arbeite lieber mehrere Stunden konzentriert am Stück, als wenn ich immer schon weiß, dass ich nur eine Stunde habe. Mehr arbeiten könnte man ja immer, daher ist es natürlich trotz Betreuung immer wieder so, dass ich auch abends mal am Laptop sitze. In den letzten Monaten habe ich "nebenher" auch unsere Hochzeit organisiert, die Ende Juni war, daher war es etwas viel. Aber jetzt kehrt wieder normaler Alltag ein.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Im Moment stehen wir zwischen 7-8 Uhr auf und machen uns nach dem Frühstück auf den Weg zur Tagesmutter. Je nach Tagesplan bringt einer von uns ihn hin - je nachdem, ob ich Anrufe machen muss, Termine habe oder mein Mann mit seinem Quartett probt, er ist Musiker. Manchmal arbeite ich in einem Café dort in der Nähe oder aber auch von zu Hause. Das ist aber nicht immer gut, weil man dann gerne noch tausend andere Dinge erledigen will... (andererseits aber toll, weil wir dann auch mal in Ruhe zu zweit Mittagessen können!). Am Nachmittag ist David etwas platt, der Rest des Tages geht recht schnell vorbei mit Spielen, Spaziergängen, Spielplatz, Abendessen, Baden. Er schläft meist zwischen 7 und 8 Uhr, spätestens um halbneun ein. Danach essen wir meist in Ruhe zusammen, reden oder sitzen auf dem Sofa, mit Laptop, entweder noch arbeitend oder irgendwann auch Serien guckend. Oder einer von uns trifft Freunde oder geht ins Konzert. Bisher haben wir unsere Tagesmutter zwei Mal auch am Abend engagiert, jetzt haben wir vor, das regelmäßig zu machen, damit wir auch zu zweit ausgehen können.

Wieviel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Seit David betreut wird, ist es viel besser geworden. Alleine das Wissen, ein paar Stunden am Tag für mich zu haben und davon auch mal eine Stunde für Sport nutzen zu können, ist toll. Klar wünsche ich mir, noch mehr Zeit am Stück für mich haben zu können, mal ein paar Tage wegzufahren (was mit einer Freundin auch schon angedacht ist). Ich war Ende Mai fast drei Tage beruflich in Wien, das allererste Mal alleine, die ersten Nächte ohne mein Kind. Es war grandios, alleine im Hotelzimmer zu sein. Natürlich habe ich die beiden Jungs vermisst, trotzdem war es toll. Das mit dem Ausschlafen hat allerdings nicht funktioniert, ich war schon um halb sieben wach. Arrgh! Manchmal vermisse ich David aber schon, wenn er abends bloß schläft, sein Lachen, sein Gebrabbel. Verrückt.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Ich habe mir kaum vorgestellt, wie es ist. Ich habe es mir sehr gewünscht, Mutter zu sein, aber nicht sehr viele Gedanken darüber gemacht. Es fühlt sich auf eine wunderbare Weise total natürlich und normal an. Was ich nie bedacht hatte, aber doch immer wieder auffällt: Wie viele Leute meinen, ihren Senf zur Kindererziehung beitragen zu müssen, Verwandte, Bekannte, wie viele Meinungen es zum Stillen oder Nichtstillen, zum Schlafen im eigenen Bett oder nicht gibt...

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Die Nächte mit Unterbrechungen. Das Stillen empfand ich körperlich als wirklich anstrengend, besonders in den ersten zwei, drei Monaten. Wenn das Kind krank ist und man selber auch krank wird. Alle Eltern kennen Schlafmangel, jammern darüber, das wusste man auch schon vor dem Kind, doch wenn man es am eigenen Leib erfährt, ist es nochmal eine andere Nummer. Ich habe auch den Eindruck, zwischen dem sechsten und zwölften Monat ist es schlimmer, man wird so dauermüde, in den ersten Monaten ist man noch so hormongesteuert und alles neu und aufregend, da stört das weniger. Mittlerweile schläft David echt super und wird meist nur einmal ganz kurz wach.

Was macht dich besonders glücklich?
Dass dieser kleine Junge so gesund, so entspannt, so munter, so lustig, so neugierig, so stark und einfach wunderschön ist. Dass wir so unverschämt glücklich zusammen sind, dass alles so richtig und gut ist zu dritt (und hoffentlich irgendwann zu viert...).

