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VIER


Vier.
Vier.
Vier.
Vier.
Ich kann es noch viermal sagen, aber glauben kann ich es trotzdem nicht. Jetzt ist sie wirklich vier. Nicht mehr klein, noch nicht so richtig groß. Ein kleines Mädchen, das auf den Arm will, getragen werden, ihre kalten Hände unter meinen dicken Schal schieben will. Ein kleines Mädchen, das aus einem gemeinen Traum aufwacht und untröstlich ist, bis es wieder tröstlich ist. Ein kleines Mädchen, das sauer wird, wenn es die Knöpfe der Jacke nicht zubekommt, die blödenblöden Knöpfe der blödenblöden Jacke, die sie nienie wieder anziehen will. Ein kleines Mädchen, das seine kalten Füße zwischen meine Beine schiebt und nicht einschlafen kann, noch eine Geschichte hören will und das Einschlaflied, das wir schon so lange nicht mehr gesungen haben, "Guten Abend, gute Nacht, wer soll denn jetzt schlafen, das ist Fanny, Fannylein...", und dann soll auch der Schweinsbär schlafen, "Schwei-heins-bär", und ihr "Fu-hu-huß" und die Wand und die Tür und die Lampe, und sie muss so lachen, dass sie schon wieder hellwach ist, also singe ich "Twinkle, twinkle little star", das Lied, mit dem ich sie als Baby immer müde gesungen habe, und sie singt mit und schläft auf keinen Fall. Dann ist sie plötzlich groß. So groß, dass sie jedes Mal lächelt, wenn ich sie groß nenne, dann zeigt sie die vier Finger, die sie jetzt alt ist, und nächstes Jahr: fünf, eine ganze Hand alt, und dann, sagt sie, kommt sie fast in die Schule (ein Gedanke, der mir noch unendlich fern scheint). Sie will alles alleine machen, ich darf ihr nicht helfen, und wenn ich ihr helfe, dann helfe ich falsch. Sie will, dass ich ein Tuch über den Eingangsschlitz des Geburtstagszeltes lege, Tür zu, es ist ja ihr Zelt. Sie will nicht mehr Flöckchen genannt werden, bloß noch Fanny. Sie rennt los, schiebt den Hocker an den Kühlschrank, holt sich das Kühlpad, das ich ihr immer auf ihre Beulen lege, holt ein Handtuch, wickelt es ein, legt es auf mein Knie, das ich mir verdreht habe, pustet, streichelt meinen Kopf, mit einer Emsigkeit und Zärtlichkeit, die mich ganz weich macht.

Ich habe mir das manchmal vorgestellt, als sie noch ein Baby war. Wie sie riesengroß ist. Wie wir zusammen Kakao trinken gehen, zusammen Kuchen backen, zusammen lesen (das ist ein merkwürdiger Gedanke, aber gemeinsam mit jemandem in einem Raum zu sitzen oder herumzuliegen und zusammen zu lesen, finde ich unheimlich schön). Gedanken wie eine Karamellbonbonwerbung. Und die Realität ist trotzdem schöner, weil das Glück mit ihr ein so direktes, unkitschiges, lustiges Glück ist. Mit ihr durch den Kiez zu spazieren, und sie nimmt irgendwann meine Hand. Mit ihr einen Schritt zurückzugehen an der großen Straße, weil sie das in der Kita immer so machen, denn die große Straße, die ist voll gefährlich. Mit ihr das allererste Halloween-Kostüm zu basteln, ein Handtuch mit Löchern und einem Mund, das dann ein Gespenst ist, gefährlich und gruselig, bis ich schreiend wegrenne und sie mir hinterher, "aber Mama, das bin doch nur ich, brauchst doch keine Angst zu haben, nur ein bisschen". Mit ihr ins Café zu gehen, und sie stellt sich auf die Stange, die ein paar Zentimeter über der Erde angebracht ist, sie guckt schon einen Kopf weit über die Theke, und sie bestellt sich einen Kakao mit Strohhalm, und rührt dann ihr Kakaoschaumherz weg und meine Kakaoschaumblume und erzählt mir aus ihrem Fannyleben. Sagt, dass sie von einem roten Glitzerpferd geträumt hat, das Lulu hieß, wie gerade alle Tiere Lulu heißen, weil sie die Haustauschkatze in New York so mochte, die Lulu hieß. Sagt, dass sie auf dem roten Glitzerpferd von der Kita nach Hause geritten ist. Sagt, dass sie so ein rotes Glitzerpferd gerne zu Weihnachten hätte und es ja im Wohnzimmer wohnen könne mit dem Sofa als Bett. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass sie mal ein Renner werden will, wenn sie groß ist, jemand, der ganz schnell rennt. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass Papaland ihr Lieblingsland ist. Manchmal springt sie an mir hoch und drückt mir Küsse überall aufs Gesicht, noch einen und noch einen, und ich sage: "Womit habe ich das denn verdient?" und sie versteht die Frage gar nicht. Manchmal kriege ich keine Küsse, weil die Küsse alle noch schlafen oder gerade in der Kita sind. Vor einem Jahr hatten die Dinge noch nicht so viele Worte, die Gefühle auch nicht. Jetzt sagt sie, was sie denkt, was sie ärgert, was sie glücklich macht, was sie essen will, wovon sie geträumt hat, worüber sie traurig ist, in all diesen Worten, die sie sich hoffentlich nie abgewöhnt, Eierspiegel, Schuhfaden, Flitzschuhe, Rollsocken, Superfrau, Blödwurst.

Manchmal bin ich so alle gerade. Manchmal kriege ich so wenig auf die Reihe, was ich auf die Reihe kriegen müsste, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich scheine doch nie hinterher zu kommen, und dann ist es schon wieder Nachmittag und ich hole sie aus der Kita, hetze los und meine schlechte Laune hinterher, und dann steht sie da und strahlt und nimmt mich an die Hand, obwohl ich mir noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen habe, "Mamaaa, komm mit, ich muss dir was zeigen, wir haben Kreide gemacht, meine ist ROT!" So ist das gerade oft. Ich will viel und schaffe wenig. Ich bin gereizt, weil ich müde bin und das Anziehen vor der Kita eine halbe Stunde dauert, weil sie sich nicht entscheiden kann, welche Socken sie denn ganz alleine anziehen will und die Katzensocken nicht findet, die es am Ende sein sollen. Oder ich erschrecke, weil ich merke, dass mein Kopf ganz woanders ist, bei den Dingen, die mir diese Woche das Herz so schwer gemacht haben, und sie sagt mir schon zum zweiten Mal, dass das auf dem Bild ein Weihnachtsmann mit Schneeflocken ist, mit einer Schlange (die sie sich wünscht, grün, mindestens zwei Arme lang) und einem Feuer, damit der Weihnachtsmann nicht friert. Und dann sitzen wir beim Abendessen und sie isst das Brot mit ihrer Lieblingsmarmelade und freut sich darüber, dass Papa auch noch diesen Mini-Käse eingekauft hat und die Luftballons vom Geburtstag noch hängen, und ich weiß: Wenn ich in zehn Jahren zurückschaue (merkwürdig, dieses plötzliche Nachdenken über die Zeit, über die Jahre, die vergehen, das kam auch erst mit dem Muttersein), dann werde ich genau an diese Momente denken: die Marmeladenbrotmomente. Wie sie sich ihre Zebramütze aufsetzt und auf ihrem schon viel zu kleinen Laufrad die Straße herunterrast, bis zur Ecke, und wieder zurück, mit einer Vollbremsung. An die Lümmelsamstagnachmittage, wenn wir "Die Kinder von Bullerbü" gucken, und sie laut aufschreit, als Lasse beim Schlittschuhlaufen in ein Wasserloch fällt, obwohl wir uns diesen Film schon oft angesehen haben, und sie jedes Mal vorher sagt: "Pass auf, gleich fällt er ins Loch" (war das wirklich Lasse? Ich vergesse immer seinen Namen). Ich werde daran denken, wie sie jeden Sonntag mit ihrem Papa in der Küche steht und Sonntagsschnitzel klopft, und ich darf nicht mitklopfen, weil das ihr Schnitzelding ist. Ich werde an ihren Bockigblick denken, daran wie sie guckt, wenn sie so richtig sauer ist, wie neulich, als es so blödblödblöd von mir war, dass ich die Tiere auf dem Sofa weggeräumt habe, die da doch geschlafen haben. Ich werde daran denken, wie sie tanzt. Ich werde daran denken, wie sie mir Bücher vorliest, "Es war einmal eine Raupe, die hat sehr viel gegessen. Bonbons und Wurst und noch mehr Wurst, dann hatte sie einen dicken Bauch. Fertig." Ich werde an ihren Enthusiasmus denken, an ihr Talent, sich über die Dinge und das Leben zu freuen, sich in ihrer Freude völlig aufzulösen, das ist, neben so vielen anderen Dinge, so unglaublich schön. Ich werde daran denken, wie ich in der Nacht vor ihrem Geburtstag Luftballons aufgepustet habe, weil sie es so gerne mag, wenn an der Tür eine Luftballonwand hängt, durch die sie rennen kann, und wie ich ihr einen Herzkuchen gebacken habe, weil sie den vor ein paar Tagen im "Berlin mit Kind"-Heft gesehen hatte und so toll fand, ihre Wünsche sind immer sehr präzise, ein Schokoladen-Herzkuchen mit ganz viel bunten Streuseln und mit Happy-Birthday-Kerzen und mit diesen Zuckererdbeeren, die ich dann zwar noch gefunden, aber nicht mehr auf den Kuchen draufbekommen habe, weil ich so viel Teig in die Form gegossen hatte, dass der Herzkuchen eher ein Herz-Mount-Everest geworden ist, und wie ich um Mitternacht wieder Tränen in den Augen hatte, was eine ziemliche Untertreibung ist, und wie ich zu ihrem Bett gegangen bin und sie mitternachtsgeburtstagsgeküsst habe, auf ihre warme Backe, die ich erstmal freilegen musste, weil ihre Haare so lang geworden sind. Wahrscheinlich werde ich auch an diesen Satz denken, den eine tolle Frau mir neulich in einer Email geschrieben hat, ich hab  in den letzten Tagen so oft an diesen Satz gedacht: "Ich bin so sehr ich durch sie." Durch sie und durch ihn. Das bin ich wirklich.

