JETZT IST ES DA: MEIN ERSTES BUCH



Liebe ihr alle da draußen,

morgen erscheint das Buch, das ich geschrieben habe, das erste Buch, das ich geschrieben habe. Ein erstes Mal. Und wie bei jedem ersten Mal in meinem Leben stolpern gerade Gefühle durch mich, die sich nicht mehr auseinander sortieren lassen.
Erleichterung, es geschafft zu haben.
Euphorie.
Aufregungaufregungaufregung.
Müdigkeit.
Erstaunen.
Alberne Kicherhaftigkeit.
Stolz.
Unsicherheit.
Aufgeputschtheit.
Alles ineinander verknotet, aneinander gelehnt, übereinander stolpernd.
Und weil das mit dem ersten Buch viel länger gedauert hat als mit dem ersten Kuss, dem ersten Mal New York und dem ersten Kind, bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Zurückhaltend ausgedrückt. Aber es fühlt sich auch gut an, durch den Wind zu sein (das passiert einem ja gar nicht so oft).

Das Buch heißt aber nicht deswegen "Völlig fertig und irre glücklich". Der Name des Buches hat etwas mit meinem Leben in den letzten vier Jahren zu tun. Dem Mamasein, dem Ichsein, dem Wirsein, wie es sich durch das Mamasein verändert hat, ich hab hier ja schon manches darüber geschrieben. Im Buch schreibe ich noch mehr darüber, ausführlicher, in mehr Farben und Formen, vom Glücklichsein im Normalchaos. Das hoffe ich jedenfalls. Für ein Buch lässt man sich mehr Zeit. Und man schreibt jeden Satz so oft hin, bis man sich mit ihm versöhnt hat und das Gefühl hat, ihn in die Welt rauslassen zu können. (Bis man, ungefähr drei Minuten später, das Gefühl hat, nie etwas Blöderes geschrieben zu haben, neulich habe ich dieses Gefühl auf Instagram sehr passend beschrieben gefunden: Creative Process: 1. This is awesome 2. This is tricky. 3. This is shit. 4. I am shit. 5. This might be ok. 6. This is awesome). Immerhin weiß ich jetzt eines: Ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Und das ist ein gutes Gefühl.

Auch wenn ich jetzt völlig fertig und irre glücklich bin, bin ich doch nicht so fertig, dass ich vergesse, was mir so am Herzen liegt: Euch. Ich würde mich gerne bedanken. Ihr seid es nämlich gewesen, die ihr mir Mut gemacht habt. Ihr habt mir das Gefühl gegeben, dass es eine gute Idee sein könnte, ein Buch zu schreiben. Ich bin nämlich, obwohl ich ein Weblog schreibe und eine Journalistin bin, nicht gerade eine Rampensau. Aus allen möglichen Gründen. Ich habe krasses Lampenfieber, ich bin eine Rumgrüblerin, ich habe dort, wo andere ein dickes Fell haben, eine ziemlich dünne Haut. In den letzten Jahren sind diese Gefühle nicht verschwunden (das werden sie auch nie, und das macht auch nichts, sie gehören ja zu mir), aber ich habe sie ein wenig zu zähmen gelernt. Das liegt auch an euch. Daran, wie sehr ihr mir gezeigt habt, dass ich nicht ins Leere schreibe. An den Dingen, die ihr gesagt oder geschrieben habt und die mich so oft so rühren, das wisst ihr gar nicht, und das würdet ihr auch nicht glauben, wenn ich es euch erzählen würde. Aber es ist so.

Also danke. Fürs Rückenwind-Sein. Und alles andere.
Sehr und von Herzen:
Okka

AUGUST 2014: NEW YORK, NEW YORK (PART 1)



