EINE LIEBESLISTE MIT FINE-MACHERIN JUDITH SPRINGER



Ich sollte wohl gleich sagen, dass ich ein Fan bin, denn das bin ich wirklich. Ich freue mich immer unheimlich, wenn ich Produkte finde, die den Alltag ein bisschen besser machen. Nach dem perfekten Deo habe ich lange gesucht. Und dann „Fine” gefunden, das erste aluminiumfreie Deo, das bei mir wirklich funktioniert, herrlich nach Geranium und Vetiver duftet und mit seinem minimalistischen Design auch noch wunderschön aussieht. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich hier heute die Frau vorstellen darf, die sich all das ausgedacht hat. Weil Judith Springer kein natürliches Deo fand, das ihr wirklich gefiel, entwickelte sie einfach ihr eigenes. Das danach andauernd überall ausverkauft war. Mittlerweile hat Judith auch eine Variante mit Zeder und Bergamotte und eine duftneutrale Variante für (natron)sensible Haut entwickelt (die ich mit Hedi gerade bevorzuge). Und falls ihr jetzt auch neugierig seid auf die Frau hinter dieser Geschichte, die übrigens auch noch Mutter von zwei Töchtern und Yoga-Lehrerin ist: Hier ist Judiths Liebesliste. Kommt gut in die Woche!

1. Ein Buch, das dir viel bedeutet?
Ich habe nicht wirklich DAS Buch, es sind eher eine oder auch zwei Handvoll Bücher, die mich in verschiedenen Lebensphasen sehr begeistert und beschäftigt haben. Darunter zum Beispiel „Der Wolkenatlas” von David Mitchell und „Mister Aufziehvogel” von Haruki Murakami.

2. Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
Auch da fällt es mir sehr schwer, the one and only zu benennen. Ganz oben im Ranking sind aber auf jeden Fall: „Memento”, „Prinzessin Mononoke” (sowieso bin ich ein großer Miyazaki-Fan), „Some Like It Hot”, „L.A. Crash”, „City of God” und „Leon der Profi”.

3. Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Wenn du tanzt“ von Von Wegen Lisbeth – so süß und charmant, zaubert mir auf jeden Fall ein Lächeln aufs Gesicht.

4. Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Einen dunkelblauen ultraweichen Alpakapulli, mein absoluter Liebling, schon ganz ausgefranst an den Ärmeln, ich versuche ihn gerade langsam – rausschleichend sozusagen – durch einen neuen zu ersetzen, das fällt mir schwer.

5. Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Wegwerfen eh nicht, ich würde es verschenken oder verkaufen. Aber es gibt nichts, was ich nicht weggeben würde. Sind doch nur Dinge.

6. Wonach duftest du gerne?
Ich bin immer ein großer Parfüm-Fan gewesen, bis ich meine Kinder bekam, da war mir das alles irgendwie zu aufdringlich. Auch beim Yoga stört mich das, und da ich jeden Tag übe, kommt Parfüm nur noch danach zum Einsatz. Aktuell: „Escentric Molecules molecule 01” – das riecht einfach zu gut. Meine Kinder lieben es übrigens.

7. Ein Lippenstift?
Da ich sehr helle Lippen habe, sehen angemalte Lippen, auch in der Nude-Variante, bei mir immer TOTAL angemalt aus. Knallrot darf er manchmal aber doch sein.

8. Ein Ort, der Zuhause ist?
Meine Yogamatte und natürlich unser Zuhause. Rom, auch wenn ich da schon lange nicht mehr war. Und mein absoluter Lieblingsort: ein ehemaliger Bauernhof in Marokko.

9. Und an welchen wilst du unbedingt noch reisen?
Nach Los Angeles und Japan.

10. Was gehört zu einem guten Abend?
Ein lauer Sommerabend auf dem Balkon (im Sommer) und ein Alster, Kamin und Yogitee (im Winter) – und meine Ruhe oder eine gute Serie.


11. Und zu einem guten Morgen?
Kein Wecker um 6.30 Uhr, gemeinsam wach werden (ohne von den Kindern geweckt zu werden) und einfach im Bett liegen bleiben. Und natürlich mein Matcha-Latte.

12. Ein Gefühl, das du magst?
Diesen vollkommen leeren, erfüllten Zustand in der Meditation. Und das Gefühl nach einer intensiven Yogapraxis.

13. Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mein rotes Stoffpüppchen.

Mein Abdeckstift. Ich litt in der Pubertät sehr unter meinen Pickeln, rannte natürlich zum Hautarzt, der mithilfe von bescheuerten Säuren meine Haut noch furchtbarer aussehen ließ. Zum Abdecken verschrieb er mir einen schwefelhaltigen Puder (zum Abdecken?!! Auf schuppiger, da geschälter Haut???). Der war drei Stufen dunkler als meine Haut und sah natürlich ganz, ganz schrecklich aus. Meine Kosmetikerin damals hat mir dann einfach einen Abdeckstift empfohlen. So einfach, aber es hat Wunder gewirkt und ich war happy!

Und jetzt? Meine Wärmflasche und meine Yogamatte. Und ja, ich fürchte, ich muss sagen: mein Computer bzw. Smartphone, eher aus einer Notwendigkeit heraus. Ist ja irgendwie oll, das als wichtigen Gegenstand zu bezeichnen.

14. Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Auf dem Land, am liebsten im Süden zu wohnen.

15. Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Sonne, Sand, Meer und frische Bettwäsche.

16. Schönste Sünde?
Marzipan, Marzipan, Marzipan – und das Eis von Tribeca Icecream, Gott sei Dank für uns nicht in Laufweite. Ach, und ich liebe Fünf-Uhr-Tee mit Gebäck.

17. Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Nicht wirklich neu, aber jetzt ist es erst richtig bei mir angekommen: Du bist alles, Du weißt alles, Du kannst alles (mal sehr knapp formuliert).

18. Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
Das hängt unmittelbar mit dem vorher gesagten zusammen. Angestoßen durch die Lehren und Philosophie des Yoga, über Eckhart Tolle („Eine neue Erde”, auch ein großartiges Buch!) bin ich über meine Heilpraktikerin zu tiefen Einsichten gekommen. Sehr tief, sehr umfassend, sehr beeindruckend – und viel Arbeit.

19. Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst? 
Und leider auch nie mehr kennenlernen werde: Schön, im Sinne von erleuchtet: B.K.S. Iyengar, der Guru des Iyengar-Yoga, das ich täglich praktiziere und ewig dankbar bin, dass ich es gefunden habe.

20. Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Mein Mann, meine zwei Töchter – natürlich. Die kleinen Lieben sind ganz klar die klitzekleinen Freuden im Alltag: Spekulatius in den Kaffee tunken, ein kaltes Radler nach einem anstrengenden heißen Tag, wenn man im Herbst endlich wieder den Ofen anmachen kann (seitdem freue ich mich auf den Berliner Winter!), gute Kunst, ein Lächeln von Fremden, Fan-Mails von meinen KundInnen oder eine Maniküre.

Danke fürs Ausfüllen der Liste, liebe Judith. Hier geht´s zu allen anderen Liebeslisten. Und hier zur Website von Fine.

Fotos: Oben links: Jessica Beau / ibelieveinsymmetry_ (übrigens ein ganz wunderschöner Account), das Portrait von Judith Springer hat Jules Villbrandt von herz.und.blut gemacht, alle anderen Fotos sind von Judith Springer / Fine.

DER OKTOBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)



Wie die letzten Wochen waren:
Wirklich schön. Da ist sie wieder, die Leichtigkeit. Obwohl die letzten Wochen auch nicht weniger chaotisch waren als die Wochen davor. Aber irgendwie habe ich Freundschaft mit der Wildheit geschlossen. Schon verrückt, wie sehr sich die Dinge mit der Perspektive auf sie verändern. Nach einigen ziemlich turbulenten Tagen war mir einfach klar: Bis Hedi im Frühjahr in die Kita kommt, werden die Tage immer zu kurz sein für all das, was gerade gemacht und erledigt werden muss. Keine besonders originelle Erkenntnis, und doch hat es mir geholfen, das festzustellen. Jetzt gebe ich einfach mein Bestes. Und nehme die Grütze-Tage öfter als das, was sie sind: als Tage vor und nach denen, die gerade sehr glitzern. 

Der schönste Moment:
Hedis Geburtstagsmorgen. Ihr Blick, als sie ihre Geschenke gesehen und zusammen mit Fanny ausgepackt hat. Diese erst ganz leise und dann ganz laute Freude. Ich kann mich noch so gut an den Morgen erinnern, als ich dachte: Heute geht es los, jetzt kommt sie endlich. Und dann kam sie wirklich. Ein Jahr ist das jetzt her. Schon. Erst. Himmel, wie sehr kann man lieben.

Der zweitschönste Moment:
Der Morgen, den ich mit meiner Freundin Maria in unserer Küche verbracht habe. Mit manchen Menschen passt es einfach. Und Maria ist genau so ein Mensch. Ein Mensch, der Wärme ausstrahlt, Herzlichkeit und Großzügigkeit. Was ja an sich schon toll wäre, aber dann ist Maria auch noch eine unglaubliche Puppenmacherin. Vielleicht erinnert ihr euch noch an sie: Vor vier Jahren haben wir zusammen für Fanny eine Puppe genäht. Und weil Lotte sehr geliebt wird, haben Maria und ich nun auch eine Puppe für Hedi gemacht. Mit knallroten Haaren und Sommersprossen. Ich glaube, das wird wieder eine ganz große Puppen-Liebe.  

Liebste Nebenbeschäftigung:
Schatzsuche. Eigentlich ist unsere Wohnung fertig. So richtig fertig fühlt sie sich aber immer noch nicht an, es fehlt noch ein wenig Gemütlichkeit und Wärme. Ein paar besondere, alte Stücke. Dummerweise (aber was heißt dummerweise) bin ich beim Rumgucken sehr fündig geworden: bei Soeur Maison, auf dem Flohmarkt und in einem neuen Lieblingsladen, von dem ich hier bald mehr erzählen werde. In Fannys Zimmer ist eine kleine Bank eingezogen. Und ein altes Küchenbord, in dem nun ihre Lieblingsdinge wohnen. In die Küche ein alter Flaschentrockner und ein kleines Schränkchen, von dem ich ganz hingerissen bin. Ich mag sie so, diese neuen, alten Schätze. 

Eine Idee, die ich sofort geklaut habe:
Den Adventskalender von Rike Drust. Die hat ihren mit Süßigkeiten aus der ganzen Welt bestückt und ich fand diese Idee so fabelhaft, dass ich sie sofort nachgemacht habe. Wie konnte ich denn nicht mitkriegen, dass es in meinem Kiez einen Süßigkeitenladen namens Sugafari gibt? Ich hab noch einen Kinderatlas dazu besorgt, damit wir jeden Tag nachgucken können, woher die verrückten Köstlichkeiten kommen. 