IHR STAPEL (EIN PAAR LIEBLINGSKINDERBÜCHER)




In den letzten Monaten ist der Stapel neben Fannys Bett wieder genauso gewachsen wie der neben meinem. Deshalb hier ein paar Lieblingsbücher und -spiele (mein Stapel dann nächste Woche):

* Mo Willems: Noch ein Knuffelhase (Gerstenberg).
Eines Morgens kommt Trixie in den Kindergarten und sieht, dass Sonja HAARGENAU den gleichen Knuffelhasen hat wie sie. Erst streiten die beiden Mädchen, dann werden die beiden Hasen auch noch vertauscht, was Trixie allerdings erst mitten in der Nacht auffällt. Fanny mag das Buch, weil aus Trixie und Sonja am Ende (doch noch) Freundinnen werden und weil es in Brooklyn spielt. Ich mag die ungewöhnliche Verbindung von Schwarzweiß-Fotografie mit Tuschezeichnungen.

* Jakob Martin Strid: Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne (Boje)
Es gibt Bücher, von denen kann Fanny nicht genug bekommen (und ich seufze innerlich beim Vorlesen). Und Bücher, die ich hinreißend finde, Fanny aber kaum eines Blickes würdigt. Dieses Buch lieben wir beide. Weil es tolle Zeichnungen hat, in denen man sich fast wie in einem Wimmelbuch verlieren kann, weil es mit extradickem Papier auch wirklich toll aufgemacht ist. Und weil die Geschichte so aufregend ist, dass man immer weiterlesen will: Mika und Sebastian finden beim Angeln eine Flaschenpost mit einem Brief. Merkwürdigerweise ist der Brief genau an sie adressiert. Und merkwürdigerweise findet sich in der Flasche noch ein zweite Flasche mit einem klitzekleinen Samen. Als Mika und Sebastian den Samen einpflanzen, wächst über Nacht eine Riesenbirne in ihrem Garten. Und das ist erst der Anfang dieser unglaublichen Geschichte.

* Katharina Grossmann-Hensel: Warum Erwachsene nachts so lange aufbleiben müssen (Annette Betz)
Was machen die Erwachsenen eigentlich, wenn die Kinder im Bett liegen? Sie spielen mit dem Spielzeug der Kinder. Und verkleiden sich heimlich. Sie tanzen und trinken wie ein Haufen Seeräuber. Sie waschen die Wolken weiß und stopfen danach die Regentropfen wieder hinein. Sie sind in der Elternschule und lernen Schlechteträumeverjagen und Monsterbekämpfung. Oder? Wahrscheinlich ist dies kein Buch, das jedem gefällt – Idee und Umsetzung sind speziell, manchmal ein bisschen gruselig und ziemlich wild. Uns gefällt gerade das sehr gut. Hineinlesen kann man hier.

* Thé Tjong-Khing: Die Torte ist weg! Eine spannende Verfolgungsjagd (Moritz)
Ein Bilderbuch, das ganz ohne Worte eine spannende Geschichte erzählt: Gerade haben Frau und Herr Hund im Garten den Tisch gedeckt, da klauen zwei Ratten einfach die Torte. Erzählt wird aber nicht nur die Geschichte der verschwundenen Torte, sondern auch die Geschichte vom Schwan und seinen Jungen, von drei frechen Affen, von Familie Schwein oder von zwei fußballspielenden Fröschen. Selbst wenn man dieses Buch oft liest, entdeckt man immer noch eine neue Geschichte oder einen neuen Witz. Toll. (Hier kann man reinschauen).

* Barney Saltzberg: Arlo braucht eine Brille (Boje)
Hund Arlo spielt gerne „Fang den Ball”. In letzter Zeit schnappt er allerdings immer wieder daneben. Deshalb geht er mit seinem Freund zum Augenarzt. Nachdem er die Buchstaben auf der Buchstabentafel nur ganz verschwommen sehen kann, steht fest: Arlo braucht eine Brille. Die Geschichte von Arlo ist eine von Fannys Lieblingsgeschichten (nicht nur, weil wir jetzt ja auch einen kleinen Freund namens Arlo haben) – beim Augenarzt darf man nämlich tolle Pappbrillen aufprobieren: die Film-Star-Brille, die Superhelden-Brille oder die Brille des verrückten Professors. Schließlich findet Arlo die perfekte Brille, kann endlich wieder den Ball fangen und noch etwas anderes, sehr, sehr Aufregendes, aber das wird hier noch nicht verraten.

* 6 Gummitwist-Spiele (Die Spiegelburg)
Als Kind habe ich Gummitwist geliebt. Deswegen habe ich Fanny die kleine Schachtel mit dem Gummiband und den fünf Anleitungskarten auch mitgebracht, als ich sie im Spielzeugladen um die Ecke gesehen habe. Wir spielen es (noch) ohne Anleitung und hüpfen einfach hin und her und drüber. Und es macht immer noch genauso viel Spaß wie früher.

* Puppentheater
Schon länger haben wir über ein Puppentheater nachgedacht. Am Ende haben wir einfach ein Loch in eine alte Kiste geschnitten, zwei Taschentücher als Vorhänge genommen und Papierfiguren auf Strohhalme geklebt. Funktioniert super.

Was sind denn gerade eure Lieblingsbücher oder -spiele?
Ich freu mich über Tipps und wünsch euch ein schönes Wochenende!

PS Irgendwie gibt es hier gerade Probleme mit dem Kommentieren, ich weiß leider noch nicht, woran das liegt, versuche aber, eine Lösung zu finden!

AUF EIN NEUES


Vorhin habe ich eine Liste angefangen, ich schreibe ja so gerne Listen, Listenschreiben hilft mir beim Nachdenken, beim Jahr zu Ende denken. Dinge, die ich mochte, so hieß die Liste. Und sie war ziemlich lang. Dieser Sommer in New Jersey, vielleicht der schönste Urlaub, den ich je hatte, der friedlichste auf jeden Fall, die kleinen Rituale dieser heißen Sommertage, das Fährefahren und den Fährmann grüßen, das Tret-Karussellfahren und der Cheeseburger danach (ihr Stolz, Ketchup in diese winzigen Pappschälchen zu füllen und Senf für Papa). Die abendlichen Riesen-Picknick-Einkäufe, das Erdnussbuttereis, die Spaziergänge zum Wasser, bloß um wieder und wieder diese Stadt zu sehen, am anderen Ufer. Die Fahrstunden, die ich genommen habe, obwohl mir vor Angst ganz übel war, zur Prüfung ist es nie gekommen, ich musste eine kleine Pause einlegen, aus der eine große wurde, jetzt muss ich wieder von vorne anfangen, aber immerhin, das war ein Anfang. Die Momente mit Fanny (es sind so viele, jeden Tag, erst heute, als sie beim Aufwachen vom Weihnachtsmarkt erzählte, von ihrer ersten Zuckerwatte, der Wolke, die man essen kann). Oder unser erster Kinobesuch letzte Woche. Das Leben mit ihr ist so schön, so neu, jeden Tag. Die Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe. Und die Menschen, die da waren, was für tolle Freunde. Dieses Jahr war oft ein glückliches. Es war auch oft anstrengend, sehr anstrengend, manchmal so anstrengend, dass es mich ganz ratlos gemacht hat. Ein Jahr auch der Sorge und der Abschiede. Ein Jahr, das mir so deutlich gemacht hat, wie wenig selbstverständlich dieses ganze Glück ist, der Alltag, der einen manchmal so mürbe macht. Und jetzt. Geh ich mit dem kleinen Mädchen Knallerbsen werfen. Und Glückskekse knabbern. Und Ü-Ei-Orakel orakeln. Und koche ein riesiges mexikanisches Fressfest. Und küsse um Mitternacht meine beiden großen Lieben. Und bin sentimental. Und freu mich auf 2014, auf die Dinge, die kommen, die großen und die ganz kleinen.

Kommt gut ins nächste Jahr. Ich wünsch euch ein glückliches.
(Und danke fürs Lesen und überhaupt).

NOVEMBER 2013


Ein paar Momente, die ich im November mochte:

* Eine hinreißende Such-Anzeige neben dem Supermarkt: "You looked at me. I got shy and began staring at a small dog instead that was standing between us." Ich hoffe, er hat sie gefunden.
* Ein neuer Pullover aus der Isabel Marant-H&M-Kollektion.
* Hagebutten-Zweige.
* Und die erste Weihnachts-Deko.
* Ein großer Tag fürs kleine Mädchen: der dritte Geburtstag. Ein unglaublich schöner Tag mit tollen, liebevollen, aufmerksamen, lustigen kleinen und großen Menschen.
* Gefeiert wurde auch mit Party-Animals (hier abgeguckt).
* Passend zum Geburtstag wurde aus dem Baby-Zimmer ein Mädchen-Zimmer mit großem Bett und kleinen Überraschungen. An der Wand: Ein Poster mit den Illustrationen aus "Schau mal, so viele Tiere" von Yayo Kawamura (als Geschenkpapier im Spielzeug-Laden gefunden).
* Große, bunte Sterne - eine der vielen tollen Entdeckungen bei Ting in Berlin.
* Neues Lieblingsrouge. Eine Farbe, die ich niemals ausprobiert hätte, wenn die nette Verkäuferin sie mir nicht empfohlen hätte. Aufgetragen sieht dieses Knallpink herrlich frisch und natürlich aus (und frisch kann ich im Dezember echt gebrauchen).
* Endlich gefunden: Gefütterte, sensationell bequeme Biker-Boots.

Schwer zu glauben, dass das Jahr schon fast zu Ende ist, noch schwerer zu glauben, dass in drei Wochen Weihnachten ist (irgendwie kommt´s mir vor, als hätten wir erst vorgestern im T-Shirt am Hudson River gesessen). Aber ich freu mich auf die nächsten Tage und Wochen, aufs Rumliegen, Lümmeln, Verhöhlen, Futtern, ich kann´s gebrauchen.

DER BESTE TAG, EINE TOLLE FRAU UND EINE PUPPE


Ich habe diesen Eintrag jetzt schon drei Mal angefangen und drei Mal wieder gelöscht, weil er nie so schön war wie der Tag, den er beschreiben soll. Den Tag mit Maria.

Ich war schon ewig auf der Suche nach einer richtig schönen Puppe für Fanny, eine Puppe, die süß, aber nicht kitschig ist. Als ich die Puppen von Maria entdeckt habe, wusste ich sofort, dass ich genau so eine Puppe gerne für Fanny hätte. Lass uns doch zusammen eine machen, schrieb mir Maria. Würde ich ja gerne, schrieb ich zurück, aber du hast ja keine Ahnung, wie sensationell talentfrei ich bin, was Handarbeit angeht. Ich kann nicht stricken (sogerne ich würde), nicht häkeln, nicht sticken, nicht nähen. Mach dir keine Sorgen, schrieb sie mir zurück. Zusammen kriegen wir das hin.

