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EINE LIEBESLISTE MIT FINE-MACHERIN JUDITH SPRINGER



Ich sollte wohl gleich sagen, dass ich ein Fan bin, denn das bin ich wirklich. Ich freue mich immer unheimlich, wenn ich Produkte finde, die den Alltag ein bisschen besser machen. Nach dem perfekten Deo habe ich lange gesucht. Und dann „Fine” gefunden, das erste aluminiumfreie Deo, das bei mir wirklich funktioniert, herrlich nach Geranium und Vetiver duftet und mit seinem minimalistischen Design auch noch wunderschön aussieht. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich hier heute die Frau vorstellen darf, die sich all das ausgedacht hat. Weil Judith Springer kein natürliches Deo fand, das ihr wirklich gefiel, entwickelte sie einfach ihr eigenes. Das danach andauernd überall ausverkauft war. Mittlerweile hat Judith auch eine Variante mit Zeder und Bergamotte und eine duftneutrale Variante für (natron)sensible Haut entwickelt (die ich mit Hedi gerade bevorzuge). Und falls ihr jetzt auch neugierig seid auf die Frau hinter dieser Geschichte, die übrigens auch noch Mutter von zwei Töchtern und Yoga-Lehrerin ist: Hier ist Judiths Liebesliste. Kommt gut in die Woche!

1. Ein Buch, das dir viel bedeutet?
Ich habe nicht wirklich DAS Buch, es sind eher eine oder auch zwei Handvoll Bücher, die mich in verschiedenen Lebensphasen sehr begeistert und beschäftigt haben. Darunter zum Beispiel „Der Wolkenatlas” von David Mitchell und „Mister Aufziehvogel” von Haruki Murakami.

2. Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
Auch da fällt es mir sehr schwer, the one and only zu benennen. Ganz oben im Ranking sind aber auf jeden Fall: „Memento”, „Prinzessin Mononoke” (sowieso bin ich ein großer Miyazaki-Fan), „Some Like It Hot”, „L.A. Crash”, „City of God” und „Leon der Profi”.

3. Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Wenn du tanzt“ von Von Wegen Lisbeth – so süß und charmant, zaubert mir auf jeden Fall ein Lächeln aufs Gesicht.

4. Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Einen dunkelblauen ultraweichen Alpakapulli, mein absoluter Liebling, schon ganz ausgefranst an den Ärmeln, ich versuche ihn gerade langsam – rausschleichend sozusagen – durch einen neuen zu ersetzen, das fällt mir schwer.

5. Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Wegwerfen eh nicht, ich würde es verschenken oder verkaufen. Aber es gibt nichts, was ich nicht weggeben würde. Sind doch nur Dinge.

6. Wonach duftest du gerne?
Ich bin immer ein großer Parfüm-Fan gewesen, bis ich meine Kinder bekam, da war mir das alles irgendwie zu aufdringlich. Auch beim Yoga stört mich das, und da ich jeden Tag übe, kommt Parfüm nur noch danach zum Einsatz. Aktuell: „Escentric Molecules molecule 01” – das riecht einfach zu gut. Meine Kinder lieben es übrigens.

7. Ein Lippenstift?
Da ich sehr helle Lippen habe, sehen angemalte Lippen, auch in der Nude-Variante, bei mir immer TOTAL angemalt aus. Knallrot darf er manchmal aber doch sein.

8. Ein Ort, der Zuhause ist?
Meine Yogamatte und natürlich unser Zuhause. Rom, auch wenn ich da schon lange nicht mehr war. Und mein absoluter Lieblingsort: ein ehemaliger Bauernhof in Marokko.

9. Und an welchen wilst du unbedingt noch reisen?
Nach Los Angeles und Japan.

10. Was gehört zu einem guten Abend?
Ein lauer Sommerabend auf dem Balkon (im Sommer) und ein Alster, Kamin und Yogitee (im Winter) – und meine Ruhe oder eine gute Serie.


11. Und zu einem guten Morgen?
Kein Wecker um 6.30 Uhr, gemeinsam wach werden (ohne von den Kindern geweckt zu werden) und einfach im Bett liegen bleiben. Und natürlich mein Matcha-Latte.

12. Ein Gefühl, das du magst?
Diesen vollkommen leeren, erfüllten Zustand in der Meditation. Und das Gefühl nach einer intensiven Yogapraxis.

13. Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mein rotes Stoffpüppchen.

Mein Abdeckstift. Ich litt in der Pubertät sehr unter meinen Pickeln, rannte natürlich zum Hautarzt, der mithilfe von bescheuerten Säuren meine Haut noch furchtbarer aussehen ließ. Zum Abdecken verschrieb er mir einen schwefelhaltigen Puder (zum Abdecken?!! Auf schuppiger, da geschälter Haut???). Der war drei Stufen dunkler als meine Haut und sah natürlich ganz, ganz schrecklich aus. Meine Kosmetikerin damals hat mir dann einfach einen Abdeckstift empfohlen. So einfach, aber es hat Wunder gewirkt und ich war happy!

Und jetzt? Meine Wärmflasche und meine Yogamatte. Und ja, ich fürchte, ich muss sagen: mein Computer bzw. Smartphone, eher aus einer Notwendigkeit heraus. Ist ja irgendwie oll, das als wichtigen Gegenstand zu bezeichnen.

14. Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Auf dem Land, am liebsten im Süden zu wohnen.

15. Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Sonne, Sand, Meer und frische Bettwäsche.

16. Schönste Sünde?
Marzipan, Marzipan, Marzipan – und das Eis von Tribeca Icecream, Gott sei Dank für uns nicht in Laufweite. Ach, und ich liebe Fünf-Uhr-Tee mit Gebäck.

17. Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Nicht wirklich neu, aber jetzt ist es erst richtig bei mir angekommen: Du bist alles, Du weißt alles, Du kannst alles (mal sehr knapp formuliert).

18. Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
Das hängt unmittelbar mit dem vorher gesagten zusammen. Angestoßen durch die Lehren und Philosophie des Yoga, über Eckhart Tolle („Eine neue Erde”, auch ein großartiges Buch!) bin ich über meine Heilpraktikerin zu tiefen Einsichten gekommen. Sehr tief, sehr umfassend, sehr beeindruckend – und viel Arbeit.

19. Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst? 
Und leider auch nie mehr kennenlernen werde: Schön, im Sinne von erleuchtet: B.K.S. Iyengar, der Guru des Iyengar-Yoga, das ich täglich praktiziere und ewig dankbar bin, dass ich es gefunden habe.

20. Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Mein Mann, meine zwei Töchter – natürlich. Die kleinen Lieben sind ganz klar die klitzekleinen Freuden im Alltag: Spekulatius in den Kaffee tunken, ein kaltes Radler nach einem anstrengenden heißen Tag, wenn man im Herbst endlich wieder den Ofen anmachen kann (seitdem freue ich mich auf den Berliner Winter!), gute Kunst, ein Lächeln von Fremden, Fan-Mails von meinen KundInnen oder eine Maniküre.

Danke fürs Ausfüllen der Liste, liebe Judith. Hier geht´s zu allen anderen Liebeslisten. Und hier zur Website von Fine.

Fotos: Oben links: Jessica Beau / ibelieveinsymmetry_ (übrigens ein ganz wunderschöner Account), das Portrait von Judith Springer hat Jules Villbrandt von herz.und.blut gemacht, alle anderen Fotos sind von Judith Springer / Fine.

ÜBER FEHLGEBURTEN SPRECHEN


Ob wir das Leben nur deswegen bewältigen können, weil wir versuchen, möglichst wenig daran zu denken, wie viel Schmerzen und Unglück in ihm existieren und wie oft zwischen Helligkeit und Dunkelheit nur Wimpernschläge liegen? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es uns besser ginge, wenn wir darüber sprächen, welche Dunkelheiten wir in unserem Leben kennengelernt haben und von welchen wir bei anderen wissen und ahnen. Wahrscheinlich könnte man das Leben schwer aushalten, würde man nicht immer wieder das tun, was verdrängen genannt wird. Doch nie darüber zu sprechen, macht auch einsam und mutet jenen, die ein Unglück erlitten haben, noch ein zweites zu – die Isolation.

 „Von allen befruchteten Eizellen kommt es nur in etwa 30 Prozent zu einer Lebendgeburt”, sagt die Kinderwunsch-Expertin Dr. Gülden Halis, geschäftsführende Ärztin im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin in einem Interview auf der neuen Website „Das Ende vom Anfang”. Es ist eine bestürzende Auskunft. Weil sie einen daran erinnert, wie viele Fehlgeburten es gibt. Was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum man über sie nur so selten und oft hilflos redet. Man hat keine Ahnung, wie man damit umgehen kann. Man weiß, dass das Reden kein Baby zurückbringen kann. Und ahnt, dass auch Trost oft daran erinnert, was untröstlich ist. 