Gerne gesehen:
Die Dokumentation über die große Autorin Joan Didion auf Netflix: „Die Mitte wird nicht halten”. Beeindruckend, aber auch sehr beklemmend. Habt ihr sie euch schon angesehen? Hier ist ein Interview mit den Machern.

Bester Kauf:
Die allerersten Schuhe für Hedi. Schon wieder so ein erstes Mal. Und: die Kuschelpullis, die ich für die beiden Mädchen gekauft habe. Hellrosé, unfassbar weich und kuschelig, einen in groß, einen in klein. Schwesternpullis.

Und für mich:
Ein neues Kochbuch. Selten hat mich ein Buch beim Durchblättern im Buchladen so vorfreudig gemacht wie „Koch doch einfach!” von Clare Lattin und Tom Hill. Ich schreibe die Tage mal mehr darüber. Auch über das andere Kochbuch, auf das ich mich schon so freue: „Das Beste vom Wochenmarkt” – neue Kolumnen und Rezepte aus dem ZEITmagazin von Elisabeth Raether. Das erste war ja schon so ein Knaller.

Gerne geklickt:
* Julia Child – wie man sie bislang nicht gesehen hat. Was für wunderbare Bilder.
* Spinat und Feta gehen für mich immer. Deshalb habe ich dieses Rezept sofort abgespeichert.
* Ein Text über die Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig.
* Womit wir in den Herbstferien sehr viel Zeit verbracht haben. 
* Ein Instagram-Account, den ich mir gerade gerne ansehe. Und noch einer. Und dieser hier. (Was sind denn eure liebsten Interior-Instagram-Accounts? Ich kann gerade gar nicht genug bekommen von tollen Wohnungen und schönen Möbeln)...
* Und wenn wir schon bei schönen Wohnungen sind: Wie toll ist die von Igor Josif und diese Bilder?
* Die Videos von Violette. Ach, die Französinnen. 
* Wie großartig ist bitte Julia Roberts? (Und James Corden sowieso).

Und ihr so? 

GANZ GROSSE LIEBE:
DER NEUE VINTAGE-MÖBELLADEN SOEUR MAISON



Zwei Stufen hoch, schon bist du in einer anderen Welt und du hast nicht mehr tun müssen, als eine Tür zu öffnen. Dahinter: Möbel, in denen andere gelebt haben. Man kennt ihre Geschichten nicht, hat aber zu jedem Stück sofort eine Geschichte im Kopf. Die mit Blumen bemalte Truhe, in der einmal das gute Leinen aufbewahrt wurde. Eine große, alte Tafel, auf der Matheaufgaben gelöst wurden. Einmal hat eine fantasiebegabte Lehrerin auch ein Gedicht auf sie geschrieben. Der kleine bemalte Lastwagen aus Holz, er ist schon am Himalaya vorbei gefahren, auf seine linken Seite ist die Flagge Nepals gemalt. Oder er gehörte einem Kind mit großem Fernweh. Der Bauernschrank mit der aufgemalten Vase, den Blumen und den Blütengirlanden. Der alte Abakus. Zwei silbrig glänzende Pfaue, nicht größer als eine Hand. Der Laden ist nicht übervoll, und doch kann man überall etwas entdecken – Dinge, die aus anderen Zeiten und Leben übrig geblieben sind. Sie haben keine gemeinsame Vergangenwart und doch viel gemein: Sie sind zauberhaft. Gegenstände, mit und zwischen denen man gerne leben möchte, weil man weiß, dass sie das eigene Leben schöner machen würden – verspielter, französischer, ganz sicher bunter. 

Nina von meinem Lieblings-Secondhandladen Soeur hat einen neuen, zweiten Laden gemeinsam mit ihrem Mann Jan: Soeur Maison. Man kann hier schöne Sachen kaufen, hauptsächlich aus Frankreich, aber auch aus Deutschland. Und schöne Sachen verkaufen. Ein Laden für Vintage-Möbel, obwohl das viel zu sachlich ausgedrückt ist. Das hier ist eine Wunderkammer, in der man sich Wunder kaufen kann und wer braucht das nicht, ein ums andere Mal – ein kleines Wunder? 

Soeur Maison, Greifswalder Str. 217, Dienstag bis Samstag von 14-19 h (vom 6.-11.11. ist allerdings zu). 



ÜBER FEHLGEBURTEN SPRECHEN


Ob wir das Leben nur deswegen bewältigen können, weil wir versuchen, möglichst wenig daran zu denken, wie viel Schmerzen und Unglück in ihm existieren und wie oft zwischen Helligkeit und Dunkelheit nur Wimpernschläge liegen? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es uns besser ginge, wenn wir darüber sprächen, welche Dunkelheiten wir in unserem Leben kennengelernt haben und von welchen wir bei anderen wissen und ahnen. Wahrscheinlich könnte man das Leben schwer aushalten, würde man nicht immer wieder das tun, was verdrängen genannt wird. Doch nie darüber zu sprechen, macht auch einsam und mutet jenen, die ein Unglück erlitten haben, noch ein zweites zu – die Isolation.

