Gastbeitrag: Mein Hamburg von Marcus Luft








































Es war der 14. Februar 2005, exakt um Mitternacht. Es regnete. Vor sieben Stunden hatte ich meinem holländischen Freund in Amsterdam gesagt, dass sein Leben nicht mehr mit meinem zusammen passe, ich habe meine Reisetasche gepackt, den Hund geschnappt und mich ins Auto gesetzt. Einfach so. Zurück nach Hamburg. Endlich. Zu jemandem, der mich erwartet. In eine Stadt, die mich erwartet.

Es war also Mitternacht, als ich über die Lombardsbrücke fuhr und Radio Hamburg hörte. Ein schlechter Rundfunksender. Aber wie das so ist: Man braucht das ganz Alltägliche, wenn man zur Ruhe kommen will. Gewohntes wie das: Immer um null Uhr spielt dieser unsägliche Sender "I love to live here in Hamburg". Angekommen. Geregnet hat es noch immer. Diesen Regen, den es nur hier gibt. Man sieht ihn nicht, man merkt ihn nicht. Nass wird man trotzdem.

Seitdem bin ich in Hamburg geblieben. Natürlich denke ich jedes Mal, wenn ich in Berlin bin: "Ach, was wäre es schön, in Berlin zu wohnen." Aber spätestens, wenn man über den Horner Kreisel in die Stadt hinein fährt und irgendwann die Alster sieht, ist klar: Hamburg, meine Perle. (Auch so ein Radio Hamburg-Song, den ich mag). Das hat gar nicht mal so viel mit Menschen zu tun, die ich hier kenne. In Berlin oder anderswo habe ich mehr Freunde. Aber einige wenige reichen. Vor allem aber sind es bestimmte Orte, die es nur hier gibt. Weil sie für Hamburg stehen. Oder weil ich mit ihnen etwas Besonderes verbinde. Orte eben wie diese:

Cafe Amphore
Ja, es gab eine Zeit, da stand der Chefredakteur vor der Mini-Wand und sagte: "Wir haben nächsten Monat 600 Seiten, die Post weigert sich, die Abo-Auflage als Zeitschrift zu versenden, weil die Ausgabe so schwer ist. Ach, machen wir doch noch ein 20seitiges Pizza-Special." Vielleicht war es die beste Zeit, um in Print zu machen. Seltsamerweise hatten wir trotzdem jede Menge Spaß - und freie Zeit. Mit Nadines rotem Alfa fuhren wir nachmittags in die Amphore, einem Café oberhalb der Hafenstraße, dabei hörten wir Donna Summers "Last Dance". In der Amphore tranken wir Bionade (die kam damals gerade auf), überlegten uns Themen für das 20seitige Pizza-Special, schauten auf die Elbe und hatten es einfach schön. Bis heute ist die Amphore ein wunderbarer Ort, um in angenehmer Stimmung abzuhängen.
Cafe Amphore, Hafenstraße 140, 20359 Hamburg.

Golem
Natürlich geht einem Hamburg irgendwann immer auch mal auf den Geist. Dann will man ausgehen. Ich gehe nicht oft aus. Aber wenn ich ausgehe, soll es eine Nacht werden, an die man sich erinnert. Solche Nächte kann man im Golem erleben. Bisschen ratzig, nicht zu junges Partyvolk (dafür ist ihnen der Weg bis zum Hafen vielleicht zu weit), lustige Musik, Kir Royal aus Sektschalen. Gespräche darüber, wie man mit goldenen Rolex-Uhren an tätowierten Armen umgehen soll ("Es ist wie beim Ficken. Nicht nachdenken. Einfach machen.") und ein Barkeeper mit der geilsten Fresse, die ich je gesehen habe.
Golem, Große Elbstraße 14, 22767 Hamburg.

Hasenschaukel
Ich mag keine schwulen Bars. Ich habe quasi Hausverbot im Cafe Gnosa. Die Lange Reihe ist für mich Tabu. Aber die Party "Cafe Bukarest" im Strickliesel-Ambiente der Hasenschaukel hat was. Und warum Lesben Schwule immer wie kleine Jungs behandeln ("Geh doch vor zum Tresen, Kleiner. Sonst kriegste nie ne Limo") - ja, das werde ich wohl nie verstehen.
Hasenschaukel, Silbersackstr. 17, 20359 Hamburg.

