EIN PAAR WEIHNACHTSGESCHENKE FÜR KLEINE, NICHT MEHR GANZ SO KLEINE UND GROSSE



1) Bastelbuch von Frau Ottilie
Dieses Buch ist unsere Therapie gegen dunkle Wintertage. Jede Seite ist so hinreißend schön gestaltet, dass man sie eigentlich gar nicht auseinander schneiden möchte, aber es wäre viel zu schade um das Feder-Mobile, die Wimpelkette, die Papierpuppen, die Umschläge, Karten und Geschenkanhänger.

2) „Love Kitchen – Rezepte für 2”
„Ich möchte gern mehr Liebe in der Welt sehen”, schreibt Eschi Fiege im Vorwort zu ihrem wunderbaren Kochbuch. „Liebe macht stark und gnädig, sie richtet uns innerlich auf, sie zeigt uns das Leben und die Menschen in einem stillen und freundlichen Licht.” Ich finde das sehr wahr und schön. Wie die ganze Idee dieses Kochbuches: Eschi Fiege hat sich Rezepte für 2 ausgedacht, weil sie findet, dass Kochen sichtbar gemachte Liebe ist. Für Paare, Freunde, Geschwister und alle anderen Liebenden.
Lovekitchen – Rezepte für 2, 224 Seiten, Brandstätter, 29,90 Euro.

3) Stickerei-Set „Katze”
Ich weiß, welches Mädchen ich mit dieser Katze, die dringend einen Pullover braucht, sehr glücklich machen würde.

4) Polly Pork Pillow
Schweinchen, Kissen, Freundin, Träumebeschützerin. Ich könnte mir vorstellen, dass man auf Polly prima schläft. 

5) Meine erste Fisch-Geschichte
Eigentlich habe ich es ja nicht so mit Fischen, aber dieser hier dürfte sofort bei uns einziehen – samt dem kleinen Buch, das seine Geschichte erzählt.

6) Segelschiff-Drachen
Der schönste Drachen, den ich je gesehen habe. Ich würde ihn mir gerne über den Schreibtisch hängen und hochschauen, wenn mir mal wieder kein Anfang oder Ende oder Mittendrin einfällt, aber Kinder macht man damit sicher auch sehr glücklich.

7) Ringelmütze
Eine gestreifte Mütze. Mehr muss ich gar nicht sagen, oder?

8) Hund
Was für ein freundlicher kleiner Begleiter. Er ist nicht mal sauer, wenn Babys ihm in die Nase beißen.

9) „Love Yourself”-Poster
Dieses Poster hängt in meinem Schlafzimmer und ich mag es sehr – weil es eine Erinnerung daran ist, öfter mal die Arme um sich selbst zu legen und gut zu sich zu sein. Darin bin ich nicht immer so besonders gut. Dabei ist es so wichtig.

10) Armstrong
Gerade unser Lieblingsbuch: Eine kleine Maus möchte allen anderen Mäusen beweisen, dass der große gelbe Kreis am Himmel nicht aus Käse ist und fliegt ganz alleine zum Mond. Eine aufregende, wunderschön illustrierte Geschichte von großen Träumen und mutigen Abenteurern. Ganz nebenbei gibt es auch noch eine kurze Geschichte der Raumfahrt.
„Armstrong” von Torben Kuhlmann, 128 Seiten, NordSüd Verlag, 19,99 Euro.

11) Duftkerze Meer
Wie schön: Das Meer riechen, auch wenn es ganz weit weg ist. Eine Duftkerze gegen das Fernweh.

Was dürfte denn bei euch unter dem Baum liegen? Oder geht es euch wie mir und dieses Jahr sind euch Geschenke gar nicht so besonders wichtig?

Foto 10: Armstrong von Torben Kuhlmann ©2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/ Schweiz. Alle anderen Bildern von den jeweiligen Herstellern und Websites.