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Wir sind ein sehr gutes Team und verstehen uns ohne viele Worte. Das war von Anfang an so. Daran hat unser Kind nichts geändert. Wir haben die Zweisamkeit immer sehr genossen und jetzt ist es fast noch schöner, dieses süße Kind zu haben - ich würde sagen, das verbindet uns noch mehr. Ich war mir irgendwie sehr sicher, dass wir gute Eltern zusammen werden, wir sind beide ziemlich ruhige, entspannte Typen, das spürt man auch bei David, er ist ein fröhliches Kind, er hat nie viel geweint. Natürlich muss man viel Verständnis füreinander haben, mein Mann ist immer mal wieder viel unterwegs, aber so konnten wir auch schon viel gemeinsam reisen. Seit David drei Monate alt war, waren wir auf einer Kreuzfahrt in der Ostsee durch sechs Länder, in der Schweiz, in verschiedenen deutschen Städten, in Ungarn und Armenien, er ist bis heute 15 Mal geflogen. Logistisch ist das natürlich ein gewaltiger Aufwand, aber es war großartig, und David hat es fast ausnahmslos sehr gut mitgemacht. Solange ich nur gestillt habe, war das sehr easy. Die Unterstützung meines Mannes in praktischen, alltäglichen Dingen ist auch ziemlich bilderbuchmäßig, ich glaube, ich habe ein Riesenglück, so einen Mann erwischt zu haben.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Tja, Stichwort: Kitas unter drei Jahren. Das ist ja in Deutschland immer noch sehr schwierig. Als ich mich auf die Suche gemacht habe (zugegeben erst nach der Geburt), wurde mir Angst und Bange, ob ich jemals irgendwo einen Platz finden würde. Es müsste einfach leichter sein, gute Betreuungsmöglichkeiten zu organisieren. Neulich trafen wir eine Mutter aus Frankreich. Die arbeitet wieder, seit ihr Baby vier Monate als ist. Dafür hat sie auch absichtlich nicht gestillt. Das finde ich wiederum recht extrem, und so ein kleines Baby abzugeben, stelle ich mir sehr schwer vor. Letztendlich muss man versuchen, für sich herauszufinden, was ein gut gangbarer (und besonders finanziell machbarer) Weg ist. Viele Informationen muss man sich an vielen verschiedenen Stellen zusammensuchen, das halte ich für einen unnötigen Zeit- und Stressfaktor. Und dass es so unterschiedlich sein kann in verschiedenen Städten - je nach Bundesland sind die Regelungen und Möglichkeiten so anders, da überlegt man sich gut, wo man hinziehen würde und wo lieber nicht.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Die Welt wird irgendwie zweigeteilter: in Mütter und in Nicht-Mütter. Manchmal ist das schon so ein Club-Gefühl. Das Leben ist wirklich so anders. Aber keineswegs schlechter. Nur hat man kein ganz eigenes Leben mehr. Das eigene Leben wird nicht mehr durchgedacht ohne Kind. Es ist immer automatisch in den Gedanken. Dass man so unmittelbar und bedingungslos Mutter wird, das kann man sich vorher nicht vorstellen. Da kommt ein Wesen in dein Leben, von dem man sich gar nicht vorstellen kann, wo es vorher war. Das Kind gehört so stark zu einem, wie kein anderer Mensch auf dieser Welt. Wahnsinn. Die Geburt empfand ich auch als ein unglaublich kraftvolles Erlebnis und ich bin sehr glücklich und irgendwie auch stolz, sie gemeistert zu haben.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Schlafen, natürlich. In Geschäften bummeln, shoppen, mich treiben lassen, Klamotten anprobieren. In ein Spa gehen, Beautybehandlungen und Massagen von Kopf bis Fuß genießen. Ins Kino gehen. Mit meinem Liebsten in unser altes Stammlokal Paparazzi im Prenzlauer Berg gehen und Pasta essen, Wein trinken und in alten Zeiten schwelgen.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich finde, das ist eine sehr persönliche und manchmal auch schwierige Entscheidung (für mich war immer klar, dass ich Kinder wollte). Auf jeden Fall muss man versuchen, sich darauf einzustellen, sich gedanklich, körperlich und seelisch mit allen Ressourcen dem Kind zu widmen und eigene Bedürfnisse hintenan zu stellen. Das ist schon sehr anstrengend. Aber ich empfinde immer noch täglich dieses Staunen und diese Grund-Freude über dieses wundervolle, kleine Wesen, das in mir gewachsen ist.

Vielen herzlichen Dank, liebe Julia. Mehr Mutterfragebögen sind hier zu finden.
Habt ein schönes Wochenende!

PS: Julia sucht eine Wohnung. Falls jemand etwas weiß: 4 Zimmer, ab 100 qm, gerne Badewanne und Balkon, in Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Charlottenburg-Wilmersdorf, Prenzlauer Berg oder Pankow - bis Ende des Jahres... Danke!

DER BESTE TAG, EINE TOLLE FRAU UND EINE PUPPE


Ich habe diesen Eintrag jetzt schon drei Mal angefangen und drei Mal wieder gelöscht, weil er nie so schön war wie der Tag, den er beschreiben soll. Den Tag mit Maria.

Ich war schon ewig auf der Suche nach einer richtig schönen Puppe für Fanny, eine Puppe, die süß, aber nicht kitschig ist. Als ich die Puppen von Maria entdeckt habe, wusste ich sofort, dass ich genau so eine Puppe gerne für Fanny hätte. Lass uns doch zusammen eine machen, schrieb mir Maria. Würde ich ja gerne, schrieb ich zurück, aber du hast ja keine Ahnung, wie sensationell talentfrei ich bin, was Handarbeit angeht. Ich kann nicht stricken (sogerne ich würde), nicht häkeln, nicht sticken, nicht nähen. Mach dir keine Sorgen, schrieb sie mir zurück. Zusammen kriegen wir das hin.

Am Abend vor unserem Treffen habe ich mich so gefreut, dass ich vor lauter Aufregung so viele Natas gebacken habe, dass es mir hinterher ganz peinlich war (ich glaube, das habe ich von meiner Großmutter, die hat auch immer in Großfamilienportionen gekocht und gebacken). Die Vorstellung, eine Puppe zu machen, die ich dann meiner Tochter schenke. Die Vorstellung, mit einer ganz offensichtlich tollen, aber wildfremden Frau einen ganzen Tag zu verbringen. Aufregend. Schön. Sehr aufregend. Und dann klingelt es und ich öffne die Tür und da steht sie: Maria. Einer dieser Menschen, in deren Gegenwart plötzlich alles ganz leicht und warm ist.