Die Journalistin Julia Stelzner hat sich trotzdem dazu entschlossen, die Initiative „Das Ende vom Anfang” zu gründen. Weil die Stille oft noch viel trostloser ist. Diese Stille, die aus Hilflosigkeit, Weitermachenmüssen, Nicht-an-Schmerzen-erinnern-Wollen so tut, als wäre das Unglück erst gar nicht geschehen und es deswegen nicht an- und ausspricht. „Fehlgeburten sind hart. Vor allem, wenn man sich alleine damit vorkommt, weil man gefühlt nur von Baby-Partys und glücklichen Neumüttern umgeben ist, während man sich selbst wie ein Versager fühlt. Dabei haben es rein statistisch so viele Frauen erlebt”, sagt Julia Stelzner. Ihre Website möchte daran endlich etwas ändern. Auf „Das Ende vom Anfang” erzählen Frauen von ihren Fehlgeburten. Und davon, wie sie ihre Fehlgeburten überlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen und ihrer Traurigkeit, aber auch davon, was ihnen aus ihrem Tief wieder herausgeholfen hat. Ich lese darin und mir wird ganz kalt. Und ganz warm von ihrer Tapferkeit, von all dem zu erzählen – Leserinnen, denen dasselbe und doch ihr ganz eigenes Unglück passiert ist, zu sagen, dass sie nicht alleine sind, dass es andere Menschen gibt, die wissen, wie schwer das ist und dass man den Schmerz vielleicht nie wieder ganz los wird, aber irgendwann aushält. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Frauen über ihre Fehlgeburten sprechen. Geteiltes Leid ist tatsächlich so etwas wie halbes Leid und je mehr Frauen es am Ende sind, desto weniger ungewöhnlich oder gar ausgrenzend fühlt sich eine solche Erfahrung an”, sagt Julia Stelzner.

Weil mich ihre Seite so beeindruckt und mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, habe ich der Hebamme Kareen Dannhauer einige Fragen gestellt, die ich im Kopf hatte. Vielleicht interessieren euch ihre Antworten ja auch.

Fehlgeburten sind gar nicht so selten. Immer sind sie eine Katastrophe und ein großer Schock für die betroffenen Frauen. Die Zahlen darüber, wie häufig das passiert, variieren sehr stark. Woran liegt das?

Kareen Dannhauer: Eine konkrete Zahl ist hier gar nicht so einfach, wie man denken mag – in der Literatur gibt es tatsächlich unterschiedliche Angaben. Das liegt auch daran, dass Schwangerschaften heute schon so früh diagnostiziert werden, nicht selten von den Frauen selbst zu Hause, schon am Tag vor der erwarteten Regel. Viele Fehlgeburten sind ganz, ganz frühe Anlagestörungen, die man früher, vor der Ära der bildgebenden Verfahren, gar nicht als intakte Schwangerschaft diagnostiziert hat. Wenn man alle diese Schwangerschaften mitzählt, liegt die Quote bei etwa 15 Prozent aller angelegten Schwangerschaften, die nicht zur Geburt eines Babys führen. Schlägt allerdings das Herzchen in der 7. Schwangerschaftswoche, enden danach nur noch 3–4 Prozent mit einer Fehlgeburt. Eine andere Zahl: Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Frauen mit Kinderwunsch in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt erleben.

Trotzdem wird über dieses Thema nur selten geredet. Wie erklärst du dir das? 

Ich glaube, dass der Kinderwunsch immer ein sehr persönliches Thema ist, das uns alle mit existenziellen Themen konfrontiert, von Beginn an. Und es ist auch etwas sehr Privates. Frauen, die nicht sofort nach dem Absetzen der Pille schwanger werden, kennen das: Sie wollen nicht auf jeder Party die Phasen des Übens kommunizieren und ob es nun endlich geklappt hat. Druck macht man sich sowieso schon selbst, das braucht man dann nicht auch noch von außen. Und wenn es dann klappt mit dem Schwangerwerden, ist für viele Menschen die Idee zwangsläufig: „Ohhhh… und in neun Monaten haben wir dann unser Baby im Arm“. Dass die Natur manchmal knallhart und wenig romantisch Darwins Gesetzen folgt, ist uns in unserer kontrollierten Welt oft schlicht nicht mehr klar. Und dann wird uns diese Selbstverständlichkeit plötzlich genommen und damit ganz viel in Frage gestellt. Und wir sind sehr verletzlich. 

Wir leben heute ein ziemlich durchgeplantes Leben und jede Planänderung anderer Mächte erleben wir als Kontrollverlust und auch als Infragestellen unserer nach Perfektion strebenden Welt – manchmal auch unserer eigenen Selbstwahrnehmung. Schicksal ist in unserem Plan meist nicht enthalten. Und oft erleben Frauen ihre Fehlgeburt auch in einer Phase, in der die Schwangerschaft noch ein Geheimnis war. Beides gleichzeitig zu verkünden: „Ich war schwanger, aber jetzt übrigens nicht mehr” – das ist für viele Frauen auch keine Option. Aber, und das legen ja die 20 Prozent von oben nahe: Wenn man anfängt, darüber zu reden, stellt man fest: Ich bin nicht allein.

Was ist zu tun, wenn man eine Fehlgeburt hat – und was nicht?

Erst einmal muss man diese schreckliche Nachricht verdauen. Die meisten Fehlgeburten versammeln sich in der Gruppe der sogenannten „Missed Abortion“, die verhaltene Fehlgeburt. Es gibt also oft keinerlei Symptome, die die Frau von außen spürt – wie etwa Wehen oder Blutungen. Bei der zweiten oder dritten Vorsorgeuntersuchung wird dann einfach festgestellt, dass das Baby sich nicht weiter entwickelt hat und kein Herzschlag (mehr) zu sehen ist. Das kann und will man überhaupt gar nicht wahrhaben und glauben. Das Baby ist gegangen, einfach so? Eben war doch noch alles gut und man hat schon über Vornamen nachgedacht. Da braucht das Realisieren einfach Zeit, und es ist oft enorm hilfreich für die Frauen zu wissen, dass sie jetzt erst einmal gar nichts machen müssen. Außer irgendwie wieder Boden unter die Füße zu kriegen und sich in dieser dumpfen Taubheit alle Gefühle zu gestatten. Und dann in Ruhe sacken lassen, was jetzt die nächsten Schritte sein können. Ganz sicher muss man nicht mit dem Zettel, der einem dann in die Hand gedrückt wird, noch unter Schock stehend in die Klinik fahren, um sich dort wenige Stunden später auf dem OP-Tisch wiederzufinden.

Als Alternative zu einer Ausschabung gibt es auch die Möglichkeit, eine natürliche „Kleine Geburt” in Erwägung zu ziehen. Was genau ist das und was spricht für diesen Umgang mit einer Fehlgeburt?

Im Prinzip kann man sagen, dass es in fast allen europäischen Ländern mit einer qualitativ guten medizinischen Betreuung die absolute Regel und nicht die Ausnahme ist, dass Frauen eben keine Ausschabung bekommen. Ich bin mir sehr sicher, dass sich auch hierzulande in den nächsten Jahren einiges tun wird, dazu sind die Zahlen einfach auch klar genug. Immerhin 98 Prozent aller Frauen brauchen keine sogenannte Curettage. Der Vorteil ist ganz klar der, dass die Gebärmutter keinem Verletzungsrisiko ausgesetzt wird. Selbst bei einer Saug-Curettage werden die Ecken der Gebärmutter noch mit einem kleinen Löffel nachcurettiert. Das ist nicht schlimm, aber grundsätzlich meist schlicht unnötig. Es ist natürlich Quatsch, davon auszugehen, dass Frauen prinzipiell einen Arzt brauchen für einen häufigen, irgendwie dann doch natürlichen Prozess, mal evolutionsbiologisch betrachtet.

Alternativ kann man auch ganz banal: Warten, eventuell unterstützt durch verschiedene naturheilkundliche Maßnahmen. Das dauert oft, eher Wochen als Tage, aber dann löst der Körper das von allein. Für viele Frauen ist das lange Warten schwierig, es geht aber prinzipiell. Viel häufiger, und das ist das übliche Vorgehen etwa in den Benelux-Ländern, der Schweiz oder Skandinavien, ist eine medikamentöse Ausleitung der Fehlgeburt. Dafür wird das Medikament Minoproston (etwa Cytotec®) vaginal oder oral gegeben. Über 95 Prozent aller Frauen haben dann innerhalb von 48 Stunden eine spontane und vollständige Fehlgeburt, es beginnen also Wehen und Blutungen. Das geht bei guter Betreuung ganz wunderbar zu Hause, man muss nicht einmal ins Krankenhaus dazu.