20 DINGE, DIE ICH ÜBER MODE GELERNT HABE –
EIN GASTBEITRAG VON MARLENE SØRENSEN


Ich weiß noch, was ich dachte, als ich Marlene im Büro zum allerersten Mal gesehen habe. Wow, ist die lässig. Und es stimmte. In den Jahren, die wir zusammen als Volontärinnen bei Amica und später als Freunde verbrachten, habe ich es immer wieder gedacht. Und damit meine ich nicht nur ihren Charakter (der noch so vieles mehr ist als lässig, aber eben auch sehr lässig), sondern ihren Stil. Ich mag Mode auch, sehr sogar, aber nicht so wie sie. Marlene liebt Mode. Sie weiß unendlich viel über Mode. Sie versteht Mode (und was sie aus Menschen machen kann). Sie kann sich verwandeln, in alle möglichen Frauen, und weiß doch immer, wer sie ist. Ich wünschte, ich hätte nur einen Bruchteil ihrer Mühelosigkeit und Selbstverständlichkeit. Deswegen habe ich mich auch rauf und runter gefreut, als sie mir erzählte, dass sie ein Buch schreibt. Marlene kann nämlich nicht nur Mode, sie kann auch schreiben. Smart, unglaublich witzig, mit großer Wärme und, mir fällt kein besseres Wort dafür ein, unverschwurbelt. Wahrscheinlich habt ihr euch „Stilvoll” längst bestellt, aber falls nicht: macht es. Von all den Modebüchern, die ich besitze (und das sind einige) ist es mir mit großem Abstand das liebste. Marlene hat es nämlich nicht nur geschrieben und irrsinnig tolle Frauen getroffen, um mit ihnen über ihren Stil zu sprechen (und darüber, wie sie ihn gefunden haben), sie hat auch alle Bilder gemacht. Und bevor ich jetzt noch länger schwärme, lest doch einfach mal selbst...




20 DINGE, DIE ICH ÜBER MODE GELERNT HABE – von Marlene Sørensen

1. Es braucht gute Schuhe.

2. Richtig gute Schuhe. Es gibt einen Grund, warum Türsteher, Personalchefs und auch beste Freundinnen zuerst nach unten gucken. Schuhe entscheiden sofort darüber, wie man dasteht. Nebenbei sind sie der einfachste Weg, ein zufälliges Outfit absichtlich wirken zu lassen. An Tagen, an denen mir mein Kleiderschrank uninspiriert vorkommt – warum so viel Schwarz? Waruuuuum? –, fange ich den Look von den Füßen aufwärts an. Das erleichtert die Schritte bis zum vollständigen Outfit. 

3. Man kann sich so ernsthaft mit Mode beschäftigen, um auf Ratschläge wie „Fangen Sie Ihr Outfit von den Füßen aufwärts an“ zu kommen. Wichtiger ist, sie mit Humor zu nehmen. (Der Ratschlag ist allerdings ernst gemeint.) 

4. Ich finde es zum Beispiel ziemlich unterhaltsam, dass ich dachte, ich sei eine Frau, die Schluppenblusen trägt. Und Culottes. Und Fellwesten. Nicht, dass an diesen Teilen etwas kategorisch falsch wäre. Sie sind nur nicht das Richtige für mich. 

5. Aber ich mag, dass ich mir vorgestellt habe, ich könnte diese Frau sein. Die wagemutiger ist als ich. Experimentierfreudiger. Bunter. Die ausprobiert, ob ein seidenes Halstuch sie zu einer Parisienne macht, nur um dann festzustellen, dass sie bloß aussieht wie eine Flugbegleiterin der AirFrance. Persönlicher Stil entsteht ebenso sehr aus all den Teilen, die man nicht hätte kaufen sollen, wie aus denen, die man kauft. 

6. Die besten Käufe sind die, die man auch in fünf Jahren noch tragen möchte. Und es kann, weil sie eine Qualität haben, die mehr als drei Waschgänge aushält. Es muss nicht teuer sein, gut auszusehen. Aber es muss klar sein, dass bei einem T-Shirt für drei Euro jemand anderer draufzahlt. 

7. Nicht zu rechtfertigen ist hingegen auch, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, seine Zusatzrentenversicherung für ein paar Monate auszusetzen, um sich stattdessen eine Handtasche zu leisten. 

8. Es sei denn, die Handtasche ist wirklich schön. 

9. Ein Witz!

10. Vielleicht.

11. Man kann den Mann fragen, die gnadenloseste Freundin, die Verkäuferin im Laden, die ehrlichste Antwort bekommt man, wenn man ein Foto von sich (in der Umkleide) macht. Nicht, um es auf Instagram zu stellen. Obwohl man natürlich auch das machen kann. Sondern weil Bilder nie lügen. 

12. Top-3-Lügen, die ich mir nicht mehr abkaufen sollte. 1. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft 50 Prozent des Kofferinhaltes vor jedem Urlaub. 2. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft 50 Prozent aller Urlaubskäufe. 3. „Das ziehst du ganz sicher an.“ Betrifft alle Käufe, bei denen ich etwas gekauft haben, um etwas zu kaufen.