Am Abend vor unserem Treffen habe ich mich so gefreut, dass ich vor lauter Aufregung so viele Natas gebacken habe, dass es mir hinterher ganz peinlich war (ich glaube, das habe ich von meiner Großmutter, die hat auch immer in Großfamilienportionen gekocht und gebacken). Die Vorstellung, eine Puppe zu machen, die ich dann meiner Tochter schenke. Die Vorstellung, mit einer ganz offensichtlich tollen, aber wildfremden Frau einen ganzen Tag zu verbringen. Aufregend. Schön. Sehr aufregend. Und dann klingelt es und ich öffne die Tür und da steht sie: Maria. Einer dieser Menschen, in deren Gegenwart plötzlich alles ganz leicht und warm ist.





Das nächste Mal, dass ich auf die Uhr geschaut habe, waren fünf Stunden vergangen und vor mir lag eine fast fertige Puppe. Mit einem Kopf, den ich gestopft habe. Mit Armen und Beinen, die ich angenäht habe. Mit einem Bauchnabel, den ich abgenäht habe. Mit Haaren, die ich befestigt habe. Mit roten Backen, die ich aufgetupft habe. Ich weiß, ich weiß, ich klinge gerade wie meine eigene Tochter: Hab ich alles leine gemacht. Aber so stolz habe ich mich lange nicht gefühlt. So verkichert glücklich. Und so konzentriert. Was natürlich vor allem an Marias Ruhe lag, an ihrem Riesentalent, mir alles so zu erklären, dass ich es auch wirklich verstanden habe.

Beeindruckt hat mich Maria aber nicht nur durch ihr Mariasein (und mit ihren Händen: Einer Puppenmacherin bei der Arbeit zuzusehen, zu sehen, wie ihre Hände jede noch so kleine Bewegung auswendig können, in welchem Tempo und mit welcher Präzision sie arbeiten). Beeindruckt hat mich auch ihre Geschichte: Nach ihrem Studium an der Universität der Künste hat sich Maria als Puppenmacherin mit ihrem Label "Mariengold" selbstständig gemacht (und mit welchem Erfolg: ihre Puppen werden in der ganzen Welt gekauft). Sie gibt Kurse und schreibt E-Books. Bewundernswert - aber nicht weiter überraschend, wenn man Maria kennenlernt, wenn man merkt, mit welcher Liebe sie ihre Puppen fertigt und mit welcher Klarheit sie denkt.

Ich bin froh, dass sie am Ende des Tages noch sehen konnte, wie Fanny zum ersten Mal ihre Puppe in den Händen hielt und überhaupt nicht glauben konnte, was sie da bekam. Und ich hoffe sehr, dass sie auch sehen konnte, wie ich mich gefreut habe. Über diesen Tag, diese Puppe, die noch viel schöner ist, als ich sie mir ausgedacht hatte, meine allererste Handarbeit seit der Grundschule. Über die Erfahrung, dass ich so untalentiert wie ich immer dachte, nun auch nicht bin. Über das Glück, etwas mit meinen eigenen Händen gemacht zu haben, etwas, das ich mir im Leben nicht zugetraut hätte. Und über Maria. Puppenmacherin, Beeindruckerin, Freundin, ich hoffe es jedenfalls.


Die Website von Mariengold ist hier zu finden.

(FAST) ZWEIEINHALB JAHRE


Liebe Fanny,

gestern haben wir wieder einen Strich an den Türrahmen in Deinem Kinderzimmer gemacht. Die Abstände zwischen den Strichen werden jetzt etwas kleiner als noch vor einem Jahr, trotzdem ist es schwer zu glauben: Du bist 94 Zentimeter groß (Dein Bär, den Du „Bär“ nennst, und auch unbedingt messen wolltest, 26 Zentimeter, mit der Windel, die Du ihm dann ungebunden hast, knapp 27 Zentimeter). Es sind bloß Zahlen, aber sie scheinen zu beweisen, was wir ohnehin gerade fühlen: Du bist groß geworden, Fännchen. So groß. 

Du machst keinen Mittagsschlaf mehr. Du verkleidest Dich als Prinzessin wie die großen Mädchen im Kindergarten. Wenn man Dich fragt, ob Du eine Prinzessin bist, antwortest Du allerdings: Nein, eine Fanny. Du liebst Mickey Maus-Pflaster und klebst sie Dir auf alle Finger, wenn wir eine Minute nicht hingucken, der Trick, sie in die oberste Schublade zu legen funktioniert nicht mehr, Du schiebst Dir einfach einen Stuhl davor und machst sie auf. Du willst, dass ich Dir die Fingernägel lackiere, weil meine Fingernägel auch lackiert sind, und wenn ich Dir die Nägel angemalt habe, bestehst Du darauf, auch meine Nägel zu lackieren, genau, wie ich es bei Dir gemacht habe, nicht wackeln, sagst Du. Es ist eine Riesensauerei, es ist herrlich, Du malst immer meine Finger und Hände an. Du liebst es, Dich zu verstecken, hinter der Tür, unter der Decke, in Deiner Höhle, Mama, hast Du Fanny gesehen? fragst du dann, und freust dich so sehr, dass das Lachen aus Dir herausbricht wie die Kirschblüten draußen, Fanny weg!, sagst Du dann und lachst noch mehr, bis Du es nicht mehr aushälst und Daaaaaa rufst, um gleich wieder von vorne zu beginnen. Wenn ich koche, schiebst Du Dir den weißen Hocker zu mir und kochst mit, Du wiegst den Zucker und das Mehl für meinen Kuchen, du rührst die Eier für den French Toast, vorhin hast Du Dir den Hocker sehr ernsthaft zur Kaffeemaschine geschoben und erzählt, dass Du jetzt Kaffee kochst, weil Du müde bist (noch so etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss, Fanny: Dir entgeht nichts, absolut gar nichts, kein Wort, kein Schimpfwort, keine Geste, Du machst, sprichst, gestikulierst alles nach). Am Samstag hast Du auf dem Markt eine Tulpe geschenkt bekommen, Du warst so aufgeregt, dass wir zu Hause noch in der Jacke eine Vase für Deine rote Tulpe holen mussten. Wir haben die rote Tulpe dann ans Fenster in Deinem Zimmer gestellt, damit sie viel Licht bekommt, Du sagst ihr jeden Morgen Hallo. Du liebst es, uns von Deinem Fahrradsitz aus anzuschieben, „Achtung, fertig, los“ rufst Du dann und drückst Deine Hände in meinen Rücken, ich sage „Schau doch nur, wie schnell wir sind“ und Du gluckst Dein Glucksen. Du schummelst beim Obstgarten-Spielen, Fännchen, jedes Mal. Bevor wir einkaufen gehen, schreibst Du jetzt Deinen eigenen Einkaufszettel, wenn wir fragen, was Du aufgeschrieben hast, zeigst Du auf Deine Linien: „Drei Milch, ein Bechlomm (Luftballon), Tomatensoße, Schokolade, Pizza, Eierspiegel, Schokolade, Joghurt.“ Seit ich Dir aus der Drogerie mal ein gelbes Dreckspatz-Bad mitgebracht habe, möchtest Du, dass wir jeden Abend das Badewasser färben, ach Fanny, sage ich, es ist doch schon Schlafenszeit, Mamaaa, Dreckspatzbad sagst Du, und heute grün. Vor ein paar Tagen hast Du auf die Frage, wonach Dein Lolli schmeckt "nach Mama" geantwortet. Es war ein Erdbeer-Lolli.

Vorm Einschlafen singen wir zusammen dieses kleine Lied, das ich mir für Dich ausgedacht habe, zur Melodie von „Guten Abend, gute Nacht“, erst war es nur ein Spaß, aber Du liebst dieses Lied (und ich liebe es, dieses Lied mit Dir zu singen, immer nur die ersten beiden Zeilen, dann singst Du weiter):

Guten Abend, gute Nacht, 
wer soll denn jetzt schlafen?
Das ist Fanny, Fannylein,
soll jetzt ganz schnell ins Bett.
Mach die Äuglein schnell zu
und träum dann ganz toll
mach die Äuglein schnell zu
und schlaf dann ganz schön.

Bevor ich Dich ins Bett singen darf, müssen wir allerdings erst alle Kindergartenkinder, alle Erzieher, Omi und Opi, Tante Lene und Onkel Aiko, alle Kuscheltiere und manchmal, wenn Du so überhaupt gar nicht schlafen willst, auch die Decke, Deine Füße und Deine Nase ins Bett singen, das ist Nase, Naselein, soll jetzt ganz schnell ins Bett. Mit den Zentimetern sind Dir auch ganz neue Gefühle gewachsen. Du kannst Dich über die kleinsten Dinge fürchterlich erschrecken (Fanny schreckt!) und Du kannst fürchterlich sauer sein („Fanny sauer.“ „Aber warum bist du denn sauer, Fanny?“. „Weil Fanny sauer“.) Dann verschränkst Du die Arme vor der Brust und ziehst eine Stummfilmschnute, ich bemühe mich sehr, Dich in solchen Momenten nicht anzugrinsen oder gar abzuküssen, Du siehst so entzückend aus, wenn Du so sauer bist. Mehr als alles andere kannst Du Dich aber fürchterlich freuen, Du freust Dich immer noch so sehr über die Welt, wie Du Dich als Baby gefreut hast, wenn Du vor Lachen umgefallen bist, eine Tulpe!, ein Luftbechlomm!, guck, Mama, die SONNE SCHEINT!, Eierspiegel zum Abendbrot!, der blühende Kirschbaum auf dem Nachhauseweg, so pink!. Wenn ich mich später an diese Zeit erinnern werde, dann werde ich mich immer an dieses Glucksen erinnern, an diese Momente ungefilterten Glücks, an all die Sätze mit Ausrufezeichen. (Und was Du mir damit alles zeigst, und wir Du mir die Augen öffnest, für den Moment, die kleinsten Kleinigkeiten, Fanny, Du hast ja keine Ahnung). 

Und dann, nicht mehr so oft, bist Du wieder ganz winzig klein, ein warmes Knäuel. Du hast dieses herrliche Talent, Dich völlig fallen lassen zu können, Dich in den Arm von Deinem Papa zu drehen oder in meinen, Dich anzuschmiegen und reinzuwühlen, wenn Du müde und verkuschelt bist. Oft, fast immer bleibe ich noch neben Dir liegen, wenn Du eingeschlafen bist, ich liege da und weiß, ich müsste endlich aufstehen und erledigen, was noch zu erledigen ist, und bleibe doch liegen wie manchmal morgens, wenn der Wecker klingelt, noch fünf Minuten, nur noch fünf, ach, jetzt aber wirklich nur noch fünf, ich mag mich einfach nicht entknoten. Manchmal flüstere ich Dir Worte ins Ohr, Worte, die ich direkt in Dein schlafendes Herz spreche, damit Du es später auch noch im Schlaf weißt, und wenn Du aufwachst: Du bist wunderbar. Ich lieb Dich bis zum Himmel und wieder zurück, sehr und für immer.