Wie ging es den Frauen, die du in diesem schwierigen Moment begleitet hast?

Ausnahmslos alle Frauen, die ich mit Fehlgeburten betreut habe, waren unglaublich dankbar, diesen schlimmen Verlust zumindest autark und gut begleitet zu durchleben. Das Prozesshafte lässt auch die Seele irgendwie mitgehen. Es ist nicht: Narkose, Aufwachen, Baby weg, Gebärmutter leer. Es bleibt viel mehr Raum für Trauer, Abschied und all das, was dazu gehört. Und das wichtige Gefühl: Auch das kann mein Körper irgendwie, und er kann es weitgehend alleine.

Leider wird vielen Frauen von dieser Alternative gar nicht oder nur unter ferner liefen erzählt, weil noch nicht viele Gynäkologen Erfahrungen damit haben. Die „Machen-wir-schon-immer-so-Curettage” ist leider immer noch die Regel. Vielen Frauen ist tatsächlich nicht klar, dass dieser Weg nicht zwangsläufig ist und sie die Zeit haben, in Ruhe zu entscheiden.

Wie kann man sich überhaupt unterstützen lassen?

Viele Frauen sind auch so allein, weil es wenig Betreuungsstruktur gibt. Beim Gynäkologen geht es schnell um die fachlich-sachlichen Dinge der medizinischen Umgehensweisen. Wer ist also zuständig? Eine Antwort, die Frauen oft gar nicht auf dem Zettel haben: Wir Hebammen. Ruf eine an, gleich und sofort. Nicht alle Kolleginnen betreuen Frauen mit frühen Fehlgeburten, aber mehr und mehr. In diesem Umfeld mit persönlicher Betreuung kann eine Fehlgeburt das sein, was es ist: eine intensive und bleibende biographische Erfahrung, der eine gute Begleitung, medizinisch und menschlich, gebührt.

Viele Frauen, die eine Fehlgeburt haben, suchen hinterher nach Gründen bei sich selbst oder fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben...

Ja, natürlich, so sind wir gestrickt. Menschen brauchen Erklärungen, und am liebsten Ursache-Wirkungsbeziehungen. Es ist einfach so unerklärlich, warum bloß? Eben war doch noch alles gut! Aber genau so ist das manchmal. Es gibt keine Erklärung auf dieser Ebene, außer: Das kommt eben vor. Es sollte einfach irgendwie nicht sein. Es ist wichtig, auch das als Teil des Gesunden und Normalen, aber eben nicht Perfekten – denn so ist unser Leben nicht – zu akzeptieren. Es lag nicht an dem Glas Cremant, das du getrunken hast, bevor du überhaupt wusstest, dass du schwanger warst. Es lag nicht am anstrengenden IKEA-Besuch oder am Streit mit deinem Mann. Jetzt zum Fertilitätsspezialisten oder Humangenetiker zu rennen, bringt ebenfalls gar nichts, außer, dass wir mit Aktionismus unserer Verzweiflung zu begegnen versuchen.

Was kann deiner Erfahrung nach denn helfen, wenn sich alles nur noch leer und traurig anfühlt? Was gibst du den Frauen mit auf den Weg?

Diese Leere ist wichtig, denn sie ist real. Das Baby ist gegangen, und auch das war real. Und nichts scheint an dessen Stelle zu treten. Es gab einen errechneten Entbindungstermin, dazu passend die Vorstellung, mit dem Kinderwagen durch den Park zu spazieren und ganz versonnen winzige Babysöckchen anzugucken. Mutter oder Nicht-Mutter – da gibt es ja auch kein Dazwischen. Von jetzt auf gleich wird man wieder zurückkatapultiert. Das braucht alles Zeit, Erholung, Trauer in all ihren Phasen, mit Aufs und Abs. Und durch die muss man auch durch, eine wirkliche Abkürzung gibt es da leider nicht.

Betroffen sind in dieser Situation auch die Väter. Wie trauern sie? 

Auch das ist sicher so individuell wie alles. Aber anders als in meinen Wochenbettbetreuungen sind Männer viel weniger Teil dieses Prozesses – und auch viel weniger anwesend. Die müssen am nächsten Tag ja auch gleich wieder arbeiten. Dazu kommt der körperliche Unterschied. Väter konnten das Schwangersein und das Baby selbst noch nicht spüren – und so war das Baby möglicherweise noch eine viel theoretischere Idee, als es für die Frauen der Fall war. Manchmal fällt es ihnen deshalb leichter, sich im Alltag wieder zu orientieren. Manchmal trägt diese unterschiedliche Art von Trauer zum Sich-Unverstanden-Gefühl einiger Frauen bei. Aber natürlich gibt es auch Männer, die am Boden zerstört sind und über Tage gar nicht aufhören können zu weinen.

Wie kann man Freundinnen unterstützen, die eine Fehlgeburt hatten? Gibt es richtige (oder falsche) Worte?

Das ist für alle Beteiligten schwierig. Für richtige oder unrichtige Worte gibt es vor allem sehr unterschiedlich begabte Menschen. „Ach, beim nächsten Mal klappt es bestimmt” oder „Es war ja noch gar kein richtiges Baby” wird hoffentlich kein halbwegs fühlender Mensch aussprechen. Aber auch mit einem selbst macht es ja was, wenn die Freundin eine Fehlgeburt hat. Erstens trauere ich mit. Zweitens habe ich auch meine eigene Geschichte, wie auch immer die aussieht. Und drittens ist das Schwangersein in gewissen Lebensspannen verortet, die manchmal gleichzeitig stattfinden. Da wollte man gerade verkünden, dass man schwanger ist und die beste Freundin hat eine Fehlgeburt. Und nun? Darf ich mich über mein Baby rückhaltlos freuen? Darf ich ihr zumuten, dass sie sich mit mir freuen soll? Viele betroffene Frauen können das nicht gut und brauchen erst einmal Rückzug. Plötzlich schlägt einem mit voller Wucht entgegen, dass „alle ein Baby kriegen, nur man selbst nicht“. Man sieht überall dicke Bäuche und Kinderwägen. Das ist schrecklich. Es hilft betroffenen Frauen sicher, wenn dieser Rückzug akzeptiert wird und mit empathischem Dasein beantwortet wird.

Wie schnell darf oder kann man deiner Erfahrung nach wieder schwanger werden?

Der Körper ist klug und regelt das im Prinzip von selbst. Neuere Studien sagen, dass es keine Vorteile hat, eine willkürliche Zeit, etwa drei Monate – dieser Zeitraum geistert manchmal noch umher – mit einer neuen Schwangerschaft zu warten. Dazu haben die Paare meistens ein klares Gefühl von Vorstellbarkeit. Einige Frauen brauchen Zeit für die Verarbeitung, andere weniger. Und einige Gebärmütter warten nur auf die nächste Gelegenheit – andere brauchen offenbar länger. Auch das Alter spielt sicher eine Rolle: Eine bislang kinderlose 38-Jährige wird möglicherweise nicht ein halbes Jahr lang diverse Eisprünge verpassen wollen, da tickt die Uhr manchmal ein bisschen lauter.

Und wie stehen die Chancen, nach einer Fehlgeburt eine ganz normale Schwangerschaft zu erleben?

Gut. Ganz und gar gut. Bei allem, was es an persönlicher Tragödie für eine Frau bedeutet, ein Baby zu verlieren, ist es einfach auch Teil des natürlichen Prozesses. Dass es eben manchmal nicht klappt, scheint zu unserer Fruchtbarkeitsbiografie im Leben als Frau mit dem Kinderkriegen irgendwie auch dazuzugehören. 


Kareen Dannhauer ist seit über 20 Jahren Hebamme und arbeitet als freiberufliche Hebamme in Berlin. Ihr Schwangerschafts-Ratgeber „Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby” ist gerade im Kösel-Verlag erschienen.

Julia Stelzner schreibt als freie Mode- und Reisejournalistin zum Beispiel für die FAZ, die ZEIT, Harper´s Bazaar oder Elle. Im September ist ihr neues Buch „Wie wir kochen: Die besten Foodblogs und ihre leckersten Rezepte” bei Prestel erschienen. Sie lebt in Berlin.