13. Roter Lippenstift ersetzt circa die Hälfte der Mühe, die man sich sonst mit einem Outfit geben müsste. 

14. Ein anderer mag in meinem Trenchcoat nur einen beigen Mantel sehen. Ich weiß dagegen, dass er mich nicht nur vor schlechtem Wetter beschützt, sondern auch vor miesen Tagen, modischen Krisen und beim Termin mit dem Steuerberater. Der hat zwar letztens nicht gelacht, als ich ihm vorschlug, den Trench als Arbeitskleidung abzusetzen. Der Mantel ist aber sogar noch mehr als das: Rüstung, Mutmacher, Kraftgeber. Mode muss am Ende nicht viel mehr können, als dass man sich darin schön, stolz und nicht verkleidet fühlt.  

15. Es gibt kein erhebenderes Gefühl, als die perfekte Jeans zu finden.

16. Bis man die nächste perfekte Jeans sucht. 

17. Bei Schnitt, Sitz und Passform gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Deshalb nicht verzweifeln, wenn die Beine der eigentlich perfekten Jeans zu lang sind, sondern einen vernünftigen Schneider finden. 

18. Man wird vermutlich nie denken, dass man die perfekte Garderobe besitzt. Aber es geht auch gar nicht um Vollständigkeit, sondern um Vergnügen.  

19. Sag niemals nie. Außer zu Steghosen. 

20. Noch mal zu den Schuhen. Es sollte mindestens ein Paar darunter sein, das man nur an ein paar Tagen im Jahr trägt. Diese Tage sind genauso wichtig wie die übrigen 363 im Jahr und die Samt-Sandaletten mit 12-Zentimeter-Absatz so fundamental nötig, wie die gut eingelaufenen Chucks, in denen man jeden Morgen zur Kita stiefelt. 

„Stilvoll” ist bei Callwey erschienen – und zwar mit drei verschiedenen Coverversionen. Alle Fotos von Marlene Sørensen aus „Stilvoll” (von oben nach unten): Alex Eagle, Joy Denalane, Franziska Steinle, Michaela Aue, Claudia Zakrocki und Lisa Marie Dahlke. Marlenes Blog „Spruced” ist hier zu finden.





EIN BLICK IN UNSERE BABYECKE




Es gibt Ecken in unserer Wohnung, die sich ganz genau richtig anfühlen. Mein kleiner, eigentlich total merkwürdig im Flur platzierter Schreibtisch ist so eine Ecke. Und unsere Küche. Seit ich sie vor vier Jahren umgeräumt habe, verbringe ich die meiste Zeit an unserem Küchentisch. Und dann gibt es Orte, die sich immer irgendwie unfertig anfühlen. Unser Schlafzimmer zum Beispiel. Bis vor ein paar Wochen die Babyecke eingezogen ist. Unglaublich, wie sehr es sich verändert hat, seit alles an einem neuen Ort steht. Plötzlich ist es hier richtig gemütlich. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass im kleinen Schlafsack nun tatsächlich ein kleines Mädchen liegt und man hier sehr gut herumhöhlen kann.

Mir ihr eingezogen sind...
* Postkarten von „Ava & Yves” und „Papierahoi”, die ich bei Greta + Björn gefunden habe, einem ganz zauberhaften Kinderladen in der Berliner Rykestraße.
* Das Roar-Poster – auch von dort.
* Eine Walrassel, ein Wimpel und zwei Postkarten von Gretas Schwester.
* Eine Wickelauflage. Die sollte dieses Mal besonders stabil sein, damit man sie gut durch die Wohnung tragen und auch aufs Bett oder Sofa legen kann, damit Fanny mitwickeln kann, wenn sie will. Eine Eisbär-Lampe, die nachts leuchtet wie ein kleiner Mond. (Das brauche ich auch. Ich renne im Dunkeln nämlich gegen jede Kante, sogar wenn gar keine in der Nähe ist.) Und ein Häschen. Alles von Smallable.
* Kuschelige Strickjacken von meiner Mama und meiner Freundin Silke (nach einer Vorlage von Mme Ulma), über die ich mich wirklich jeden Tag freue. So weich und schön. Ich hoffe, sie passen noch ganz lange.
* Eine Bettschlange.
* Eine Teddyspieluhr aus dem Tiny Store, die „Lalelu” spielt und schon sehr geliebt wird.
* Eine Wimpelgirlande, die ich aus Stockholm mitgebracht habe.
* Ein Sternchen-Schlafsack aus dem Sale von Noë und Zoé.
* Dazu ein paar Fanny-Bilder und Herzen.

Kommt gut in diese Woche.