1) Zimt-Challah zum Frühstück.
2) Die Frau beim Karussell, die Fanny ihre Tickets entwertete, indem sie auf die Rückseite einen Stern zeichnete, ein Herz und einmal sogar eine Katze.
3) Die Braut auf dem Holzpferd neben uns, die nicht aufhörte zu lächeln. Als sie abstieg, konnte man ihren pinken Hochzeitsschuhe sehen.
4) Und die beiden aufgeregten jungen Frauen, die neben der Karussell einen Tisch aufbauten, darauf ein riesiger Strauß Rosen, davor jede Menge Konfetti und ein Schild: "Will you marry me?".
5) Die Verkäuferin bei Madewell, die mir nicht nur die beste Jeans herausgesucht hat, sondern auch vom Metropolitan Museum erzählte, wo sie ebenfalls arbeitet, ich solle mir doch bitte die Garry Winogrand-Ausstellung ansehen, unbedingt, wirklich – und wie recht sie hatte mit ihrer Empfehlung und ihrer Aufgeregtheit.
6) Lulu, die Katze, mit der wir uns die Wohnung teilten, wenn wir nach Hause kamen, wartete sie schon an der Tür auf uns, obwohl sie sich nie streicheln ließ.
7) Der Zoo im Prospect Park, der für Kinder gemacht ist. Das riesige Spinnennetz, in dem sie eine halbe Stunde Spinne spielte, das Riesenei, aus dem sie schlüpfte, die Weitsprung-Bahn, die neben den eigenen Fußabdrücken zeigte, welches Tier genauso weit springen kann, die Maltische mit den Buntstiftdosen, Robben und Erdmännchen gab es auch.
8) Der Tanz-Fitnesskurs neben dem Kinderspielplatz am Pier 2, bei dem jeder mitmachen konnte, der Lust darauf hatte oder gerade vorbei kam, eine energische Frau tanzte zu irrsinnig lauter Musik ein paar Schritte vor, und hundert New Yorker tanzten es ihr nach – Salsa, glaube ich, ich kenne mich da nicht gut aus, hätte Fanny nicht auf die Schaukel gewollt, ich hätte mitgetanzt, weil man gar nicht nicht mittanzen konnte, wenn man ihnen zusah.
9) Die abendlichen Spaziergänge zu Whole Foods.
10) Ihr Entzücken beim Anblick der Muscheln auf Coney Island. Und wie sie sich dann doch traute, so nahe ans Wasser zu gehen, dass die Wellen ihre Füße umschwappten, und dann gar nicht mehr genug davon bekommen konnte, die Wellen zu jagen.
11) Der Buchladen mit dem riesigen Ledersofa.
12) Die ältere Dame, die so unglaublich schick aussah, dass ich sie anhielt und fragte, woher sie ihre Bluse hatte, die wirklich schönste Streifenbluse, die ich je gesehen habe, aber vielleicht war sie auch nur deshalb so schön, weil diese Frau so schön war, sie ging wie eine Tänzerin. Wir sprachen ein paar Minuten, sie malte mir die Straße und den Laden auf, wo sie die Bluse gefunden hatte, ein paar Tage später kaufte ich sie mir tatsächlich.
13) Dulce de Leche-Donuts.
14) Wie man nach ein paar Tagen die fremde Stadt zur eigenen Stadt macht, unser F-Train, unser Supermarkt, unser Deli, unser Burgerladen.
15) Wie unglaublich freundlich die Menschen waren, wie in jeder U-Bahn sofort jemand aufstand, sobald er mich mit dem Kind sah, wie viele Menschen auf der Straße mit Fanny sprachen, in der Nachbarschaft grüßten, fragten, woher man denn komme, wenn sie merkten, dass man kein Englisch sprach, und die Frauen und Männer in den U-Bahn-Häuschen, denen Fanny immer zuwinken wollte und die jedes Mal zurückwinkten.
16) Das Nebeneinander verschlafener Ruhe, einer Ruhe, die so leise war, dass einem schon das Zischen eines Rasensprenklers im Nachbargarten laut vorkam und hupender, dröhnender, in allen möglichen Sprachen sprechender Lautstärke, nur eine U-Bahnfahrt entfernt.
17) Immer wieder diese Skyline. Man geht die Straße entlang und plötzlich ist da das Empire State Building. Oder das Flatiron Building. Oder das Rockefeller Center.
18) M&Ms mit Erdnussbutter.
19) Die Nettigkeiten, mit denen diese Riesenstadt einen immer wieder überrascht, die Picknickplätze am Pier mit Blick auf die Skyline von Manhattan, die Handy-Ladestationen, der Pop-up-Pool, in dem man im Sommer kostenlos baden kann, die Spielplätze mit den Wassersprinkler-Anlagen – Angebote, die zugleich auch eine Ermutigung sind: Hier kannst du schwimmen lernen, hier kannst picknicken, hier kannst du rumtoben, wenn du möchtest.
20) Im Garten Crocket zu spielen.
21) Und im Baumhaus zu frühstücken.
22) Der Demeter-Parfümstand bei Duane Reade, was für irre Düfte: Dirt, Snow, Sunshine, Baby Powder, Thunderstorm, einige kann man tatsächlich erriechen, wenn man vorher nicht auf das Label schaut, Snow riecht wie Schnee, Gin Tonic macht Durst. Ich entscheide mich für Salt Air und Clean Skin.
23) Der Central Park, der nie weniger faszinierend wird, wir picknicken an der gleichen Stelle wie vor einem Jahr, und vorm Spielplatz sitzt tatsächlich noch die gleiche Frau wie vor einem Jahr, und malt Kindern die Gesichter bunt, Fanny will ein roter Hund sein, sie findet diesen Wunsch kein bisschen seltsam und malt ihr einen roten Hund aufs Gesicht.
24) Die Schönheit der High Lane, selbst wenn es richtig voll und richtig heiß ist.
25) Ziellos zu sein.
26) Die Menschen, die abends auf den Stufen vor ihren Brownstones sitzen, die Zeitung lesen, ein Eis essen, miteinander reden, oder schweigen, grüßen, weiterreden, weiterschweigen.
27) Sich morgens für die Stadt schön zu machen.
28) Die Entdeckung des Bonbonladens.
29) Eis mit kandierten Kürbiskernen.
30) Die allernetteste Nachbarin kennenzulernen.
31) Vor Monets Seerosen zu stehen.
32) Gleich am ersten Abend alle Lieblingsmagazine zu kaufen.
33) Zum ersten Mal über den Smorgasburg-Flea-Food-Market zu gehen.
34) Und dann in diese riesige, dampfende Pizza zu beißen, die Fanny sich mit mir geteilt hat.
35) Das Twister-Spiel der Haustausch-Kinder, wie lange habe ich kein Twister gespielt.
36) Der Spaziergang über die Brooklyn Bridge am letzten Tag.
37) Die Unmöglichkeit, sich von dieser Stadt zu verabschieden.

