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NICHT MEHR GANZ SO KLEINE NEUIGKEITEN


Der Grund, warum es hier in letzter Zeit ein wenig stiller war als sonst: Wenn alles gut geht, sind wir im Herbst zu viert. Und obwohl ich mittlerweile schon im fünften Monat bin und mich beim Anblick von Babysocken zusammenreißen muss, nicht vor Rührung loszuweinen (okay, das ist gelogen, ich breche in Tränen aus, und nicht nur beim Anblick von Babysocken, irgendeine schlimme Werbung tut´s auch schon), kann ich trotzdem noch immer nicht so recht glauben, dass in meinem Bauch ein kleiner Mensch wächst. Ein kleiner Mensch mit winzigen Wimpern. Unser zweites Kind.

Dieses Mal waren die ersten Wochen und Monate ein wenig härter als beim ersten Mal. Mir war ständig flau und ich mochte eigentlich gar nichts essen. Dauermüde war ich auch, so sehr, dass mir am Schreibtisch manchmal einfach die Augen zugefallen sind (und abends, wenn ich Fanny ins Bett gebracht habe). Immer wieder war ich auch ganz düster drauf, was mich am meisten überrascht hat. Schließlich hätte ich mich gar nicht mehr freuen können. Und doch war ich oft niedergeschlagen und traurig. Glücklicherweise sind diese Schatten mittlerweile wieder verschwunden und ich bin bloß noch aufgeregt, hungrig, neugierig, großgefühlig, vorfreudig, manchmal alle und manchmal immer noch sorgenvoll, aber meistens sehr glücklich und vor allem sehr, sehr dankbar.

Wie habt ihr denn eure zweite Schwangerschaft erlebt? Ähnlich wie die erste oder ganz anders? Und: Sucht jemand von euch zufällig noch einen Abnehmer für seinen alten Kinderwagen? Wir suchen nämlich noch einen. Wer seinen gerne verkaufen mag oder jemanden kennt, kann mir gerne eine Email schreiben: postanslomo(at)googlemail(dot)com.

PS: DANKE fürs so sehr Mitfreuen!

VIER


Vier.
Vier.
Vier.
Vier.
Ich kann es noch viermal sagen, aber glauben kann ich es trotzdem nicht. Jetzt ist sie wirklich vier. Nicht mehr klein, noch nicht so richtig groß. Ein kleines Mädchen, das auf den Arm will, getragen werden, ihre kalten Hände unter meinen dicken Schal schieben will. Ein kleines Mädchen, das aus einem gemeinen Traum aufwacht und untröstlich ist, bis es wieder tröstlich ist. Ein kleines Mädchen, das sauer wird, wenn es die Knöpfe der Jacke nicht zubekommt, die blödenblöden Knöpfe der blödenblöden Jacke, die sie nienie wieder anziehen will. Ein kleines Mädchen, das seine kalten Füße zwischen meine Beine schiebt und nicht einschlafen kann, noch eine Geschichte hören will und das Einschlaflied, das wir schon so lange nicht mehr gesungen haben, "Guten Abend, gute Nacht, wer soll denn jetzt schlafen, das ist Fanny, Fannylein...", und dann soll auch der Schweinsbär schlafen, "Schwei-heins-bär", und ihr "Fu-hu-huß" und die Wand und die Tür und die Lampe, und sie muss so lachen, dass sie schon wieder hellwach ist, also singe ich "Twinkle, twinkle little star", das Lied, mit dem ich sie als Baby immer müde gesungen habe, und sie singt mit und schläft auf keinen Fall. Dann ist sie plötzlich groß. So groß, dass sie jedes Mal lächelt, wenn ich sie groß nenne, dann zeigt sie die vier Finger, die sie jetzt alt ist, und nächstes Jahr: fünf, eine ganze Hand alt, und dann, sagt sie, kommt sie fast in die Schule (ein Gedanke, der mir noch unendlich fern scheint). Sie will alles alleine machen, ich darf ihr nicht helfen, und wenn ich ihr helfe, dann helfe ich falsch. Sie will, dass ich ein Tuch über den Eingangsschlitz des Geburtstagszeltes lege, Tür zu, es ist ja ihr Zelt. Sie will nicht mehr Flöckchen genannt werden, bloß noch Fanny. Sie rennt los, schiebt den Hocker an den Kühlschrank, holt sich das Kühlpad, das ich ihr immer auf ihre Beulen lege, holt ein Handtuch, wickelt es ein, legt es auf mein Knie, das ich mir verdreht habe, pustet, streichelt meinen Kopf, mit einer Emsigkeit und Zärtlichkeit, die mich ganz weich macht.