Die mit *-markierten Dinge habe ich netterweise vom französischen Conceptstore Smallable zur Verfügung gestellt bekommen – herzlichen Dank dafür.

DER OKTOBER 2016 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)


Gewartet. Gewartet. Gewartet. Ich bin nicht sonderlich gut darin, schon gar nicht, wenn ich so aufgeregt bin, wie ich es in den Oktobertagen war. Wann geht´s los? Wie wird es dieses Mal werden? Geht´s dem Baby gut? Wie wird er sein, dieser kleine Mensch, den ich nun schon so lange mit mir herumtrage? Wie wird das Leben zu viert? Und wie fühlt sich Fanny als große Schwester? Irgendwann habe ich aufgehört, Antworten auf diese Fragen zu suchen (am Ende finden sich die Antworten ja ohnehin von selbst) und mich bloß noch fallen lassen (oder es zumindest versucht). Kleine Runden im Kiez gedreht, Kastanien gesammelt, die Wohnung gemütlich gemacht, die Kliniktasche ein- und wieder ausgepackt, um sie dann wieder ein- und auszupacken, endlich mal wieder gelesen, Fanny als total gefährlichen, aber doch nicht zu gruseligen Vampir probegeschminkt und Kürbisse geschnitzt, einen großen Hasen für Fanny besorgt und einen kleinen für ihre Schwester. Und...

* ... diesen Apfelkuchen gebacken. 
* Und Laura Nyros'„Stoned Soul Picnic”, gegen die dunklen Tage. 
* Schokoriegel gefuttert. Verdammt, diese Schokoriegel. Ich wünschte, ich hätte sie nie entdeckt. Nein, das stimmt nicht.
* Seit Ewigkeiten mal wieder einen Kurzfilm geschaut. Wieso schaue ich bloß so selten Kurzfilme? „The Stutterer” ist so beeindruckend, so warm, so gut.
* Nach oben gesehen. Wie schön diese Bilder sind.
* Mitgelächelt. „You´re so beautiful.”
* Unendlich viele Partien Sagaland gespielt. Als Kind habe ich dieses Spiel geliebt. Und es hat sich nichts daran geändert (obwohl ich eigentlich immer verliere). 
* „West Wing” geschaut. Eigentlich hatte ich schon alle Staffeln durch, jetzt habe ich wieder von vorne angefangen. Und ich genieße jede einzelne Folge.
* Überlegt, was diesen Winter in meinen Kleiderschrank einziehen dürfte. Zuallererst: diese Tasche. 
* Diese Wahnsinnsgeschichte über den Food-Kritiker der New York Times gelesen.
* Diese Geschichte über Adele.
* Die Kindermode von Lisqa entdeckt. Ich bin sowas von verknallt in dieses graue Sweatshirt. Und den Rucksackfreund. Eine Crowdfunding-Aktion, die ich unbedingt unterstützenswert finde. Schaut doch mal rein.

Und dann ging es wirklich los und aus dem ewigen Davor wurde endlich ein Danach...

Wie war denn euer Oktober? Ich hoffe, ihr hattet es schön.

DA, SO DA


Eine mehr. Wie in diesem Kinderbuch, das Fanny hat. Auf jeder Seite taucht noch ein Kind auf, einer mehr, ganz plötzlich, als hätte niemand mit ihm gerechnet. 

Natürlich haben wir mit ihr gerechnet. Wir haben ein Körbchen und Strampler besorgt, unser Leben so organisiert, dass ein Baby in ihm Platz haben würde. Wir haben uns einen ersten und zweiten Vornamen für sie ausgedacht und uns monatelang gefragt, ob sie die richtigen sein würden, um dann bei ihnen zu bleiben, weil sie die richtigen sind, und wir sie in der Zwischenzeit schon so oft mit ihren Namen und Kosenamen angesprochen hatten, dass sie (zu) ihr gehörten. Nestbau, was man eben alles so macht. Und doch bereitet einen nichts, keine Erfahrung, keine Vorstellung oder Vorfreude darauf vor, wie es ist, wenn sie dann da ist. 