Das nächste Mal, dass ich auf die Uhr geschaut habe, waren fünf Stunden vergangen und vor mir lag eine fast fertige Puppe. Mit einem Kopf, den ich gestopft habe. Mit Armen und Beinen, die ich angenäht habe. Mit einem Bauchnabel, den ich abgenäht habe. Mit Haaren, die ich befestigt habe. Mit roten Backen, die ich aufgetupft habe. Ich weiß, ich weiß, ich klinge gerade wie meine eigene Tochter: Hab ich alles leine gemacht. Aber so stolz habe ich mich lange nicht gefühlt. So verkichert glücklich. Und so konzentriert. Was natürlich vor allem an Marias Ruhe lag, an ihrem Riesentalent, mir alles so zu erklären, dass ich es auch wirklich verstanden habe.

Beeindruckt hat mich Maria aber nicht nur durch ihr Mariasein (und mit ihren Händen: Einer Puppenmacherin bei der Arbeit zuzusehen, zu sehen, wie ihre Hände jede noch so kleine Bewegung auswendig können, in welchem Tempo und mit welcher Präzision sie arbeiten). Beeindruckt hat mich auch ihre Geschichte: Nach ihrem Studium an der Universität der Künste hat sich Maria als Puppenmacherin mit ihrem Label "Mariengold" selbstständig gemacht (und mit welchem Erfolg: ihre Puppen werden in der ganzen Welt gekauft). Sie gibt Kurse und schreibt E-Books. Bewundernswert - aber nicht weiter überraschend, wenn man Maria kennenlernt, wenn man merkt, mit welcher Liebe sie ihre Puppen fertigt und mit welcher Klarheit sie denkt.

Ich bin froh, dass sie am Ende des Tages noch sehen konnte, wie Fanny zum ersten Mal ihre Puppe in den Händen hielt und überhaupt nicht glauben konnte, was sie da bekam. Und ich hoffe sehr, dass sie auch sehen konnte, wie ich mich gefreut habe. Über diesen Tag, diese Puppe, die noch viel schöner ist, als ich sie mir ausgedacht hatte, meine allererste Handarbeit seit der Grundschule. Über die Erfahrung, dass ich so untalentiert wie ich immer dachte, nun auch nicht bin. Über das Glück, etwas mit meinen eigenen Händen gemacht zu haben, etwas, das ich mir im Leben nicht zugetraut hätte. Und über Maria. Puppenmacherin, Beeindruckerin, Freundin, ich hoffe es jedenfalls.


Die Website von Mariengold ist hier zu finden.

MEMORY: KLEIN & GROSS



Ein kleines Projekt, das ich am Wochenende begonnen habe - ein Memory für Fanny mit ihren und meinen Lieblingsdingen:
* Unsere Sommersandalen in gold und in silber.
Mein Glücks-Armband und das Tapferkeits-Armband, das Fanny beim Arzt geschenkt bekommen hat und auf das sie schrecklich stolz ist.
* Diese alte Gugelhupf-Form hat mir mein Vater geschenkt. Und der Leuchtturm, mit dem Fanny gerne Sandkuchen backt.
* Meine neue Lieblingstasche (fotografiert mit dem Ein-Puschen-ein-Socken-Kind). Und der kleine Koffer, in dem Fanny ihre Schätze versteckt.
* Zwei Bücher, die wir gerade gerne lesen: "Der große Trip" von Cheryl Strayed und "Die Geschichte vom kleinen Loch" von Isabel Pin. Auf jeder Seite findet sich ein Loch, erst ganz groß, dann winzig klein. Gerade unser liebstes Einschlaf-Buch, auch weil die Illustrationen von Isabel Pin so wunderschön sind. (Ihr "Wenn ich ein Löwe wäre" ist übrigens auch ein Riesenspaß!).
* Die Kette, die ich jeden Tag trage, ein Geschenk von meinem Mann: drei Herzen, ein großes fürs Kind, zwei kleine für uns. Und die Kette, die wir gemeinsam gebastelt haben.

UND WIE MACHST DU DAS, JENNI?