 „Von allen befruchteten Eizellen kommt es nur in etwa 30 Prozent zu einer Lebendgeburt”, sagt die Kinderwunsch-Expertin Dr. Gülden Halis, geschäftsführende Ärztin im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin in einem Interview auf der neuen Website „Das Ende vom Anfang”. Es ist eine bestürzende Auskunft. Weil sie einen daran erinnert, wie viele Fehlgeburten es gibt. Was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum man über sie nur so selten und oft hilflos redet. Man hat keine Ahnung, wie man damit umgehen kann. Man weiß, dass das Reden kein Baby zurückbringen kann. Und ahnt, dass auch Trost oft daran erinnert, was untröstlich ist. 

Die Journalistin Julia Stelzner hat sich trotzdem dazu entschlossen, die Initiative „Das Ende vom Anfang” zu gründen. Weil die Stille oft noch viel trostloser ist. Diese Stille, die aus Hilflosigkeit, Weitermachenmüssen, Nicht-an-Schmerzen-erinnern-Wollen so tut, als wäre das Unglück erst gar nicht geschehen und es deswegen nicht an- und ausspricht. „Fehlgeburten sind hart. Vor allem, wenn man sich alleine damit vorkommt, weil man gefühlt nur von Baby-Partys und glücklichen Neumüttern umgeben ist, während man sich selbst wie ein Versager fühlt. Dabei haben es rein statistisch so viele Frauen erlebt”, sagt Julia Stelzner. Ihre Website möchte daran endlich etwas ändern. Auf „Das Ende vom Anfang” erzählen Frauen von ihren Fehlgeburten. Und davon, wie sie ihre Fehlgeburten überlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen und ihrer Traurigkeit, aber auch davon, was ihnen aus ihrem Tief wieder herausgeholfen hat. Ich lese darin und mir wird ganz kalt. Und ganz warm von ihrer Tapferkeit, von all dem zu erzählen – Leserinnen, denen dasselbe und doch ihr ganz eigenes Unglück passiert ist, zu sagen, dass sie nicht alleine sind, dass es andere Menschen gibt, die wissen, wie schwer das ist und dass man den Schmerz vielleicht nie wieder ganz los wird, aber irgendwann aushält. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Frauen über ihre Fehlgeburten sprechen. Geteiltes Leid ist tatsächlich so etwas wie halbes Leid und je mehr Frauen es am Ende sind, desto weniger ungewöhnlich oder gar ausgrenzend fühlt sich eine solche Erfahrung an”, sagt Julia Stelzner.

Weil mich ihre Seite so beeindruckt und mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, habe ich der Hebamme Kareen Dannhauer einige Fragen gestellt, die ich im Kopf hatte. Vielleicht interessieren euch ihre Antworten ja auch.

Fehlgeburten sind gar nicht so selten. Immer sind sie eine Katastrophe und ein großer Schock für die betroffenen Frauen. Die Zahlen darüber, wie häufig das passiert, variieren sehr stark. Woran liegt das?

Kareen Dannhauer: Eine konkrete Zahl ist hier gar nicht so einfach, wie man denken mag – in der Literatur gibt es tatsächlich unterschiedliche Angaben. Das liegt auch daran, dass Schwangerschaften heute schon so früh diagnostiziert werden, nicht selten von den Frauen selbst zu Hause, schon am Tag vor der erwarteten Regel. Viele Fehlgeburten sind ganz, ganz frühe Anlagestörungen, die man früher, vor der Ära der bildgebenden Verfahren, gar nicht als intakte Schwangerschaft diagnostiziert hat. Wenn man alle diese Schwangerschaften mitzählt, liegt die Quote bei etwa 15 Prozent aller angelegten Schwangerschaften, die nicht zur Geburt eines Babys führen. Schlägt allerdings das Herzchen in der 7. Schwangerschaftswoche, enden danach nur noch 3–4 Prozent mit einer Fehlgeburt. Eine andere Zahl: Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Frauen mit Kinderwunsch in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt erleben.

Trotzdem wird über dieses Thema nur selten geredet. Wie erklärst du dir das? 

Ich glaube, dass der Kinderwunsch immer ein sehr persönliches Thema ist, das uns alle mit existenziellen Themen konfrontiert, von Beginn an. Und es ist auch etwas sehr Privates. Frauen, die nicht sofort nach dem Absetzen der Pille schwanger werden, kennen das: Sie wollen nicht auf jeder Party die Phasen des Übens kommunizieren und ob es nun endlich geklappt hat. Druck macht man sich sowieso schon selbst, das braucht man dann nicht auch noch von außen. Und wenn es dann klappt mit dem Schwangerwerden, ist für viele Menschen die Idee zwangsläufig: „Ohhhh… und in neun Monaten haben wir dann unser Baby im Arm“. Dass die Natur manchmal knallhart und wenig romantisch Darwins Gesetzen folgt, ist uns in unserer kontrollierten Welt oft schlicht nicht mehr klar. Und dann wird uns diese Selbstverständlichkeit plötzlich genommen und damit ganz viel in Frage gestellt. Und wir sind sehr verletzlich. 