Die kleinen Geräusche, die sie macht, ihr Seufzen, Glucksen, Maunzen, Schnorcheln. Die Mimikstürme in ihrem Gesicht. Natürlich wissen wir, dass sie noch nicht wirklich lacht, aber hat sie eben nicht eindeutig gelächelt? Das Wiedererkennen. Sieht sie nicht genauso aus wie Fanny in ihren ersten Tagen, sie könnten Babyzwillinge sein, da ist seine Nase und mein Stirnrunzeln, Mini-Fanny-Hände. Das Kennenlernen. Ihr Blick, wenn sie Hunger hat. Ihre Füße, die noch viel zu klein sind für den kleinsten Strampler. Ihre Fingernägel. Ihr Kopf. Wie kann ein Kopf nach Marzipan riechen? Die Rückkehr der Einhändigkeit. Und der Müdigkeit. Und der Fahrstuhlgefühle. Alles ist neu, aber gar nichts fremd. Alles ist anders, aber ganz genau richtig so. Wie sie auf seiner oder meiner Brust liegt und schläft und die Augen aufschlägt und merkt, dass alles gut ist und wieder einschläft, mit dieser Schwere, die sich ganz und gar fallen lässt. Das Glück des Verschmolzenseins. Nur dass es jetzt noch mehr Glück ist, weil da eine große Schwester ist, die neben ihrem Körbchen sitzt und ihr zusieht, sie streichelt und Baby! sagt und Baby! gleich schon Tricks beibringen will, schau doch mal, sagt sie, so hält man den Schnuller fest. Schau doch mal, so küsst man. Monatelang hat sie mit ihr in meinem Bauch gesprochen, oft hat sie ihr geantwortet, mit einer Bewegung, einem Tritt, sobald ich schwanger genug war, dass man die Fußausbeulungen fühlen und sehen konnte. Baby! sagte sie irgendwann, jetzt komm. Und sie kam tatsächlich. Eine mehr. 

WAS ICH IM HERBST LESEN WERDE




Zum Start meines Mutterschutzes habe ich mir einen großen Stapel Bücher geschenkt. Keine Ahnung, ob ich in den nächsten Wochen so zum Lesen kommen werde, wie ich mir das vorstelle, aber es ist schön, dass er neben mir liegt und mir Gesellschaft beim Warten leistet. Ich freue mich schon auf:

„Oona & Salinger” von Frédéric Beigbeder 
Dieses Buch war die Empfehlung einer sympathischen Buchhändlerin, viel Überredungskunst war allerdings nicht nötig. „Der Fänger im Roggen” ist eines meiner Lieblingsbücher. Und Frédéric Beigbeder erzählt in diesem Roman, wie sich J.D. Salinger in Oona O´Neill verliebt (die dann allerdings nicht ihn, sondern Charlie Chaplin heiratet). „Es sind zwei Welten, die sich in Oona und Salinger begegnen”, schreibt Thomas Hüetlin im Spiegel. „Das geheimnisvolle Glamourgirl, zurückgelassen vom Vater, dem egomanisch-düsteren Schriftsteller, Trost suchend im Gewühl des New Yorker Stork Club (...). Sie ist erst 16 Jahre alt, aber mit ihren Freundinnen Gloria Vanderbilt und Carol Marcus zählt sie bereits zu jenen weiblichen Fabelwesen, die Truman Capote „Schwäne” nennt: Schön, reich, unterhaltsam, frech, aber vernachlässigt von den Eltern (...). Wie in einem Schaufenster sitzen sie fast jeden Abend an Tisch sechs. Salinger, Sohn eines vermögenden Schinken-Importeurs von der Upper East Side, saugt die Energie des Klubs auf. Er ist fasziniert und abgestoßen zugleich von der schicken Oberflächlichkeit. Capote verspottet ihn als denjenigen, der „vor der Rechnung geht”, aber es gelingt Salinger, Interesse bei Oona zu wecken.” 
Piper, 304 Seiten, 10 Euro.

„Open City” von Teju Cole
Dieses Buch habe ich vor unserem letzten New York-Urlaub meinem Mann geschenkt und anschließend komplett vergessen, bis ich es neulich wiederfand. Damals kaufte ich es, weil wir uns bei unserer ersten New York-Reise stundenlang durch die Straßen treiben ließen. Auch „Open City” erzählt von diesem Verlorengehen: „Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen.” 
Suhrkamp, 333 Seite, 22,95 Euro.