Name: Jenni
Alter: 34
Mutter von: Oskar
Stadt: Berlin
Beruf: Museologin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Wir sind erst seit knapp einem Jahr in Berlin. Davor haben wir in Schottland gewohnt, wo wir Oskar schon vor seiner Geburt in einem Kindergarten angemeldet hatten. Mit dem Umzug nach Berlin, der relativ plötzlich kam, mussten wir den Platz natürlich aufgeben und die Suche hier neu starten. Wir hatten großes Glück und haben relativ kurzfristig einen Kita-Platz bekommen. Zuerst war Oskar nur ein paar Stunden am Tag dort, während ich auf Arbeitssuche war, seit ich arbeite, geht er nun für länger hin. Die Kita macht zwar schon um 17 Uhr zu, aber so lange ich nicht ganztags arbeite, ist das kein Problem. Er scheint dort sehr glücklich zu sein, also bin ich auch zufrieden. Das Einzige, was ich mir wünschen würde: dass die Kita nicht in entgegengesetzter Richtung zu meiner Arbeit läge - aber unter den Umständen wollen wir mal nicht wählerisch sein.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Bevor Oskar auf die Welt kam, habe ich ganztags bei den "National Museums Scotland" gearbeitet, und wahrscheinlich wäre ich auch wieder ganztags eingestiegen. Jetzt arbeite ich nur noch Teilzeit bei den "Staatlichen Museen zu Berlin" - allerdings nicht, weil ich es so wollte. Es gab trotz der Museumsdichte in Berlin einfach keine vollen Stellen. Dafür sind meine Arbeitsbedingungen sehr gut. Ich arbeite fünf kürzere Tage die Woche, statt z.B. zwei oder drei längere, was Routine in die Woche bringt und sich gut mit den Kita-Abholzeiten vereinbaren lässt. Und wir haben Gleitzeit, was bedeutet, dass ich zwar Kernzeiten habe, aber ansonsten viel Spielraum, falls ich mal später komme oder früher gehen muss. Bisher funktioniert es sehr gut.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Wie stehen meist um kurz nach 7 Uhr auf. Mein Mann geht dann duschen, während ich Oskar fertig mache und wir schon mal mit dem Frühstück anfangen. Dann frühstückt mein Mann mit Oskar zu Ende, während ich mich fertig mache. Ich bringe Oskar zur Kita und laufe von dort aus ungefähr 45 Minuten zur Arbeit. Ich arbeite dann meist bis 14 oder 15 Uhr, je nachdem, wie spät es ist, gehe ich vorher noch einmal nach Hause, um ein paar Dinge zu erledigen, oder hole Oskar direkt von der Arbeit aus ab. Wenn ich ihn zu früh abhole, meckert er. Auf dem Weg nach Hause kaufen wir oft noch fürs Abendessen ein, dann koche ich, während Oskar spielt und danach bleibt meist noch Zeit, vorm Abendessen gemeinsam etwas zu spielen. Mein Mann kommt gegen halb sieben nach Hause, und dann essen wir zusammen. Das ist uns wichtig. Danach heißt es baden, Buch lesen, Milch trinken und ab ins Bett für den kleinen Mann. So ab 21 Uhr haben wir dann Zeit für uns, oder wir arbeiten an unseren Blogs oder anderen Projekten. Oft komme ich nicht vor Mitternacht ins Bett.

Wie viel Zeit hast du für dich - jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Natürlich wäre mehr Zeit immer schön, aber ich kann mich eigentlich nicht beklagen. Dass ich neben beruflichen Museumsprojekten und anderen ehrenamtlichen Museumstätigkeiten jede freie Minute mit Bloggen ausfülle, daran bin ich ja selbst schuld...

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
So lange ich mich erinnern kann, wollte ich eines Tages Mutter werden, aber ich glaube, egal, was man sich vorher vorgestellt hat: Nichts kann einen darauf vorbereiten, wie es wirklich ist. Oskar war ein geplantes und absolutes Wunschkind, daher war es für mich besonders schwer, dass die "Liebe auf den ersten Blick", die ich mir vorgestellt hatte, wenn ich mein Kind zum ersten Mal in den Armen halte, nicht einsetzte. Meinem Mann floss das Herz fast über, ich dagegen stand diesem neuen Wesen etwas apathisch gegenüber - und war enttäuscht, ich hatte mich doch so auf diesen Moment gefreut. Es ist schwer, sich in solch einem Moment nicht als schlechte Mutter zu fühlen. Und es zuzugeben, scheint eher noch ein Tabu-Thema zu sein, was einem auch nicht gerade weiterhilft. Natürlich habe ich mich dann doch in meinen Sohn verliebt, nur war es eine Liebe, die langsam gewachsen ist. Heute geht mir, schon seit langem, das Herz genauso über und ich kann mir ein Leben ohne Oskar gar nicht mehr vorstellen.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Auf jeden Fall den Schlafmangel. Oskar wacht immer noch fast jede Nacht auf. Mein Mann schläft nach der nächtlichen Unterbrechung sofort wieder ein, aber ich liege dann leider noch eine Zeit wach. Ich konnte schon als Kind nur sehr schlecht einschlafen. Anstrengend finde ich auch, was zum Glück nicht so oft vorkommt, dass man sich zum Beispiel bei einer Erkältung nicht einfach mal drei Tage ins Bett legen und auskurieren kann - besonders, wenn es beide Eltern erwischt hat. Irgendwer muss ja das Kind versorgen. Da bedarf es dann schon mal der letzten Willenskraft, um auf den Beinen zu bleiben.

Was macht dich besonders glücklich?
Am Wochenende als Familie etwas zusammen zu unternehmen. Manchmal gehen wir einfach nur auf den Spielplatz hinterm Haus oder in der Nachbarschaft spazieren, bei schlechterem Wetter auch mal ins Kindercafé oder in eines der vielen Berliner Museen. Oskar ist wie alle Kinder sehr neugierig, bleibt an jeder Ameise stehen. Er ist auch ein ausgesprochen fröhliches Kind, lacht viel und gerne. Egal, ob er gerade aufgeregt ist, weil er hinter dem Haus einen Tannenzapfen gefunden hat, stolz, ganz alleine die Treppen im Jüdischen Museum gemeistert zu haben, oder sich wie eine mexikanische Hüpfbohne auf einem Gummipferd im Kindercafé austobt - es macht mich einfach glücklich, ihm dabei zuzusehen und seine Freude zu teilen.