Deine Mama

MEMORY: KLEIN & GROSS



Ein kleines Projekt, das ich am Wochenende begonnen habe - ein Memory für Fanny mit ihren und meinen Lieblingsdingen:
* Unsere Sommersandalen in gold und in silber.
Mein Glücks-Armband und das Tapferkeits-Armband, das Fanny beim Arzt geschenkt bekommen hat und auf das sie schrecklich stolz ist.
* Diese alte Gugelhupf-Form hat mir mein Vater geschenkt. Und der Leuchtturm, mit dem Fanny gerne Sandkuchen backt.
* Meine neue Lieblingstasche (fotografiert mit dem Ein-Puschen-ein-Socken-Kind). Und der kleine Koffer, in dem Fanny ihre Schätze versteckt.
* Zwei Bücher, die wir gerade gerne lesen: "Der große Trip" von Cheryl Strayed und "Die Geschichte vom kleinen Loch" von Isabel Pin. Auf jeder Seite findet sich ein Loch, erst ganz groß, dann winzig klein. Gerade unser liebstes Einschlaf-Buch, auch weil die Illustrationen von Isabel Pin so wunderschön sind. (Ihr "Wenn ich ein Löwe wäre" ist übrigens auch ein Riesenspaß!).
* Die Kette, die ich jeden Tag trage, ein Geschenk von meinem Mann: drei Herzen, ein großes fürs Kind, zwei kleine für uns. Und die Kette, die wir gemeinsam gebastelt haben.

ZWEI JAHRE



Liebe Fanny,

normalerweise muss ich nicht eine Sekunde nachdenken, wenn ich Dir meine Briefe schreibe. Ich setze mich hin und die Sätze kommen von alleine, ich muss ja nicht mehr tun, als aufzuschreiben, wie wunderbar Du bist.

Auch in diesem Brief könnte ich Dir viel von dem kleinen Mädchen erzählen, dass jetzt zwei Jahre alt geworden ist: Heute morgen bist Du aufgewacht und hast Twinkle, twinkle little star gesungen. Twinkle, twinkle little star, how I wonder what you are, up above the world so high, like a diamond in the sky - es klang nicht ganz so, aber ich konnte es erkennen. Schließlich habe ich Dir dieses Lied hundert Mal zum Einschlafen vorgesungen, vielleicht auch tausend Mal, manchmal hast Du ein Wort mitgesungen, manchmal auch zwei, aber nie das ganze Lied, doch heute morgen, als wäre es gemeinsam mit Dir aufgewacht, war da plötzlich das ganze Lied, um sieben Uhr morgens. Vor zwei Tagen sind wir zum ersten Mal Schlitten gefahren und Du wolltest immer weiter und weiter fahren, obwohl Du schon eiskalte Hände hattest. Du tröstest jeden, der Dir traurig vorkommt, auch die Biene Maja im Bilderbuch, wenn sie weinend auf einem Blatt liegt - sobald Du Maja und ihre Träne siehst, pustest Du auf die Seite und fragst: Besser? Du willst dir nicht mehr helfen lassen, Du willst Dir die Schuhe alleine anziehen, alleine Deinen Schlafanzug aussuchen und die Zähne putzen, alleine die Eier in die Schüssel knacken und das Mehl für die Kekse in die Schüssel füllen, alleine die Tür aufschließen und Essen auf Deinen Teller legen, Fanny leine, sagst Du jedes Mal und auf Deiner Stirn erscheint diese senkrechte "Och, Mama, das ist doch jetzt nicht Dein Ernst, Du weißt doch, dass ich jetzt ZWEI bin"-Falte, die keinen Zweifel daran lässt, wie ernst es Dir ist. Du magst nicht mehr ungefragt geküsst werden und küsst sehr stürmisch, wenn man Dich nicht danach fragt. Neulich, als Dein Papa verreist war und wir beide vom Kinderarzt kamen, sind wir gemeinsam in die Videothek gegangen. Du hast Dir einen Film ausgesucht und keine drei Sekunden dafür gebraucht, der mit dem Pinguin vorne drauf, und kein anderer, Pinguin, Mama, PINGUIN! Wir haben uns aufs Sofa gesetzt, mit allen Kissen, die wir in der Wohnung hatten, einer großen Decke und zwei kleinen Schüsseln Chips, Du hast noch die Felle aus Deinem Zelt geholt und dazu gelegt, dann haben wir uns Happy Feet angesehen, bis Du lieber tanzen wolltest wie der Pinguin im Film. Nach ein paar Minuten musste ich mittanzen, Pinguin-Tanzen, mehr Mama!, nochmal, Mama!, Pingutanzen, Mama!, unser erster Kino-Nachmittag. Ich heb ihn mir auf.

Heute möchte ich Dir aber noch etwas anderes erzählen, ich möchte Dir erzählen, worüber ich in der Nacht zu Deinem zweiten Geburtstag nachgedacht habe, als ich nicht schlafen konnte - das ist ein bisschen schwieriger für mich. Vielleicht beginne ich mit der Nacht, in der alles begann. Es ist merkwürdig, wie nah mir Deine Geburt nach zwei Jahren noch ist, wie sehr ich mich an jedes Detail erinnern kann, an diesen Augenblick, als ich Dich zum ersten Mal hielt, dieser eine Augenblick, der alles andere vergessen machte. Die zwei Jahre danach haben mich zum glücklichsten Menschen gemacht, der ich je war. Wie beschreibe ich es am besten? Vor ein paar Tagen habe ich in einem Weblog ein paar Sätze gefunden, die mich so gerührt haben, dass ich erstmal eine Runde heulen musste. Sie stammen von einer Frau namens Kim Thuy, ich musste erst nachlesen, dass sie eine kanadische Schriftstellerin und Anwältin ist und kann Dir nicht viel von ihr erzählen, aber ihre Worte beschreiben so gut, was ich in dieser Nacht gefühlt habe, dass ich sie Dir noch einmal aufschreibe:

"I never had any questions except one about the moment when I could die. I should have chosen the moment before the arrival of my children, for since then I´ve lost the option of dying. The sharp smell of their sun-baked hair, the smell of sweat on their backs when they wake from a nightmare, the dusty smell of their hands when they leave a classroom, meant that I have to live, to be dazzled by the shadow of their eyelashes, moved by a snowflake, bowled over by a tear on their cheek. My children have given me the exclusive power to blow on a wound to make the pain disappear, to understand words unpronounced, to possess the universal truth."

(Das passiert mir als Mutter übrigens andauernd: Ich lese, höre, sehe etwas, das mich so unvermittelt trifft, so direkt in mich reingeht, als hätte ich keine Haut, als wäre alles Distanzhalten plötzlich völlig sinnlos, und ich bin doch immer so gut gewesen im Distanzhalten. Ich bekomme feuchte Augen, wenn Du Deine Arme um den Hals von Deinem Papa schlingst und Dich mit ihm verknotest, ich tropfe dicke Tränen auf meine Tastatur, wenn ich ein trauriges Lied höre oder die Nachrichten sehe oder einen rührenden Werbeclip, so weit ist es mit mir gekommen, Fännchen. Seit Du da bist, schaffe ich es von null auf Wasserfall in zwei Minuten. Du hast mich weich gemacht, weicher als ich jemals war, ich mag diese Weichheit und kann sie endlich zulassen und hoffe, es wird Dir nicht allzu oft peinlich werden. So schnell ich heule, gehe ich übrigens auch an die Decke. Vor ein paar Tagen bin ich auf der Straße total ausgeflippt, weil ein Fahrradfahrer Dich fast umgefahren hätte, er hatte Dich einfach nicht gesehen, und ich konnte erst aufhören, ihm nachzubrüllen, als ich Dein Gesicht gesehen habe, viel erschrockener über Deine Mama als über den Vollidiotenfahrradfahrer. Die Vorstellung, dass irgendwer Dir weh tun könnte, macht mich so rasend, dass ich alle Hemmungen vergesse. Erinnere mich beizeiten bitte daran, dass Du schon groß bist und auf Dich selbst achtgeben kannst, bevor ich irgendwelchen Ex-Freunden oder Freundinnen von Dir auf dem Nachhauseweg auflauere, ja?).

Womit ich nicht gerechnet hätte: wie richtig und selbstverständlich es sich anfühlt, Deine Mama zu sein. Ich war nicht unglücklich, bevor ich es wurde, Fanny, aber ortlos. Immer auf der Suche nach irgendetwas, dem besseren Job, dem richtigeren Leben, einer Wahrheit hinter allem. Antworten suche ich heute noch immer, wahrscheinlich gehört das einfach zu mir, dieses ewige sich Sehnen, manchmal weiß ich nicht einmal genau, wonach. Aber morgens, wenn ich aufwache, und abends, wenn ich einschlafe, und in jeder Minute dazwischen, weiß ich nun, wo ich hingehöre. Völlig egal, ob die Welt gerade Kopf steht, ob der Tag wunderschön oder eine Katastrophe ist. Du bist die schönste Gewissheit, die ich je hatte. Du, ich, wir. Ich habe mir immer gewünscht, irgendwann einmal Ruhe in mir zu finden. Und dann kamst Du. Und ich habe aufgehört zu suchen und mich gefunden. Seit es Dich gibt, habe ich keine Angst mehr (das stimmt nicht, ich habe andauernd Angst um Dich, Angst, dass Du Dich irgendwo stößt, dass Du beim Schlafen aus dem Bett fällst, dass Dir irgendwer irgendwann das Herz bricht und Dich traurig macht, ohne dass ich daran auch nur irgendetwas ändern könnte - aber das ist eine andere Sorte von Angst). Ich weiß jetzt, wie unumstößlich ich sein kann. Ich weiß jetzt, dass ich eine Schulter sein kann und ein Arm, eine Hand und ein Ohr. Ich weiß jetzt, dass meine Worte Alpträume verscheuchen können. Ich weiß jetzt, wie viel Kraft ich habe, egal, wie erschöpft ich bin. Und ich weiß jetzt, dass das Glück, nach dem ich immer gesucht habe, direkt vor meiner Nase liegt. Ein freier Nachmittag, ein paar Duplo-Steine und die größte Rutsche, die die Welt je gesehen hat. Ein laut aufgedrehtes Lied und ein tanzendes Mädchen. Ein allein angezogener Schuh. Ein Schokoladen-Weihnachtsmann. Schneeflockengucken.