„Die Männer meines Lebens” von Mary-Louise Parker
habe ich schon fast fertig und mag es sehr. Die Schauspielerin Mary-Louise Parker schreibt Briefe an die Männer ihres Lebens – an ihren Vater, an Ex-Freunde, aber auch an einen Taxifahrer, den sie zu Unrecht angepöbelt hat. Jeder Brief ist eine Kurzgeschichte, manchmal wild, manchmal wütend, oft komisch, immer sehr zärtlich. Und voller Sätze, denen man applaudieren möchte, Sätze wie diese: „Niemand will etwas von der naturhaften Melancholie wissen, die an der Seele eines jugendlichen Mädchens nagt, und ich hatte niemanden, dem ich davon hätte erzählen können. Sich als Versagerin durchs Leben zu schleichen hat etwas merkwürdig Schamvolles, und dieses Gefühl verfolgt mich immer noch, auch zu Zeiten, die überhaupt keinen Anlass dazu geben. Mit sechzehn wollte ich nur die flehentlichen Bitten wert sein, die ich im Nachklang deiner Mundharmonika hörte. Er fuhr in mich hinein, dieser Sound. Er kroch in mir hinauf und unter meinen Rock und ließ meine Haut ebenfalls flehen. Es musste jemanden geben, der so einsam war wie ich, der auf die richtige Weise geküsst und zur Weißglut gebracht werden wollte. Ich weiß, wie man das alles macht, dachte ich.” 
S. Fischer, 288 Seiten, 20 Euro.

„Nach einer wahren Geschichte” von Delphine de Vigan
Dieses Buch habe ich mir gekauft, weil es vom Schreiben erzählt, von einer Frauenfreundschaft und vom Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit. „Zwei Frauen lernen sich auf einer Party kennen. Die zurückhaltende Delphine, die sich mit fremden Menschen meist sehr schwer tut, ist sofort fasziniert von der klugen und eleganten L., die als Ghostwriter arbeitet. Aus gelegentlichen Treffen werden regelmäßige, man erzählt einander das eigene Leben, spricht über Familie und Freunde, vor allem über Freundinnen. Und natürlich über Bücher und Filme, die man liebt und bewundert. Delphine ist glücklich über die Gemeinsamkeiten und fühlt sich verstanden wie schon lange nicht mehr. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit gibt sie in einem Gespräch über das Schreiben die Idee für ihr nächstes Buch preis, L. reagiert enttäuscht: Wie nur könne Delphine ihre Zeit auf eine erfundene Geschichte verschwenden? Eine Autorin ihres Formats müsse sich der Wahrheit verschreiben. Delphine ist entsetzt. L.s leidenschaftlich vorgetragene Forderung löst eine tiefe Verunsicherung in ihr aus. Bald kann sie weder Papier noch Stift in die Hand nehmen. L. scheint völlig unglücklich über das zu sein, was sie in der Freundin ausgelöst hat. Selbstlos übernimmt sie die Beantwortung von E-Mails, das Absagen von Lesungen und Interviews, das Vertrösten des Verlags, der auf einen neuen Roman wartet. Und all das in Delphines Namen. Keiner weiß davon, keiner kennt L., und so ist Delphine allein, als sie feststellt, dass L. ihr immer ähnlicher wird...” 
Dumont, 350 Seiten, 23 Euro.

„The Girls” von Emma Cline
Ich habe vor diesem Buch gezögert, weil man bei der Geschichte, die es erzählt, sofort an Charles Manson denkt: „Die Geschichte einer jungen Frau, die bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, um endlich von der Welt wahrgenommen zu werden. Auf dem Höhepunkt der Hippiebewegung führen Einsamkeit und Verführung bis an den Rand eines mörderischen Kults. Emma Clines Debüt ist die literarische Sensation aus Amerika – ein sinnlicher, verstörender Trip durch Kalifornien Ende der sechziger Jahre.” Dass ich „The Girls” dann doch gekauft habe, liegt daran, dass es nicht nur von dieser Sekte erzählt, sondern auch von dieser seltsamen, schmerzvollen, aufregenden Zwischenzeit, in der man nicht mehr Kind, aber längst nicht erwachsen ist. In der man sich so danach sehnt, endlich von jemandem erkannt (oder wenigstens gesehen) zu werden und sich schrecklich unsichtbar fühlt – Gefühle, die ich gut nachvollziehen kann. Und die ersten Seiten sind verdammt gut.
Hanser, 352 Seiten, 22 Euro.

In ihrem Vorwort erzählt Julia Turshen davon, wie alles begann. Mit Sellerie nämlich. Und einem Kind, das vom Kochen besessen ist: „I decided I should be able to chop precisely and sauté effectively. I convinced my parents to buy me endless bunches of celery to practice with. I spent entire weekends perfecting my dice and heating up a little oil in a skillet in which I would attempt to flip the celery without using a utensil, just like I had seen all of my favorite chefs and teachers do on television. My very supportive family ate more sautéed celery than they would probably like to remember. (...) Teaching myself to cook wasn´t a quick process, but along the way I stopped to celebrate each accomplishment and began to consider them small but very worthwhile victories. The day no celery landed on the floor: Small victory!”. 