Die Website „Das Ende vom Anfang” ist hier zu finden. Wer gerne seine Geschichte erzählen möchte (oder darüber nachdenkt und sich gerne austauschen würde) erreicht Julia unter unter der Email: hallo(at)dasendevomanfang(dot)de.

NEU IM NETZ: WUNDERSCHÖNE KERAMIK VON MOTEL A MIO

Irgendwann war da diese Email in meinem Postfach. Eine Einladung zum Pop-up-Sale von Motel a Mio. Schöne Keramik, dachte ich, und ging hin – eigentlich nur, um einmal kurz zu gucken. Woraus ein sehr langer Nachmittag wurde. Gefolgt von einem zweiten und schließlich dritten Besuch im temporären Laden der beiden Münchnerinnen Anna von Hellberg und Laura Castien. Seit diesem Wochenende wohnen roséfarbene Schüsselchen, schwarze Teller und zwei große hellgraue Obst-Schüsseln in unserer Küche. Und so kopflos die Motel a Mio-Liebe auch gewesen sein mag: Bereut habe ich meinen Rieseneinkauf nie. Ich freue mich einfach so über Dinge, die den Alltag ein bisschen schöner, besonderer, feierlicher machen. Wie meine beiden Lieblingskaffeebecher, die ich damals auch gekauft habe. Sie sind groß und schwer und haben besonders breite Griffe. Der eine hat oben rechts eine kleine Delle, der andere nicht. Morgens im Sonnenlicht sehen sie Knallorangerot aus, abends eher Rostrot. Bloß zwei Kaffeebecher und doch freue ich mich jeden Tag über sie. Und weil es seit heute endlich einen Onlineshop gibt, Motel a Mio diese Woche auch wieder zu Besuch in Berlin ist und ich gerne wissen wollte, wer die Frauen hinter dieser so wunderschönen Keramik sind, habe ich den beiden 35-jährigen Macherinnen Anna und Laura ein paar Fragen gestellt. Vielleicht geht es euch ja wie mir und es ist Liebe auf den ersten Blick. 

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Motel a Mio zu gründen? 

Anna von Hellberg und Laura Castien: Tatsächlich war es entweder Zufall oder Schicksal. Wir waren mit unseren Familien in Portugal im Urlaub. Da uns nicht nur unsere Freundschaft, sondern auch die Liebe zu gutem Essen verbindet, sind wir immer auf der Suche nach tollen Restaurants. So saßen wir dann in dieser coolen kleinen Strandbar vor köstlichem Essen, das auf wunderschönen Tellern serviert wurde. Und da war es um uns geschehen. Wir haben uns gleich am nächsten Tag auf die Suche nach dem Hersteller gemacht und ganz spontan ein bisschen was eingepackt. Dann ging es zurück nach München. Dort haben wir unseren ersten Pop-up-Sale im Glockenbachviertel veranstaltet – gleich nach dem ersten Tag war alles ausverkauft! Das war wirklich unglaublich. Wir waren so begeistert, dass wir wieder nach Portugal geflogen sind und mehr Teile gekauft haben. So kam das eine zum anderen.

Betreibt ihr Motel a Mio jetzt hauptberuflich?
Im Moment arbeiten wir beide noch nebenher. Anna arbeitet als Art-Direktorin bei Triumph und ist Mutter von einer Tochter, Laura arbeitet als freie Grafik-Designerin und Illustratorin und ist Mutter von zwei Töchtern. Unser Plan ist es aber, uns bis Ende des Jahres voll auf Motel a Mio zu konzentrieren. Wir sind jetzt langsam an einem Punkt, an dem man sich entscheiden muss – entweder ganz oder gar nicht.

Habt ihr am Anfang lange überlegt oder war das eher eine Bauchentscheidung? Und musstet ihr etwas aufgeben dafür?
Es war eine absolute Bauchentscheidung! Viel mussten wir nicht aufgeben – irgendwie ist man in unserem Alter doch oft an einem Punkt, an dem man sich denkt „What’s next“? Wir können diese Frage jetzt für uns mit „Motel a Mio“ beantworten, das ist ein echtes Geschenk!

Hattet ihr vorher schon Erfahrungen mit Geschirr oder im Unternehmerinnensein? 
Wir lieben gutes Essen, und da isst das Auge ja bekanntlich mit, insofern haben wir uns schon immer für all die schönen Dinge rund um den Esstisch interessiert. Beruflich haben wir uns vorher allerdings nicht mit Keramik befasst. Der Einstieg ins Unternehmersein wurde uns auf dem Keramik- statt Silberteller serviert, als wir uns beim Mittagessen am Strand in die portugiesischen Tellerchen und Schälchen verliebt haben. Das war unser Aha-Moment.

Was für Geschirr verkauft ihr genau? 
Wir verkaufen Steinware, die in Portugal gefertigt und handbemalt wird. Dadurch entstehen echte Einzelstücke und kein Teil gleicht dem anderen. Auch die Möglichkeiten, was Farben und Formen betrifft, sind so quasi unbegrenzt. Unser Angebot reicht von Mini-Schälchen über Teller, Tassen und Bowls bis hin zu großen Servierschalen, Karaffen und Kännchen. Unsere erste eigene Linie „Areia“ ist in vier verschiedenen Farben erhältlich. Zur Auswahl stehen ein pastelliges Mint, lebhaftes Azur-Blau, ein volles Dunkelgrün namens Teal und unser hübsches Pink. Ganz eigene Designs in völlig neuen Formen kommen im November und Dezember dazu – darunter auch Home-Accessoires wie Vasen und Lampen.


Wer sind eure Produzenten? 
Unsere Produzenten sind kleine, teils familiengeführte Unternehmen in der Nähe von Lissabon. Portugal hat eine sehr starke Keramik-Tradition – man denke alleine an all die wunderschönen Kacheln und Fliesen, die sich an so vielen portugiesischen Gebäuden wiederfinden. Es gibt sogar eine eigene Keramik-Route, die besonders schöne Arbeiten in verschiedenen Städten aufzeigt. Unser Eindruck ist, dass das Keramikgewerbe dort auch heute noch (oder: wieder) floriert, das Interesse an individuellem Geschirr und Home-Accessoires steigt ja immer mehr.



Sind eure Entwürfe dann auch traditionell?
Unsere Entwürfe sind eher modern, aber wir lassen uns immer gerne von unseren Produzenten und den Designern vor Ort beraten. Eines haben wir dabei auf jeden Fall schon gelernt: Zwischen dem, was man sich auf dem Papier vorstellt und der tatsächlichen Herstellung von Keramik liegen oft Welten, vor allem was Farben und Farbmischungen betrifft. Der Brennprozess und die Reaktion von Rohmaterial und Glasur sind nicht immer berechenbar. Daher dauert es auch seine Zeit, bis wir uns für eine perfekte Farbe oder ein perfektes Design entschieden haben… 

Bislang habt ihr Pop-up-Stores in verschiedenen deutschen Großstädten gemacht. Wieso habt ihr euch für dieses Konzept entschieden? 
Das Konzept der Pop-up-Sales ist aus unserer Anfangs-Historie entstanden. Wir haben uns einfach herangetastet und für uns entschieden, dass es momentan das Richtige ist. So haben wir die Möglichkeit, in verschiedenen Städten zu sein, coole Locations auszuprobieren und müssen uns nicht auf einen Ort festlegen. Für uns sind diese Sales fast eine Art Roadshow: Wir zeigen den Leuten wer wir sind, wie wir ticken und was wir im Angebot haben. Im Gegenzug haben wir so auch die Möglichkeit, die Leute kennenzulernen, die wir mit unserer Begeisterung für schöne Keramik aus Portugal anstecken konnten. Und viele glückliche Gesichter zu sehen – das lieben wir besonders. 

Bleibt es künftig dabei oder habt ihr noch andere Pläne? 
Zusätzlich zu den Pop-up-Sales gibt es einen Onlineshop – darauf freuen wir uns schon riesig! Ab heute gibt es dort unsere eigenen Kreationen zu erstehen, bequem von zu Hause aus. Und vom 22. – 24. September machen wir wieder einen Sale in Berlin. Köln soll übrigens unser nächster Stopp werden – falls jemand einen Location-Tipp hat: immer her damit!

Wie kommt ihr auf die Formen und vor allem Farben eurer Keramik? Ich habe solche Farben vorher noch nie gesehen…
Da spielt das besondere portugiesische Keramikhandwerk eine große Rolle – wir waren auch von Anfang an von den wunderschönen Farbverläufen fasziniert. Die handwerklichen Techniken unserer Produzenten machen so schöne Glasuren möglich und geben uns natürlich perfekte Voraussetzungen, unsere Ideen umzusetzen. 