Noch etwas hast Du geschafft, Fanny: Ich mag die Welt jetzt mehr, als ich sie bisher schon gemocht habe. Nicht nur, weil Du jetzt da bist. Sondern auch, weil ich, wenn ich Dir beim Großwerden zusehe, immer wieder bemerke, wie viel interessant, schön, aufregend ist. Ein Blatt! Schnee! Ein Vogel! Eine Lichterkette! Du hast noch die Angewohnheit, die Erwachsene wie ich schon lange gezähmt haben: Du siehst hin. Du staunst. Du freust Dich. (Und wie Du Dich freust, noch über die kleinsten Dinge, Du gluckst und hüpfst, wenn Du lachst ist Dein Körper nur Lachen, körpererschütterndes, nach hinten überfallendes Lachen, so wie er nur Weinen ist, wenn er weint, körpererschütterndes, in meine Arme fallendes Weinen). Ein Nachmittag mit Dir und Deinem Staunen bringt mir selbst wieder das Staunen bei. Mein Kopf ist oft so voll mit dem Gestern und Heute und Übermorgen, mit nicht enden wollenden To-Do-Listen und Einkaufszetteln. Und dann sehe ich Dich und den Moment, der Dir alles ist und genug. Pinguin-Tanzen, Wasserspritzen, Kuchen backen, Schlitten fahren. Danke, dass Du mich daran erinnerst. Und für alles andere.

Es küsst Dich,
Deine Mama

23 MONATE



Liebe Fanny,

heute morgen wollte ich die Tafel abwischen, auf der wir immer notieren, was gerade einzukaufen ist, Spültabs, Ketchup und Kaffee stand da, und ein bisschen tiefer, darunter, eine 1, eigentlich nur noch zu erkennen, wenn man weiß, was da einmal gestanden hat. Heute vor genau zwei Jahren stand da 40. Mein Bauch war schon riesig und du so groß, dass ich bequem Gläser auf meinem Bauch abstellen konnte und Schüsseln voller After Eights, von denen ich nie genug bekommen konnte. Ich war schon ein bisschen ungeduldig, Dich endlich zu sehen, ich war sogar sehr ungeduldig, ungeduldiger als ich war nur Dein Vater, Fanny. Jeden Abend hat er mit Dir geredet. Und jeden Morgen. Manchmal sogar nachts, wenn er gedacht hat, dass ich es nicht höre. Und immer, wenn er in meinen Bauch geflüstert hat, bist Du gehüpft, jedenfalls hat es sich so angefühlt (lustig - heute hüpfst Du noch immer, wenn du dich über etwas freust, Du sagst hops, hops und springst durch die Wohnung, wild und glücklich, hops, hops). Damals haben wir die Tage bis zum Geburtstermin heruntergezählt, jeden Morgen die alte Zahl weggewischt und eine neue hingeschrieben, die 9, die am Ende auf der Tafel stand, als es losging, neun Tage zu früh, habe ich noch Wochen später nicht wegwischen können. Und als ich heute die 1 wiedergefunden habe, unter dem Ketchup und dem Kaffee, die 1, die da irgendwann einmal gestanden haben muss, als Du noch gar nicht auf der Welt warst, 100 und ein paar Tage vor Deiner Geburt, habe ich versucht, mich an die Zeit zu erinnern, als Du noch nicht bei uns warst.

Weißt Du was? Es ist mir wirklich schwer gefallen. Du bist so sehr da, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es tatsächlich mal eine Zeit gab, in der Du nicht da gewesen bist - eine Zeit, als wir zu zweit und nicht zu dritt waren, ein Paar, noch keine Herde. Was mir dann noch eingefallen ist: Es gab nicht einen einzigen Tag mit Dir, den ich nicht geliebt habe. Nicht einen. Es gab anstrengende Tage, Tage, an denen ich vor Überforderung geheult habe, Tage, an denen Du krank warst und wir krank waren, aber nicht krank sein durften, weil Du doch krank warst, Tage, an denen ich schon morgens am liebsten desertiert wäre, weil wir spät dran waren und Du deine Jacke nicht anziehen wolltest und die Schuhe schon gar nicht und Dich auf die Erde geworfen und geschrien hastMorgende, an denen ich schon vor dem ersten Kaffee dachte, jetzt kracht die ganze Welt zusammen. Manchmal war ich so müde, dass es richtig weh getan hat. Aber selbst an Tagen wie diesen warst da immer noch Du. Selbst an Tagen wie diesen war das Gefühl, das unter allem allem lag, wie ein dicker Teppich, immer Liebe. Seit Du da bist, bin ich ein so viel glücklicherer Mensch, Fanny. Du machst mich so glücklich wie mich noch nie im Leben etwas glücklich gemacht hat (außer vielleicht Dein Papa, aber der wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich Dir das schreibe, ihm geht´s ja genauso).

Es macht mich glücklich, wenn Du auf meinem Schoß sitzst, alle meine Aquarellstifte auf meinem Schreibtisch ausschüttest, nach einem Glas Wasser verlangst und dann anfängst zu malen, fast immer eine Rutsche, manchmal eine Katze, Kreise, Striche, so entschieden, wie man als Erwachsener später nie mehr malt. Hinterher nimmst Du einen Pinsel, tauchst ihn in das Glas und setzt das Blatt und den Schreibtisch unter Wasser, weil ich Dir mal gezeigt habe, dass man die Striche mit Wasser verwischen kann. Es macht mich glücklich, wenn Du Dich mit mir aufs Sofa legst und Dir in meinem Arm ein Buch ansiehst und meine Hand hältst oder Deine Hand in meinen Ärmel schiebst und sie da verknotest und wir einfach daliegen. Manchmal sagst Du Ohhh. Oder Löwe suchen. Oder Oh, nein, Mama, Hund AUA, weil der Hund im Buch vom Fahrrad gefallen ist, und ich wünsche mir, dass wir nie wieder aufstehen müssen und ewig nur einfach daliegen könnten. Es macht mich glücklich, wenn ich einen Kuchen backe und Du Dir ganz aufgeregt den weißen Tritt an den Tresen schiebst und hochkletterst und Fanny auch backen sagst, und Deine Stimme beim auch diesen Glückskiekser nach oben macht, weil Du Dich so freust. Und ich Dir die Packung mit den Eiern gebe, die aufgeschlagen werden müssen, weil ich Dir immer die Eier aufhebe, und Du die Eier nimmst und sie mit Entzücken (und Schale) in die Schüssel knackst. Es macht mich glücklich, wenn Du singst, Du singst noch gar nicht so lange, drei, vier Wochen vielleicht, am liebsten zu Alicia Keys Empire State of Mind, Du liebst dieses Lied, sobald Du es hörst, breitest Du die Arme aus und singst, lalalaaaa, lalalaaaa. Es macht mich glücklich, dass Dein erstes Wort gleich nach Mamapapa Nein lautete, eines der allerwichtigsten Wörter, die es gibt, finde ich, schon gleich für ein Mädchen, mein Gott, wie lange ich gebraucht habe, um mir meine Neins zuzutrauen. Du sagst oft Nein, Fanny, und immer sehr entschieden. Es macht mich glücklich, wenn Du jeden, den Du siehst, begrüßt, während Du hinter mir auf dem Fahrrad sitzst, Hallo Kind sagst oder Hallo Hund, manchmal begrüßt Du auch die Tiere in den Büchern und den Stuhl in der Küche. Wie freundlich Du bist. Und wie mitfühlend. Letzten Sonntag, als es so irre geregnet hat, hast Du meine Hand genommen und bist mit mir ans Fenster gegangen, um Dir mit mir den Regen anzusehen. Oh nein, sagte ich, da wird Dein Papa ja ganz nass, eigentlich hatte ich nur laut gedacht, aber Du warst ganz untröstlich. Oh nein, hast Du gesagt, Papa nass. Dann hast Du Dich vor das Fenster gestellt und gepustet, damit er schnell wieder trocknet, Papa pusten, Mama, Papa pusten, und ich musste auch pusten wie sonst nur, wenn Du Dir weh getan hast. Es macht mich glücklich, Dir dabei zuzusehen, wie Du Dich selbst vergisst, wenn Du malst, spielst, tanzt, völlig versunken in das, was Du tust. Es macht mich glücklich, Dir beim Rennen zuzusehen, wie Du einfach losrennst, wenn Dir danach ist, in diesem Wahnsinnstempo, das man so einem kleinen Körper gar nicht zutraut, nur, weil Du rennen magst, das Rennen magst. Es macht mich glücklich, wenn du auch ein Handtuch zusammenlegen willst, während ich die Wäsche mache, und wie Du dann dieses Handtuch nimmst und haargenau so ausschüttelst wie ich es immer mache (irre, was Du alles nachmachst und wie genau du es nachmachst, Fanny, manche Dinge an mir fallen mir erst auf, wenn ich sehe, wie Du sie nachmachst, gestern hast Du zu Deiner Puppe Naaa, Süße? gesagt wie ich es manchmal zu Dir sage, ich konnte noch ein halbe Stunde später nicht aufhören zu grinsen). Es macht mich glücklich, dass Du eine Quatschmacherin bist. Es macht mich glücklich, wie Du Dir meine Ringe klaust und sie anziehst und sagst, dass es jetzt Deine sind. Es macht mich glücklich, wie Du Dich an mich schmiegst, wenn Du müde bist oder Dich verstecken willst, wenn wir Besuch haben oder Du jemanden noch nicht so gut kennst. Du hast ja keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn sich so ein kleiner Kinderkopf in deine Halskuhle schmiegt, jeden Zentimeter ausfüllend, Fännchen. Es macht mich glücklich, das Trappeln zu hören, wenn Du nach dem Mittagsschlaf den Flur hinunter läufst, dein Kinderfußtrommelwirbel, trapp, trapp, trapp. Und Dein Gesicht direkt nach dem Aufwachen, die Haare in alle Richtungen abstehend, die Backe noch ein bisschen rot vom Kissen und ganz warm. Es macht mich glücklich, Dir beim Schlafen zuzusehen, in Deinem lila Schlafanzug mit den weißen Streifen, der noch ein kleines bisschen zu groß ist. Und glücklich, dass ich immer weiß, ob Du tief schläfst oder gleich aufwachst, ob Du gut träumst oder schlecht, weil ich Deinen Atem auswendig kenne, Fanny. Es macht mich glücklich, einen Strich an den Türrahmen zu malen und das Datum daneben zu schreiben, in den letzten vier Wochen bist Du zwei Zentimeter gewachsen. Und wie ich gleich nach dem Strich über Deinem Kopf auch einen Strich für Teddy an den Türrahmen malen musste, weil Du darauf bestanden hast, dass auch Teddy vermessen wird. Es macht mich glücklich, wenn ich Dich vom Kindergarten abhole und Du mit weit ausgestreckten Armen in meine rennst, Dich reinfallen lässt in mich. Es macht mich glücklich, mit Dir eine Höhle zu bauen und in der Höhle zu liegen und im Licht der Hasenlampe die Cupcakes zu futtern, die wir freitags nach der Kita manchmal kaufen, Schokolade mit Smarties für Dich, Mokka oder Snickers für mich. Glücklich, glücklich, glücklich.