WIEDER-DA-TAGE UND EIN RICHTIG SCHÖNES BUCH


Himmel, die letzten Tage hatten es in sich. Viel auf dem Zettel und schon wieder mehr im Kopf, als ich erwartet hatte. Mir in New York vorgenommen, die Gelassenheit und Klarheit dieser gedankenleichten Tage mit nach Hause zu nehmen, gar nicht so leicht. Umso schöner, wenn mitten in einer Endloswoche plötzlich der Paketmann klingelt und ein Buch überreicht, auf das ich mich schon lange gefreut habe: "Wie eine Wohnung ein Zuhause wird" von Stefanie Luxat. Reingeguckt und gleich darin versunken, wie noch oft in den Tagen danach.

Mich irgendwann gefragt, warum ich dieses Wohnbuch eigentlich so mag. Erste Antwort: Weil es wirklich schön und mit Detailliebe gemacht ist, weil es außer Wohnungen Tipps und Tricks zeigt, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Zweite Antwort: Weil einem darin viel Alltagsschönheit begegnet. Weil man sieht, dass sich da Menschen auf eine Weise eingerichtet haben, ein Zuhause, eine Höhle zusammengetragen und erschaffen haben, die exakt richtig für sie ist: IHR Zuhause, IHR Leben, IHRE Schönheit, IHRE Erinnerungen, IHRE Altare, IHRE Inseln, IHRE Spuren. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten. Ein Eis aus Holz an der Küchenwand, Sommer für immer. Ein Stapel Polaroidfotos auf der Kommode. Ein handgeschriebenes Lieblingsgedicht, das an einem Bilderrahmen klebt. Eine wilde Kinderzeichnung im Flur. Eine Badezimmer voll mit Vogelbildern aus dem Lieblingsbuch der Tochter. Ein paar schmutzig gekämpfte Boxhandschuhe. Nicht alles, was gezeigt wird, ist ganz genau meins – aber genau das mag ich an Steffis Buch: Es sind Wohnungen mit Charakter. Verdammt gut aufgeräumte Wohnungen, aber Wohnungen, denen man ansieht, dass Menschen in ihnen leben – sehr gerne in ihnen leben. Dritte Antwort: Weil dieses Buch mich daran erinnert, es mir so schön wie möglich zu machen. Toll, wenn ein Buch so etwas schafft. Toll, wenn es einen dazu bringt, die strunzhässlichen Nachttische rauszuwerfen, die beharrlich von einer Wohnung in die nächste mitgezogen sind, obwohl ich sie schon in meiner allerersten Wohnung nicht mochte. Jetzt stehen da zwei richtig schöne Hocker. Und neben den Hockern klemmen zwei neue Leselampen. Und über dem Bett hängen die Passfotos aus dem Passfotoautomaten, in dem wir uns immer wieder fotografieren, seit wir zu dritt sind (auf dem ersten bin ich gerade schwanger).