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Mein Mann und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, wir kennen uns seit acht Jahren und sind seit drei Jahren verheiratet. Als Museologin arbeite ich derzeit im Bereich Internet und Social Media, er ist Web-Developer mit einer Liebe für Museen und Kultur, also ergänzen wir uns sehr gut. Auch was die Kindererziehung angeht, haben wir ähnliche Vorstellungen, so dass es bei uns im Großen und Ganzen selten Konflikte gibt. Das entspannt das Familienleben. Unser Verhältnis hat sich aber in dem Sinne verändert, dass wir kaum noch Zeit füreinander haben, also ohne Kind. Uns fehlt bisher noch das Netzwerk an Freunden und Familie, dass wir in Schottland hatten, um einfach mal etwas alleine zu machen, während jemand für ihn vertrautes auf Oskar aufpasst. Aber das wird sich mit der Zeit bestimmt noch geben.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Soweit wir das in Deutschland bisher miterlebt haben, geht es Eltern hier relativ gut. Sicher könnte einiges besser sein, aber wir sehen das immer im Vergleich zu Schottland. Dort gibt es z.B. keine Trennung zwischen Mutterschutz und Elternzeit, man bekommt insgesamt bis zu zwölf Monate "maternity leave" (Mutterschaftsurlaub), allerdings nur neun Monate bezahlt. Viele arbeiten bis kurz vor ihrem Stichtag, um so viel Zeit wie möglich nach der Geburt mit dem Kind zu haben. Ich habe das auch so gemacht, und meinen "maternity leave" erst zehn Tage vorher angetreten - allerdings kam Oskar dann acht Tage zu spät. Ein gesetzlich vorgeschriebenes Arbeitsverbot gibt es lediglich für die zwei Wochen nach der Geburt. Väter bekommen zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Kindergartenplätze scheinen zwar in beiden Ländern Mangelware zu sein, aber in Schottland hätten wir fast das Vierfache an Betreuungskosten gezahlt - dabei ist das Kindergeld fast die Hälfte weniger als in Deutschland. Als Familie fühlen wir uns in Deutschland auf jeden Fall besser unterstützt.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Ich bin von Natur aus ein recht ungeduldiger Mensch und habe mich selbst überrascht, wie relativ leicht es mir fiel, die Geduld an den Tag zu legen, die als Mutter oft erforderlich ist. Und ich habe gelernt, dass ich, abgesehen von den Anfangsschwierigkeiten, nicht zur "stay at home mum" geboren wurde. Auch hier fühlte ich mich zuerst als Rabenmutter, weil ich lieber wieder arbeiten gehen wollte als den ganzen Tag mit meinem Kind zu verbringen. Aber ich habe meine Arbeit zu sehr vermisst und schließlich eingesehen: "Ich bin keine schlechte Mutter, ich bin einfach nur ein Mensch." Zum Glück ist Oskar das geborene Kindergartenkind, wie gesagt, wenn ich ihn zu früh abhole, dann meckert er. Und die gemeinsame Zeit am Abend und am Wochenende genießen wir dann umso mehr. Von der Welt - und besonders von Müttern untereinander - würde ich mir wünschen, dass sie toleranter untereinander wären...

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
Das hört sich jetzt vielleicht verrückt an, aber ich würde mich gerne mal so richtig beim Sport auspowern. Bevor Oskar geboren wurde, habe ich in Schottland ein bis zwei Mal die Woche Bodycombat gemacht und war mehrmals in der Woche schwimmen. Jetzt habe ich einfach keine Zeit mehr dazu. Ich laufe zwar fast überall zu Fuß hin, aber das ist halt eine andere Art von Bewegung. Danach würde ich mich in einem gemütlichen Café mit Tee und Kuchen einnisten und ohne Unterbrechungen in einem Buch schmökern. Oder vielleicht fahre ich doch lieber für 48 Stunden nach Hamburg oder Dresden und schaue mir die vielen tollen Museen dort an, das steht schon lange auf meiner Wunschliste!

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich glaube, das kann jede Frau nur für sich selbst entscheiden. Manchmal kommt es einem so vor, als gäbe es nie den richtigen Zeitpunkt, aber man muss einfach auf sein inneres Gefühl hören. Und ja, es ist sehr, sehr viel harte Arbeit, und Tränen sind nicht immer Tränen des Glücks. Aber es macht einen auch glücklich und erfüllt und stolz. Ich habe es jedenfalls, auch in den schwierigen Stunden, noch nie bereut.

Vielen herzlichen Dank, liebe Jenni! Die anderen Mutter-Fragebögen sind hier nachzulesen.

UND WIE MACHST DU DAS, BERIT?

Name: Berit
Alter: 27
Mutter von: Leon (stolze 3 – denn dann darf man Kindergartenkind sein)
Stadt: Ravensburg
Beruf: Studentin in der Endphase (endlich)


Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert? Bist du zufrieden damit?
Ich studiere Wirtschaftsingenieurwesen und habe damit angefangen, kurz bevor ich mit Leon schwanger wurde. Als der Kleine im November 2009 auf die Welt kam, bin ich im Studium ein ganzes Stück kürzer getreten und habe nur die Vorlesungen und Prüfungen mitgemacht, die ich mir wirklich zugetraut habe. Nach 10 Monaten habe ich aber gemerkt, dass ich auch mehr schaffen kann und möchte. Wir hatten großes Glück, dass Leon schnell einen Platz in einer Kinderkrippe bekommen hat. Anfangs war es furchtbar schwer für mich, meinen Sohn abzugeben, und ich hatte oft ein schlechtes Gewissen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es für seine Entwicklung ganz gut ist – er konnte sehr schnell krabbeln und laufen und hat sich auch in seinem Sozialverhalten toll entwickelt. Leon war anfangs nur halbtags in der Krippe, hat dann aber selbst sehr schnell signalisiert, dass er gerne länger bleiben möchte. Deshalb ist er seit September 2011 ganztags in der Krippe. Nachmittags habe meistens ich ihn abgeholt, manchmal auch sein Papa. Seit eineinhalb Jahren bin ich alleinerziehend und seitdem darauf angewiesen, dass ich einen Ganztagesplatz für Leon habe. In den theoretischen Phasen im Studium konnte ich Leon immer sehr gut selbst abholen. Seit September bin ich aber im Praxissemester und muss oft länger arbeiten, als die Kinderkrippe geöffnet ist. Da habe ich großes Glück, dass die Großeltern alle in der Nähe wohnen und jederzeit bereit sind, zu helfen. Leon wird jetzt, kurz nach seinem Geburtstag, aus der Kinderkrippe in den Kindergarten wechseln. Er selbst freut sich total darauf und möchte eigentlich schon seit unserem Probetag dort ein Kindergartenkind sein. Ich bin schon gespannt, wie er damit umgehen wird, dass es eine dauerhafte Umstellung von Kinderkrippe auf Kindergarten ist – vor allem, wenn er nicht mehr das größte Kind ist und sich daran gewöhnen muss, sich von den größeren Kindern etwas sagen lassen zu müssen.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Zur Zeit bin ich im Praxissemester bei einem großen Unternehmen in der Nähe angestellt. Dort muss ich ganz normal meine 35-Stunden-Woche einhalten, habe aber oft genug für 40 Stunden Arbeit. Glücklicherweise ist mein Arbeitgeber sehr familienfreundlich und einigermaßen flexibel, was den Arbeitszeitrahmen angeht. Innerhalb meiner Abteilung wissen alle, dass man als Alleinerziehende manchmal auch Termine hat, mit denen es nicht möglich ist, morgens schon ab sechs und danach bis 17 Uhr im Büro zu sein, und darauf stellen sich auch die Kollegen wirklich gut ein. Ganz selten nehme ich mir ein bisschen Arbeit mit nach Hause, um sie noch zu erledigen, wenn Leon im Bett ist. Durch die Arbeit sind unsere Wochentage sehr stark durchorganisiert und haben meistens einen festen Zeitplan. Für mich ist das anstrengend, wenn ich von früh morgens bis spät abends unterwegs bin und immer die Planung sowohl von meiner als auch von Leons Woche im Kopf habe. Über den Tag verteilt kommt diese Anstrengung aber nicht so durch und ich habe gar keine Zeit, erschöpft zu sein – es ist einfach klar, dass ich allein für Leon verantwortlich bin und dass alle Aufgaben nur auf meiner Liste stehen. Klar gibt es Tage, an denen ich mal wieder länger schlafen oder doch nicht in die Arbeit möchte, aber das hat jeder mal. Mir hilft es, dass ich mich eben nicht herausreden kann, indem ich sage „Warum macht das jetzt nicht Leons Papa?“, denn der ist nicht da, und das war zum Großteil meine eigene Entscheidung. Es ist toll, dass die Omas und Opas da sind und alle Leon so sehr lieb haben und froh sind, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich erlaube mir das wirklich selten, aber manchmal habe ich nach der Arbeit oder einer stressigen Woche einfach mal das Bedürfnis, einen Tag auszuschlafen und dann könnte  ich gar nicht ohne die Omas und Opas und Onkels und alle, die da sind, und für die ich soooo dankbar bin.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Ich stehe morgens zwischen viertel nach sechs und halb sieben auf, mache die ganz normale Dusch-fürs-Büro-Anzieh-Schmink-Routine und gehe währenddessen den restlichen Morgen oder Tag schon mal in Gedanken durch. Leon braucht für die Kinderkrippe nachmittags eine kleine Mahlzeit, die er mitbringen muss. Die bereite ich dann vor, während er noch schläft, trinke dann meinen Kaffee und gehe einmal die wichtigsten Nachrichten oder auch nur instagram durch. So gegen sieben wecke ich Leon, er frühstückt meistens ein Brot oder ein Müsli und dann ziehe ich ihm an, was ich schon zurecht gelegt habe. So gegen halb acht sind wir bereit, aus dem Haus zu gehen und fahren zur Kinderkrippe. Ich schaffe es meistens gegen viertel nach acht auf den Zug zur Arbeit und bin dort bis zwischen fünf und sechs am Abend. Leon ist schon seit halbvier bei Oma, und je nachdem, wie seine Laune ist, hole ich ihn nach der Arbeit ab oder Oma bringt ihn direkt nach Hause. Wenn Leon gegen acht ins Bett geht, bleibt noch ein bisschen Zeit für den Haushalt (der sich leider wirklich nicht von allein macht) und dann bin ich so gegen zehn im Bett. Das muss dann aber auch sein, um am Morgen wieder aus den Federn zu kommen.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir? 
Im Moment habe ich relativ wenig Zeit für mich – so jenseits von Beruf, Haushalt und Kind. Als Alleinerziehende bist du eben doch immer der Ansprechpartner, wenn es Fragen oder Schwierigkeiten gibt. Und selbst wenn der Kleine mal nicht da ist, denke ich ständig über alles nach, was mit ihm ansteht – was müssen wir noch erledigen/einkaufen/planen… Da gibt es einfach niemand anderen, mit dem ich mir das teilen kann, das ist mein Job als alleinerziehende Mama. Leon ist aber alle vier Wochen beim Papa und verbringt dort meistens 4-5 Tage. Das ist dann meine Zeit für mich. Anfangs konnte ich das noch nicht so genießen und war die ganze Zeit angespannt, ob alles in Ordnung ist mit ihm. Mittlerweile sehe ich das aber wirklich als meine Auszeit – ich weiß, dass Leon in guten Händen ist und kann so auch mal einfach Dinge machen, die mir Spaß machen.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Ich hatte mir das  Muttersein bis zu dem Moment, in dem ich erfahren habe, dass ich Mutter werde, gar nicht vorgestellt. Das heißt nicht, dass ich nie Kinder wollte – ich wollte schon immer ganz viele Kinder haben - aber als es dann tatsächlich soweit war, habe ich versucht, mit so wenig wie möglich vorgefertigten und übernommenen Vorstellungen und Erwartungen an die Sache zu gehen. Deshalb kann ich nicht mal sagen, was ich mir genau so und was ich mir anders vorgestellt habe. Ich glaube, was man sich vorher am wenigsten vorstellen kann, ist die Liebe, zu der man fähig ist. Selbst an Tagen, an denen wirklich alles schief gelaufen ist, kann dieses kleine Lächeln, die strahlenden Augen, alles vergessen machen, weil ich weiß, dass es das alles wert ist für diesen kleinen Menschen, der mich zu einer Mama macht.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Das Alles-unter-einen-Hut-bekommen. Im Studium war meistens nur Studium und Kind, und ich konnte gut auch mal eine Vorlesung ausfallen lassen, wenn der Kleine was hatte. Jetzt versuche ich, die Arbeit, die Zeit mit dem Kleinen, die Arzttermine und alle anderen Termine unter einen Hut zu bekommen, und das gelingt mal mehr und mal weniger gut. Das Anstrengende daran ist aber nicht die Hektik, die dadurch manchmal entsteht, sondern eher die Gedanken, die das verursacht: Werde ich meinem Kind wirklich gerecht, wenn ich versuche, so vieles auf einen Schlag zu schaffen? Kann ich meinen Sohn so glücklich machen, wie er es verdient?