Das wollte ich Dir heute eigentlich nur sagen. Die Welt ist soviel schöner mit Dir. Heute bist Du genau 100 Wochen oder 700 Tage alt. Ich habe jeden davon geliebt, mein Fännchen, auch die, die ich nicht geliebt habe.

Es küsst Dich,
Deine Mami


DREIFRAUENTAG







Besuch von Emma. Ein Lieblingstag.

21 MONATE



Liebe Fanny,

ich weiß nicht, wie alt Du bist, wenn Du diesen Brief liest. Vielleicht gebe ich ihn Dir, zusammen mit all den anderen Briefen, an Deinem 18. Geburtstag. Vielleicht gebe ich sie Dir auch, wenn Du von Zuhause ausziehst. (Ausziehst? Ich mag gar nicht daran denken, auch wenn das vermutlich noch 16, 17 Jahre dauert. Was ist das nur mit der ewigen Sentimentalität? Hab ich nicht neulich noch mit den Augen gerollt, als meine Mutter mich gefragt hat, ob ich kurz anrufen kann, wenn wir gut angekommen sind, eine SMS schreiben kann, nur, damit sie weiß, dass alles gut ist? Ach, Fanny, Du wirst noch oft die Augen rollen über Deine Mama). Jetzt sitzt Du vielleicht da und trinkst einen Kaffee oder ein Bier und fragst Dich, wie es war, dieses kleine Mädchen von 21 Monaten.

Unglaublich schön ist es, mein Fännchen. Und ich meine nicht mal Deine blauen Augen und diesen unfassbaren kleinen Mund, der aussieht, als hätte man ihn mit einem Pinsel gemalt und nicht Deinen großen, absolut hinreißenden Fannyfüße. Ganz egal, ob Du gute Laune hast oder schlechte, ob Du müde bist oder auf Deiner Matratze stehst und hüpfst und Deinen Fannytanz tanzt - da ist irgendetwas in Dir, das leuchtet. Wie soll ich es beschreiben? Da ist so gar nichts Taktisches in dem, was Du tust, Fanny, Du bist einfach nur Du, glücklich, aufgeregt, überdreht, hungrig, müde, total drüber - aber immer auf eine Art heile, die einem beim Zusehen fast weh tut. Ich weiß, dass das Leben schon irgendwann kommen wird mit all seinen Anstrengungen und Notwendigkeiten und Schmerzen, trotzdem glaube ich, nein, ich weiß, dass Du dieses Leuchten behalten wirst, es ist einfach in Dir. Man fühlt sich leichter in Deiner Gegenwart, ein bisschen heller und sehr ganz, Fanny. Oder: Anny, wie Du gerade immer sagst, das F hast Du noch nicht gefunden. Stark bist Du auch, sehr stark sogar. Du bestehst auf die Dinge, die Du willst (Gurke! Rutschen! Bär!) und auf die Dinge, die Du nicht willst (nicht schlafen, nicht baden, nicht die Schuhe anziehen, nicht im Kinderwagen sitzen, neinneinNEIN, Anny RUNTER!). Du kannst, und das hast Du ganz sicher nicht von mir, sagenhaft gut rumlümmeln. Auf dem Sofa liegen, ein Buch lesen, mit Deinem Papa eine Folge "Trotro" gucken, ein Haus bauen, den ganzen Nachmittag lang. Und Du bist unheimlich zärtlich. Gestern, als Du nicht schlafen wolltest, hast Du mich ins Bett gebracht. Du hast Mama, Bett gesagt, ich musste meinen Kopf aufs Kopfkissen legen, dann hast Du mich zugedeckt und mir einen Kuss gegeben und noch einen, Du hast Dich neben mich gelegt und meinen Arm gestreichelt und psssssst gesagt. Du bist ein Herdentier, Du bist glücklich, wenn Du bei allem dabei bist, was wir machen - wenn Du beim Einkaufen im Einkaufswagen sitzt und unsere Einkäufe hinter Dich wirfst, wenn Du beim Obsthändler die Äpfel aussuchst, den Kuchenteig umrührst. Ein Quatschmacher bist Du auch. Manchmal wirfst Du Dich beim Hopsen auf dem Sofa nach hinten, lässt Dich fallen und sagst Au-au, dann lachst Du, viel tiefer, als man es von einem kleinen Mädchen erwarten würde, und springst auf, wenn wir kommen, um ganz doll zu pusten. Manchmal versteckst Du Dich im Schrank, Du machst die Tür zu und tust, als würdest Du schlafen, bis Du es nicht mehr aushältst und Anny, PIEP sagst, dann muss ich die Tür aufmachen und vor Überraschung ganz laut schreien und Du hörst erst wieder auf zu lachen, wenn Du Dich noch einmal verstecken willst und ich weggehen muss, um Dich noch einmal zu finden. (Wann hört es eigentlich auf mit dem Quatschmachen, Fanny, wann verlernt man es, einen so unbändigen Spaß zu haben? Wann hört man auf, in der Küche zu tanzen, und laut zu singen und sich in den großen Zeh zu beißen? Wie ich es liebe, mit Dir zu tanzen, meistens zu Marvin Gaye, Move On Up ist gerade Dein Lieblingslied, und wehe, ich mache nach der Hälfte schlapp).

Das schönste Andenken, das ich aus unserem Paris-Urlaub mit nach Hause nehme: die Erinnerung an unsere kleine Party. Wir hatten etwas zu feiern, deshalb sind wir essen gegangen. Du hast Deinen eigenen Stuhl bekommen, keinen Hochstuhl, sondern einen ganz normalen (und wie stolz Du warst, Mama Stuhl, Papa Stuhl, Anny Stuhl!), und einen eigenen Teller und eine eigene Ketchupflasche für Deine Pommes, die Kellnerin war ein bisschen verliebt in Dich. Zwischendurch sind wir die Straße rauf und wieder herunter gerannt, Du hast mich gejagt und ich Dich, und wir haben auf dem Automaten für die Leihfahrräder alle Tasten gedrückt und Piep gesagt, dann haben wir Orangina getrunken und Prost gesagt (vielleicht Dein liebstes Wort gerade), draußen war es schon lange dunkel und Du hellwach. Bevor Du in meinem Arm eingeschlafen bist, hast Du mir noch Deinen Tag erzählt, von Deinem Stuhl und Deinem Teller, von den Pommes und von Dingen, deren Bedeutung nur Du kennst. Als Du eingeschlafen bist, habe ich noch eine ganze Weile im Dunkeln neben Dir gelegen, vorm Fenster Paris und die Nacht und Du neben mir, schlafend, leise schnarchend, schon so groß, dass Deine Füße im Liegen an meine Knie kommen.

Kannst Du es Dir vorstellen, das kleine, große Mädchen von 21 Monaten? Stoß auf dieses Mädchen an, Fanny, und sag Prost. Und dann ruf mich an, egal, wie spät es ist, und sag mir, dass alles gut ist. Oder tanz zu Marvin Gaye.

Es küsst Dich,
Deine Mama



PARIS, NOTIZEN



* Jede Stadt, in die ich reise, hat ihr eigenes Essen. In Paris esse ich Dinge, die ich sonst fast niemals esse, und ich esse sie in groben Mengen, immer nur hier. Brie zum Beispiel. Und Tuc-Cracker mit Frischkäse. Und Profiteroles. Mit dem Käse hat mich der Laden gegenüber angesteckt, einer der besten Käseläden der Stadt, hat unsere Haustausch-Partnerin gesagt, wie recht sie hatte. Die Menschen in diesem Laden sprechen den Namen jeder Käsesorte aus wie ein Gebet. Erst habe ich darüber gegrinst, ist doch nur Käse, dann habe ich probiert. Oder der Bäcker an der Ecke. Egal, wann ich runtergehe, um Baguette zu kaufen, oder ein Brot mit Feigen, die Schlange geht immer bis rauf auf die Straße. Ich würde auf dieses Baguette ewig warten, ich habe nie ein besseres gegessen (und immer ist es noch heiß, wenn ich es kaufe). Fanny habe ich mit meiner Gier schon angesteckt, Boooot, sagt sie beim Aufwachen, Boooot, dann ziehen wir uns an, gehen runter, stellen uns an, und kaufen Boooot. Die Verkäuferin schenkt Fanny jedes Mal ein Stückchen Brioche.
* Ich bin ein Supermarkt-Freak. Ich kann nicht genug davon bekommen, durch die Gänge im Monoprix zu gehen und mir das Essen anzuschauen, das ja so ungewöhnlich nun wieder auch nicht ist, und doch.
* Fanny ist viel weniger aufgeregt als ich dachte. Nach zwei Tagen geht sie den Weg zum Spielplatz, als würden wir hier schon ewig leben, sie ist ganz aufgeregt, wenn es in den Supermarkt geht, weil sie dann wieder im Wagen sitzen und die Einkäufe hinter sich in den Wagen werfen darf, beim Bäcker grüßt sie jeden, als wäre er ein Freund. Tu veux jouer avec moi, hat heute ein kleiner Junge auf dem Spielplatz gefragt, und Fanny nickte. So einfach ist das, es braucht nicht einmal eine Sprache dazu.
* Jetzt, wo ich mal Pause mache, fällt mir auf, wie müde ich eigentlich bin. Ich bin glücklich, ich möchte hundert Dinge in dieser Stadt tun, in diesen Porzellan-Laden und zu Alice à Paris und an der Seine spazieren gehen und eine Hose finden, in der ich mich sexy finde. Und kann mich kaum dazu aufraffen, aufzustehen. Also sitzen wir auf dem Spielplatz und gucken Fanny beim Rutschen zu. Gehen in Montmartre spazieren, Straße rauf, Straße runter, langsam, unaufgeregt, ohne große Worte, und es fehlt nichts zum Glück, gar nichts. Der Eiffelturm dann vielleicht am Wochenende. Vielleicht auch nicht.
* Vorgestern bin ich einen Tag lang alleine durch die Stadt gegangen, meine Lieblingsorte entlang. Durch Saint Germain, durchs Marais. In Zeitlupe einen Cheeseburger gegessen. Wie gut es tut, auch mal allein zu sein, hin und wieder, für einen Tag in meiner eigenen Zeit zu leben und in meinem Tempo, nicht zuständig zu sein, verantwortungslos, nur den Impulsen nach. Auf dem Rückweg in der Metro solches Herzklopfen gehabt, meine Herde wiederzusehen, dass ich kurz überlegt habe, auszusteigen und ein Taxi zu nehmen, nur um fünf Minuten früher da zu sein.
* Borgen ist eine verdammt gute Serie (danke, Kirsten). 34 Meter über dem Meer ist ein wunderbares Buch. Ich trau mich nicht, das letzte Kapitel zu lesen, ich möchte nicht, dass es endet. Ich möchte es so gerne noch einmal zum ersten Mal lesen (danke, Lykke!).
* Der Mann in der Wohnung gegenüber sieht traurig aus. Er hat den ganzen Tag das Fenster auf, genau wie wir, wir gucken direkt in seine Wohnung und er in unsere, wir tun beide so, als würden wir es nicht bemerken, nur wenn er Fanny sieht, lächelt er manchmal. Was ihn wohl so traurig macht?
* Schön, am offenen Fenster zu sitzen, nicht rauszusehen, nur rauszuhören. Frauengestöckel, ein Krankenwagen, ein Kind, das lacht, das Gemurmel aus dem Bistro gegenüber, das Bimmeln der Montmartre-Bahn, ein Mofa, ein hohes und ein tiefes Lachen.