Wir leben heute ein ziemlich durchgeplantes Leben und jede Planänderung anderer Mächte erleben wir als Kontrollverlust und auch als Infragestellen unserer nach Perfektion strebenden Welt – manchmal auch unserer eigenen Selbstwahrnehmung. Schicksal ist in unserem Plan meist nicht enthalten. Und oft erleben Frauen ihre Fehlgeburt auch in einer Phase, in der die Schwangerschaft noch ein Geheimnis war. Beides gleichzeitig zu verkünden: „Ich war schwanger, aber jetzt übrigens nicht mehr” – das ist für viele Frauen auch keine Option. Aber, und das legen ja die 20 Prozent von oben nahe: Wenn man anfängt, darüber zu reden, stellt man fest: Ich bin nicht allein.

Was ist zu tun, wenn man eine Fehlgeburt hat – und was nicht?

Erst einmal muss man diese schreckliche Nachricht verdauen. Die meisten Fehlgeburten versammeln sich in der Gruppe der sogenannten „Missed Abortion“, die verhaltene Fehlgeburt. Es gibt also oft keinerlei Symptome, die die Frau von außen spürt – wie etwa Wehen oder Blutungen. Bei der zweiten oder dritten Vorsorgeuntersuchung wird dann einfach festgestellt, dass das Baby sich nicht weiter entwickelt hat und kein Herzschlag (mehr) zu sehen ist. Das kann und will man überhaupt gar nicht wahrhaben und glauben. Das Baby ist gegangen, einfach so? Eben war doch noch alles gut und man hat schon über Vornamen nachgedacht. Da braucht das Realisieren einfach Zeit, und es ist oft enorm hilfreich für die Frauen zu wissen, dass sie jetzt erst einmal gar nichts machen müssen. Außer irgendwie wieder Boden unter die Füße zu kriegen und sich in dieser dumpfen Taubheit alle Gefühle zu gestatten. Und dann in Ruhe sacken lassen, was jetzt die nächsten Schritte sein können. Ganz sicher muss man nicht mit dem Zettel, der einem dann in die Hand gedrückt wird, noch unter Schock stehend in die Klinik fahren, um sich dort wenige Stunden später auf dem OP-Tisch wiederzufinden.

Als Alternative zu einer Ausschabung gibt es auch die Möglichkeit, eine natürliche „Kleine Geburt” in Erwägung zu ziehen. Was genau ist das und was spricht für diesen Umgang mit einer Fehlgeburt?

Im Prinzip kann man sagen, dass es in fast allen europäischen Ländern mit einer qualitativ guten medizinischen Betreuung die absolute Regel und nicht die Ausnahme ist, dass Frauen eben keine Ausschabung bekommen. Ich bin mir sehr sicher, dass sich auch hierzulande in den nächsten Jahren einiges tun wird, dazu sind die Zahlen einfach auch klar genug. Immerhin 98 Prozent aller Frauen brauchen keine sogenannte Curettage. Der Vorteil ist ganz klar der, dass die Gebärmutter keinem Verletzungsrisiko ausgesetzt wird. Selbst bei einer Saug-Curettage werden die Ecken der Gebärmutter noch mit einem kleinen Löffel nachcurettiert. Das ist nicht schlimm, aber grundsätzlich meist schlicht unnötig. Es ist natürlich Quatsch, davon auszugehen, dass Frauen prinzipiell einen Arzt brauchen für einen häufigen, irgendwie dann doch natürlichen Prozess, mal evolutionsbiologisch betrachtet.

Alternativ kann man auch ganz banal: Warten, eventuell unterstützt durch verschiedene naturheilkundliche Maßnahmen. Das dauert oft, eher Wochen als Tage, aber dann löst der Körper das von allein. Für viele Frauen ist das lange Warten schwierig, es geht aber prinzipiell. Viel häufiger, und das ist das übliche Vorgehen etwa in den Benelux-Ländern, der Schweiz oder Skandinavien, ist eine medikamentöse Ausleitung der Fehlgeburt. Dafür wird das Medikament Minoproston (etwa Cytotec®) vaginal oder oral gegeben. Über 95 Prozent aller Frauen haben dann innerhalb von 48 Stunden eine spontane und vollständige Fehlgeburt, es beginnen also Wehen und Blutungen. Das geht bei guter Betreuung ganz wunderbar zu Hause, man muss nicht einmal ins Krankenhaus dazu.

Wie ging es den Frauen, die du in diesem schwierigen Moment begleitet hast?

Ausnahmslos alle Frauen, die ich mit Fehlgeburten betreut habe, waren unglaublich dankbar, diesen schlimmen Verlust zumindest autark und gut begleitet zu durchleben. Das Prozesshafte lässt auch die Seele irgendwie mitgehen. Es ist nicht: Narkose, Aufwachen, Baby weg, Gebärmutter leer. Es bleibt viel mehr Raum für Trauer, Abschied und all das, was dazu gehört. Und das wichtige Gefühl: Auch das kann mein Körper irgendwie, und er kann es weitgehend alleine.

Leider wird vielen Frauen von dieser Alternative gar nicht oder nur unter ferner liefen erzählt, weil noch nicht viele Gynäkologen Erfahrungen damit haben. Die „Machen-wir-schon-immer-so-Curettage” ist leider immer noch die Regel. Vielen Frauen ist tatsächlich nicht klar, dass dieser Weg nicht zwangsläufig ist und sie die Zeit haben, in Ruhe zu entscheiden.

Wie kann man sich überhaupt unterstützen lassen?