So ein Buch ist das. Eines, das ansteckt. Danke dafür, liebe Steffi. Und herzlichen Glückwunsch!

Hier sind zum Reingucken ein paar Lieblingsbilder:

Bild 1 & 2: Das Kinderzimmer und die Galerie im Flur von Anica-Skyren Villwock.
Bild 3 & 4: Der blau gestrichene Flur und der Bibliothekstisch in der Wohnung von Lilly und Tom.
Bild 5 & 6: Die Küche und das Arbeitszimmer von Karina und Thorsten Kaliwada.
Aus: "Wie ein Wohnung ein Zuhause wird" von Stefanie Luxat mit Fotos von Brita Sönnichsen im Callwey-Verlag (192 Seiten, 29,95 Euro).

Und wenn wir schon dabei sind: Diese Woche ist auch Steffis Buch "Wie sag ich´s meinem Mann? Über das Zusammenleben mit einer anderen Spezies" bei Eden Books erschienen. Mehr dazu und ein Video gibt es hier. Schönes Wochenende!

BOOK OF FRIENDS – EIN FREUNDEBUCH FÜR KINDER




Ich habe es immer noch, nach all den Jahren, die jetzt schon Jahrzehnte sind. Mein Poesiealbum hat einen hellblauen Einband mit dunkelblauen Blüten. Ziemlich weit vorne der Eintrag meines Vaters, den ich damals noch nicht so recht verstanden hatte, aber mochte, weil er von einem kleinen Prinzen stammte: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Und der Eintrag von einer Mitschülerin mit einer umgeknickten Geheimecke, die man auf gar keinen Fall öffnen soll. Und dann der Eintrag der Klassenlehrerin, die ich in der dritten und vierten Klasse hatte, eine Kunstlehrerin, eine Künstlerin und eine so beeindruckende Frau, dass ich sehr viel Mut zusammennehmen musste, um sie zu fragen, ob sie auch etwas in mein Buch schreibt. Ich weiß noch, dass es lange dauerte, bis sie mir mein Album endlich zurückgab, ich dachte schon, sie hätte es vergessen, aber das hatte sie natürlich nicht. Sie hatte sich nur unglaublich viel Mühe gegeben und mir über zwei Seiten ein Gedicht geschrieben und gezeichnet: von einer Okka, die hinter einem Zaun aus Ks verstecken spielt.

Ich hätte gar nicht mehr daran gedacht, wäre Fanny vor der Ferien nicht auch mit einem Freundebuch und dem Wunsch aus der Kita gekommen, bitte auch so eines zu bekommen. Und hätte mir, mitten hinein in die Suche, Chrish – Mitbetreiberin der Papiermanufaktur Wednesday Paper Works – nicht eine Email geschrieben, dass sie gerade ein Crowdfunding-Projekt gestartet hat, um Freundebücher für Kinder zu produzieren. Unglaublich schöne, angenehm unkitschige Freundebücher, von denen ich Fanny gerne eines schenken würde. Deshalb hier ein paar Bilder und das Video, das Chrish und Jenny gedreht haben. Vielleicht seid ihr ja auch gerade auf der Suche nach einem Freundebuch. Oder haltet dieses Projekt für so unterstützenswert wie ich.

Das geht – noch bis zum 5. Oktober – hier.
Und die Website von Wednesday Paper Works ist hier zu finden.


UND WIE MACHST DU DAS, ULMA? EIN MUTTERFRAGEBOGEN


Wie gerne ich Ulma und ihr Blog "Mme. Ulma" mag. Deshalb freue ich mich heute sehr, dass sie sich die Zeit genommen hat, meinen Mutterfragebogen auszufüllen. Danke dafür!