BEERENTARTE


Eigentlich wollten wir am Sonntag auf den Spielplatz. Und einen langen Spaziergang machen, nachdem in Berlin nun endlich der Sommer ausgebrochen ist. Dann haben wir bis zehn Uhr geschlafen (zum ersten und vermutlich auch letzten Mal). Dann haben wir ein Bett im Schrank gebaut und gelesen. Dann haben wir Mittagsschlaf gemacht und eine Beerentarte gebacken. Und plötzlich war es acht Uhr. Geschmeckt hat dieser Lieblingssonntag nach Beerentarte - fruchtig, knusprig, sommersüß. Hier ist das Rezept:

BEERENTARTE (nach einem Rezept von Leila Lindholm)

ZUTATEN MÜRBETEIG
240g Weizenmehl
30g Puderzucker
150g kalte, gewürfelte Butter
1 Ei
1/2 EL kaltes Wasser

ZUTATEN BELAG
3 Eier
200g Quark
100g Crème fraiche
80g Zucker
100g Marzipanrohmasse, gerieben

200g frische (oder tiefgekühlte) gemischte Beeren, z.B Himbeeren, Blaubeeren oder Erdbeeren
1 Handvoll Mandelblättchen

Für den Mürbeteig Mehl und Puderzucker mischen und die Butter mit den Fingern darunterreiben. Ei und Wasser dazu geben und alles schnell zu einem Teig zusammenfügen. Nicht unnötig kneten. Den Teig in Frischhaltefolie einschlagen und mindestens eine halbe Stunde kühl stellen. In der Zwischenzeit alle Zutaten für die Füllung miteinander verrühren. Den Ofen auf 175 Grad vorheizen.

Den Teig ausrollen und eine runde Tarteform damit auskleiden. (Bei mir ist ein bisschen Teig übrig geblieben, aus dem habe ich in einer Briocheform eine Mini-Tarte für Fanny gemacht). Die Tarteform zu zwei Dritteln mit dem Belag füllen. Die Beeren auf der Tarte verteilen und mit den Mandelblättchen bestreuen. Auf der untersten Schiene des vorgeheizten Ofens 35-40 Minuten goldgelb backen bis die Füllung fest ist.



20 MONATE


Liebe Fanny,

wo fange ich an? Vielleicht bei diesem Moment vorhin. Du hast auf dem Esstisch gesessen, Dir die Salzdose geschnappt, sie aufgedreht und das Salz großzügig über den Tisch verteilt. Du warst sehr konzentriert dabei. Als Du fertig warst, hast Du in die Hände geklatscht und "mmmmmmmh" gesagt. Dein Papa hat mitgeklatscht und "der Tisch musste sowieso mal gesalzen werden" gesagt, Du hast "mehrmehrmehr" gesagt und mehrmehrmehr Salz auf dem Tisch verteilt, dann hast Du Dich zu mir gedreht und "Tisch, mmmmmh" gesagt. Du und das Salz und der Tisch und Dein Papa und die Riesensauerei, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie glücklich ich in diesem Moment war. Wie schön es ist, Dir dabei zuzusehen, wie Du Dich freust. Es gibt nichts zwischen Dir und der Freude, weißt Du? Wenn Du Dich freust, bist Du nur Freude. Und Du freust Dich über so vieles. Du freust Dich, Salz zu verstreuen. Dein Messer in die Butter zu tauchen und Dein Brot zu schmieren, ganz alleine. Die Seite in "Gute Nacht, Gorilla" aufzuschlagen, wo alle Tiere "Gute Nacht" sagen, Du kannst Dich gar nicht einkriegen, wenn ich mit ganz hoher und ganz tiefer Stimme "Gute Nacht" sage, auch nicht nach dem fünfzigsten Mal. Alle Socken aus dem Korb zu räumen. Bär eine Windel zu machen. Die Pizza mit Käse zu bestreuen. Dich im Schrank zu verstecken. Eis zu essen. Den Wasserhahn auf- und wieder zuzumachen. Zu rutschen. Du freust Dich jedes Mal so sehr, wie man sich freut, wenn man etwas zum ersten Mal tut. Du schaffst es, ich weiß nicht wie, Dinge immer wieder zum ersten Mal zu machen, Fännchen.

Es ist aber nicht nur schön, Dir zuzusehen, wie Du Dich freust. Es ist auch schrecklich heilsam. Letzte Woche, der Himmel über Berlin war so grau wie meine Laune, bist Du auf den Balkon gerannt, als es angefangen hat zu regnen. Du hast Deine Hand ausgestreckt und sie in den Regen gehalten, Du hast "nass" gesagt und "Tropf, Tropf". Du hast jedem Tropfen nachgelacht, der auf Dir gelandet ist. Dann hast Du meine Hand genommen und sie in den Regen gehalten. So ist das mit Dir, Fanny. Du bringst mir mindestens so viel bei wie ich Dir. Wie das geht mit dem sich Freuen. Mit dem Regen und dem Leben, zum Beispiel.

So wie Du Dich freust, bist Du übrigens auch sauer. Du bist so gründlich sauer, dass wir uns manchmal umdrehen müssen, damit Du nicht siehst, wie wir beide grinsen, während Du in hohem Bogen Deinen Teller auf die Erde schmeißt. Weil ich mich erdreistet habe, Dir ein Stück Gurke auf Deine Gabel zu spießen. Deine Gurke. Mit Deiner Gabel. Von Deinem Teller. Von null auf Tellerwurf schaffst Du es in zwei Sekunden, Fanny. Dazu legst Du Deine Stirn in "Ich bin sauer"-Falten. Und es sind haargenau die gleichen "Ich bin sauer"-Falten, die ich auch immer habe, wenn ich mich ärgere. Kannst Du mir sagen, wie ich es da hinkriegen soll, streng zu gucken, wenn ich Dir sage, dass man Essen nicht auf die Erde wirft? Wie ich sie liebe, Deine Mama-Stirn. Gleich über Deiner Papa-Nase.

Noch mehr kleines, großes Glück: Wie Du Deinen Papa an die Hand nimmst, wenn er Dich ins Bett bringt, Euer heiliges Ritual. Wie Du am rechten Ellenbogen nach Vanillepudding riechst (wie irre ist das denn?). Wie Du Dich bei Deinem Papa empört über mich beschwerst und dafür nur zwei Worte brauchst, "Papa, MAMA!". Wie Du Dich manchmal (und nie, wenn ich es gerade so gerne möchte) an mich schmiegst, wie Du Deine Arme um meinen Hals wickelst und Deinen Kopf in meine Halskuhle gräbst. Und Dein Kinderkopfduft. Wie Du Dich nach dem Aufwachen noch anschmiegst, zehn Minuten, manchmal länger, Deinen bettwarmen Körper, bevor Du wach bist und nicht mehr geschmust werden willst, jedenfalls nicht andauernd. Wie Du auf mich zu rennst, wenn ich Dich vom Kindergarten abhole. Wie Du manchmal vorm Einschlafen Rede-Flashs hast, Fanny-Monologe, lange, aufgeregte Geschichten, alle paar Worte sagst Du Kita und Bär und Rutsche und Papa, dann schläfst Du ein. Wie sehr Du Essen liebst, Du probierst einfach alles. Deine Hartnäckigkeit, Du gibst nie auf, nie, niemals, wenn Du etwas haben oder machen willst. Wie Du schnarchst. Wie Du mir Deine Hand hinhältst, damit ich puste, wenn Du Dir weh getan hast. Wie Du meinen Finger gepustet hast, als ich mich geschnitten habe vor ein paar Tagen. Und wie Du dann auch ein Pflaster wolltest, genau auf die gleiche Stelle.

Liebstes Fännchen, falls das Leben Dich mal ärgert, falls Du einen doofen Tag oder eine doofe Woche hast, falls es draußen (oder im Herzen) mal regnet: Denk an das kleine Mädchen, das auf dem Balkon steht und seine Hände nach den Tropfen ausstreckt. Es hilft gegen alles. Ich schwöre.

Deine Mama

19 MONATE


Liebe Fanny,

ich sitze im Café um die Ecke, in dem ich fast jeden Mittwochnachmittag sitze, wenn der Babysitter auf dich aufpasst, eigentlich wollte ich arbeiten, aber ich schreibe Dir lieber. Es ist so viel passiert in den letzten Tagen, das ich gerne aufheben möchte, Fännchen. Im Moment kommt mir jeder Tag wie ein kleines Leben vor. Hier sind ein paar Polaroids aus den letzten Tagen.