Ich habe mir das manchmal vorgestellt, als sie noch ein Baby war. Wie sie riesengroß ist. Wie wir zusammen Kakao trinken gehen, zusammen Kuchen backen, zusammen lesen (das ist ein merkwürdiger Gedanke, aber gemeinsam mit jemandem in einem Raum zu sitzen oder herumzuliegen und zusammen zu lesen, finde ich unheimlich schön). Gedanken wie eine Karamellbonbonwerbung. Und die Realität ist trotzdem schöner, weil das Glück mit ihr ein so direktes, unkitschiges, lustiges Glück ist. Mit ihr durch den Kiez zu spazieren, und sie nimmt irgendwann meine Hand. Mit ihr einen Schritt zurückzugehen an der großen Straße, weil sie das in der Kita immer so machen, denn die große Straße, die ist voll gefährlich. Mit ihr das allererste Halloween-Kostüm zu basteln, ein Handtuch mit Löchern und einem Mund, das dann ein Gespenst ist, gefährlich und gruselig, bis ich schreiend wegrenne und sie mir hinterher, "aber Mama, das bin doch nur ich, brauchst doch keine Angst zu haben, nur ein bisschen". Mit ihr ins Café zu gehen, und sie stellt sich auf die Stange, die ein paar Zentimeter über der Erde angebracht ist, sie guckt schon einen Kopf weit über die Theke, und sie bestellt sich einen Kakao mit Strohhalm, und rührt dann ihr Kakaoschaumherz weg und meine Kakaoschaumblume und erzählt mir aus ihrem Fannyleben. Sagt, dass sie von einem roten Glitzerpferd geträumt hat, das Lulu hieß, wie gerade alle Tiere Lulu heißen, weil sie die Haustauschkatze in New York so mochte, die Lulu hieß. Sagt, dass sie auf dem roten Glitzerpferd von der Kita nach Hause geritten ist. Sagt, dass sie so ein rotes Glitzerpferd gerne zu Weihnachten hätte und es ja im Wohnzimmer wohnen könne mit dem Sofa als Bett. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass sie mal ein Renner werden will, wenn sie groß ist, jemand, der ganz schnell rennt. Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass Papaland ihr Lieblingsland ist. Manchmal springt sie an mir hoch und drückt mir Küsse überall aufs Gesicht, noch einen und noch einen, und ich sage: "Womit habe ich das denn verdient?" und sie versteht die Frage gar nicht. Manchmal kriege ich keine Küsse, weil die Küsse alle noch schlafen oder gerade in der Kita sind. Vor einem Jahr hatten die Dinge noch nicht so viele Worte, die Gefühle auch nicht. Jetzt sagt sie, was sie denkt, was sie ärgert, was sie glücklich macht, was sie essen will, wovon sie geträumt hat, worüber sie traurig ist, in all diesen Worten, die sie sich hoffentlich nie abgewöhnt, Eierspiegel, Schuhfaden, Flitzschuhe, Rollsocken, Superfrau, Blödwurst.