Name: Ulrike
Alter: 36
Mutter von: Jana (16) und Emil (2 1/2)
Stadt: Graz, Österreich

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert?
Fernab lebend von aller Verwandtschaft und damit jenen Menschen, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als Unterstützer/innen mit Blick auf die Kinderbetreuung auftreten könnten, bin ich froh-dankbar, dass Emil seine Vormittage schon seit letztem Herbst in einer Kinderkrippe gleich hier um die Ecke verbringen darf; mehr noch, zumal es sich um die für uns allerbeste denkbare Krippe überhaupt handelt. So einverstanden bin ich mit dem pädagogischen Konzept; so sympathisch sind mir die Menschen, in deren Hände ich mein freudestrahlendes Kind Morgen für Morgen gebe. Zufrieden bin ich, oh ja, viel mehr als das.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Ich habe das große Glück, für mich einen Weg aus der klassischen Erwerbstätigkeit heraus in einen sehr freien Raum des Arbeitens gefunden zu haben. So habe ich mir ein Potpourri an mir Freude bringenden Tätigkeiten zusammengebastelt, die mir darüber hinaus das ermöglichen, was mir in beruflicher Hinsicht das Wichtigste ist: Selbstbestimmung. Einerseits bin ich im Network-Marketing für ein österreichisches Bio-Unternehmen tätig, dessen umfassend nachhaltige Philosophie und geniale Produkte mich einfach begeistern und die in die Welt zu tragen sich so richtig anfühlt. Diese Sache ist mir wie ein völlig unerwartetes Geschenk zugefallen, ohne dass ich bewusst danach gesucht hätte (und beinahe hätte die Skeptikerin in mir es nicht als solches erkannt); mittlerweile hat sie sich zu meinem wichtigsten Standbein entwickelt, das es mir ermöglicht, mit meinem Spielbein nach Lust und Laune durch die Luft zu wirbeln. Und so kann ich – andererseits – ohne den Druck des Davon-leben-können-Müssens meiner künstlerischen Arbeit nachgehen; die umfasst in erster Linie eigene Projekte und Auftragsarbeiten vorwiegend im illustratorischen Bereich. Getragen von dieser Freiheit ist auch meine dritte berufliche Tätigkeit als Yogalehrerin. Wie viele Kurse ich anbiete, richtet sich allein nach dem Prinzip des guten Bauchgefühls. So bleibt auch genügend Zeit für all die anderen Dinge, die mir wichtig sind, ohne jeden Zusammenhang mit der Lebensunterhaltbestreiterei. Nicht nur nebenher, sondern als fundierende Süße des Alltags, die diesen reich und wertvoll macht für mich; welch wundervolles Privileg! Und es fühlt sich ganz formidabel an.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? 
Reicht sie dir?
Ich empfinde es für meinen Fall als sehr schwierig, diese Bereiche voneinander zu trennen und ihnen quantitativ klar umrissene Zeitsegmente zuzuordnen. So sehr ich mich immer wieder herausgefordert fühle, eine Außenwahrnehmung, die dem froh machenden Tun den Nimbus des Hobbyhaften überstülpen möchte, aus ihrem sozialisierten Konformismus herauszuhalten, so leicht tappe ich in dieselbe Falle und rede meine Arbeit allzu unbedacht klein. Aber da meine Familie auch ich selbst bin und ich – beruflich – das, was ich mache, einfach gerne mache und es auch machen würde, wenn ich damit nichts verdienen würde, lässt sich eine "Zeit für mich" abseits all dessen nur schwer definieren. Was aber immer zu kurz zu kommen droht, das ist die Ruhe, die Entspannung, das Dolcefarniente. Da habe ich noch einiges zu lernen, denn die Zeit ist da, nur das mit dem Sie-immer-wieder-einmal-auch-dafür-Verwenden will nicht so recht gelingen.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Die Tage sind so unterschiedlich und es ist genau dieser Spielraum, den ich so sehr an ihnen genieße, der mich so frohgemut stimmt. Wollte ich eine fundierende Grundstruktur aus ihnen herausschälen, so sähe sie wohl in etwa so aus:

Morgens wecken mich die nachtkalten Füßchen meines Sohnes, die sich unter meine Bettdecke graben, und langsam beginnen wir den Tag, horchen noch ein wenig in die Stille hinein. Mein Freund und meine Tochter sind schon aus dem Haus, wenn wir aufstehen und die Ruhe mit einem Mal verscheucht ist durch ein wild herumsausendes, allerlei Spielsachen herumwirbelndes, mit dem Laufrad Wohnungsrunden drehendes, Wasser durch die Gegend spritzendes und zur Frühstücksschaufelei abenteuerliche Geschichten erfindendes Energiebündelchen. Ich bemühe mich, dass wir bis spätestens neun auf dem Weg zur Kinderkrippe sind. Wenn keine "Businessmeetings" anstehen, wie das so hochtrabend heißt, ist jetzt Zeit für Bewegung: Laufen oder Yoga. Danach ist meine ritualisierte Vormittagstasse Milchkaffee an der Reihe; in der Regel am Computer – auf dem Bildschirm Mails, Blogs, Internetwichtigkeiten überhaupt. Hineingeflochten sind meist irgendwelche Werklereien oder Projekte, an denen ich gerade arbeite.

Zu Mittag hole ich den kleinen Herrn aus der Krippe und es beginnt das übliche Kinderprogramm. Wenn wir Glück haben, sind Papa und Schwester auch mit von der Partie; und manchmal lässt sich auch ein wenig arbeiten nebenher, zumindest am Telefon. Kochen und gemeinsames Abendessen – das ist einer der wenigen sehr konstanten Fixpunkte im Alltagsgeschehen. Und nach dem Zubettbringen von Emil noch lange arbeiten in dieser oder jener Form, vielleicht besser: einfach tun, zeichnen, lesen, nähen, schreiben, recherchieren, nähen, Gedanken spinnen, das auch.

Und wenn uns danach ist, dann machen wir´s ganz anders.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Ich bin jetzt schon 16 Jahre lang Mutter; um ehrlich zu sein: Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, was ich mir zuvor darunter vorgestellt habe. Vermutlich ist es schwierig, sich vorab insbesondere von belastenden, an die eigenen Grenzen heranführenden Situationen ein realistisches Bild zu zeichnen. Zum Glück vermisst man die aber auch danach ganz schnell wieder. Wenngleich: Ich bin von Emils erstem Lebensjahr, das er, unzufrieden mit der Welt an sich, wie ich mittlerweile vermute, in erster Linie im Brüllmodus verbracht hat, – drastisch formuliert – etwas traumatisiert. Höre ich ein Baby neben mir schreien, ist mein allererster Reflex unvermeidlich ein Oh-nein-bitte-nicht-schon-wieder-Zusammenzucken. Für jene Zeit kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich, mein Freund und Jana uns das Zu-viert-Sein so nicht vorgestellt haben, sondern deutlich ruhiger und entspannter. Jetzt ist es das; und ich weiß es sehr, sehr zu schätzen. Auch Mama von meinem großen Mädchen zu sein, macht mir unheimlich viel Freude. Ich denke, da ist schon ein ganzes Stück von einem emotionalen Ideal, das man sich gedanklich früh zusammenschustert, Wirklichkeit.

Muss ich jetzt mal anführen, dass freilich nicht immer alles eitel Wonne ist? Klar. Aber ich bin eine entschlossene Verfechterin der ganz bewussten Wertschätzung dessen, was gut ist. So einfach ist das.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Unausgeschlafenheit – sowohl auf der einen Seite als auch auf der anderen; die Kombination ist die Krönung des Unlustigen.

Was macht dich besonders glücklich?
Meine Kinder an sich; ihr So-Sein; ihre Verrücktheit; ihre Umarmungen; Emils so wundervolles "Ich lieb´ dich so gern".

Welches Verhältnis hast du zum Vater deiner Kinder? Wie haben die Kinder dieses Verhältnis verändert?
Ach, ich liebe den und manchmal könnte ich ihn zum Mond schießen; zweiteres seltener, wenn die – insbesondere eltern- und haushaltsspezifischen – Verantwortlichkeiten gut ausverhandelt sind, häufiger, wenn sich da ein Ungleichgewicht einschleicht (sonderbarerweise tut es das immer nur zu meinen Ungunsten…). Wir brauchen beide sehr viel Freiheit. Da haben Verpflichtungen, von denen es mit Kindern naturgemäß mehr gibt als ohne, oft Konflikte im Schlepptau; andererseits bringen solche Bedürfnisüberschneidungen auch viel gegenseitiges Verstehen. Und auch: Hätten uns unsere Kinder nicht diese feinen Seidenfäden angelegt, die uns mit dem Boden verbinden, würden wir vermutlich beide nur irgendwo herumschwirren, er da, ich dort. Wie gut, dass alles so ist, wie es ist.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Ein weites, weites Feld. Ich sehe zum Beispiel rundherum, dass es nicht selbstverständlich ist, einen Krippenplatz zu haben; und wenn, dann allzu oft in Einrichtungen, die mit den eigenen Vorstellungen so gar nicht zusammengehen wollen. Das erfordert von den Eltern (von den Kindern zum Glück seltener, die sind da zu einem Gutteil scheinbar recht anpassungsfähig) viel Kompromissbereitschaft am völlig falschen Ort.