Was macht dich besonders glücklich?
Mein Kind glücklich zu sehen. Da ich im Moment wenig Zeit mit ihm verbringe, versuchen wir beide wenigstens, die gemeinsame Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Und ihn dann glücklich zu sehen, macht mich glücklich und zeigt mir, dass wir ein gutes Team sind. Außerdem ist es ein sooooooooooooooo tolles Gefühl, dass ich sagen kann, dass ich das alleine schaffe. Es ist oft anstrengend und manchmal weiß ich nicht, wie ich den nächsten Tag überstehen soll, aber es geht immer irgendwie und am Ende des Tages kann ich mir dann sagen „Hey, das hab ich hingekriegt. Ich hab so viele Baustellen gleichzeitig und trotzdem schaffe ich es, meinen Sohn zu dem zu machen, was er ist – zum in meinen Augen tollsten Kind überhaupt. Und das ist zum Großteil mein Verdienst!“

Welches Verhältnis hast du zum Vater deines Kindes? Wie hat das Kind dieses Verhältnis verändert?
Ich kannte Leons Papa noch nicht wahnsinnig lange, bevor ich schwanger wurde. Dadurch mussten wir uns während der Schwangerschaft und der ersten Zeit mit Kind nicht nur als Eltern, sondern auch als Paar völlig neu kennenlernen. Leider hat sich dabei herausgestellt, dass wir doch nicht so gut miteinander funktionieren, wie wir gehofft hatten. Deshalb haben wir uns getrennt. Damit haben wir uns viel Zeit gelassen, weil man doch immer denkt, dass ein Kind mit Mutter und Vater gemeinsam besser aufwachsen kann, als wenn die Eltern getrennt sind. Wir haben uns aber teilweise auch heftig gestritten, zu Beginn wenn Leon nicht dabei war, später stand er eben doch oft daneben. Leon war zu der Zeit knapp über ein Jahr alt und hat das schon stark mitbekommen. Nachts habe ich gemerkt, dass er nach unseren Streits schlecht geschlafen hat, und tagsüber war er sehr anhänglich und hatte Trennungsängste. Das ist vielleicht zu einem gewissen Grad auch Teil der ganz normalen Entwicklung eines Kindes, bei Leon war es dann aber so schlimm, dass irgendwann klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Leons Papa ist dann für die Arbeit in die Nähe von Darmstadt gezogen – das hatte er auch unabhängig von unserer Trennung geplant – und so waren wir nicht nur als Paar, sondern auch räumlich weit genug voneinander entfernt. Anfangs war es wahnsinnig schwierig, miteinander umzugehen, weil einige Konflikte da waren – vor allem natürlich, was Leons Erziehung anging. Jeder war der Meinung, dass er das am besten konnte. Da war es oft schwer, Absprachen zu treffen und die eigene Meinung zum Wohle des Kindes auch mal hinten anstehen zu lassen. Mittlerweile geht das wirklich gut. Es ist genug Zeit vergangen, sodass wir akzeptieren können, dass wir als Paar nicht funktionieren und dass die Trennung die richtige Entscheidung war. Wir beide haben eingesehen, dass es in erster Linie um den Kleinen geht und dass jeder von uns sein Bestes will – selbst wenn wir beide das nicht genau gleich definieren, gehen wir jetzt meistens entspannter damit um. Leider ist Leon noch zu klein, um zu sagen, wie er die Trennung wahrgenommen hat. Aus meiner Sicht hat er es aber geschafft, trotz der auch für ihn schweren Zeit ein sehr offenes Kind zu werden. Er hat nur noch ganz selten ganz stark das Bedürfnis nach Nähe und ist jetzt eigentlich eher neugierig auf die Welt. Ich glaube, für ihn ist es gut, dass sein Papa nicht direkt bei uns in der Nähe wohnt. So kann er klar abgrenzen, wann Papa-Wochenenden sind und freut sich viel mehr darauf, als wenn er seinen Papa einfach jederzeit sehen könnte.  Dadurch, dass er bei der Trennung noch relativ klein war, konnte er auch gut in die Situation hineinwachsen und sich früh daran gewöhnen. Ich hoffe immer, dass das für ihn besser ist, als wenn wir erst fünf Jahre zusammen gewesen wären und uns dann getrennt hätten.