Rialto
Das Rialto gibt es schon so lange, wie ich in Hamburg wohne. Also seit - inklusive Amsterdam - mehr als 20 Jahren. Erst hingen dort rote Samtvorhänge. Dann standen helle Ikea-Stehlampen in den Ecken des Lofts. Nun gibt´s ein leichtes-modernes Ambiente und die größten Schnitzel der Stadt. Hingehen!
Rialto, Michaelisbrücke 3, 20459 Hamburg.

LUV
Man wird alt, wenn man Dinge sagt wie: "Also früher war es hier schöner!" Wenn diese Floskel stimmt, bin ich alt. Denn die Schanze war früher wirklich besser. Jeden Morgen saß ich mit Nadine im Transmontana draußen auf Bänken, die auf Sandboden standen. Heute ist der Weg gepflastert und heißt Piazza und wird von Marco-Polo-Reiseführer-Touristen bevölkert, die sich aufregen, wenn man zweite Reihe parkt. Ein Kleinod in der Schanze ist der Möbelladen LUV. In einer alten Garage, neben dem Apple-Store, auf dem Weg zu Wohnkultur 66. LUV hat ausgefallene Lampen, Sofas, Tische. Nicht sehr viel. Aber gute Stücke. Und einen Besitzer, der einen berät, wie man selten noch beraten wird. Ich mag den Laden. Und morgen gehe ich wieder hin und erzähle ihm, dass ich immer noch überlege, mir den Schreibtisch mit der Lederplatte zu kaufen. Er wird mich wieder beraten. Mir wieder Tipps geben und sagen: "Überlege es dir. Irgendwann spürst du schon, ob er zu dir gehört!".
LUV Hamburg, Ludwigstr. 11, 20357 Hamburg.

Maultaschenstand auf dem Öko-Markt Schulterblatt
Noch nicht selbst probiert. Aber da ein Freund bei jedem Treffen von den Maultaschenfrauen auf dem Ökomarkt auf der "Piazza" spricht, empfehle ich sie nun mal blind. Denn kochen kann er, der José. Vielleicht sollte er sie endlich mal für mich zubereiten.
Öko-Wochenmarkt an der Schulterblatt Piazza, Donnerstag 13.30 - 18.30 Uhr.

Lütt´n Grill
Halbes Hähnchen mit Pommes. Ein Imbiss. Klingt erstmal nicht ansprechend. In dem Fall ist das anders. Denn die Hähnchen sind Bio. Die Marinade ist umwerfend und selbst gemacht. Und die Regeln, die an der Wand hängen, sind ein Versprechen, dass hier kein Scheiß auf den Pappteller kommt. Und: Der Grill ist bei mir ums Eck!
Lütt´n Grill, Max-Brauer-Allee 277, 22769 Hamburg.

Wasserspiele in Planten un Blomen
Mein absolutes Highlight. Wenn auch das kitschigste. Spießigste. Hamburgischste. Planten un Blomen ist mitten in der Stadt und eine völlig unterschätzte Grünanlage. Angelegt für die Bundesgartenschau anno dazumal, ist sie bis heute ein kleines Paradies (inklusive Klassik-Beschallung im Rosengarten). Das Hightlight aber ist: sommerliche Wasserspiele mit Fontänen-Orgel und bunter Scheinwerfer-Illumination. Im Hintergrund geht die Sonne hinterm Fernsehturm unter. Man sitzt zwischen alten Paaren, türkischen Vorstadtkids und einigen Touristen. Und man schaut sich das alles an und weiß, warum es richtig ist, dass Radio Hamburg jeden Tag mit "I love to live here in Hamburg" begrüßt.
Planten un Blomen, hier sind die Wasserlichtkonzerte im Juli.

Marcus Luft ist Fashion Director von GALA und bloggt auf "Too Posh to Push".
Fotos: Elblicht

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