Das Grundproblem aber sehe ich in einem System, das per se sehr unterschiedliche Erfordernisse mit sich bringende Dinge unter einen Hut bringen will: Die angesichts der babylonisch wuchernden Wohnungspreise, der bizarr hohen Betreuungsplatzkosten usf. zunehmende Notwendigkeit zweier vollverdienender – und das bedeutet in der Regel einen Gutteil ihres Tages mit ihrer Erwerbstätigkeit beschäftigter – Eltern, das heißt, Menschen, die Kinder zur Welt gebracht haben, um ihr Leben mit ihnen zu teilen; ihr Leben, also ihre Zeit! Kurz morgens, kurz abends, Samstag, Sonntag, Feiertag, ein paar Wochen Urlaub im Jahr? Das ist alles, was einem an Lebenszeit mit den Liebsten zugestanden wird? (Ganz abgesehen davon, dass auch das, was man außerdem liebt und wichtig findet, Hobbys ganz banal gesprochen, irgendwo unterkommen sollte. Ihr lieben Alleinerziehenden, ihr seid unglaublich und verdient allen denkbaren Respekt, von dem man nur leider auch nicht leben kann, was schön langsam auch einmal ins Bewusstsein der Geldverteiler(innen) vordringen sollte.)

(Und noch eine Klammer (in Klammern stehen nämlich immer die wirklich wichtigen Sachen): Dass ich genau das nicht möchte, nämlich so so viel Zeit mit der Arbeit verbringen zu müssen, noch dazu genau dann, wenn irgendjemand es mir vorgibt, das ist auch einer der ganz wichtigen Gründe, warum ich so viel von diesem von Freiheit durchwirkten Konzept des Arbeitens halte, das mich da gefunden hat.)

So lange an einem System festzuhalten wird, in dem den Menschen, die, allzu oft ohne mit der Wimper zu zucken, als seine Stützen fungieren, abverlangt wird, dass sie den Großteil ihrer Tageszeit, die sie im Wachzustand verbringen, arbeiten, damit sie ihren Unterhalt bestreiten (bestreiten! – welch genussvolle Vorstellung allein das schon!) können, bleiben alle so genannten "Bemühungen" um die viel gepriesene "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" oder die "Steigerung der Frauenerwerbsquote" euphemistische Augenwischerei. (Das gehörte dann freilich auch in Klammern gesetzt.)

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Wie bedingungslos man lieben kann.

Du hast 48 Stunden kinderfrei. Was tust du?
Luftschlossmäßig: In der Wiese liegen und die Wolken ziehen lassen. Realistischerweise: Dinge erledigen, zu denen ich sonst nicht komme. (Da gibt´s in der Gestaltung noch einiges an Verbesserungspotenzial, ich gestehe.)

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich finde die Idee so amüsant, dass jemand mir eine solche Fragen stellen könnte! Vermutlich würde ich ziemlich lachen in Anbetracht solcher Skurrilität. Und die Antwort könnte nur eine mäeutische sein, denke ich. Wahrscheinlich: "Was wünschst du dir vom Leben?".

Alle anderen Mutterfragebögen sind hier nachzulesen.

EIN HERBST-WUNSCHZETTEL


Wieder hier, aber noch nicht ganz da. Die Gedanken noch in Brooklyn, bei diesen Tagen, die so richtig und räkelig waren. Im Kopf aber auch schon ein wenig Herbstvorfreude, ich mag ihn ja, den Herbst. Die ersten Pullovertage, Lesen, Pfifferlinge, Kürbissuppe, Kakao. Vor dem Urlaub noch viel sortiert und aufgeräumt, die Wohnung, den Kleiderschrank, den Kopf aber auch. Jetzt ist wieder Platz für Neues. Freuen würde ich mich über...