Viele Frauen sind auch so allein, weil es wenig Betreuungsstruktur gibt. Beim Gynäkologen geht es schnell um die fachlich-sachlichen Dinge der medizinischen Umgehensweisen. Wer ist also zuständig? Eine Antwort, die Frauen oft gar nicht auf dem Zettel haben: Wir Hebammen. Ruf eine an, gleich und sofort. Nicht alle Kolleginnen betreuen Frauen mit frühen Fehlgeburten, aber mehr und mehr. In diesem Umfeld mit persönlicher Betreuung kann eine Fehlgeburt das sein, was es ist: eine intensive und bleibende biographische Erfahrung, der eine gute Begleitung, medizinisch und menschlich, gebührt.

Viele Frauen, die eine Fehlgeburt haben, suchen hinterher nach Gründen bei sich selbst oder fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben...

Ja, natürlich, so sind wir gestrickt. Menschen brauchen Erklärungen, und am liebsten Ursache-Wirkungsbeziehungen. Es ist einfach so unerklärlich, warum bloß? Eben war doch noch alles gut! Aber genau so ist das manchmal. Es gibt keine Erklärung auf dieser Ebene, außer: Das kommt eben vor. Es sollte einfach irgendwie nicht sein. Es ist wichtig, auch das als Teil des Gesunden und Normalen, aber eben nicht Perfekten – denn so ist unser Leben nicht – zu akzeptieren. Es lag nicht an dem Glas Cremant, das du getrunken hast, bevor du überhaupt wusstest, dass du schwanger warst. Es lag nicht am anstrengenden IKEA-Besuch oder am Streit mit deinem Mann. Jetzt zum Fertilitätsspezialisten oder Humangenetiker zu rennen, bringt ebenfalls gar nichts, außer, dass wir mit Aktionismus unserer Verzweiflung zu begegnen versuchen.

Was kann deiner Erfahrung nach denn helfen, wenn sich alles nur noch leer und traurig anfühlt? Was gibst du den Frauen mit auf den Weg?

Diese Leere ist wichtig, denn sie ist real. Das Baby ist gegangen, und auch das war real. Und nichts scheint an dessen Stelle zu treten. Es gab einen errechneten Entbindungstermin, dazu passend die Vorstellung, mit dem Kinderwagen durch den Park zu spazieren und ganz versonnen winzige Babysöckchen anzugucken. Mutter oder Nicht-Mutter – da gibt es ja auch kein Dazwischen. Von jetzt auf gleich wird man wieder zurückkatapultiert. Das braucht alles Zeit, Erholung, Trauer in all ihren Phasen, mit Aufs und Abs. Und durch die muss man auch durch, eine wirkliche Abkürzung gibt es da leider nicht.

Betroffen sind in dieser Situation auch die Väter. Wie trauern sie? 

Auch das ist sicher so individuell wie alles. Aber anders als in meinen Wochenbettbetreuungen sind Männer viel weniger Teil dieses Prozesses – und auch viel weniger anwesend. Die müssen am nächsten Tag ja auch gleich wieder arbeiten. Dazu kommt der körperliche Unterschied. Väter konnten das Schwangersein und das Baby selbst noch nicht spüren – und so war das Baby möglicherweise noch eine viel theoretischere Idee, als es für die Frauen der Fall war. Manchmal fällt es ihnen deshalb leichter, sich im Alltag wieder zu orientieren. Manchmal trägt diese unterschiedliche Art von Trauer zum Sich-Unverstanden-Gefühl einiger Frauen bei. Aber natürlich gibt es auch Männer, die am Boden zerstört sind und über Tage gar nicht aufhören können zu weinen.

Wie kann man Freundinnen unterstützen, die eine Fehlgeburt hatten? Gibt es richtige (oder falsche) Worte?

Das ist für alle Beteiligten schwierig. Für richtige oder unrichtige Worte gibt es vor allem sehr unterschiedlich begabte Menschen. „Ach, beim nächsten Mal klappt es bestimmt” oder „Es war ja noch gar kein richtiges Baby” wird hoffentlich kein halbwegs fühlender Mensch aussprechen. Aber auch mit einem selbst macht es ja was, wenn die Freundin eine Fehlgeburt hat. Erstens trauere ich mit. Zweitens habe ich auch meine eigene Geschichte, wie auch immer die aussieht. Und drittens ist das Schwangersein in gewissen Lebensspannen verortet, die manchmal gleichzeitig stattfinden. Da wollte man gerade verkünden, dass man schwanger ist und die beste Freundin hat eine Fehlgeburt. Und nun? Darf ich mich über mein Baby rückhaltlos freuen? Darf ich ihr zumuten, dass sie sich mit mir freuen soll? Viele betroffene Frauen können das nicht gut und brauchen erst einmal Rückzug. Plötzlich schlägt einem mit voller Wucht entgegen, dass „alle ein Baby kriegen, nur man selbst nicht“. Man sieht überall dicke Bäuche und Kinderwägen. Das ist schrecklich. Es hilft betroffenen Frauen sicher, wenn dieser Rückzug akzeptiert wird und mit empathischem Dasein beantwortet wird.

Wie schnell darf oder kann man deiner Erfahrung nach wieder schwanger werden?

Der Körper ist klug und regelt das im Prinzip von selbst. Neuere Studien sagen, dass es keine Vorteile hat, eine willkürliche Zeit, etwa drei Monate – dieser Zeitraum geistert manchmal noch umher – mit einer neuen Schwangerschaft zu warten. Dazu haben die Paare meistens ein klares Gefühl von Vorstellbarkeit. Einige Frauen brauchen Zeit für die Verarbeitung, andere weniger. Und einige Gebärmütter warten nur auf die nächste Gelegenheit – andere brauchen offenbar länger. Auch das Alter spielt sicher eine Rolle: Eine bislang kinderlose 38-Jährige wird möglicherweise nicht ein halbes Jahr lang diverse Eisprünge verpassen wollen, da tickt die Uhr manchmal ein bisschen lauter.