Kleine Triumphe – genau davon erzählt Julia Turshen in ihrem Kochbuch. Von den kleinen Momenten, in denen man plötzlich etwas hinkriegt und versteht. Eine tolle Idee, die ebenso toll umgesetzt wurde. An den Seiten kleben schon viele Zettel, die Himbeermarmeladen-Schnecken mit Crème-Fraîche-Glasur sehen so gut aus. Und die Süßkartoffeln mit karamellisierten Zwiebeln. Der Auberginen-Dip mit Joghurt und Zatar. Die Merguez mit Kräuterjoghurt. Himmel, und die Desserts. Kokosnuss-Eiscreme mit Limette und Mango (ohne Eismaschine). Beeren-Buttermilch-Cobbler. Und dieser Schokoladenkuchen. Was für ein glückspendendes Buch.
Chronicle Books, 304 Seiten, 20,49 Euro.


„Die trinkende Frau” von Elisabeth Raether (nicht im Bild)
Ich habe jetzt schon seit Monaten keinen Schluck Alkohol mehr getrunken, deswegen ist es möglicherweise ein wenig masochistisch, ein Buch über die Freuden des Trinkens zu lesen. Ich werde mich nach Martinis und Gin Tonics sehnen, ohne dieser Sehnsucht abhelfen zu können, und ziemlich sicher auch nach all den anderen Drinks, die von Elisabeth Raether beschworen werden und nach denen ich bisher kein Verlangen hatte. Sie kann das ja gut – Bedürfnisse lostreten, die man noch nicht kannte. Andererseits ist es ganz und gar nicht masochistisch, Bücher zu lesen, die so gut knallen wie ein anständig eingeschenkter Cocktail und so elegant sind wie ein perfekt kalibrierter Sundowner.
Piper, 128 Seiten, 14 Euro, mit Illustrationen von Jean Jullien.

Und über „Stilvoll” von Marlene Sörensen
hier bald mehr. 

Welche Bücher begleiten euch in den Herbst? Mein Stapel darf ruhig noch wachsen...

DIE ZWEITE SCHWANGERSCHAFT



Gestern Nachmittag wäre ich fast eingeschlafen. Aber da kam sie zum Bett, ganz leise nur, Mamabär, bist du eingeschlafen? Ehe ich ihr antworten konnte, lag sie schon in meinem Arm, streichelte meinen Bauch und sprach ganz leise mit dem Baby, erzählte, wie der Tag in der Schule war und was es zum Nachtisch gegeben hatte und dass sie jetzt Dreien schreiben kann, großer Buckel, großer Bauch, ja, die Drei kann ich jetzt auch. Das Baby fing an, gegen ihre Hand zu treten, wie es das eigentlich immer macht, sobald sie anfängt, mit ihm zu reden, als würden die beiden sich längst kennen. Ich war so glücklich in diesem Moment. Und herzwackelig.

Wie schnell diese Schwangerschaft vorübergegangen ist. Aus ein paar Monaten sind ein paar Wochen geworden, jetzt zählen wir schon die letzten Tage bis zur Geburt. Die erste Schwangerschaft hat gefühlt doppelt so lange gedauert wie diese. Ich habe mir Notizen gemacht, geschmiert und gecremt, die Spieluhr auf meinen Bauch gelegt, Stunden mit ihm darüber geredet, wie wir uns das Elternsein vorstellen und uns als Eltern. Diese Schwangerschaft war eher eine der kleinen Momente. Vom Arzt nach Hause zu kommen und Fanny zu sagen, dass da ein Baby in meinem Bauch ist. Und ihr Blick. Mit ihr gemeinsam die allerersten Babysachen zu kaufen, wir wussten noch nicht einmal, ob es ein Mädchen oder Junge wird. Der Teller, den Fanny beim Tischdecken neben meinen stellt, weil Baby doch auch einen Teller braucht. Selbstgestrickte Babysachen in der Post. Beknackte Gelüste: Brause-Ufos, Melone, Schokoladen-Vanille-Karamelleis – und nichts von alledem hat mich vorher groß interessiert. In den Bauch gesungene Einschlaflieder und draufgeschmatzte Guten-Morgen-Küsse. Zu heulen, aber so richtig, weil, weil, ach, einfach weil. Gemeinsam Namen zu überlegen (und am Ende ist es der Name geworden, der Fanny eingefallen ist). Jeden Dienstagmorgen mit ihr im Bett zu liegen und zu schauen, welches Tier jetzt genauso groß ist wie das Baby – eine Funktion in meiner Schwangerschaftsapp, die wir erst ziemlich am Ende gefunden haben und irre mochten, schon für die Entdeckung des Kurzschwanzkängurus und Widderkaninchens. Zwei Kuschelhasen zu kaufen: einen großen für Fanny und einen kleinen für das Baby, als Überraschung für beide zur Geburt. Das Ultraschallbild, das bloß einen Fuß zeigt. Und winzige Söckchen für diesen Fuß zu kaufen. Meine Hand auf den Bauch zu legen und plötzlich einen Tritt zu kriegen und zurück zu kitzeln und dann kommt noch ein Tritt. All diese winzigen Dinge in die Wickelkommode einzuräumen. Ich hatte vergessen, wie klein sie am Anfang sind. Abends im Bett zu liegen, wenn alle schon schlafen, und nur wir beide sind noch (oder schon wieder) wach. 