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Manchmal gewinnt man in der letzten Zeit den Eindruck, die Politik weiß selbst nicht genau, wie sie Eltern unterstützen soll. Auf der einen Seite wird bestätigt, dass jedes Kind das Recht auf einen Betreuungsplatz hat, dann sind aber leider nicht genug Plätze vorhanden und es ist rechnerisch doch wieder leichter, den Eltern die „Herdprämie“ zu versprechen, damit sie dieses Recht nicht in Anspruch nehmen. Außerdem die Frauenquote. Man möchte festschreiben, wieviel Prozent der Führungskräfte weiblich sein sollen. Aber: haben eigentlich genug Frauen die Möglichkeit, in Führungspositionen zu kommen? Als Frau bist du heute oft noch wie selbstverständlich für die Kindererziehung zuständig, weil Männer häufig höhere Einkommen haben, auf die die Familien nicht verzichten können. Man müsste also die Kindererziehung und die Karriere gleichzeitig stemmen – das geht häufig gar nicht. Man bekommt ja keine Kinder, um sie dann rund um die Uhr fremdbetreuen zu lassen und sie höchstens am Wochenende für drei Stunden zu sehen. Und: möchte man überhaupt als Quotenfrau an der Spitze stehen? Ist nicht die Anerkennung viel höher, wenn man es durch Leistung geschafft hat? Für mich als Alleinerziehende ist der wichtigste Punkt aber die Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Ich finde, Unternehmen sollten vom Staat darin gefördert und gefordert werden, Eltern und vor allem Alleinerziehenden die Möglichkeit zu geben, flexibler zu arbeiten. Oft geht es einfach nicht, dass man seinen „Nine to Five“-Job genauso erledigt. Ich merke bei mir selbst, dass ich wahnsinnig gern arbeite. Aber im Hinblick auf die Kinderbetreuung wäre es oft einfacher, man hätte die Gelegenheit, auch mal abends von zuhause aus zu arbeiten. Oder einfach nur, wenn das Kind mal krank im Bett liegt. Da finde ich, sollte mehr getan werden.

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, dass du vorher nicht wusstest?
Hm, wieviel Platz hab ich denn hier? Ich habe gelernt, mit nur fünf Stunden Schlaf auszukommen und Kaffee als Ersatz für Schlaf einzusetzen. Das ist eine der offensichtlichen Lektionen, die man mitnimmt. Aber da ist viel mehr: Seitdem Leon da ist habe ich gelernt, die Meinung meines Umfeldes nicht mehr so stark in den Fokus und als Ziel meines Tuns zu stellen. Wenn du Mutter wirst, hat jeder tausend Ratschläge und Erwartungen an dich. Ich habe durchs Muttersein gelernt, gelassener damit umzugehen und mehr auf meine eigene Intuition zu hören – das macht meinen Sohn und mich oft zufriedener, als jeden guten (oder gut gemeinten) Ratschlag auszuprobieren.

Du hast 48 Stunden kinderfrei: was tust du?
In dem Fall müsste ich hoffen, dass ich schon früh genug davon wusste. Denn dann würde ich mich schnellstmöglich in den nächsten Flieger nach Hamburg setzen. Die Stadt, die mich wie keine andere glücklich machen kann. Und da steht dann alles auf dem Plan, was mich größtmöglich entspannt: An den Landungsbrücken oder in der Strandperle sitzen und stundenlang aufs Wasser schauen, im Elbgold oder bei Herrn Max Frühstücken und zum Kaffee sitzen (oder, wenn’s ein kinderfreies Wochenende ist, einen Abend feiern und am nächsten Morgen im Fischmarkt frühstücken) und auf jeden Fall in der Bullerei Mittagessen.

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Da kann man keinen guten Ratschlag geben, das muss jeder für sich entscheiden. Ich würde ihr nur sagen, dass sie sich auf keinen Fall für ein Kind entscheiden soll, um Selbstbestätigung oder Liebe zu finden. Klar, ein Kind gibt einem wahnsinnig viel Gutes zurück, aber ich befürchte, dass Frauen sich häufig für Kinder entscheiden, weil ihnen im eigenen Leben etwas fehlt, das sie nicht genau beschreiben können – und dafür ein Kind zu bekommen, halte ich für den falschen Weg. Wenn die Frau aber den Anschein macht, als würde sie sich voll und ganz auf alle Höhen und Tiefen einlassen können, die das mit sich bringt, dann JA!, denn ein Kind zu haben ist meiner Meinung nach die schönste und weitreichendste Erfahrung, die man machen kann.

Herzlichen Dank, liebe Berit! Hier sind die anderen Mutter-Fragebögen nachzulesen.
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen schönen ersten Advent!
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