Und wie stehen die Chancen, nach einer Fehlgeburt eine ganz normale Schwangerschaft zu erleben?

Gut. Ganz und gar gut. Bei allem, was es an persönlicher Tragödie für eine Frau bedeutet, ein Baby zu verlieren, ist es einfach auch Teil des natürlichen Prozesses. Dass es eben manchmal nicht klappt, scheint zu unserer Fruchtbarkeitsbiografie im Leben als Frau mit dem Kinderkriegen irgendwie auch dazuzugehören. 


Kareen Dannhauer ist seit über 20 Jahren Hebamme und arbeitet als freiberufliche Hebamme in Berlin. Ihr Schwangerschafts-Ratgeber „Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby” ist gerade im Kösel-Verlag erschienen.

Julia Stelzner schreibt als freie Mode- und Reisejournalistin zum Beispiel für die FAZ, die ZEIT, Harper´s Bazaar oder Elle. Im September ist ihr neues Buch „Wie wir kochen: Die besten Foodblogs und ihre leckersten Rezepte” bei Prestel erschienen. Sie lebt in Berlin.

Die Website „Das Ende vom Anfang” ist hier zu finden. Wer gerne seine Geschichte erzählen möchte (oder darüber nachdenkt und sich gerne austauschen würde) erreicht Julia unter unter der Email: hallo(at)dasendevomanfang(dot)de.

EINFACH NUR SO... HEY, YA!




Auch toll: Das hier. Und das hier. Habt noch einen schönen Dienstag.

DREI LIEBLINGSMASKEN
(UND DAS ENDE DER SCHLECHTEN LAUNE)



Nach ein wenig zu viel Wäh in den letzten Tagen habe ich beschlossen, mir so lange gut zu tun, bis das Wäh selbst schlechte Laune bekommt und sich verzieht. Hat funktioniert. Mit einer Schlickertüte von Herrn Nilsson. Mit einem langen Vormittag im Leisepark mit der kleinen Spaziergängerin. Mit einem neuen Buch. Und schließlich einem kinderfreien Abend, den ich in der Wanne verbracht habe – mit Bademantelfernsehen auf dem Rechner und einer Maske im Gesicht. Falls es euch ähnlich geht: Hier sind drei Masken, die ich gerade mag.

Diese Maske mit Cranberry und Kurkuma-Extrakt wirkt wie ein doppelter Espresso fürs Gesicht. Hinterher sieht meine Haut frisch und wach aus. Und ist unglaublich weich. Was wahrscheinlich an der Kombination aus Maske und Peeling liegt, denn am Ende der Einwirkzeit massiert man die Maske mit feuchten Händen und kreisenden Bewegungen in die Haut ein. Den kräuterigen Duft muss man wahrscheinlich mögen, ich mag ihn sehr. Weshalb diese Maske seit unserem Amsterdam-Urlaub in Dauerbenutzung ist.

Dazu: Auf jeden Fall Meryl Streep. „Julie & Julia” (weil: Meryl Streep UND Kochen UND Paris) oder „Wenn Liebe so einfach wäre” (weil: Meryl Streep UND Alec Baldwin UND diese Croissant-Szene UND diese Küche). 


Meinen beiden anderen Lieblingsmasken bin ich schon ewig treu und werde es wohl noch lange bleiben, weil sie meiner Haut geben, was sie eigentlich immer gut gebrauchen kann: eine anständige Reinigung und extraviel Feuchtigkeit. Wenn ich genug Zeit habe, benutze ich sie hintereinander. Zuerst das Peeling mit Glykolsäure und Papaya (dafür ohne Peelingkörnchen, was es sehr sanft macht). Dann die herrlich cremige Feuchtigkeitsmaske (Konsistenz ungefähr: Crème fraîche), die genau das tut, was sie verspricht und sich sehr luxuriös anfühlt.

Dazu: Zwei Folgen „Modern Family”. Oder zwei Folgen „How I Met Your Mother”, nein, drei.

Was sind denn gerade eure Lieblingsmasken? Alte Lieblinge oder neue Entdeckungen?
Ich wünsch euch einen schönen Tag.

MerkenMerken

DER SEPTEMBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)

Wie die letzten Wochen waren:
Wild und innig und anstrengend, habe ich letzten Monat geschrieben, und ich könnte es gleich wieder schreiben. Wobei dieser Monat noch ein wenig wilder war als der letzte. Eigentlich ist alles gut. Und doch würde ich mir gerade gerne die Decke über den Kopf ziehen und mich verstecken (was schon deshalb nicht geht, weil Hedi sie mir sofort wieder wegziehen und DA! rufen würde). So ganz genau weiß ich nicht, was gerade in mir lebensmuskelkatert. Ich merke nur: Ich bin müde. Und es kostet mich viel Kraft, jeden Tag alles auf die Reihe zu kriegen – das Wirsein, Mamasein, Partnerinsein, Schreiberinsein, Freundinsein, Ichsein, Immersein. Ich warte einfach mal ab. Wenn man sich einseufzen kann, sollte man sich ja auch wieder ausseufzen können. 