Ich freue mich so, ich bin schon wieder ganz liebesweich. Aufgeregt bin ich auch. Nein, unruhig. Viel unruhiger als ich es erwartet hatte. Ich dachte, ich wäre halbwegs vorbereitet. Ich dachte, ich wüsste schon ein wenig über das Muttersein. Und ich weiß ja auch so einiges. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einem kleinen Menschen beim Leben zuschaut. Und dabei merkt, wie toll das ist – wie reich, wie aufregend, wie lustig, wie viel. Ich weiß, dass ich eine Weile brauchen werde, bis ich wieder in diesem Tempo ankommen werde, das man mit einem Baby hat, diesem Leben in Zeitlupe, vor allem nach den letzten Monaten im Dauerlauf. Ich weiß, wie nah die Nähe ist – so nah, wie Nähe einem nur nah sein kann, wenn man sich nicht mehr einen Körper teilt. Ich weiß, dass jede Phase, egal welche, wieder vorübergehen wird. Ich weiß, wie schnell aus diesem winzigkleinen Wesen ein Kind werden wird, dass sich mit einem Kuss in den Schultag verabschiedet, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich weiß, dass ich manchmal zweifeln werde, an allem, an mir, auch als Mutter, mich fragen werde, warum ich an manchen Tagen so ungeduldig werde und dann so ungerecht, vor allem ihm gegenüber, aber auch mir und unserem Leben gegenüber. Ich weiß, dass es hunderte Momente geben wird, die einfach bloß Momente sind, und es genau diese Momente sein werden, auf die ich zurückschaue, wenn ich wieder eine neue Kerze in den Geburtstagskuchen pike. Ich weiß, dass ich mit dem Baby in der Küche stehen und tanzen werde, zu allen möglichen strunzbeknackten und wunderschönen Songs, bis ich die gefunden habe, die ihm gefallen. Ich weiß, dass es dunkle Tage geben wird, Tage, in denen alles schwer ist, manchmal so schwer, dass es mich in die Knie zwingt. Und blinzelhelle Tage. Ich weiß, dass sich meine Prioritäten wieder verschieben werden, dass sich das Nicht-Wichtige und das Schon-überhaupt-nicht-Wichtige noch mehr vom Wichtigen trennen werden (was mich trotzdem nicht davon abhalten wird, mir den Kopf über Blödkram und Doofköppe zu zerbrechen). Ich weiß, dass ich zu oft versuchen werde, alles ganz besonders richtig zu machen. Ich weiß, dass Pfannkuchen gegen vieles helfen. Ich weiß, dass es auch nach Tagen, Monaten, Jahren immer wieder Momente geben wird, in denen ich nicht glauben kann, dass dieses Kind mein Kind ist. Ich weiß, dass es Wichtigeres gibt, als eine aufgeräumte Wohnung (und trotzdem viel zu oft aufräumen werde). Ich weiß, dass ich mich besser kennenlernen werde, Seiten an mir entdecken werde, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich weiß, dass ich oft Angst haben werde. Ich weiß, dass ich oft dankbar sein werde. Ich weiß, wie sehr mich die Liebe immer wieder umhauen wird, die Selbstverständlichkeit ihres schieren Vorhandenseins und ihre Unumstößlichkeit. Auch die Sorgen, die mit ihr kommen. Und das immer wieder Loslassen müssen und Loslassen dürfen. 

Vor allem aber weiß ich, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Bloß dass mich das Leben mit zwei Kindern wahrscheinlich wieder genauso überrumpeln und überraschen, überfordern und überglücklich machen wird wie beim ersten Mal. Und vielleicht ist das ja auch schon alles, was ich wissen muss.



Fotos aus SSW-Woche 26 von Kathi Tennstedt-Horn.
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