Du sitzt im deinem Hochstuhl. Du schreist. Du willst die Ketchupflasche. Als du sie bekommst, schmeißt du sie auf die Erde. Jetzt willst du Pizza. Die Pizza, die auf meinem Teller liegt, nicht deine Pizza. Als ich dir ein Stück von meiner Pizza gebe, wirfst du sie gleich hinterher. Du schreist. Du willst auf den Arm. Ich nehme dich auf den Arm. Du willst runter. Du wirfst dich auf die Erde und weinst. Ich will dich trösten, aber ich darf dich nicht trösten, du willst nicht angefasst werden. Ich weiß, wie sehr du dich manchmal quälst, wenn du einen Zahn bekommst, so habe ich dich allerdings noch nie erlebt. Du schläfst kaum, drei Tage und drei Nächte lang, du weinst und wimmerst und weinst, dann bist du so erschöpft, dass du auf dem Arm von deinem Papa beim Frühstück einschläfst. Ich bin auch ganz furchtbar müde. Ich bin so müde, dass ich mit deinem Vater eine Stunde lang darüber streite, dass er nie die Spülmaschine ausräumt. Ich weiß nicht, wie ich dich trösten kann. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen soll, ich würde dir so gerne die verdammten Zahnschmerzen abnehmen und das Fieber, ich würde so gerne vorspulen, Fanny, es wird ja immer besser, es hört immer wieder auf, nur hilft das jetzt gerade leider gar nicht, ich kann nur zusehen und dich halten, wenn du es willst.

Ich hole dich vom Kindergarten ab. Weil so schönes Wetter ist, habt ihr den Tag auf dem Spielplatz verbracht. Du siehst noch nicht, dass ich komme und sitzt zwischen den großen Kindern und isst ein Brötchen. Du hast einen Sonnenhut auf und keine Hose an, bloß ein T-Shirt und eine Windel. Du isst dein Brötchen und sagst etwas zu G., das ich nicht verstehe, dann lachst du. Als du mich siehst, rennst du los und rufst Mama, mit dieser hohen Fannystimme, Mama.

Wir liegen im Bett, du willst nicht einschlafen. Ich habe dir zwei Mal "Die Raupe Nimmersatt" vorgelesen und drei Mal "Piep Piep Piep", fast kannst du es schon auswendig, du sagst Sssssss, wenn die Schlange kommt, und Nein, wenn ich die Seite mit der Steckdose aufschlage, und Kuckuck auf der Seite mit dem Kuckuck, deiner Lieblingsseite. Du bist hellwach. Also mache ich das Licht noch dunkler und sage Gute Nacht, Fanny und gebe dir einen Kuss. Dann lege ich mich hin und decke mich zu und schnarche ein bisschen. Du legst dich auch hin und deckst dich zu und schnarchst, du sagst pffffffff. Dann lachst du so laut, dass ich mitlachen muss, obwohl ich versuche, nicht zu lachen. Wir liegen im Dunkeln und lachen, ein hohes und ein nicht ganz so hohes Lachen. Dann nimmst du deine Hand und streichelst meine Backe, du sagst Mama ei, Mama ei, Mama. Und schläfst ein. Mitten im Satz. Die Hand noch auf meiner Backe.

Es ist unglaublich, Fanny, wie völlig selbstverständlich all diese Gefühle nebeneinander existieren. Das Glück, die Müdigkeit, das Glucksen, das sich auf die Erde werfen und schreien. Noch unglaublicher ist, was für ein anderes Kind du nach jedem Kranksein bist. Eine Woche und vier neue Zähne später sprichst du plötzlich ohne Pause, du sprichst, als wären die Worte schon immer da gewesen, sagst Huppalala und Papa, Arm und Mama, nein und Pizza. Pizza ist glaube ich mein Lieblingswort, Pizza wie du es aussprichst, Pietzhaa. Nur saure Gurken liebst du noch mehr. Manchmal verlangst du beim Abendessen nach sauren Gurken, du zeigst so energisch auf den Kühlschrank, bis einer von uns beiden dich auf den Arm nimmt und die Kühlschranktür öffnet, dann zeigst du auf die Gurken und sagst DAS!. Du isst eine Gurke, du sagst Mmmmh, dann sagst du mehr, ich hole noch eine Gurke, du isst sie und sagst daahke.

Stell dir jetzt vor, wie ich seufze und dir einen Kuss auf deine gurkengefüllte Speckbacke gebe, Fanny, Fännchen, mein liebster Mensch.

Deine Mama

DIES UND DAS


Ein paar Bilder aus den letzten Tagen.
Fanny backt Käsestangen (1). Einen Vormittag in der Patisserie "Princess Cheesecake" verbracht und mich verliebt. In den Käsekuchen. Noch mehr in die Besitzerin, die mich mit ihrer Liebe zu allem, was sie tut, sehr beeindruckt hat. So käsekuchenhungrig gewesen, dass ich noch vier Stücke mit nach Hause genommen habe (diese Zitronentarte!). Beim Auspacken den Satz auf der Tüte gelesen und genickt: "Make everyday a lovely day" (2). Gut, sich immer wieder daran zu erinnern zwischen all den Autopilot-Tagen, von denen es gerade ziemlich viele gibt. Sehr gut, um einen Tag schöner zu machen: der Kinderbauernhof Pinke-Panke in Berlin-Pankow (auch wenn Fanny das Dreirad viel aufregender fand als die Esel und Hühner, 3+4). Ein eiskaltes Bier zum Spiel (5). Das neue iPad-Magazin "trendenser" (6).  Sommernachtluft und die Dämmerung vorm Fenster (7). Musik auf die Ohren (8). Die hilft sowieso immer und gegen alles, sogar gegen das Zähnekriegen (vier auf einmal, VIER??!!).

ANDERTHALB


Liebe Fanny,

einen schöneren Tag hättest Du Dir nicht aussuchen können, um anderthalb zu werden. Du hast lange geschlafen, bis halbzehn, kaum zu glauben. Um Mitternacht, pünktlich zu Deinem Geburtstag, ist Dein Papa von seiner Reise nach Hause gekommen und hat sich zu Dir gelegt. Du hast die Augen aufgeschlagen und "Baba" gesagt, oder eher "BAABAA", dann hast Du Dich in seinen Arm gelegt und so gut geschlafen wie lange nicht mehr. (Dein Papa, auch wenn ich Dir das nicht verraten soll, konnte seinen Arm heute morgen kaum noch bewegen, seinen Fannyarm, wie er ihn nennt, Du hättest ihm gar keine größere Freude machen können!). Danach haben wir ungefähr zwei Stunden gefrühstückt. Auch so etwas, das ich unfassbar an Dir liebe, Fännchen: Du bist eine Genießerin. Du kannst Dir Zeit lassen, Dich reinfallen lassen in Dinge, die Dir gefallen, Essen zum Beispiel. Du isst für Dein Leben gerne. Und es gibt nichts, was Du nicht magst, nichts, was Du nicht probierst. Du liebst saure Gurken, Birne, Butter, Risotto, selbstgemachte Pizza (vor allem den Teil, wo Du den Teig plattklopfen und die Tomatensoße verteilen darfst), Avocado, Laugenbrötchen. Und: Du liebst es, Musik zu hören und zu tanzen. Ich habe noch nie einen Menschen so tanzen gesehen wie Dich, Fanny. Es ist, als würde die Musik in Dich einfahren, als wärst Du selbst ein Ton, ein Lied, so wunderschön, so ausgelassen, so unglaublich frei. (Wann fängt man bloß an, sich beim Tanzen darüber Gedanken zu machen, wie man dabei aussieht? Bitte Fanny, tanz immer so weiter, Dein ganzes Leben lang!). Manchmal nimmst Du Dir ein Buch und eine Flasche Wasser, legst Dich in Deine Kuschelecke auf Dein Fell und liest. Du kannst aber auch sehr aufgeregt sein. Heute warst Du sehr aufgeregt, als Du zum ersten Mal die Tafelwand in der Küche bemalen durftest. Da, hast Du gesagt, immer wieder, da, da DAAA. Dann hat Dein Papa Deinen Umriss auf die Tafel gemalt und verziert, mal warst Du ein Teufel, dann ein Engel, dann ein Hase, ein hungriger Cowboy, ein Geburtstagskind und eine Königin. Den Cowboy mochtest Du am liebsten. Der Cowboy hat Dich so entzückt, dass Du ihn Bert, der Handpuppe, und Deinem Bären gezeigt hast, ich musste sie genau dorthin halten, wo Du gestanden hattest. Als ich das erste Mal auf die Uhr gesehen habe, war es halbsieben. So ein Tag war das, Fanny. Dann wolltest Du Abendessen, Du hast die Schublade in der Küche aufgemacht, das Risotto rausgeholt und mir gegeben, dann hast Du auf die Milchflasche gezeigt und "Mi" gesagt, zum ersten Mal. Gestern hast Du zum ersten Mal Gurke gesagt, Gua. Und obwohl es langsam immer mehr Wörter werden, muss ich mich wirklich zusammenreißen, nicht jedes einzelne Mal loszuheulen vor Rührung. Wo kommen die Worte plötzlich her? Wo kommt das alles plötzlich her? Du willst nicht mehr getragen werden, Du willst die drei Etagen zu uns hoch alleine klettern. Du willst nicht mehr im Kinderwagen sitzen, Du willst gehen und dabei nicht an der Hand gehalten werden. Du willst Dir alleine die Zähne putzen. Du willst die Tür aufschließen und bist sehr sauer, wenn ich Dir dabei helfen will. Du willst die Einkaufstüten tragen, egal, ob sie größer und schwerer sind als Du. Du holst morgens nach dem Frühstück die Jacke und den Fahrradhelm, damit wir in den Kindergarten fahren. Du nimmst meine Hand und führst mich zu dem, was Du willst, Widerspruch zwecklos, Du nimmst meine Hand und machst sie zu Deiner Hand, lässt Dir geben, was zu hoch liegt, aufdrehen, was zu fest verschlossen ist, hervorholen, was wir vor Dir versteckt haben. (Du durchschaust alle Tricks, man kann Dir nichts mehr verheimlichen).

Es ist so wunderbar, Dir beim Fannysein zuzusehen, Fanny. Du bist ein so schöner Mensch, so fröhlich, so entschieden, so neugierig, so aufmerksam, so zärtlich, so wild, so zart, so bockig, so heile. Eben beim Einschlafen, hast Du Deinen Finger an meine Lippen gelegt und gesummt, Du wolltest, dass ich für Dich singe, also habe ich "Twinkle, twinkle" gesummt und Du hast ein bisschen mitgesummt. Dann hast Du Dich in mich reingedreht, meinen Arm genommen und um Dich gelegt und Deine Hand in meinen Ärmel geschoben. Wie ich es liebe, wenn Du ärmelst, Fanny, Du liebst es auch und bist sofort eingeschlafen. Ich wollte Dir noch diesen Brief schreiben, und konnte einfach nicht aufstehen, Deine Hand in meinem Ärmel, Dein kleiner Atem an meinem Ohr, ein, aus, ein, aus, ein, aus. Jetzt ist es schon nach Mitternacht, und ich schreibe Dir, und hoffe, dass Du weißt, wie sehr ich Dich liebe, und dass Du schöne Abenteuer träumst, kleines großes Fännchen.

Deine Mama

FANNY






531 Tage. Ging das schnell.
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