Welche Stücke stehen gerade auf eurem Küchentisch?

Unser derzeitiger Liebling ist unsere „Areia“ Kollektion – wir kombinieren wahnsinnig gerne die verschiedenen Farbtöne miteinander. So entstehen tolle, individuelle Tischsets, auf die wir wirklich stolz sind. Aber es ist schwierig, sich da dauerhaft festzulegen. Gerade wenn wir wieder neue Kreationen geliefert bekommen, tauschen wir gerne auch mal aus. Will ja alles getestet und für gut befunden sein.

Den Onlineshop von Motel a Mio findet ihr hier. Der nächste Pop-up-Store eröffnet von Freitag bis Sonntag (täglich von 11-19 Uhr, sonntag von 11-16 Uhr) in Berlin, Kastanienallee 19.

EINE LIEBESLISTE MIT AUTORIN MIRIAM STEIN



Miriam Stein hat ein irrwitziges und irrwitzig gutes Buch über ihr eigenes Leben geschrieben. Und während ihr Text voran tanzt (sie schreibt schnell, umweglos, in lauter präzise gesetzten Schritten), auch über unser aller Leben im 21. Jahrhundert. Es geht um Angst. Zuerst um die für sie plötzlich einsetzenden Angstattacken ihrer Mutter, die bald zu einer Dauerangst werden, vor allem möglichen. Darum, wie das eine Kindheit, eine Jugend und ein Erwachsensein bedrängt, aus den alten Schienen hebt und in neue zwängt. Dann darum, wie sie zur Einzelgängerin, zum tough cookie wird. Darum, wie sie sich durchschlägt, abhaut, sich fängt, ankommt. Und darum, wie sie die Angst zu erforschen beginnt, merkt, dass sie überall rumort, auch hinter dem Lächeln all der Leute, die versichern, alles sei gut. „Das Fürchten verlernen – 7 Mutproben, die alles verändern” (Suhrkamp) ist vieles: beklemmend, verstörend, tief, lakonisch, nah an der Zeit, und immer wieder auch witzig, auf eine schwarze Art, eines aber ist es nie: selbstmitleidig. Ich finde, man sollte dieses Buch unbedingt lesen. Schon um diese tolle Frau kennenzulernen, die bei Harper´s Bazaar als Features Director arbeitet. Hier ist ihre Liebesliste.

1) Ein Buch, das dir viel bedeutet?
„Der bessere Teil der Welt” von Jennifer Egan. Das beste, schlaueste und mutigste Buch der letzten Jahre. Ein Kapitel besteht aus einer Powerpoint-Präsentation, die einen beim Lesen zum Heulen bringt – Powerpoint, nicht gerade ein gefühliges Programm. Ich lese immer wieder rein, wenn ich selbst keinen geraden Satz mehr schreiben kann. Mit Jennifer Egan im Ohr geht es immer sofort besser. 

2) Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
„The Royal Tenenbaums”, „Lost in Translation” und „Her”. Als „The Royal Tenenbaums” in die Kinos kam, wollte ich selbst noch Filmemacherin werden. Ich sah den Film und schrieb daraufhin ein Drehbuch. Es wurde nie verfilmt, aber es war das erste langformatige Stück, das ich fertig geschrieben habe. „Lost in Translation” hat mich abgeholt, obwohl ich erst Jahre später nach Tokio gereist bin, saß ich damals mit Charlotte (Scarlett Johansson) am Fenster und starrte voller Heimweh auf die Metropole im Dunkeln. „Her” – ein Mann verliebt sich in ein Betriebssystem, das wiederum nach dem Sinn der Existenz sucht – das klingt so verkopft und ist als Film lustig und rührend und absolut einzigartig. Mit High-Waist-Hosen von Opening Ceremony. 

3) Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Disco 2000” von Pulp: „Let’s all meet up in the year 2000. Won´t it be strange when we are all fully grown.“

4) Was ist deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Ein gepunktetes Kleid von Zara. Ein sehr dankbares, pflegeleichtes Knock-Off aus der ersten Slimane-Saint-Laurent-Kollektion – mit Pussy Bow und so. War ein Frustkauf in der Mall am Potsdamer Platz in der Launch-Phase von Harper’s Bazaar. Man kann es in der Waschmaschine bei 40 Grad waschen. Und es dann sofort wieder anziehen, denn es passt immer. 

5) Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Ein Cocktailkleid von Donna Karan, Jahrgang 1998. Damals habe ich als Fotoassistentin in der Werbung 250 Mark am Tag verdient. Durchschnittlich war ich 20 Tage im Monat durchgebucht, also: Do the math. Ich dachte, ich wäre reich und habe mir das Kleid im Apropros-Conceptstore in Köln für 2200 Mark geleistet und hatte selbst eben nicht durchgerechnet, dass so ein Kleid doch ziemlich weit über meinen finanziellen Möglichkeiten lag. Monatelang war ich pleite, heute passe ich nicht mehr so gut rein wie mit 21. Ich liebe es trotzdem. Es ist nude, aus zwei Lagen Seidenchiffon, Single-Shoulder. Ein Traum. Und ein Grund, Spanx zu kaufen… 

6) Wonach duftest du gerne?

7) Ein Lippenstift?

8) Ein Ort, der Zuhause ist?
Meine neue Wohnung im Lokdepot in Berlin und Porto Colom, Mallorca.

9) Und an welchen willst du unbedingt noch reisen?
Tahiti, weil Südsee...

10) Was gehört zu einem guten Abend?
Ein paar gute Freunde, Pinot Noir, idealerweise eine laue Sommernacht.



11) Und zu einem guten Morgen?
Kein Termin, keine Schule, kein Wecker.

12) Ein Gefühl, das du magst?
Geschafft!

13) Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mein Stoffschaf. Es ist so alt wie ich und gehört heute meinem Sohn. Das Album „Siamese Dream“ von Smashing Pumpkins. Mein iPad (sorry, unromantisch, aber verdammt praktisch!).

14) Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Dass am Ende alles gut wird. Es wurde immer. Es wird immer. Warum sollte sich das ändern? (Oder?!)

15) Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Warme, schmeichelnde Sonne, die Haut von meinem Sohn und meinem Freund. 

16) Schönste Sünde?
Keinen Sport machen. Ich bin unsportlich, ich bin die schlechteste Yogaista in ganz Berlin. Es macht mir keinen Spaß, also lasse ich es, lese lieber und verzichte auf getonte Bauchmuskeln (man muss nicht jeden Trend mitmachen, oder?).

17) Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Gut sind: Nachbarn mit Kindern im gleichen Alter, die alle netten Seiten von Super-Mitbewohnern haben und trotzdem ihren eigenen Kühlschrank, ihr eigenes Klo und ihr eigenes Mietkonto haben. So will ich leben: Gemeinsam, aber so separat, dass man sich nicht über Dinge streiten muss, die das süße WG-Leben einst so anstrengend gemacht haben. 

18) Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
Richtig gute Freundschaften bleiben auch dann gut, wenn man sich nur zweimal im Jahr sieht, obwohl man in der gleichen Stadt wohnt. Freundinnen-Zeit bedeutet Quality- nicht Quantitytime. 

19) Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst?

20) Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Mann und Sohn.

Miriam Stein: „Das Fürchten verlernen – 7 Mutproben, die alles verändern”, 270 Seiten, Suhrkamp, 14,95 Euro. Ihre Homepage ist hier zu finden.
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20 DINGE, DIE ICH ÜBER MODE GELERNT HABE –
EIN GASTBEITRAG VON MARLENE SØRENSEN


Ich weiß noch, was ich dachte, als ich Marlene im Büro zum allerersten Mal gesehen habe. Wow, ist die lässig. Und es stimmte. In den Jahren, die wir zusammen als Volontärinnen bei Amica und später als Freunde verbrachten, habe ich es immer wieder gedacht. Und damit meine ich nicht nur ihren Charakter (der noch so vieles mehr ist als lässig, aber eben auch sehr lässig), sondern ihren Stil. Ich mag Mode auch, sehr sogar, aber nicht so wie sie. Marlene liebt Mode. Sie weiß unendlich viel über Mode. Sie versteht Mode (und was sie aus Menschen machen kann). Sie kann sich verwandeln, in alle möglichen Frauen, und weiß doch immer, wer sie ist. Ich wünschte, ich hätte nur einen Bruchteil ihrer Mühelosigkeit und Selbstverständlichkeit. Deswegen habe ich mich auch rauf und runter gefreut, als sie mir erzählte, dass sie ein Buch schreibt. Marlene kann nämlich nicht nur Mode, sie kann auch schreiben. Smart, unglaublich witzig, mit großer Wärme und, mir fällt kein besseres Wort dafür ein, unverschwurbelt. Wahrscheinlich habt ihr euch „Stilvoll” längst bestellt, aber falls nicht: macht es. Von all den Modebüchern, die ich besitze (und das sind einige) ist es mir mit großem Abstand das liebste. Marlene hat es nämlich nicht nur geschrieben und irrsinnig tolle Frauen getroffen, um mit ihnen über ihren Stil zu sprechen (und darüber, wie sie ihn gefunden haben), sie hat auch alle Bilder gemacht. Und bevor ich jetzt noch länger schwärme, lest doch einfach mal selbst...