Der schönste Moment:
Als Hedi eines Morgens durch die Küche spazierte. Ein Schritt, noch einer, noch einer. Wackelig, aber sehr entschieden. Ich fand es schon beim ersten Kind unglaublich, und beim zweiten nicht weniger. Plötzlich gehen diese kleine Menschen durch die Welt. Plötzlich schauen sie dich an und sagen „Nein!” und schütteln den Kopf. Plötzlich tapsen sie auf dich zu, lassen sich in dich hineinfallen und legen ihre kleinen Arme um deinen Hals. Und: Der Montagabend, als es plötzlich bei mir klingelte und meine Freundinnen vor der Tür standen, um mich auszuführen und die Veröffentlichung von „Herdwärme” zu feiern. Die erste Überraschungsparty meines Lebens und ich werde sie nie, niemals vergessen.

Was ich gerade ständig trage:
Die Strickjacke, die ich meiner Freundin C. nachgekauft habe. (Ich hab sie vorher gefragt, und trotzdem fühlt es sich merkwürdig an – ich weiß noch, wie wir früher im Büro manchmal richtig sauer waren, wenn wir einander irgendwelche Bauernblusen nachgekauft hatten). Aber ich konnte nicht anders. Sie ist korallenrot – die Art Leuchtrot, bei der man nicht die Augen zusammenkneifen muss, aber sofort gute Laune hat. Sie ist so weich, dass man sich mit ihr zudecken möchte. Und sie passt immer. Ich trage sie nach dem Aufstehen, wenn der Tag schon da ist, aber ich noch nicht. Als Jacke, wenn es draußen nicht mehr warm, aber auch nicht richtig kalt ist. Zu weißen T-Shirts und Ringelshirts. Und am Abend, wenn ich die tausend Dinge erledige, die noch zu erledigen sind. Sie ist schweineteuer, aber ich habe den Kauf nicht bereut. Ebenfalls in Dauerbenutzung: meine gesammelten Urlaubs- und Lieblingsarmbänder. Das neongelbe Band von Merci aus Paris. Das goldene aus dem Gather Shop in Amsterdam. Und das Pizza-Armband, das ich so mag, auch wenn es total albern ist. 

Eine Beauty-Entdeckung:
Das Handpflegeöl von Alverde. Hilft mir gerade besser als Handcreme gegen meine trockenen Hände, zieht schnell ein, duftet gut und kostet drei Euro. Mal wieder ein toller Tipp von der tollen Hanna. 

Das schönste Geschenk:
Nach der Schule war ich mit Fanny noch in diesem Laden, den wir uns schon ewig ansehen wollten. Wir stöbern herum und bewundern die unglaublich schönen Möbel, die man hier kaufen kann. Als wir gehen wollen, sagt der Besitzer zu Fanny: „Sag mal, magst du auch Steine?” Fanny nickt. Er geht weg, kommt mit seiner alten Steinsammlung wieder und schenkt sie ihr. Wie schön diese Steine sind – und ein Mensch, der einem kleinen Mädchen eine so riesige Freude macht. Einfach so.

Noch eine unbezahlbare Kostbarkeit:
So langsam fängt Fanny richtig an zu lesen und wünscht sich immer neue Vorlesebücher. Und plötzlich begegnen mir all die Bücher wieder, die ich in meiner Kindheit so gerne gelesen (und vorgelesen bekommen) habe: „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse” zum Beispiel. Und natürlich: das Sams. Am Freitag waren wir bei der Lesung von Paul Maar, der „Das Sams feiert Weihnachten” vorgestellt hat. Was waren wir beide hingerissen. Und am Ende hat er Fanny eine Widmung in ihr Buch geschrieben. „Für Fanny von Paul Maar”. 

Gerne geklickt:
* Die Video-Serie „Humans of New Yorks – The Series”. Beeindruckend, berührend, immer wieder unglaublich lustig. 
* Was für eine schöne Wohnung. Genau so eine Bank hätte ich irgendwann gerne mal in unserer Küche. 
* Ein Mann befragt Paare, die länger als zehn Jahre zusammen sind, nach ihrem Ratschlag für eine glückliche Beziehung: „Every successful relationship is succesful for the same exact reasons.”
* Garance Doré erzählt, warum sie nicht mehr zu Modenschauen geht. „Maybe I´ll never find anywhere I truly fit in. Maybe that´s what makes me who I am. Maybe I´m just made to be unfitting, unbelonging – and free.”
* „Der Heftige”: Ein Portrait über den Schauspieler Birol Ünel – wiedergefunden über Reportagen.fm, die jeden Freitag eine wirklich tolle, immer sehr bereichernde Auswahl von Reportagen in ihrem Newsletter verschicken (hier sind noch ein paar andere Lieblingsnewsletter).
* Ein Arzt nimmt Abschied von seinem Patienten: „One Last Visit to See My Patient”. 
* Und dann noch dieses Video (und überhaupt die ganze Serie „Have You Seen this?”, wie großartig ist denn bitte die Idee, über ein besonderes Detail zu schreiben – den Schuh in einem Bild von Manet, einen Mann, der Pizza macht, oder eben: diesen Tanz.)


Wie ist es euch denn diesen Monat ergangen? 
Kommt gut ins Wochenende, ich wünsch euch ein schönes.
« »

Slomo All rights reserved © Blog Milk Powered by Blogger