... den Oui-Sweater von Petersen.
... "Women in Clothes", das neue Buch von Leanne Shapton, Sheila Heti, Heidi Julavits und 639 anderen Frauen, die in Interviews und mit Illustrationen und Fotografien beantwortet haben, was sie tragen und wie diese Mode sie prägt. Den Fragebogen, den sich die Autoren ausgedacht haben, finde ich spannend ("What are some things you admire about how other women present themselves?" "Are there any clothing items that you have in multiple? Why do you think you keep buying this thing?" "Can you say a bit about how your mother´s body and style has been passed down to you, or not?" "Was there a point in your life when your style changed dramatically? What happened?" "Please describe your body". "Please describe your mind".) Die Frauen, die dabei sind, auch: Lena Dunham, Miranda July, Kim Gordon oder Cindy Sherman. (Hier ist die Website zum Buch).
... das neue Kochbuch von Yotam Ottolenghi: "Vegetarische Köstlichkeiten". 
... das "Glow Face Serum" von Karmameju, dass ich vor ein paar Tagen in Jacks Beauty Department entdeckt habe. Weil der Preis schon ordentlich ist, hat mir die nette Verkäuferin eine Probe abgefüllt. Eindruck bisher: top – die Haut wird weich und richtig schön prall und der Duft ist herrlich.
... die zweite und dritte Staffel von "Veronica Mars". Mit der ersten Staffel bin ich in den Ferien versackt. Der Inhalt klingt erstmal merkwürdig (Highschool-Schülerin arbeitet nebenbei als Privatdetektivin und versucht, den Mord an ihrer besten Freundin aufzuklären), zieht einen aber schon nach zwei, drei Folgen völlig in den Bann.

Und drei erfüllte Wünsche:
"Die Interessanten" von Meg Wolitzer. Ich bin noch nicht sonderlich weit mit diesen Buch, aber was für ein Anfang! (Hier mehr und auch eine Leseprobe).
…dunkelroter Herbstnagellack: "A-List" von Essie.
…und ein wunderschönes Rouge, in New York gekauft, seither fast jeden Tag getragen: das "Coconut Watercolor Cheek Gelée" in "Poppy Paradise" von Josie Maran – von Ari hier viel kenntnisreicher beschrieben und beschwärmt, als ich das je könnte.

Bald mehr, auch über New York.
Worauf freut ihr euch diesen Herbst?
Eine schöne Woche!

VORFREUDE: NOCH EINMAL NEW YORK

Vorfreude. Schon seit Wochen. Und jeden Tag mehr. Endlich raus, endlich eine Pause, endlich wieder in diese Stadt, die sich so nach Zuhause anfühlt, wieder auf die leuchtenden Wolkenkratzer gucken, Fähre fahren, ein Picknick im Central Park machen, Karussell fahren, von diesem Karussell spricht sie seit einem Jahr, ich hoffe, ich finde die Fahrkarte noch wieder, die wir aufgehoben haben, wie ein Versprechen, der riesige Wal im Naturkundemuseum, abends einfach nur so durch die Straßen zu gehen, nirgendwo hin, nur herum, vielleicht noch einen Becher Eis zum Nachtisch mit nach Hause nehmen oder ein Bananenbrot zum Frühstück: New York. Wieder ein Haustausch, dieses Mal mit einer Familie, die in Brooklyn ein kleines Haus und eine Katze namens Lulu hat.

Dieses Mal ist die Vorfreude noch größer als sonst. Ich bin so hibbelig aufgeregt, wie ich es zuletzt als Kind war, am Tag vor Heilig Abend, wenn sich jede Minute wie eine Stunde anfühlte. Weil ich so unendlich müde bin vom letzten Jahr, das so anstrengend und pausenlos und oft so zäh war. Weil es mich so freut, wie Fanny sich freut, wie sie jeden Abend mit mir die Tage herunter zählt, noch achtmal schlafen, noch siebenmal, wie der Koffer, ihr allererster, immer neben dem Bett stehen muss. Vor ein paar Tagen in einem ganz hinreißenden Laden namens Grand Revival ein riesiges New York-Poster zum Ausmalen entdeckt, seitdem malen wir Manhattan an, sie die Freiheitsfrau, ich das Empire State Building, in Rot, Rot ist ihre Lieblingsfarbe, und wieder ein Tag rum, noch dreimal schlafen, bald, bald.

(Habt ihr vielleicht noch ein paar Tipps oder Lieblingsorte in Brooklyn oder New York? Oder eine Empfehlung für eine gute Fernsehserie? Dankeschön!)
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