RUCKSACK-LIEBE


Dieser eine Freitag zum Beispiel. Nach unserem ersten gemeinsamen Museumsbesuch neulich hatten Fanny und ich ein Notizbuch besorgt, um noch einmal loszuziehen und Bilder abzumalen, also packte sie ihren Rucksack und ich meinen und wir spielten „Wer ist Erster?”. Ich musste sie nicht einmal gewinnen lassen, weil ich wie immer viel zu viel einpackte: Taschentücher, einen Regenschirm, mein Portemonnaie, ein paar Stifte und etwas zum Schreiben, falls ich auch mitmalen wollte, die Bluse, die ich noch umtauschen musste, schließlich lag der Laden auf dem Weg zur Alten Nationalgalerie, diese kleine Kosmetiktasche, die ich immer mit mir herumschleppe, obwohl ich mich eigentlich nie nachschminke, mein Handy, meine Schlüssel, einen Lippenpflegestift und Handcreme, ohne mag ich das Haus nicht verlassen. In ihrem Rucksack: das schwarze Notizbuch, ihr Stiftemäppchen und Salut, der Bär (der Salut heißt, weil wir ihn in Paris gekauft haben und es das erste Wort war, das sie auf Französisch konnte). Dann zogen wir los. Und als sie in diesem langen Gang vor dem Museum gleich losrannte und ich aus der Ferne nur noch ihren orangenen Katzenrucksack sah, immer noch viel zu groß für sie, obwohl sie mittlerweile doch gar nicht mehr klein ist, musste ich an dieses Foto denken, das meine Mutter mir irgendwann einmal geschenkt hat. Ich stehe auf einer Brücke. Ich habe eine blaue Jacke an und eine kurze Hose, die man aber kaum erkennen kann, weil sie von einem gigantischen, eigentlich das ganze Mich überragenden Rucksack verdeckt wird, den zu tragen mir meine Eltern nicht ausreden konnten. Ich muss diesen Rucksack so geliebt haben wie Fanny heute ihren. Oder war es der Stolz des Kann-ich-schon-alleine-Tragens?

Ich weiß nicht, wie aus dieser Rucksackliebe später eine Abneigung werden konnte, aber seit meinem ersten Rucksack habe ich nie wieder einen getragen, ich mochte Rucksäcke einfach nicht besonders. Dabei spricht nichts gegen sie: Sie sind praktisch, deutlich angenehmer zu tragen als Taschen, und man hat immer die Hände frei. Geändert hat sich meine Meinung aber erst, als ich Marlene mit dem Rucksack gesehen habe, den sich ihr Freund James ausgedacht hat. Er ist wunderbar schlicht, schwarz, hat verstellbare Riemen und oben einen Seesack-Verschluss zum Knoten. Um sicher zu sein, dass ich wirklich einen kaufen möchte, habe ich den von Marlene für ein paar Tage zur Probe getragen. Ich wusste schon nach einem Tag, dass ich auch so einen haben wollte. Und ich habe diesen Kauf nicht einen Tag bereut. Zwischen dem Foto von mir auf der Brücke und heute müssen gut 30 Jahre liegen, und jetzt ist es wieder: Rucksackliebe. Vielleicht sollte ich mich öfter mit Dingen beschäftigen, die ich aus keinem guten Grund nicht mag. 

3 Kommentare:

  1. Liebe Okka,
    was ich auf jeden Fall sehrsehrsehr mag, sind diesedeine Texte ... und zwar aus gutem Grund :-)
    Liebe Grüße,
    Dorthe

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  2. Ich mag den Text so gern. Meine Rucksackliebe wurde nie unterbrochen. Momentan mag ich meinen Kanken und suche einen schönen, großen Rucksack für den ganzen Babykram und meine Sachen. Habe aber noch keinen gefunden.
    Probetragen ist super!
    Liebe Grüße aus Bremen Nanne

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  3. Ehrlich gesagt, Rucksack ist für mich was zum wandern. Erst mit Baby und Schulter-Schmerzen habe ich mir einen gekauft und trotzdem nie getragen. Jetzt ist das , Baby, 3 und mich plagen schon seit über ein Monat die schlimmsten Rückenschmerzen, die ich je hatte und mein sportlicher Rucksack ist mein täglicher Begleiter. Und ich fürchte mein Rücken wird mir auch länger nichts anderes erlauben. Da kommt mir dieses Exemplar, dass zwar trotzdem ein Rucksack aber überraschend schön ist, gerade Recht und auf meine Wunschliste, liebe Grüße elisabeth

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