Manchmal bin ich so alle gerade. Manchmal kriege ich so wenig auf die Reihe, was ich auf die Reihe kriegen müsste, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich scheine doch nie hinterher zu kommen, und dann ist es schon wieder Nachmittag und ich hole sie aus der Kita, hetze los und meine schlechte Laune hinterher, und dann steht sie da und strahlt und nimmt mich an die Hand, obwohl ich mir noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen habe, "Mamaaa, komm mit, ich muss dir was zeigen, wir haben Kreide gemacht, meine ist ROT!" So ist das gerade oft. Ich will viel und schaffe wenig. Ich bin gereizt, weil ich müde bin und das Anziehen vor der Kita eine halbe Stunde dauert, weil sie sich nicht entscheiden kann, welche Socken sie denn ganz alleine anziehen will und die Katzensocken nicht findet, die es am Ende sein sollen. Oder ich erschrecke, weil ich merke, dass mein Kopf ganz woanders ist, bei den Dingen, die mir diese Woche das Herz so schwer gemacht haben, und sie sagt mir schon zum zweiten Mal, dass das auf dem Bild ein Weihnachtsmann mit Schneeflocken ist, mit einer Schlange (die sie sich wünscht, grün, mindestens zwei Arme lang) und einem Feuer, damit der Weihnachtsmann nicht friert. Und dann sitzen wir beim Abendessen und sie isst das Brot mit ihrer Lieblingsmarmelade und freut sich darüber, dass Papa auch noch diesen Mini-Käse eingekauft hat und die Luftballons vom Geburtstag noch hängen, und ich weiß: Wenn ich in zehn Jahren zurückschaue (merkwürdig, dieses plötzliche Nachdenken über die Zeit, über die Jahre, die vergehen, das kam auch erst mit dem Muttersein), dann werde ich genau an diese Momente denken: die Marmeladenbrotmomente. Wie sie sich ihre Zebramütze aufsetzt und auf ihrem schon viel zu kleinen Laufrad die Straße herunterrast, bis zur Ecke, und wieder zurück, mit einer Vollbremsung. An die Lümmelsamstagnachmittage, wenn wir "Die Kinder von Bullerbü" gucken, und sie laut aufschreit, als Lasse beim Schlittschuhlaufen in ein Wasserloch fällt, obwohl wir uns diesen Film schon oft angesehen haben, und sie jedes Mal vorher sagt: "Pass auf, gleich fällt er ins Loch" (war das wirklich Lasse? Ich vergesse immer seinen Namen). Ich werde daran denken, wie sie jeden Sonntag mit ihrem Papa in der Küche steht und Sonntagsschnitzel klopft, und ich darf nicht mitklopfen, weil das ihr Schnitzelding ist. Ich werde an ihren Bockigblick denken, daran wie sie guckt, wenn sie so richtig sauer ist, wie neulich, als es so blödblödblöd von mir war, dass ich die Tiere auf dem Sofa weggeräumt habe, die da doch geschlafen haben. Ich werde daran denken, wie sie tanzt. Ich werde daran denken, wie sie mir Bücher vorliest, "Es war einmal eine Raupe, die hat sehr viel gegessen. Bonbons und Wurst und noch mehr Wurst, dann hatte sie einen dicken Bauch. Fertig." Ich werde an ihren Enthusiasmus denken, an ihr Talent, sich über die Dinge und das Leben zu freuen, sich in ihrer Freude völlig aufzulösen, das ist, neben so vielen anderen Dinge, so unglaublich schön. Ich werde daran denken, wie ich in der Nacht vor ihrem Geburtstag Luftballons aufgepustet habe, weil sie es so gerne mag, wenn an der Tür eine Luftballonwand hängt, durch die sie rennen kann, und wie ich ihr einen Herzkuchen gebacken habe, weil sie den vor ein paar Tagen im "Berlin mit Kind"-Heft gesehen hatte und so toll fand, ihre Wünsche sind immer sehr präzise, ein Schokoladen-Herzkuchen mit ganz viel bunten Streuseln und mit Happy-Birthday-Kerzen und mit diesen Zuckererdbeeren, die ich dann zwar noch gefunden, aber nicht mehr auf den Kuchen draufbekommen habe, weil ich so viel Teig in die Form gegossen hatte, dass der Herzkuchen eher ein Herz-Mount-Everest geworden ist, und wie ich um Mitternacht wieder Tränen in den Augen hatte, was eine ziemliche Untertreibung ist, und wie ich zu ihrem Bett gegangen bin und sie mitternachtsgeburtstagsgeküsst habe, auf ihre warme Backe, die ich erstmal freilegen musste, weil ihre Haare so lang geworden sind. Wahrscheinlich werde ich auch an diesen Satz denken, den eine tolle Frau mir neulich in einer Email geschrieben hat, ich hab  in den letzten Tagen so oft an diesen Satz gedacht: "Ich bin so sehr ich durch sie." Durch sie und durch ihn. Das bin ich wirklich.
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