20 DINGE, DIE ICH ÜBER MODE GELERNT HABE – von Marlene Sørensen

1. Es braucht gute Schuhe.

2. Richtig gute Schuhe. Es gibt einen Grund, warum Türsteher, Personalchefs und auch beste Freundinnen zuerst nach unten gucken. Schuhe entscheiden sofort darüber, wie man dasteht. Nebenbei sind sie der einfachste Weg, ein zufälliges Outfit absichtlich wirken zu lassen. An Tagen, an denen mir mein Kleiderschrank uninspiriert vorkommt – warum so viel Schwarz? Waruuuuum? –, fange ich den Look von den Füßen aufwärts an. Das erleichtert die Schritte bis zum vollständigen Outfit. 

3. Man kann sich so ernsthaft mit Mode beschäftigen, um auf Ratschläge wie „Fangen Sie Ihr Outfit von den Füßen aufwärts an“ zu kommen. Wichtiger ist, sie mit Humor zu nehmen. (Der Ratschlag ist allerdings ernst gemeint.) 

4. Ich finde es zum Beispiel ziemlich unterhaltsam, dass ich dachte, ich sei eine Frau, die Schluppenblusen trägt. Und Culottes. Und Fellwesten. Nicht, dass an diesen Teilen etwas kategorisch falsch wäre. Sie sind nur nicht das Richtige für mich. 

5. Aber ich mag, dass ich mir vorgestellt habe, ich könnte diese Frau sein. Die wagemutiger ist als ich. Experimentierfreudiger. Bunter. Die ausprobiert, ob ein seidenes Halstuch sie zu einer Parisienne macht, nur um dann festzustellen, dass sie bloß aussieht wie eine Flugbegleiterin der AirFrance. Persönlicher Stil entsteht ebenso sehr aus all den Teilen, die man nicht hätte kaufen sollen, wie aus denen, die man kauft. 

6. Die besten Käufe sind die, die man auch in fünf Jahren noch tragen möchte. Und es kann, weil sie eine Qualität haben, die mehr als drei Waschgänge aushält. Es muss nicht teuer sein, gut auszusehen. Aber es muss klar sein, dass bei einem T-Shirt für drei Euro jemand anderer draufzahlt. 

7. Nicht zu rechtfertigen ist hingegen auch, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, seine Zusatzrentenversicherung für ein paar Monate auszusetzen, um sich stattdessen eine Handtasche zu leisten. 

8. Es sei denn, die Handtasche ist wirklich schön. 

9. Ein Witz!

10. Vielleicht.

11. Man kann den Mann fragen, die gnadenloseste Freundin, die Verkäuferin im Laden, die ehrlichste Antwort bekommt man, wenn man ein Foto von sich (in der Umkleide) macht. Nicht, um es auf Instagram zu stellen. Obwohl man natürlich auch das machen kann. Sondern weil Bilder nie lügen. 

12. Top-3-Lügen, die ich mir nicht mehr abkaufen sollte. 1. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft 50 Prozent des Kofferinhaltes vor jedem Urlaub. 2. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft 50 Prozent aller Urlaubskäufe. 3. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft alle Käufe, bei denen ich etwas gekauft haben, um etwas zu kaufen.

13. Roter Lippenstift ersetzt circa die Hälfte der Mühe, die man sich sonst mit einem Outfit geben müsste. 

14. Ein anderer mag in meinem Trenchcoat nur einen beigen Mantel sehen. Ich weiß dagegen, dass er mich nicht nur vor schlechtem Wetter beschützt, sondern auch vor miesen Tagen, modischen Krisen und beim Termin mit dem Steuerberater. Der hat zwar letztens nicht gelacht, als ich ihm vorschlug, den Trench als Arbeitskleidung abzusetzen. Der Mantel ist aber sogar noch mehr als das: Rüstung, Mutmacher, Kraftgeber. Mode muss am Ende nicht viel mehr können, als dass man sich darin schön, stolz und nicht verkleidet fühlt.  

15. Es gibt kein erhebenderes Gefühl, als die perfekte Jeans zu finden.

16. Bis man die nächste perfekte Jeans sucht. 

17. Bei Schnitt, Sitz und Passform gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Deshalb nicht verzweifeln, wenn die Beine der eigentlich perfekten Jeans zu lang sind, sondern einen vernünftigen Schneider finden. 

18. Man wird vermutlich nie denken, dass man die perfekte Garderobe besitzt. Aber es geht auch gar nicht um Vollständigkeit, sondern um Vergnügen.  

19. Sag niemals nie. Außer zu Steghosen. 

20. Noch mal zu den Schuhen. Es sollte mindestens ein Paar darunter sein, das man nur an ein paar Tagen im Jahr trägt. Diese Tage sind genauso wichtig wie die übrigen 363 im Jahr und die Samt-Sandaletten mit 12-Zentimeter-Absatz so fundamental nötig, wie die gut eingelaufenen Chucks, in denen man jeden Morgen zur Kita stiefelt. 

„Stilvoll” ist bei Callwey erschienen – und zwar mit drei verschiedenen Coverversionen. Alle Fotos von Marlene Sørensen aus „Stilvoll” (von oben nach unten): Alex Eagle, Joy Denalane, Franziska Steinle, Michaela Aue, Claudia Zakrocki und Lisa Marie Dahlke. Marlenes Blog „Spruced” ist hier zu finden.





EINE LIEBESLISTE MIT DER REGISSEURIN BIRTHE TEMPLIN










Heute gibt es eine neue Liebesliste. Ausgefüllt hat sie Birthe Templin – Regisseurin, Autorin und Mutter von zwei Jungs. Wenn ich Birthe beschreiben sollte, fallen mir nur Wörter ein, die nicht im Duden stehen. Etwa dass sie eine Mitreißerin ist, weil man in ihrer Gegenwart sofort weniger verzagt ist. Oder: dass sie lebenswarm ist, eine, die keine Angst davor hat, dem Leben zu zeigen, dass sie es mag. Oder dass sie weltwach ist.

Das merkt man auch ihren Filmen an. „The Sunshine you give” zum Beispiel über den Sänger Bobby Hebb und seinen Song „Sunny”. Oder „Was bleibt”, ein Dokumentarfilm, der davon erzählt, wie die Familien von Opfern und Tätern sich mit dem Holocaust auseinandersetzen. Birthe ist auch nach Argentinien gereist, um dort Herrn F. zu treffen, einen Nazi und Offizier der Waffen-SS, der sich nach dem zweiten Weltkrieg abgesetzt hat und seither in Südamerika ein unbehelligtes Leben führt. „Offenes Geheimnis” befindet sich gerade in der Postproduktion.

Ein bisschen mehr Welt hat Birthe dieses Jahr auch auf einer Reise entdeckt: Von Ende März bis Ende August ist sie mit ihrem Mann, ihren beiden Söhnen und einem Bulli durch Europa gefahren – von Sizilien bis hoch nach Norwegen. Hier zeigt sie ein paar Bilder dieser Reise und erzählt von den Dingen, die ihr wichtig sind.

1) Ein Buch, das dir viel bedeutet?
Ein Notizbuch von meiner Oma, in das sie ihre Gedanken, Einkaufslisten und was auch immer eingetragen hat.

2) Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
„Cinema Paradiso” von Giuseppe Tornatore. So etwas Schönes. Wenn ich nur den Auftakt der Musik von Morricone höre, fange ich aus Prinzip schon an zu heulen. Der Film spielt in einem kleinen Fischerdorf auf Sizilien Mitte der 50er-Jahre und erzählt von dem Verhältnis des Kinobetreibers Alfredo zu dem kleinen Jungen Toto, der im Film erwachsen wird. Aber wie er davon erzählt. Es ist eine Ode an das Leben, mit all seinen Facetten. Und eine Zelebration des Kinos. Für mich einer der größten Filme überhaupt.

3) Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„First Day of my Life” von Bright Eyes.

4) Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Eine Strickjacke von Wolfen. Eine schwarze Second Skin von Cheap Monday. Die Jeans sitzt wie ´ne Eins, die Farbe hält sich aber leider nicht so, wie ich es gerne hätte. Macht nichts, ich färbe sie einfach alle zwei Monate nach.

5) Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst? 
Meine geliebten Vintage-Stiefel. Ich trug sie durch meine gesamte erste Schwangerschaft und auch in dem Moment, als einen Monat vor Geburtstermin unverhofft die Fruchtblase platzte. Wir waren unterwegs zum Flohmarkt. Die Stiefel füllten sich, langsam aber sicher, und platschend stand ich zwei Stunden später an der Rezeption der Anthro-Klinik. Warum ich sie auf dem Weg nicht ausgezogen habe, ist mir immer noch ein Rätsel, die Krankenschwester jedenfalls tat so, als sei es das Normalste von der Welt. Heute liegen die seitdem getauften Fruchtwasser-Boots gut verpackt im Keller. Ich werde sie bestimmt nicht wieder anziehen, wegwerfen aber auch nicht.

6) Wonach duftest du gerne? 
Nach „Coco” von Chanel. Nach Shampoo von Aveda. Nach Nivea-Sonnencreme. An besonders grauen Tagen im Herbst oder im Winter creme ich mich manchmal extra damit ein.

7) Ein Lippenstift?
Ich trage sehr selten Lippenstift und wenn einen klassisch Roten von Chanel.

8) Ein Ort, der zu Hause ist?
Für mich ist der Begriff Zuhause eine komplexe Angelegenheit. Sind es doch Menschen, Erinnerungen und Bilder, die sich zusammensetzen, Gefühle von Geborgenheit, ein ‚Alles-ist-gut’-Moment, Gerüche und Geräusche, die für mich einen Ort zu einem Zuhause machen. Meistens fühle ich mich auf Reisen besonders zu Hause. Und dennoch: Ostfriesland. Buenos Aires. Berlin. In Ostfriesland ist es ein bestimmter Straßenabschnitt zwischen Leer und Emden, wo der Horizont noch ein Stückchen weiter wird und ich dann bei meinen Eltern parke und aussteige und die geliebte Nordseebrise mir um die Nase weht. Dann ist am besten noch eine klare Nacht mit 1000 Sternen inklusive aufkommenden Orkanböen. Wat moi. In Buenos Aires habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht und als ich nach vielen Jahren zurückkehrte, hat mich ganz entgegen meiner Erwartung der Geruch der Strassengrills, der Parillas, umgehauen. Und ich habe mich endlich wieder komplett gefühlt.

In Berlin lebe ich jetzt seit 13 Jahren. Es gibt ein Zuhause ohne und ein Zuhause mit Familie. Ohne ist der Berlin-Klassiker: am Sonntagmorgen mit Freunden auf dem Fahrrad durch die leeren Straßen eiernd, keiner sagt was, die ersten Sonnenstrahlen blenden und es herrscht eine betörende Ruhe. Hoffentlich erlebe ich das auch noch mit 60. Mit: Ich komme die Treppe hoch. Lehne meinen Kopf ganz leise gegen die Haustür. Lausche, was meine kleine Familie im Inneren der Wohnung so macht. Home. Sweet. Home.

9) Und an welchen willst du unbedingt noch reisen?
Überall hin. Mein momentaner Favorit: eine kleine Insel im Südpazifik namens Tonga. Vor dieser Insel ziehen sich für drei Monate im Jahr Wale zurück, um ihre Nachkommen zur Welt zu bringen. Man kann sie aus nächster Nähe beobachten. Und: Seit Jahren schon möchte ich zum Burning Man Festival.

10) Was gehört zu einem guten Abend?
Meine liebsten Menschen an einem großen Tisch, mit gutem Essen, viel Crémant und dem Gefühl von Zeit.

11) Und zu einem guten Morgen?
Aufzuwachen mit meinem Mann und den Kindern in einem Bett.
Aufzuwachen mit meinem Mann ohne Kinder im Hotelzimmer.
Beides sehr gut.

12) Ein Gefühl, das du magst?
Leidenschaft. Was wäre man ohne. Dabei muss es überhaupt nicht die große Leidenschaft sein, auch die kleinen Leidenschaftsgefühle zwischendurch bereichern das Leben ungemein.



13) Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mit 6: Mein Pixi, ein Reststück von einem Kissenbezug. Als ich mit sechs nach Argentinien gezogen bin, hat mein Pixi mir viel Halt gegeben. Es konnte übrigens auch sprechen.
Mit 16: Meine alte Nikon.
Heute: Seitdem meine Kinder da sind hat sich vieles verschoben – unter anderem auch die Bedeutung, die ich Gegenständen zumesse. Gibt es einen, der mir wirklich wichtig erscheint? Mir fällt gerade keiner ein. Die Gesundheit, als Gegenstand verpackt.

14) Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Im Süden direkt am Strand zu wohnen.

15) Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Auf warmem Sandstrand.

16) Schönste Sünde?
Ach, die schönste Sünde wäre eine Zigarette zu rauchen. Kann ich aber leider nicht, denn dann rauche ich den Rest meines Lebens.

17) Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Als ich in diesem Jahr nach unserer fünfmonatigen Elternzeit-Reise mit dem Bulli durch Europa nach Berlin zurückkehrte, hatte ich ganz schön den Blues. Ich fand mich im Buchladen wieder, stand aber eigentlich nur wie Falschgeld herum. Da fiel mein Blick auf „Rock the Shack”, ein Architekturbuch über besondere kleine Häuser. Baumhäuser, Cabins, Cottages, etc. Ein schöner Band für Herbsttage, von dem man sich inspirieren lassen kann, wenn man mal so ein Häuschen bauen möchte. Ist doch auch eine Idee.

Und eine Wieder-Entdeckung: dass auf die Intuition immer Verlass ist.

18) Beste Lehre, die dir zuteil wurde? 
Dass es eine Entscheidung ist, glücklich zu sein.

19) Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst?
Bei uns in der Straße wohnt ein alter Herr. Jeden Tag führt er seine blinde Frau zum Spazieren aus, und er erzählt ihr dabei, was er sieht.

20) Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Groß: Meine Kinder. Mein Mann. Meine Familie. Klein: Das Filmemachen. Das Fotografieren. Freihändig Fahrradfahren, neuerdings mit meinem Sohn.

Herzlichen Dank, liebe Birthe.
Birthes Website ist hier zu finden. Und die Seite von Ipanemafilm hier. 
Alle anderen Liebeslisten sind hier nachzulesen.
Ich wünsche euch eine gute Woche!

EINE LIEBESLISTE MIT DREHBUCHAUTORIN LUCY ASTNER


Manchmal trifft man im Internet auf Menschen, die einen irgendwie anstecken. Mit Freude, mit Ideen, mit einem Gedanken, mit ihrer Herzlichkeit. Drehbuchautorin Lucy Astner („Der Nanny”), die auf Instagram „littlemissgluecklich” heißt, ist genau so ein Mensch. Ich freu mich einfach immer, wenn ich ein neues Bild von ihr sehe. Deshalb habe ich Lucy gefragt, ob sie Lust hätte, diese Liebesliste auszufüllen. Hatte sie. Und ich freu mich schon wieder…

1) Ein Buch, das dir viel bedeutet?
„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez. Als ich das Buch mit 16 zum ersten Mal gelesen habe, gefiel mir nicht nur die Idee, dass Liebe Ewigkeiten überdauert, sondern auch die Erzählgewalt des Kolumbianers. In neuer deutscher Literatur vermisse ich bis heute leider sehr oft das Erzählen von Geschichten – so wie es in England, den USA oder Süd- und Lateinamerika Tradition hat.

2) Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
„Juno“ von Jason Reitman. Ellen Page als schwangerer Teenager auf der Suche nach Eltern für ihr ungeborenes Kind hat mich vollkommen umgehauen. Ein kleiner Mensch mit einer großen Klappe und einem noch größeren Herz: „Juno“ ist einer der Gründe, warum ich Drehbücher schreibe.

3) Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Ich & Du“ von Philipp Poisels Album „Wo fängt dein Himmel an?“. Fühlt sich an wie Tanzen in Rapsfeldern und nachts heimlich ins Freibad einbrechen. Was ich natürlich niemals, NIEMALS (!) tun würde.

4) Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Meine blau-weiß-gestreifte Jogginghose von Lollys Laundry. Ihr denkt jetzt wahrscheinlich: „Klar, die Dame arbeitet von zu Hause, die kann es sich leisten, den ganzen Tag im Schlabberlook vor dem RTL2-Reality-TV-Programm zu vegetieren!“ Aber weit gefehlt: In der Lollys-Laundry-Hose kann ich sogar meine Tochter zur Schule bringen, ohne befürchten zu müssen, dass sie in der Pause heimlich Essens-Rabatt-Marken zugesteckt bekommt. Und ganz nebenbei ist es die einzige Streifenhose, in der meine Oberschenkel nicht aussehen wie aufgedunsene Zebrakadaver…

5) Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Ich bin nicht sehr zimperlich mit dem Ausmisten. Mein Brautkleid würde ich aber niemals weggeben. Ich war relativ jung, als wir geheiratet haben, und wir hatten nur sehr wenig Geld. Trotzdem habe ich mir mein Traumkleid schneidern lassen. Rückblickend war es gar nicht besonders teuer – und gerade deshalb erinnert es mich immer wieder daran, dass der emotionale Wert einer Sache nicht mit ihrem materiellen Wert zusammenhängt. Für mich ist und bleibt es das wertvollste Kleid der Welt!

6) Wonach duftest du gerne?
Coco Mademoiselle. My one and only.

7) Ein Lippenstift?
Die Marke ist mir (fast) egal, Hauptsache er trifft die natürliche Farbe meiner Lippen. Ich habe eine Narbe an der Unterlippe, die ich oft abdecke. Manchmal gönne ich es mir mittlerweile aber auch ganz bewusst, nicht „vollkommen“ zu sein. Jeder von uns hat irgendwo seine Unterlippe.



8) Ein Ort, der zu Hause ist?
Hamburg und Österreich. In Hamburg wurde ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, habe geheiratet und meine Kinder bekommen. Hier habe ich mir ein Leben aufgebaut, das ich sehr mag. In Österreich lebt die Familie meines Vaters, hier haben wir damals all unsere Ferien verbracht. Sobald ich die Berge sehe, schalten mein Körper und Geist automatisch in einen Tiefenentspannungs-Modus – noch bevor ich OMM denken kann.

9) Und an welchen willst du unbedingt noch reisen?
Island. Auf meiner Bucket-List steht: „Eine Elfe fangen und in einem Marmeladenglas nach Hause schmuggeln“. Das dürft ihr jetzt aber natürlich nicht weitersagen, sonst krieg ich noch Stress mit der Zollbehörde...

10) Was gehört zu einem guten Abend?
Auf jeden Fall gutes Essen! Wenn es kein gutes Essen gibt, esse ich lieber gar nicht. Dann vielleicht noch eine abgearbeitete To-Do-Liste, die sagt, dass alles erledigt ist, ein laues Sommerlüftchen und ein paar liebe Menschen – solche mit denen man gut reden kann, aber auch ganz hervorragend schweigen.

11) Und zu einem guten Morgen?
Die ersten Sonnenstrahlen, die vorsichtig durch unser Schlafzimmerfenster brechen, das Rascheln der Bäume vor der offenen Balkontür und meine Tochter, die sich im Schlaf umdreht und ihren kleinen Kopf an meine Schulter legt. Und dann natürlich: gutes Essen!

12) Ein Gefühl, das du magst?
Nach Hause kommen – und zwar nicht nur logistisch, sondern auch geistig. Ich mag diesen Moment, wenn ich zur Ruhe komme und ganz überrascht feststelle: Ach schau, die Lucy ist ja auch noch da! Wie geht es mir eigentlich? Ist alles gut, so wie es ist? Und wenn nicht: Woran liegt das und wie kann ich es ändern? Diese Dates mit mir mag ich sehr.

13) Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Sicherlich hatte ich als Kind ein Lieblingskuscheltier, ein Tagebuch, eine Musikkassette von einem Schwarm etc. Aber ich glaube, keiner dieser Gegenstände war und ist mir so wichtig, dass ich nicht auf sie hätte verzichten können. Was ich aber immer hatte, waren Träume – und die waren mir sehr, sehr wichtig. Teilweise hatte ich sogar kleine „Schreine“ für meine Träume. Heute bin ich davon überzeugt: Ein reicher Mensch ist der, der immer einen Traum hat.

14) Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Ich möchte unheimlich gerne mal zwei, drei Jahre mit meinen Kindern in Kalifornien leben – und zwar nicht wegen des Wetters, sondern wegen einer Einstellung, die in den USA weit verbreitet ist. Sie lautet: „Du schaffst das!“ Wenn ich sehe, wie die High School Kids in den USA ihre Teams anfeuern und mit welcher Leidenschaft und Begeisterung sie ihren Hobbys nachgehen – ob Frisbee, Cheerleading oder Schachclub, bin ich immer ganz fasziniert. In Deutschland wurden mir meine Wünsche, Wege und Ziele so oft schlechtgeredet, ich musste erst ganz viel Mut entwickeln, um mich gegen das „Das-kannst-du-nicht“ durchzusetzen. Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie schon viel früher lernen, an ihre Sache zu glauben und dafür zu kämpfen – egal, was die anderen Leute davon halten. Na gut, eine kleine Rolle spielt das gute Wetter in Kalifornien auch... Und für alle, die sich jetzt Sorgen machen: Mein Mann dürfte natürlich auch mit!


15) Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Die Haut meiner Kinder beim Einschlafen. Wenn ich meine Mädchen abends noch ein bisschen kraule und merke, wie sie unter meinen Fingerspitzen in den Schlaf gleiten.

16) Schönste Sünde?
Drei Dinge kaufe ich ausnahmslos immer, wenn sich die Gelegenheit bietet: Nagellack, Schokokekse und Bücher. Nagellack: ziemlich lächerlich, weil ich doch immer nur den gleichen trage – und zwar ausschließlich auf den Zehennägeln! Schokokekse: leider alles andere als lächerlich, weil ich tatsächlich jeden einzelnen aufesse! Und Bücher: Kann man jemals genug Bücher haben?

17) Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Dass mein Mann DOCH kochen kann!

18) Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
Eindeutig: Dass es sich lohnt, sich selbst zu lieben. Ich war schon immer sehr kritisch mit mir, wollte immer alles noch besser machen – und war mir dennoch nie gut genug. Ganz oft haben die Leute die Augen verdreht, gesagt, ich solle mal ein Auge zudrücken, es locker sehen – oder schlimmer noch: Sie dachten, ich sei nur auf Komplimente aus. In Wahrheit wusste ich einfach nicht, wie ich mich selbst mehr mögen könnte. Vor einem Jahr dann sagte eine sehr kluge Frau zu mir: „Lieb dich so, wie du deine Kinder liebst!“ Und in diesem Moment hat es bei mir KLICK gemacht. Ich musste erstmal heulen, weil es so einfach war, aber ja: Seitdem schenke ich mir die Liebe, das Vertrauen und die Nachsicht, die ich auch meinen Töchtern entgegenbringe. Und das fühlt sich sehr, sehr warm an.

19) Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst?
In dieser Hinsicht bin ich leider sehr desillusioniert. Ich dachte schon so oft: Ach, das ist aber ein schöner Mensch! Und dann hab ich die meisten dieser Menschen tatsächlich persönlich kennengelernt und dachte: Ach, ist das aber eine riesengroße Illusion. (In einigen Fällen dachte ich sogar: Ach, ist das aber ein Vollarsch...)

Ich glaube tatsächlich, dass es „den schönen Menschen“ nicht gibt – aber es gibt Schönes in uns Menschen! Wenn ich, zum Beispiel, von einem Kind höre, das sein Taschengeld ausgibt, um einem Obdachlosen vor einem Restaurant eine Mahlzeit zu kaufen, dann rührt mich das so sehr, dass ich in Tränen ausbreche. Ich denke, Schönes entsteht, wann immer Menschen die Augen nicht verschließen und ein bisschen Mut aufbringen.

20) Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Die ganz, ganz große Liebe: meine Kinder und mein Mann! Ich denke immer, jetzt ist das Fass aber voll, jetzt passt da nicht noch mehr Liebe rein – und doch wird diese Liebe jeden Tag noch größer! Die klitzekleine Liebe: Nutella-Marmeladen-Crêpe. Für immer.

Vielen herzlichen Dank, liebe Lucy. (Hier ist übrigens ihre Website.)
Ich mache jetzt Urlaub. Vielleicht schreibe ich zwischendurch etwas, vielleicht auch nicht.
Bis dahin: Habt es schön!
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